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Popkultur

Zehn Jazz-Empfehlungen für den Einstieg

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Foto: William Gottlieb/Redferns/Getty Images

Für viele ist er ein Buch mit sieben Siegeln, zumindest einige größere Hits dringen über die Jahrzehnte in den Mainstream durch. Doch wer genau hat den Jazz eigentlich geprägt, welche Stilrichtungen gibt es und wie lauten die Titel der wichtigsten Songs und Alben? Wir wagen eine kleine Einführung in die komplexe Musikrichtung.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige unserer Jazz-Empfehlungen anhören:

Der Ursprung des Jazz lässt sich bis ins New Orleans des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückverfolgen; den Grundstock bilden der Blues und der direkte Jazz-Vorläufer Ragtime. Von vielen als „die klassische Musik der USA“ bezeichnet, entwickelt sich das afroamerikanische Genre von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter und treibt viele Blüten. Zum Verständnis: Wenn wir von „Jazz“ sprechen, meint das einen ähnlichen stilistischen Umfang wie der Begriff „Rock“. Schauen wir uns mal an, welche Musiker*innen daran beteiligt waren.

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1. Louis Armstrong

Ob sein magisches Trompetenspiel, sein Kompositionstalent oder seine unvergleichliche, umfangreiche Stimme: Louis Armstrong gehört zu den zentralen Figuren der Jazz-Welt. So trägt er maßgeblich dazu bei, dass das Improvisieren der Band in den Hintergrund rückt, und hebt stattdessen das Solospiel hervor. Ganze fünf Jahrzehnte lang bleibt er aktiv, und zwar von den Zwanzigern bis Anfang der Siebziger. Diese Ausdauer kostet ihn allerdings auch das Leben: Obwohl sein Arzt ihm davon abrät, spielt er im März 1971 noch einmal zwei Wochen am Stück im Waldorf-Astoria in New York City. Gegen Ende des Engagements erleidet er einen Herzinfarkt und landet bis Mai im Krankenhaus. Anschließend widmet er sich sofort wieder seiner Trompete und hofft, dass er schnell wieder touren kann. Am 6. Juli 1971 folgt ein zweiter Herzinfarkt, der ihn einen Monat vor seinem 70. Geburtstag das Leben kostet.

Anspieltipps: What A Wonderful World, Dream A Little Dream Of Me, La Vie En Rose, Cheek To Cheek, Summertime

2. Duke Ellington

Eigentlich mochte es Duke Ellington nicht, wenn man ihn dem Jazz zuschrieb. Vielmehr bezeichnete er sein Schaffen als „amerikanische Musik“. Egal, wie man es nennt: Er hat einiges geleistet. Mehr als sechs Jahrzehnte lang leitet er sein Orchester, ob im Cotton Club in Harlem oder beim Newport Jazz Festival. In dieser Zeit komponiert er mehr als 1.000 Stücke, viele davon wurden zu Standards. Dabei handelt es sich um einen Rekord: Kein Jazzkünstler hat mehr Material hinterlassen. Am 24. Mai 1974 stirbt Ellington im Alter von 75 Jahren an Komplikationen nach einer Lungenentzündung und Lungenkrebs.

Anspieltipps: In A Sentimental Mood, My Little Brown Book, Haupe, Take The „A“ Train, Satin Doll

3. Benny Goodman

Heute nennt man ihn den „King Of Swing“. Kein Wunder: Während der Vorkriegszeit revolutioniert Benny Goodman das Genre und rückt den afroamerikanischen Jazz mithilfe des Swing in den Fokus der rassistischen US-Gesellschaft. Zu jener Zeit wird meist nach Hautfarbe getrennt, doch nicht in Goodmans Big-Band. Menschen, die sich in seiner Gegenwart rassistisch geäußert haben, soll er körperlich bedroht haben. Einen der Höhepunkte der Karriere seines Orchesters markiert der Auftritt in der Carnegie Hall in New York City am 16. Januar 1938. Musikkritiker Bruce Eder schreibt über die Veranstaltung: „…das wichtigste Konzert des Jazz oder der Popmusik in der ganzen Geschichte: die ‘Coming-Out’-Party des Jazz in der Welt der ‘respektablen’ Musik.“ Bis zu seinem Tod steht Goodman auf der Bühne, am 13. Juni 1986 erleidet er einen Herzinfarkt.

Anspieltipps: Sing, Sing, Sing, Stompin At The Savoy, Chicago, Don’t Be That Way, Winter Weather

4. Coleman Hawkins

Coleman Hawkins verdanken wir es maßgeblich, dass das Tenorsaxofon heute so fest mit dem Jazz verknüpft ist. So schreibt der deutsche Jazz-Journalist Joachim E. Berendt über ihn: „Es gab schon vor ihm Tenorsaxofonisten, aber das Instrument war da noch kein anerkanntes Jazz-Horn.“ Als erster Musiker versteht Hawkins es, auf dem Saxofon nicht bloß das wiederzugeben, was bis dato auf der Klarinette gespielt wurde. Mit seiner Big Band feiert er große Erfolge, außerdem trägt er zur Grundsteinlegung des Bebop bei, einer Spielart des Jazz, die sich durch hohe Geschwindigkeiten, anspruchsvolle Techniken und fortschrittliche Harmonien auszeichnet.

Anspieltipps: Greensleeves, Rosita, Body And Soul, Out Of Nowhere, Cocktails For Two

5. Charlie Parker

Mit Charlie Parker wird die ganze Angelegenheit noch experimenteller, auch er bringt den Bebop maßgeblich voran. So stellt er zum Beispiel bisher dagewesene Harmonien auf den Kopf und entwickelt Akkordvariationen, die es vorher noch nicht gab. Sein Spitzname „Bird“ inspiriert Songs wie Yardbird Suite, Ornithology, Bird Of Paradise oder Bird Gets The Worm. Durch seinen künstlerischen und avantgardistischen Ansatz entwickelt er sich zu einer der Galionsfiguren der Hipster-Kultur der Vierziger und später auch der Beat-Generation. Am 12. März 1955 stirbt er im Alter von nur 34 Jahren. Woran, ist nicht ganz klar. Offiziell werden eine Lungenentzündung und ein Magendurchbruch als Todesursache genannt. Parker hatte allerdings auch eine Leberzirrhose sowie einen Herzinfarkt.

Anspieltipps: All The Things You Are, Summertime, Scrapple From The Apple, Ornithology, Just Friends

6. Dizzy Gillespie

Wo wir gerade beim Bebop sind, machen wir auch dort weiter: Dizzy Gillespie gehört ebenfalls zu den Gründervätern und außerdem zu den wichtigsten Trompetern des Genres. Ob vielschichtige Harmonien oder komplexe Rhythmen: Auf vielen Ebenen bringt er den Jazz voran. Auch mit seiner Stimme und seinem Scat-Gesang wusste er zu überzeugen. Auf der Bühne begeistert sein Showtalent und seine offene, freundliche Art. Nicht zuletzt dadurch entwickelt er sich zu einem wichtigen öffentlichen Aushängeschild des Bebop. Am 6. Januar 1993 stirbt er im Alter von 75 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Anspieltipps: All The Things You Are, On The Sunny Side Of The Street, Groovin’ High, Con Alma, Bang Bang

7. Miles Davis

Auch Miles Davis widmet sich der Trompete, allerdings etwas umfangreicher: Von 1944 bis 1948 spielt er in Charlie Parkers Bebop-Quintett, später trägt er zur Entwicklung des Cool Jazz bei. Wie der Name dieser Spielart verrät, geht es hier um eher moderate Geschwindigkeiten. Zu Beginn der Fünfziger gehört Davis zu den ersten Vertretern des Hard Bop, einer Variante des Bebop mit Einflüssen aus Blues, Soul, R&B und Gospel. Ihm macht allerdings auch seine Heroinsucht zu Schaffen. Er verschwindet in der Versenkung, 1955 feiert er ein großes Comeback beim Newport Jazz Festival. Zwei Jahre später veröffentlicht er ‘Round About Midnight, sein erstes Album mit Saxofonist John Coltrane (siehe unten). Sein wohl größter Meilenstein Kind Of Blue erscheint 1959. Davis bleibt ebenfalls bis kurz vor seinem Tod aktiv. Am 28. September 1991 stirbt er im Alter von 65 Jahren an einer Hirnblutung.

Anspieltipps: Blue In Green, So What, Flamenco Sketches, ‘Round Midnight, Freddie Freeloader

8. Thelonious Monk

Etwa zur gleichen Zeit wie Miles Davis, trägt auch Pianist Thelonious Monk seinen Teil zur Jazzgeschichte bei. Nach Duke Ellington ist er der am zweithäufigsten aufgenommene Jazzmusiker. Der große Unterschied: Ellington hat, wie oben erwähnt, mehr als 1.000 Stücke geschrieben; Monk nur etwa 70. Sein fortschrittlicher Stil am Klavier gefällt nicht jedem. So arbeitet er mit wilden Rhythmusparts sowie plötzlichen Pausen und Verzögerungen. Jazzkritiker Philip Larkin nennt ihn sogar „den Elefanten auf dem Keyboard“. Seine Bühnenauftritte unterbricht Monk gerne mit spontanen Tanzeinlagen. Am 17. Februar 1982 erliegt er einem Schlaganfall.

Anspieltipps: ‘Round Midnight, Monk’s Dream, Ruby, My Dear, Body And Soul, I’m Confessin’ (That I Love You)

9. John Coltrane

Saxofonist John Coltrane spielt in jungen Jahren sowohl mit Miles Davis als auch mit Thelonious Monk, nabelt sich im Verlauf seiner Karriere aber zusehends ab und entwickelt sich zu einem der Gründerväter des Free Jazz. (Genau, das ist die Spielart, die für manche Ohren unerträglich klingt.) 1957 überwindet er seine Heroin- und Alkoholsucht und entwickelt daraufhin eine ausgeprägte Spiritualität. Mit gerade einmal 40 Jahren stirbt er am 17. Juli 1967 an Leberkrebs.

Anspieltipps: In A Sentimental Mood, Naima, My Little Brown Book, My One And Only Love, Time After Time

10. Nat King Cole

Mehr als 100 Hit-Songs hat Nat King Cole im Lauf seiner Karriere aufgenommen. Mit seinem Trio legt er den Grundstein für viele spätere Jazz-Gruppen. Im Fernsehen nimmt er eine ganz besondere Rolle ein und moderiert als erster Afroamerikaner eine TV-Sendung. Auch in Filmen und am Broadway tritt er auf. Am 15. Februar 1965 stirbt der starke Raucher an Lungenkrebs. Seine Tochter Natalie Cole entwickelt sich ebenfalls zu einer erfolgreichen Sängerin, auch wenn sie zu oftmals damit kämpft, im Schatten ihres Vaters zu stehen. Am 31. Dezember 2015 erliegt sie einer Herzinsuffizienz.

Anspieltipps: Unforgettable, L-O-V-E, Smile, When I Fall In Love, Orange Colored Sky

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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