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Popkultur

Zehn Jazz-Empfehlungen für den Einstieg

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Foto: William Gottlieb/Redferns/Getty Images

Für viele ist er ein Buch mit sieben Siegeln, zumindest einige größere Hits dringen über die Jahrzehnte in den Mainstream durch. Doch wer genau hat den Jazz eigentlich geprägt, welche Stilrichtungen gibt es und wie lauten die Titel der wichtigsten Songs und Alben? Wir wagen eine kleine Einführung in die komplexe Musikrichtung.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige unserer Jazz-Empfehlungen anhören:

Der Ursprung des Jazz lässt sich bis ins New Orleans des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückverfolgen; den Grundstock bilden der Blues und der direkte Jazz-Vorläufer Ragtime. Von vielen als „die klassische Musik der USA“ bezeichnet, entwickelt sich das afroamerikanische Genre von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter und treibt viele Blüten. Zum Verständnis: Wenn wir von „Jazz“ sprechen, meint das einen ähnlichen stilistischen Umfang wie der Begriff „Rock“. Schauen wir uns mal an, welche Musiker*innen daran beteiligt waren.

1. Louis Armstrong

Ob sein magisches Trompetenspiel, sein Kompositionstalent oder seine unvergleichliche, umfangreiche Stimme: Louis Armstrong gehört zu den zentralen Figuren der Jazz-Welt. So trägt er maßgeblich dazu bei, dass das Improvisieren der Band in den Hintergrund rückt, und hebt stattdessen das Solospiel hervor. Ganze fünf Jahrzehnte lang bleibt er aktiv, und zwar von den Zwanzigern bis Anfang der Siebziger. Diese Ausdauer kostet ihn allerdings auch das Leben: Obwohl sein Arzt ihm davon abrät, spielt er im März 1971 noch einmal zwei Wochen am Stück im Waldorf-Astoria in New York City. Gegen Ende des Engagements erleidet er einen Herzinfarkt und landet bis Mai im Krankenhaus. Anschließend widmet er sich sofort wieder seiner Trompete und hofft, dass er schnell wieder touren kann. Am 6. Juli 1971 folgt ein zweiter Herzinfarkt, der ihn einen Monat vor seinem 70. Geburtstag das Leben kostet.

Anspieltipps: What A Wonderful World, Dream A Little Dream Of Me, La Vie En Rose, Cheek To Cheek, Summertime

2. Duke Ellington

Eigentlich mochte es Duke Ellington nicht, wenn man ihn dem Jazz zuschrieb. Vielmehr bezeichnete er sein Schaffen als „amerikanische Musik“. Egal, wie man es nennt: Er hat einiges geleistet. Mehr als sechs Jahrzehnte lang leitet er sein Orchester, ob im Cotton Club in Harlem oder beim Newport Jazz Festival. In dieser Zeit komponiert er mehr als 1.000 Stücke, viele davon wurden zu Standards. Dabei handelt es sich um einen Rekord: Kein Jazzkünstler hat mehr Material hinterlassen. Am 24. Mai 1974 stirbt Ellington im Alter von 75 Jahren an Komplikationen nach einer Lungenentzündung und Lungenkrebs.

Anspieltipps: In A Sentimental Mood, My Little Brown Book, Haupe, Take The „A“ Train, Satin Doll

3. Benny Goodman

Heute nennt man ihn den „King Of Swing“. Kein Wunder: Während der Vorkriegszeit revolutioniert Benny Goodman das Genre und rückt den afroamerikanischen Jazz mithilfe des Swing in den Fokus der rassistischen US-Gesellschaft. Zu jener Zeit wird meist nach Hautfarbe getrennt, doch nicht in Goodmans Big-Band. Menschen, die sich in seiner Gegenwart rassistisch geäußert haben, soll er körperlich bedroht haben. Einen der Höhepunkte der Karriere seines Orchesters markiert der Auftritt in der Carnegie Hall in New York City am 16. Januar 1938. Musikkritiker Bruce Eder schreibt über die Veranstaltung: „…das wichtigste Konzert des Jazz oder der Popmusik in der ganzen Geschichte: die ‘Coming-Out’-Party des Jazz in der Welt der ‘respektablen’ Musik.“ Bis zu seinem Tod steht Goodman auf der Bühne, am 13. Juni 1986 erleidet er einen Herzinfarkt.

Anspieltipps: Sing, Sing, Sing, Stompin At The Savoy, Chicago, Don’t Be That Way, Winter Weather

4. Coleman Hawkins

Coleman Hawkins verdanken wir es maßgeblich, dass das Tenorsaxofon heute so fest mit dem Jazz verknüpft ist. So schreibt der deutsche Jazz-Journalist Joachim E. Berendt über ihn: „Es gab schon vor ihm Tenorsaxofonisten, aber das Instrument war da noch kein anerkanntes Jazz-Horn.“ Als erster Musiker versteht Hawkins es, auf dem Saxofon nicht bloß das wiederzugeben, was bis dato auf der Klarinette gespielt wurde. Mit seiner Big Band feiert er große Erfolge, außerdem trägt er zur Grundsteinlegung des Bebop bei, einer Spielart des Jazz, die sich durch hohe Geschwindigkeiten, anspruchsvolle Techniken und fortschrittliche Harmonien auszeichnet.

Anspieltipps: Greensleeves, Rosita, Body And Soul, Out Of Nowhere, Cocktails For Two

5. Charlie Parker

Mit Charlie Parker wird die ganze Angelegenheit noch experimenteller, auch er bringt den Bebop maßgeblich voran. So stellt er zum Beispiel bisher dagewesene Harmonien auf den Kopf und entwickelt Akkordvariationen, die es vorher noch nicht gab. Sein Spitzname „Bird“ inspiriert Songs wie Yardbird Suite, Ornithology, Bird Of Paradise oder Bird Gets The Worm. Durch seinen künstlerischen und avantgardistischen Ansatz entwickelt er sich zu einer der Galionsfiguren der Hipster-Kultur der Vierziger und später auch der Beat-Generation. Am 12. März 1955 stirbt er im Alter von nur 34 Jahren. Woran, ist nicht ganz klar. Offiziell werden eine Lungenentzündung und ein Magendurchbruch als Todesursache genannt. Parker hatte allerdings auch eine Leberzirrhose sowie einen Herzinfarkt.

Anspieltipps: All The Things You Are, Summertime, Scrapple From The Apple, Ornithology, Just Friends

6. Dizzy Gillespie

Wo wir gerade beim Bebop sind, machen wir auch dort weiter: Dizzy Gillespie gehört ebenfalls zu den Gründervätern und außerdem zu den wichtigsten Trompetern des Genres. Ob vielschichtige Harmonien oder komplexe Rhythmen: Auf vielen Ebenen bringt er den Jazz voran. Auch mit seiner Stimme und seinem Scat-Gesang wusste er zu überzeugen. Auf der Bühne begeistert sein Showtalent und seine offene, freundliche Art. Nicht zuletzt dadurch entwickelt er sich zu einem wichtigen öffentlichen Aushängeschild des Bebop. Am 6. Januar 1993 stirbt er im Alter von 75 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Anspieltipps: All The Things You Are, On The Sunny Side Of The Street, Groovin’ High, Con Alma, Bang Bang

7. Miles Davis

Auch Miles Davis widmet sich der Trompete, allerdings etwas umfangreicher: Von 1944 bis 1948 spielt er in Charlie Parkers Bebop-Quintett, später trägt er zur Entwicklung des Cool Jazz bei. Wie der Name dieser Spielart verrät, geht es hier um eher moderate Geschwindigkeiten. Zu Beginn der Fünfziger gehört Davis zu den ersten Vertretern des Hard Bop, einer Variante des Bebop mit Einflüssen aus Blues, Soul, R&B und Gospel. Ihm macht allerdings auch seine Heroinsucht zu Schaffen. Er verschwindet in der Versenkung, 1955 feiert er ein großes Comeback beim Newport Jazz Festival. Zwei Jahre später veröffentlicht er ‘Round About Midnight, sein erstes Album mit Saxofonist John Coltrane (siehe unten). Sein wohl größter Meilenstein Kind Of Blue erscheint 1959. Davis bleibt ebenfalls bis kurz vor seinem Tod aktiv. Am 28. September 1991 stirbt er im Alter von 65 Jahren an einer Hirnblutung.

Anspieltipps: Blue In Green, So What, Flamenco Sketches, ‘Round Midnight, Freddie Freeloader

8. Thelonious Monk

Etwa zur gleichen Zeit wie Miles Davis, trägt auch Pianist Thelonious Monk seinen Teil zur Jazzgeschichte bei. Nach Duke Ellington ist er der am zweithäufigsten aufgenommene Jazzmusiker. Der große Unterschied: Ellington hat, wie oben erwähnt, mehr als 1.000 Stücke geschrieben; Monk nur etwa 70. Sein fortschrittlicher Stil am Klavier gefällt nicht jedem. So arbeitet er mit wilden Rhythmusparts sowie plötzlichen Pausen und Verzögerungen. Jazzkritiker Philip Larkin nennt ihn sogar „den Elefanten auf dem Keyboard“. Seine Bühnenauftritte unterbricht Monk gerne mit spontanen Tanzeinlagen. Am 17. Februar 1982 erliegt er einem Schlaganfall.

Anspieltipps: ‘Round Midnight, Monk’s Dream, Ruby, My Dear, Body And Soul, I’m Confessin’ (That I Love You)

9. John Coltrane

Saxofonist John Coltrane spielt in jungen Jahren sowohl mit Miles Davis als auch mit Thelonious Monk, nabelt sich im Verlauf seiner Karriere aber zusehends ab und entwickelt sich zu einem der Gründerväter des Free Jazz. (Genau, das ist die Spielart, die für manche Ohren unerträglich klingt.) 1957 überwindet er seine Heroin- und Alkoholsucht und entwickelt daraufhin eine ausgeprägte Spiritualität. Mit gerade einmal 40 Jahren stirbt er am 17. Juli 1967 an Leberkrebs.

Anspieltipps: In A Sentimental Mood, Naima, My Little Brown Book, My One And Only Love, Time After Time

10. Nat King Cole

Mehr als 100 Hit-Songs hat Nat King Cole im Lauf seiner Karriere aufgenommen. Mit seinem Trio legt er den Grundstein für viele spätere Jazz-Gruppen. Im Fernsehen nimmt er eine ganz besondere Rolle ein und moderiert als erster Afroamerikaner eine TV-Sendung. Auch in Filmen und am Broadway tritt er auf. Am 15. Februar 1965 stirbt der starke Raucher an Lungenkrebs. Seine Tochter Natalie Cole entwickelt sich ebenfalls zu einer erfolgreichen Sängerin, auch wenn sie zu oftmals damit kämpft, im Schatten ihres Vaters zu stehen. Am 31. Dezember 2015 erliegt sie einer Herzinsuffizienz.

Anspieltipps: Unforgettable, L-O-V-E, Smile, When I Fall In Love, Orange Colored Sky

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Die besten letzten Platten aller Zeiten

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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