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Popkultur

Der Pop wird lysergisch: Wie LSD die Meisterwerke der Musikgeschichte geformt hat

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Foto: Cover

Kunst und Rausch sind seit Jahrtausenden untrennbar miteinander verbunden. Insbesondere der Droge LSD sind in den Sechzigern und Siebzigern einige der wichtigsten Pop-Platten aller Zeiten zu verdanken – von den Beatles über Jimi Hendrix bis zu den Beach Boys.

von Björn Springorum

Um sich den Einfluss von LSD kurz und bündig vor Augen zu führen, reicht der vergleichende Blick auf zwei Albencover: Einmal Please Please Me von 1963 und dann Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band von 1967, gerade mal vier Jahre danach. Links: Frech feixende Pilzköpfe in adretter Klamotte. Rechts: Bärtige Zirkusdirektoren in knallbunten Uniformen, umringt von allerlei toten und lebendigen Freunden. LSD hat Mitte der Sechziger auch die Beatles erreicht. Erst John Lennon und George Harrison (die unvergessen bei einer Dinnerparty ihres Zahnarztes erstmals in Kontakt mit dem Stoff kamen), zu guter Letzt dann auch noch den braven Paul McCartney und Ringo Starr. Die psychoaktive Droge, so werden die Beatles später sagen, hat sie enger zusammengebracht. Endlich teilen sie wieder eine gemeinsame Vision.

Das leise Summen einer Sitar

Dies soll kein Artikel sein, der die Droge LSD glorifiziert. Aber auch keiner, der sie verteufelt. Denn allein das obige Beispiel zeigt exemplarisch, welchen Einfluss das 1943 zufällig von dem Schweizer Doktor Albert Hofmann entdeckte Mittelchen auf den Geist und die Kreativität der Sechziger und Siebziger hat. Kaleidoskopische und mantraeske Melodien ziehen in die Musik ein, befeuert von den neuen technischen Möglichkeiten der Studios. Psychedelische Farbwirbel, Spiritualität und das leise Summen einer Sitar sind ab sofort die Insignien von Rock und Pop. Konzerte von The Grateful Dead, so berichten Zeitzeugen, waren okay, wenn man sie ohne LSD besuchte. Auf LSD wurden sie zu wundersamen Astralreisen, zusätzlich verfeinert mit speziellen Rückzugsorten in den Konzertlocations, wo man es sich bei einem besonders heftigen Trip gemütlich machen konnte.

Wann und wo LSD erstmals unter Musikerkreisen weitergereicht wird wie ein besonders kostbares Geheimnis, ist nicht ganz klar. Als LSD-Prophet und wohl größter Advokat der lysergischen Substanz an der US-amerikanischen Westküste darf aber Timothy Leary gelten. Der unterrichtet eigentlich an der Harvard University, wird aber hochkant rausgeworfen, als herauskommt, dass er Experimente mit psychoaktiven Substanzen an Studenten durchgeführt hat. Er schart in San Francisco Jünger um sich, Aussteiger und Hippies, die damals in immer größeren Zahlen in die Stadt strömen und sich rund um Haight-Ashbury breitmachen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der erste LSD-Magnat und die dankbaren Toten

Die psychedelische Ära erreicht 1966 einen ersten Höhepunkt. Die Droge greift so weit um sich, dass sie noch vor Jahresende in den USA für illegal erklärt wird. Daran ist vor allem Owsley Stanley schuld, der erste LSD-Magnat der Westküste. Als Tontechniker sorgt er nicht nur für den dröhnenden Sound von The Grateful Dead, sondern auch für deren halluzinogenen Nachschub. Stanley ist es auch, der die Beatles während den Dreharbeiten zu Magical Mystery Tour mit LSD versorgt. Sein Einfluss ist so groß, dass ihn Frank Zappa und Jefferson Airplane in ihren Lyrics erwähnen.

Als Droge der Gegenkultur, als Pfad zur Erleuchtung, als Möglichkeit, mit der Substanz des Kosmos in Kontakt zu treten, ist LSD auch nach dem Verbot allgegenwärtig. Längst nicht nur in der Musik, ebenso in der Literatur, den Filmen, der Kunst. Es ist aber insbesondere die Musik, in der LSD seine größte Wirkung entfalten kann, die innigste Verbindung zwischen berauschtem Schöpfer und berauschtem Konsumenten. Denn selbst wenn ein Acid-Head meilenweit high auf LSD durchaus ein Stück Weltliteratur aus den verworrenen Labyrinthen seines Geistes herauslocken kann, fällt es einem Menschen auf LSD durchaus schwer, das Buch auch konzentriert zu lesen und nicht nur den Buchstaben zuzusehen, wie sie langsam von der Seite fließen.

Gekauter Sellerie als Schlagzeug

Bei LSD und Musik ist das fundamental anders. Als würde man sich in den geistigen Zustand der Erschaffer einloggen, erlebt man die Musik mit anderen Sinnen, auf vollkommen andere Weise. Das machen sich ab den späten Sechzigern mehr und mehr Bands zu beiden Seiten des Atlantiks zunutze. Die bewusstseinserweiternde Wirkung von LSD führt in der Musik zu einem vollkommen neuen, experimentellen Ansatz. Ebenso wie man die Welt anders wahrnimmt, versucht man sich auch in der Musik an radikalen neuen Denkweisen. Gitarren werden rückwärts aufgenommen, The Grateful Dead nehmen sogar verschiedene Arten von Luft (feucht, trocken) auf, weil sie denken, das würde ihren Sound Tiefe verleihen. Brian Wilson lässt Paul McCartney eine Selleriestange kauen, die dann als Percussion der Nummer Vegetables verwendet wird. Das ist schon was anderes als vier Typen, die im Studio stehen und live ein neues Album einspielen.

Improvisation wird zum Zauberwort der Acid-Jünger. Pink Floyd brechen mit jeglichen Pop-Konventionen und leben sich in progressiven Kaleidoskopen und psychedelischen Wundergärten aus, die Doors und Jimi Hendrix definieren mit ihren verschleppten, leiernden, mystischen und kosmischen Klängen das, was man als „trippigen“ Sound bezeichnet. Verzerrung, Hall und merkwürdige Rhythmen, wabernde Sounds, blubbernde Orgeln und indische Instrumente ersetzen die einfachen Mitklatsch-Beats der frühen Sechziger. Die Musik wurde dechiffriert und zu Ehren der lysergischen Musen neu zusammengesetzt. Auch die Texte werden philosophischer und vertrackter, spielen mit Drogen-Anspielungen und Metaphern. Geeint wird das von einem sehr distinguierten Sinn für das Visuelle. LSD als Droge ist enorm stimulierend und reagiert auf optische Reize ebenso wie auch klangliche. Entsprechend bunt, verwunschen und geheimnisvoll werden die Artworks der Platten, auf denen zuvor meist nur die Bandmitglieder abgebildet waren. Ob man das nun möchte oder nicht: Psychedelic Rock ist ohne LSD undenkbar.

Gegen den Krieg, für die Liebe

Nicht alle kommen damit zurecht. Brian Wilson von den Beach Boys verliert durch die Drogen die Bodenhaftung und büßt seine geistige Gesundheit ein, in Woodstock gibt es ganze Zelte voller Menschen auf schlechten Trips. Horrormeldungen über Menschen, die im LSD-Rausch aus dem Fenster springen, machen bald die Runde. Doch wie auch die unterhaltsame und unbedingt sehenswerte Netflix-Doku Have A Good Trip betont, seien das nur Einzelfälle gewesen. In dieser Doku erzählen unter anderem Sting, Donovan und Carrie Fisher von ihren eindringlichsten Trip-Erfahrungen. Und das durchaus augenöffnend.

Noch mal: Wir wollen hier nichts glorifizieren. Doch in den späten Sechzigern hat der Konsum von LSD eben auch dazu geführt, dass die Menschen gegen den Krieg auf die Straße gegangen sind. Weil sie unter dem Einfluss der Droge erkannt haben, wie sinnlos Kriege sind. Und dass es im Grunde nur um die Liebe geht. Dieser Einfluss lebt bis heute fort: In den vielen Neo-Psychedelia-Bands, aber auch in der Rave-Kultur, die ja eh eine Art zweite Hippie-Bewegung ist. Mit Beats statt Gitarren. Der geneigte Musikliebhaber hat, so scheint es also, dieser Droge eine Menge zu verdanken. Und das Gute ist: Er muss sie dafür nicht mal selbst genommen haben.

Wenn du selbst ein Problem mit Drogen hast, findest du unter anderem hier Hilfe.

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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