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Popkultur

Wundervoll und lebensbejahend: Die (gar nicht so harmonische) Entstehungsgeschichte von „What A Wonderful World“

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Louis Armstrong
Foto: Verve Records/Courtesy of Louis Armstrong House Museum

Auf diesen Moment hatte er schon etwas länger gewartet: Louis „Satchmo“ Armstrong, legendärer Sänger und Trompeter aus New Orleans, hatte schon gut 40 Jahre lang erfolgreich Musik gemacht, als er im Februar 1968, mit immerhin 66 Jahren, den Song What A Wonderful World veröffentlichte. Es sollte sein mit Abstand größter Hit werden.

von Charles Waring

Für den Jazzmusiker Armstrong, der sich schon in den Zwanzigern einen Namen als Dixieland-Pionier gemacht hatte, war es nicht der erste Ausflug in die Topregion der US-Popcharts. Sein Song Hello Dolly kletterte 1964 bis auf Platz 1 der Hot 100 und räumte dazu sogar einen Grammy ab. Trotzdem war What A Wonderful World ganz anders als seine vorherigen Aufnahmen: Das Tempo war deutlich gedrosselt, dazu präsentierte sich der Sänger auf der Pop-Ballade ungewohnt grüblerisch und gedankenverloren: Mit seiner markanten, vom Leben gezeichneten Stimme, sang er inspirierende, von Hoffnung und Zuversicht geprägte Zeilen, mit denen sich viele Menschen sofort identifizieren konnten.

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Die Magie lag und liegt in der Grundstimmung, die auch etwas Tragisches hat: Als ob Armstrong, der Probleme mit dem Herzen hatte, dessen Lebensabend längst angebrochen war, sich ein letztes Mal umschauen und zurückblicken würde auf den zurückgelegten Lebensweg. Er besingt die einfachen Dinge, zeigt sich dankbar für das, was man viel zu oft übersieht – weil man es als selbstverständlich betrachtet.

Hoffnungshymne für die USA

Komponiert wurde What A Wonderful World im Jahr 1967 von George David Weiss und George Douglas – ein Pseudonym von Bob Thiele, Armstrongs Produzent bei ABC Records. Letzterer schreibt in seinem 2005 veröffentlichten Buch What A Wonderful World: A Lifetime Of Recordings, dass der Song vor allem als Mittel gegen die vielen Probleme intendiert war, mit denen die USA in jenen Tagen zu kämpfen hatten. Im selben Atemzug charakterisiert er die späten Sechziger als Zeit der „nationalen Traumata, die das Kennedy-Attentat, Vietnam, die Rassenkonflikte und die vielen Unruheherde überall“ ausgelöst hatten.

Nachdem er Thieles Demoversion von What A Wonderful World gehört hatte, bekundete Armstrong sofort sein Interesse, aber Larry Newton, der damalige Präsident von ABC, konnte angeblich gar nichts damit anfangen und legte prompt sein Veto ein. Armstrong jedoch ignorierte dessen Meinung und brachte die Sache heimlich auf den Weg: Schon im September 1967 fanden nach einem Konzert in Las Vegas die ersten Aufnahmen statt. Allerdings liefen die Sessions, geplant als Live-Takes mit Orchesterbegleitung, nicht gerade rund: Mehrfach mussten sie abgebrochen werden, weil laute Pfeifgeräusche von Güterzügen die Aufnahmen durchkreuzten.

Boykott des Labels

Es gab noch weitere Hürden: Auch Larry Newton hielt sich damals in Vegas auf, denn er wollte mit Armstrong neue Promo-Fotos machen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis er von den geheimen Aufnahmen Wind bekommen hatte und nun versuchte, den Sänger und Trompeter doch noch davon abzuhalten. Thiele löste zwar auch dieses Problem, indem er einfach die Studiotür vor Newtons Nase verriegelte, doch sollte der sich später dafür rächen: Es gab keinerlei Promotion für die Single, als sie schließlich in den Staaten erschien.

Dementsprechend zunächst kein Hit in der Heimat, ging What A Wonderful World besonders in Europa sofort durch die Decke: In Großbritannien und auch in Österreich kletterte der Song bis auf Platz 1. Allein im Königreich hielt sich die Single mit über 600.000 verkauften Einheiten ganze 29 Wochen lang in den Charts.

Der Welt eine Chance geben

Im Jahr 1970, nur ein Jahr vor seinem Tod, nahm Armstrong eine weitere Version von What A Wonderful World auf – nunmehr erweitert um ein gesprochenes Intro. Ein zweites Mal in die Charts schaffte es der Song im Jahr 1988, als er auf dem Soundtrack des Kinofilms Good Morning Vietnam zu hören war. Danach sollte es noch mal elf Jahre dauern, bis What A Wonderful World in die Grammy Hall of Fame aufgenommen wurde. Inzwischen zigmal gecovert – die Interpretationen von Tony Bennett, Joey Ramone, Celine Dion und The Flaming Lips bilden nur die Spitze des Eisbergs –, avancierte jener Song, den Larry Newton eigentlich verhindern, mindestens aber boykottieren wollte, endgültig zum ikonischen Welthit.

Gut ein halbes Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung klingt Louis Armstrongs What A Wonderful World immer noch genauso inspirierend, ermutigend und tröstend wie damals. Er selbst sah darin vor allem eine Chance: „It seems to me, it ain’t the world that’s so bad, but what we’re doing to it“, heißt es im Intro der 1970er Version – das Übel sei also gar nicht die Welt, sondern vielmehr unser Umgang mit ihr. Er wolle letztlich bloß zeigen, wie wunderschön diese Welt sein könnte, wenn wir sie nur endlich lassen würden: „All I’m saying is, see what a wonderful world it would be, if only we’d give it a chance.“

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