------------

Popkultur

Legendäre One-Man Bands: 10 Musiker, die auch alleine bestens zurechtgekommen sind

Published on

Auch ohne die Beatles sehr erfolgreich: Paul McCartney. Foto: Sonny McCartney

Das Problem mit den One-Man Bands basiert im Grunde genommen nur auf dieser ersten falschen Assoziation, einer leider viel zu stabilen Verknüpfung im Gehirn – denn man denkt unweigerlich an instrumentenbepackte und -behängte Typen wie Dick Van Dyke. Auftritte wie seiner in Mary Poppins rufen automatisch das Bild vom zappelnden Energiebündel mit umgeschnallter Bassdrum hervor, das hektisch irgendwelche Songs zusammenschustert. Um solche Typen soll es hier nicht gehen, sondern eher um Allrounder wie Stevie Wonder. Schlagzeuger, Keyboarder, Sänger und Mundharmonika-Spieler in Personalunion – und überhaupt einer der lässigsten Protagonisten der Musikgeschichte.

von Martin Chilton

 

Ein Instrument reicht vielen nicht

Dabei gibt es Tausende, die genau wie Stevie eine ganze Reihe von Instrumenten beherrschen: Curtis Mayfield etwa oder PJ Harvey. Dave Grohl, Jonny Greenwood von Radiohead oder Rushs Geddy Lee. Alicia Keys, Roy Wood oder auch Brian Jones von den Stones. Jack White, Beck, Trent Reznor (NIN) oder auch Bruno Mars, um nur das erste Dutzend vollzumachen. Man muss schon ganz schön von sich überzeugt sein, um gleich mehrere Instrumente selbst einzuspielen, schließlich gibt es zahllose Studiomusiker*innen, die genau darauf spezialisiert sind.

Hier sind zehn der besten One-Man Bands der Geschichte, angefangen im Jahr 1941 – mit Sidney Bechet, der schon damals auf Mehrspur-Experimente und Overdubbing setzte, um auf diese Weise alles alleine machen zu können…

10. Sidney Bechet

Als der Toningenieur John Reid dem Jazz-Saxofonisten Sidney Bechet die Möglichkeiten des Multitrackings erklärt hatte, machte sich der sofort an die Arbeit: Er wollte sich die Spuren für sechs Instrumente ausdenken und die verschiedenen Rhythmen und Melodien dann zusammenbringen. Nicht ganz einfach war die Sache, weil Bandmaschinen damals noch nicht verbreitet waren, weshalb jede Aufnahme mittels eines 78rpm-Rohlings mitgeschnitten und dann übereinandergelegt werden musste. Am 19. April 1941 entstand so im Alleingang seine Aufnahme von The Sheik Of Araby, wobei Bechet Sopran- und Tenorsaxofon, Klarinette, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug übernahm. Sein Blues for Bechet bestand daraufhin auch aus immerhin vier Spuren. Später gestand der Maestro, er sei vor Panik richtig ins Schwitzen gekommen: „Allein der Gedanke an diese Session bescherte mir Alpträume. Ich träumte dann, dass ich allein die ganze Duke Ellington Band nachspielen musste.“

Reinhören: The Sheik Of Araby (1941)

9. Paul McCartney

Ausgebildet in einer der besten Bands der Musikgeschichte, galt McCartney wenig später als eine der besten One-Man Bands der Welt: Kurz vor Weihnachten 1969 begann der Beatle die Arbeit am gleichnamigen Soloalbum McCartney. Er erledigte alles in den eigenen vier Wänden, daheim im Londoner Stadtteil St. John’s Wood. Später erklärte er, er habe sich dazu entschieden, zu singen und dazu die ganzen Instrumente – Akustik- und E-Gitarren, Bass, Schlagzeug, Klavier, Orgel, Percussion, Mellotron und Spielzeug-Xylophon – einzuspielen, „weil ich fand, dass ich ganz gut damit umgehen konnte.“


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Paul McCartney - McCartney III
Paul McCartney
McCartney III
LP, CD-Bundle, CD, Kassette

HIER BESTELLEN


Das Arbeiten als One-Man Band gefiel ihm auch, weil es so schön unkompliziert war: „Ich musste ja nur noch mich selbst um Erlaubnis fragen, und meistens war ich dann auch gleich mit mir einer Meinung!“ Überzeugt waren auch die Fans: McCartney ging in den Staaten direkt auf die 1, in der Heimat auf Platz 2. Auch für den kürzlich verstorbenen Emitt Rhodes (von The Merry-Go-Round) war es eine wichtige Inspirationsquelle – denn auch er nahm kurz danach im Alleingang drei ausschweifende Popalben auf.

Reinhören: Maybe I’m Amazed (1970)

8. Todd Rundgren

Auf seinem dritten Soloalbum Something/Anything (1972) zeigte Todd Rundgren seine vielen Talente: Er schrieb, arrangierte, sang und spielte alles selbst ein – vom Klavier bis zu den Gitarren. Dabei war er gerade mal 23. Der einstige Produzent berichtete später, dass er gar keine Noten lesen oder schreiben konnte, stattdessen habe er sich alles so gemerkt und einfach per Gehör nachgespielt. Fundament war meistens ein Schlagzeugpart, über dem er dann die anderen Instrumente ausbreitete, wobei die Melodien häufig ganz spontan entstanden. Die Ergebnisse sind grandios, man denke an Klassiker wie I Saw The Light, It Wouldn’t Have Made Any Difference und Couldn’t I Just Tell You.

Ein Foto im Innencover zeigte Rundgren in einem Raum voller Equipment: Die Gitarre umgeschnallt, die Arme ausgestreckt, die Finger machten ein Victory-Zeichen. Eine Siegerpose, mit der er richtigliegen sollte: Sein One-Man-Album hielt sich fast ein ganzes Jahr lang in den US-Charts und räumte schließlich Gold ab.

Reinhören: I Saw The Light (1972)

7. John Fogerty

Nachdem er ein paar Jahre lang riesige Erfolge mit Creedence Clearwater Revival gefeiert hatte, machte sich der Sänger und Gitarrist John Fogerty daran, sein Soloalbum The Blue Ridge Rangers aufzunehmen. Ähnlich wie mit CCR, spielten auch jetzt Coversongs eine wichtige Rolle – nur wollte Fogerty dieses Mal komplette Kontrolle über den Entstehungsprozess haben. Sein schlichtes Schlagzeugspiel machte Hank Williams‘ Jambalaya (On The Bayou) sogar noch eindringlicher; dazu steuerte er neben der Gitarre auch die Steel-Gitarre, ein bisschen Banjo und Geige bei.

Reinhören: Jambalaya (On The Bayou) (1973)

6. Mike Oldfield

Einen Monat nach Fogertys Soloalbum erschien auch schon das Prog-Meisterwerk Tubular Bells von Mike Oldfield. Der Brite hatte jede Menge Instrumente selbst eingespielt: Akustikgitarre, Bass und E-Gitarre zählten genauso dazu wie Farfisa-, Hammond- und Lowrey-Orgel. Dazu kamen neben Glockenspiel, Mandoline, Klavier, allerhand Percussion und Pauken auch die titelgebenden Tubular Bells – zu Deutsch Röhrenglocken – zum Einsatz. Eingespielt im The Manor Studio in Oxford, hatte der erst 20-Jährige damit einen Prog-Meilenstein geschaffen, der bald darauf sogar noch bekannter werden sollte, als die Musik von Tubular Bells auch im Horror-Kinohit Der Exorzist zu hören war.

Reinhören: Mike Oldfield’s Single (Theme From Tubular Bells) (1973)

5. Prince

Im September 1977 begab sich Prince ins Studio 80 in Minneapolis, um dort sein Debütalbum For You aufzunehmen. In jenem Studio also wurde der Grundstein für die wenig später legendäre Zeile „Produced, arranged, composed, and performed by Prince“ gelegt – denn er machte tatsächlich alles im Alleingang. Wie die meisten One-Man Band-Maestros, hatte auch der damals 17-Jährige eine klare Vision von seinem Sound, und es lag auf der Hand, dass ihm da keiner reinreden konnte. Als Dick Clark ihn daraufhin fragte, wie viele Instrumente er denn nun für die Platte eingespielt habe, antwortete Prince nur „Tausende“. Tatsächlich waren es 27 Stück – beziehungsweise 29, wenn man sein Klatschen und das Fingerschnipsen auch mitzählt.

Reinhören: Soft And Wet (1978)

4. Steve Winwood

Der US-Rolling Stone hat Steve Winwood Platz 33 auf der Liste der „100 Größten Sänger aller Zeiten“ eingeräumt – dabei war der Mann aus Birmingham, der unter anderem bei der Spencer Davis Group, Traffic und Blind Faith mitmischte, nicht nur ein ausgezeichneter Sänger, sondern eben auch ein Multiinstrumentalist. Auch er setzte schließlich auf ein Soloalbum, um diese Seite(n) ausleben zu können: Arc Of A Diver erschien im Dezember 1980 bei Island Records. Er hatte dafür sogar das Studio auf seiner Farm in Gloucestershire komplett selbst gebaut.

Was die Instrumente anging, waren da akustische und elektrische Gitarren genauso dabei wie Mandoline, Bass, Schlagzeug, Percussion, Drum-Machines, Klavier, Synthesizer, Orgel, Hintergrundgesang und natürlich die Leadvocals. Dazu übernahm er auch die Rolle des Produzenten, des Toningenieurs und Mixers. Zur Belohnung gab’s Top-10-Platzierungen fürs Album und auch für die erste Single While You See A Chance.

Reinhören: While You See A Chance (1980)

3. Phil Collins

Das einstige Genesis-Mitglied Phil Collins gibt ganz offen zu, dass es ihm nicht gut ging, als er damals Both Sides in seinem Home Studio auf einem 12-Spur-Gerät aufnahm. Er hatte gerade die zweite Scheidung hinter sich, und nun brauchte er vor allem Ablenkung – weshalb er zwischenzeitlich sogar Dudelsack-Unterricht bei einem Schotten nahm. Das 1993 bei Virgin veröffentlichte Both Sides-Album basierte auf ein paar Demos, die Collins später in fertige Songs verwandelte – natürlich ohne fremde Hilfe. Neben sämtlichen Instrumenten kümmerte er sich auch selbst um die Produktion, was ihn locker zu einer der besten One-Man Bands der Welt macht. Außerdem schrieb er auch die Sleeve-Notes. „Both Sides ist mein Lieblingsalbum, was die Kreativität und das Songwriting angeht“, kommentierte er später. „Das war wirklich mal ein richtiges Soloalbum. Ich habe alles eingespielt, und die Songs sprudelten förmlich aus mir heraus… als Songwriter ist das letztlich genau die Situation, von der man immer träumt.“

Reinhören: Can’t Turn Back The Years (1993)

2. Sufjan Stevens

Schon als Schüler in Detroit lernte Sufjan Stevens nebenher Oboe und Englischhorn. Beide Instrumente waren daher auch auf seinem Konzeptalbum Michigan im Jahr 2003 zu hören. Dazu spielte und bediente der Oscar-nominierte Singer/Songwriter auch noch Klavier, Orgel, E-Piano, Banjo, E- und akustische Gitarren, Bass, Vibra- und Xylofon, Glockenspiel, Holzflöten und Pfeifen, Schlagzeug, Percussion, Shaker, Schellen, Tamburin, Becken und unterschiedliche Aufnahmegeräte.

Eine Wahnsinnsleistung, ohne Frage, aber noch nichts im Vergleich mit Rekordhalter Roy Castle: Der 1994 verstorbene TV-Moderator und Trompeter spielte dieselbe Melodie auf 43 Instrumenten – u.a. auf der kleinsten Geige der Welt – in gerade mal vier Minuten.

Reinhören: For The Windows In Paradise, For The Fatherless In Ypsilanti (2003)

1. Dave Edmunds

Nicht zuletzt sein grandioser Song I Hear You Knocking machte Dave Edmunds in den Siebzigern schlagartig bekannt; danach entstanden ein paar Alben, bei denen er niemanden reinreden ließ und alle Instrumente selbst einspielte. Im Jahr 2013 hieß es dann …Again, als er nach Jahren zu dieser Arbeitsweise zurückkehrte – nunmehr jedoch unterstützt von neuester Technik. „Ich habe schon Mitte der Sechziger damit begonnen, alleine Musik zu machen. Damals hatte ich so ein kleines, schlecht ausgestattetes Studio in einer Scheune (…), und …Again habe ich jetzt einfach im Gästezimmer produziert, auf meinem Laptop. Ich habe mir ein MacBook Air gekauft, da war so ein Programm namens GarageBand schon drauf installiert. Nachdem ich dann einen Song damit gemacht hatte, kaufte ich mir den großen Bruder des Programms, das waren noch mal so um die 130 Mäuse, ja und dann hatte ich 30 Sekunden später ein komplettes Studio vor mir – mit einer unendlichen Zahl von Spuren und Effekten.“

Reinhören: Standing At The Crossroads (2003)

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Music For The People: ABBA, ein Porträt

Popkultur

Eine Nacht im Bordell: Die lieblose Hochzeit von Ike und Tina Turner

Published on

Ike & Tina Turner
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Ehe von Ike und Tina Turner war durch zahlreiche Tiefpunkte geprägt. Aggression, körperliche Gewalt, Betrug: Von süßem Eheleben kann wohl kaum die Rede sein. Doch wie kam es eigentlich zu der Hochzeit? Und was zur Hölle dachte sich Ike, als er Tina in der Hochzeitsnacht in ein Bordell schleppte?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Ike & Tina Turner anhören:

Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten gehört Tina Turner zu den erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. Ike Turner hat im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere keine 100 Millionen Platten verkauft. Stattdessen war er kokainsüchtig und hat Tina verprügelt. Dass die beiden unter diesen Umständen ein Paar waren, ist kaum zu glauben. Am 26. November 1962 gaben sich Ike und Tina sogar das Ja-Wort und heirateten. Es war der unschöne Beginn einer unschönen Ehe, die trotz aller Schwierigkeiten 14 Jahre andauerte. Doch wie kam es dazu? Wie sah der Hochzeitstag aus und wie gestaltete sich die Zeit als Ehepaar? Ein Rückblick.

Ike und Tina Turners Hochzeit: Tina hat Angst, nein zu sagen

Als sich Ike und Tina kennenlernen, ist Tina gerade einmal 17 Jahre alt. Sie sieht ihn 1956 bei einem Auftritt seiner Band Kings Of Rhythm, später tritt auch sie der Gruppe bei. Schon bald geht das Duo unter dem Namen Ike And Tina Turner Revue auf Tour. Tina steht mit ihren energiegeladenen Auftritten im Zentrum der Show. Ikes Aggression und seinen Jähzorn lernt sie zu jener Zeit bereits kennen. Dennoch entwickelt sich der sieben Jahre ältere Musiker zu einer Art Mentor für Tina und die beiden landen gemeinsam ihre ersten Hits. Als Ike ihr einen Antrag macht, weiß Tina, dass eine Hochzeit nicht die beste Idee wäre — doch sie hat Angst, nein zu sagen.

Für die Hochzeit reisen Ike und Tina ins damals schon schmucklose Tijuana hinter der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. In dem Ort, der zu jener Zeit vor allem für seine günstigen Bordelle und Express-Hochzeiten bekannt ist, unterschreiben Ike und Tina einen Wisch in einem schmuddligen Hinterzimmer und sind fortan verheiratet. Kein „Ja, ich will“, keine Glückwünsche. Nur ein Stück Papier. „Ich hatte damals nicht viel Hochzeitserfahrung“, gibt Tina im Interview mit der britischen Daily Mail zu Protokoll. „Doch ich wusste, dass Hochzeiten irgendwie emotional und glücklich sein sollten.“ Ike hat allerdings andere Pläne für den Abend — und schleppt Tina in ein Bordell.

Eine Hochzeitsnacht im Bordell

„Man kann sich nicht vorstellen, was er für ein Mensch war“, erzählt Tina im Interview. „Ein Mann, der seine Frau gleich nach der Vermählung zu einer pornografischen Live-Sex-Show mitnimmt. Ich habe dort gesessen, ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und mich gefragt: ‚Findet er das wirklich gut? Wie kann er nur?’ Es war alles sehr hässlich. Der männliche Darsteller war unattraktiv und scheinbar impotent, und das Mädchen … Nun, sagen wir einfach, dass das Ganze eher gynäkologisch war, weniger erotisch. Ich habe mich elend gefühlt und war den Tränen nahe, aber es gab kein Entkommen. Wir sind nicht gegangen, bis Ike fertig war — und er hatte dort viel Spaß.“

Nach der Hochzeit redet sich Tina die Ehe schön. „Am nächsten Tag habe ich vor den Leuten geprahlt“, berichtet die Sängerin. „Ich habe gesagt: ‚Ratet mal, was passiert ist! Oh, Ike hat mich mit nach Tijuana genommen, wir haben gestern geheiratet!‘ Ich habe mir eingeredet, dass ich glücklich war, und für kurze Zeit war ich es auch. Für mich hatte der Gedanke, verheiratet zu sein, eine Bedeutung. Für Ike war es eine weitere Transaktion.“ Die Ehe des Paares ist von Ikes Gewaltausbrüchen und seiner Drogensucht überschattet. Ganze 14 Jahre geht es so, bevor Tina im Jahr 1976 die Scheidung einreicht. Seit 2013 ist sie mit Musikmanager Erwin Bach verheiratet und lebt in der Schweiz.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

AC/DC, Tina Turner, Aerosmith: Die erfolgreichsten Comebacks der Musikgeschichte

Continue Reading

Popkultur

15 Jahre Kapitulation: Tocotronics „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“

Published on

Tocotronic
Foto: Jakubaszek/Getty Images

Mehr Musiktheater als Musik: Mit Kapitulation legen Tocotronic 2007 den zweiten Teil ihrer Berlin-Trilogie vor. Und zementieren ihren Ruf als magische Gitarrenvisionäre der Gesellschaftstheorie.

von Björn Springorum

hier könnt ihr euch Kapitulation anhören:

Nach dem Klassiker Pure Vernunft darf niemals siegen gönnen sich Tocotronic 2006 eine Pause von sich selbst. Seit dem Debüt Digital ist besser 1995 haben sie sieben Platten veröffentlicht, ein hohes Tempo, dazu Konzerte, Festivals in halb Europa und den USA. Urlaub steht dennoch nicht Agenda für die Propheten der Hamburger Schule: Sänger und Prediger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und der recht neue Gitarrist Rick McPhail vollenden Soloplatten, verwirklichen sich abseits der mittlerweile gefestigten Pfade von Deutschlands wichtigster Rockband.

Der ahnungsvolle Geist der Rockmusik

Diesen Ruf hat man sich mit viel harter Arbeit und unglaublicher Musik erarbeitet. Spätestens seit K.O.O.K. (1999) sind die Diskursrocker von der lauten, verzerrten Schrammelband zum ahnungsvollen Geist geworden, zu beschwörenden Gitarrenalchemisten, deren Musik eine tiefe Magie entströmt und deren Texte eher vergeistigte Mantren im Geiste eines Michel Focault sind, durchzogen von griffigen Slogans, die die Band auf zahlreiche Tattoos oder Jutebeutel gebracht hat.

2007 setzen sie im Studio Chez Chèrie in Berlin-Neukölln ihre mit Pure Vernunft darf niemals siegen begonnene Berlin-Trilogie fort – eine Hommage an David Bowie freilich, eine Verbeugung vor den ganz großen Denkern der Rockmusik. Zu denen zählen Tocotronic auch. Aus der einstigen Studi-Band mit Cordhose, Trainingsjacke und Seitenscheitel ist ein Phänomen geworden, ein gesellschaftliches Ereignis. Einige Jahrzehnte nach Ton, Steine, Scherben gibt es wieder eine deutsche Band, die weiß, wo die Wunden der Gesellschaft liegen, und zielgenau den Finger hineinlegt.

Musik gegen den Optimierungswahn

Tocotronic tun das auf Kapitulation indes keineswegs laut, markig oder aufbrausend. Konträr zur militärischen Symbolik in Albumtitel und vielen Texten nehmen die Musiker in wenigen Tagen ein Album gegen den Optimierungswahn unserer Zeit auf – live und in fiebrigen Sessions. Kapitulation als Ultima Ratio gegen Pragmatismus und Effizienz. „Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit“, wird die Zeit dazu sagen. Von Lowtzow konkretisiert das 2007 in einem Interview mit der taz: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass es einmal eine künstlerische Strategie gab, nichts zu tun. Und die möchten wir formulieren als Antithese zu diesem Leistungsimperativ, der neuerdings in dieser Gesellschaft herrscht. Das Unproduktive wird unterschätzt.“

Wie Herman Melvilles Bartleby sind auch Tocotronic im Müßiggang zuhause – bei aller gefühlten Effizienz ihrer vielen Alben und Touren mache man als Band anscheinend „nur ein Fünftel von dem, was andere machen.“ Das Mantra „Ich möchte lieber nicht“ geistert auch durch dieses Album, eine kurze griffige Geste der Entsagung. Musikalisch indes möchten sie. Und wie: Tocotronic verwandeln sich auf Kapitulation weiter in diese entrückte Rock-Band, der ein schwer fassbarer, beschwörender, kafkaesker Zauber innewohnt. Zwölf Songs, zwölf Indie-Schmuckkästchen, denen man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Zeitlos im besten Sinne ist das, was Tocotronic hier machen, längst in einer ganz eigenen Liga und nicht nur in Deutschland einzigartig. Das hypnotische Mein Ruin, der Befehl Verschwör dich gegen dich, die zarte Antithese zu glücklichen Pärchen-Eskapismus-Balladen, Harmonie ist eine Strategie oder der wüste Ausbruch Sag alles ab, der dann natürlich mit einer Extraportion Trotz als Single ausgekoppelt wird: Hier kann man einer der schlausten Bands Deutschlands in den Kopf schauen. Musik als Unterricht.

Immer noch Punk

Da ist der Wechsel vom dichtgemachten Hamburger Indie-Label L’Age D’Or zum Major Vertigo nur konsequent: Diese Band ist längst viel zu wichtig, um sie nicht größtmöglich zu inszenieren. Punks bleiben Tocotronic im Herzen dennoch. Sie zielen gegen das System, klinken sich aus aus den Erwartungshaltungen, die man an das Individuum stellt. Zudem möchte Vordenker und Texter von Lowtzow Kapitulation auch als „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“ verstanden wissen. Gejammer gibt es bei den Hamburgern nicht. Punk ist das schon eher. Wenn auch 2007 längst nicht mehr mit Tempo, Geschwindigkeit und Schrammeleien.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Songs, die jeder Hamburger kennen muss

Continue Reading

Popkultur

45 Jahre „Slowhand“: Eric Claptons furioses Comeback nach Heldensturz und Heroin

Published on

Eric Clapton
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wer ein Album mit einem Hattrick aus Cocaine, Wonderful Tonight und Lay Down Sally eröffnet, hat ein Comeback verdient: Vor 50 Jahren feuert Eric Clapton seine Karriere neu an und liefert mit Slowhand den definierenden Moment seiner Laufbahn als Solitär.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Slowhand anhören:

Das Blöde an Gitarrenhelden und musikalischen Heiligen ist ja: Sie weilen derart hoch oben in himmlischen Sphären, dass so ein Fall ganz schön tief sein kann. In den Siebzigern passiert genau das Eric Clapton. Nachdem er ab 1963 erst durch die Yardbirds, dann durch die Bluesbreakers, Cream, Blind Faith und Derek And The Dominoes zu einem der fleißigsten, besten und berühmtesten Gitarristen der Sechziger wurde, versucht er es 1970 solo. Muss ja so kommen, viel mehr kann Clapton im Bandkorsett nicht erreichen.

Heldensturz und Heroin

Die Karriere läuft einigermaßen an, wird aber von Drogen und gebrochenen Herzen torpediert. Er verfällt zu gleichen Teilen George Harrisons Frau Pattie Boyd und dem Heroin, zieht sich zurück, macht einen desolaten Auftrott bei Harrisons Concert For Bangladesh. Einer der strahlenden, mythischen Helden der Sechziger, so scheint es, wurde gestürzt. 1974 kämpft er sich aus der Dunkelheit zurück und veröffentlicht, jetzt mit Boyd an seiner Seite, sein Comeback 461 Ocean Boulevard. Der Trick: Mehr Songs, weniger Experimente.

Der Plan geht auf, doch die Nachfolgewerke There’s One in Every Crowd (1975) und No Reason To Cry (1976) sind wieder vergleichsweise ziellos und aufgebläht. Merkt er selbst und verschanzt sich mit seiner fast durchgehend US-amerikanisch besetzten Liveband im Mai 1977 in den Londoner Olympic Studios, wo sein fünftes Soloalbum Slowhand entsteht. Es soll sein definierendes Kapitel als Solitär werden. Und das hat direkt mit seinen Mitmusiker*innen zu tun: Sie bringen den originär amerikanischen Blues und Soul, dem Clapton seit Tag eins nacheifert, auf sein Album – mühelos, authentisch und mit unkompliziertem Groove. „Ich als Engländer kann mich diesem Sound nur annähern“, sagt Clapton mal dazu. „Doch die Band ist eine Tulsa-Band. Die kann gar nicht anders.“

Clapton und der Anti-Drogen-Song

Slowhand, benannt nach dem Spitznamen, den er 1964 vom Yardbird-Manager Giorgio Gormelsky bekam, beherzigt die Lektionen von 461 Ocean Boulevard, gibt sich eingängig, radiofreundlich und bleibt mit Ausnahme des Neunminüters The Core in allen Songs unter der Fünf-Minuten-Marke. Außerdem wagt Clapton deutlich mehr Eigeninitiative und packt viel weniger Cover-Songs als sonst auf die Platte. Einer wird dann aber gleich zu seinem infamen Signature-Song: Seine Interpretation von J.J. Cales Cocaine wird in Argentinien zensiert und in Folge vieler negativer Stimmen in den nächsten Jahren sehr selten live gespielt. Irgendwie konnte Eric Clapton niemanden davon überzeugen, dass wir es hier mit einem Antidrogensong zu tun haben. Na ja… „If your day is gone, and you want to ride on, cocaine – don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine“ klingt jetzt nicht gerade sehr kritisch.

Unaufdringlich virtuos

Was Slowhand auszeichnet, ist diese unaufdringliche Virtuosität. Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und macht einfach das, was er kann: Die Gitarre zum Strahlen bringen. Mit Wonderful Tonight spendiert er dem Album zudem einen seiner bekanntesten Songs – eine Ode an Pattie Boyd, inspiriert von ihrem gemeinsamen Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts 1976. Sweet. Die dritte große Nummer nach Cocaine und Wonderful Tonight ist natürlich der Country-Kracher Lay Down Sally, den Clapton gemeinsam mit Backgroundsängerin Macy Levy und Gitarrist George Terry schreibt. Gemeinsam formen sie das Triptychon, das Slowhand eröffnet und fast eigenmächtig zum Erfolg führt.

Slowhand inszeniert eine Band, die ganz genau weiß, was sie tut. Die ganz genau weiß, dass sie starkes Material in einigen hellen Momenten im Studio eingespielt hat. Der lockeren Klasse der Songs schadet nicht mal, dass Clapton laut Produzent Glyn Johns fast durchgehend alkoholisiert war. Aufrecht erhalten kann Slowhand dieses gute Blatt jedoch nicht: Die nächsten Platten sind allesamt halbherzige Versuche. Erst mit dem von Phil Collins produzierten August (1986) geht es langsam wieder bergauf, gekrönt von MTV Unplugged (1992), das ihn endgültig konsolidierte.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

30 Jahre „MTV Unplugged“: Eric Claptons intimster Moment

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss