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Popkultur

Music for the people – ABBA, ein Porträt

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Die These ist gewagt, aber selbst ein Theodor W. Adorno hätte von Mamma Mia einen Ohrwurm davongetragen. Über eine Band, die Hoch- und Populärkultur versöhnte und die 2018 ein großes Comeback feiern will.

Ein „Wunder der Popmusik“ und „die wichtigsten Pop-News des 21. Jahrhunderts“: Die Presse sparte nicht mit Superlativen und Begeisterungsstürmen, als eine gewisse Band namens ABBA im April diesen Jahres verkündete, sie werde zurück auf die Bühne kommen, neues Album inklusive.

Auf Instagram kommentierten innerhalb von Sekunden Tausende Fans mit offenkundiger Schnappatmung die News über die Wiedervereinigung, in der die Band verkündete, man habe das Gefühl gehabt, „dass das nach 35 Jahren Spaß machen könnte.“

❤️ #abbaofficial #abba

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Reunion? ABBA ja doch!

Eine Reunion der Supergroup nach so langer Zeit schien lange aussichtslos. Die Band hatte wiederholt betont, keine derartigen Pläne zu haben. Selbst einem angeblichen Angebot von einer Milliarde Dollar für eine Tour erteilten die vier Schweden eine Absage. Bjorn Ulvaeus hatte dem Billboard-Magazin 2014 noch mit unverhohlener Süffisanz mitgeteilt, man habe keine Geldprobleme, falls die Leute dies annähmen. Die Trennung sei besiegelt.


Hört euch hier einen Vorgeschmack unseres ABBA-Best-Of an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Nun ist die Fallhöhe für Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad natürlich gewaltig und die Erwartungen an das neue Album groß.

Aber was macht ABBA eigentlich so außergewöhnlich und einflussreich für die Geschichte der Popmusik?

Alles begann mit einer echten Überraschung. Vier außerhalb Schwedens unbekannte Künstler gewannen im Jahr 1974 den Eurovision Song Contest. Das erste Mal ging die Auszeichnung an das skandinavische Land, bis dato ein blinder Fleck auf der Landkarte der Popmusik. Der ESC fand damals in Großbritannien statt, ein Land mit ausgeprägter musikalischer Infrastruktur und die Produzenten rissen sich sofort um den vielversprechenden Nachwuchs.



Der Erfolg des Quartetts war in seiner Dimension zwar überraschend, kam aber nicht aus dem Nichts. Hier trafen vier Profis aufeinander und alle hatten bereits in Schweden Karriere als professionelle Musiker gemacht. Andersson schrieb Hits für die „Schwedischen Beatles“ die Hep Stars, Ulvaeus feierte mit seiner Band Hootenanny Singers Erfolge, Fältskog trat bereits als Teenager mit Schnulznummern im TV auf und auch Lyngstad war kein unbekannter Name.

Disko-Kult und Aerobic-Kultur

Für die große Bühne wechselten die vier Musiker von der schwedischen Sprache ins Englische, was den internationalen Erfolg überhaupt erst möglich machte. Weiter ließe sich darüber spekulieren, wie sich die aufkommende Aerobic-Kultur mit dem Disko-Kult und damit auch der Musik von ABBA zusammendenken lässt, schließlich schrieben die Schweden die perfekten Nummern für das Fitnessstudio: Schnell, extrem rhythmisch, mit positiver Message.



Während die Fans ABBA für ihre Popsongs voller Leichtigkeit und Lebensfreude feierten, liebte die Klatschpresse die spezielle Verbandelung der Gruppe: Zwei verheiratete Paare, Fältskog und Ulvaeus sowie Lyngstad und Andersson. Die größeren Zeitungen dagegen reagierte verhalten auf die musikalische Sensation.

Perfektionisten auf der Bühne und im Studio

An der Musik kann es nicht gelegen haben, ABBA leisteten sowohl in ihren Performances als auch im Studio hervorragende Arbeit. Während Fältskog und Lyngstad sangen, schrieben und komponierten Andersson und Ulvaeus vor allem die Songs. Durch ihr gewissenhaftes Arbeiten im Studio erwarben die Künstler sich schnell einen Ruf als Perfektionisten.

Möglicherweise rührte das Misstrauen in den Kultursparten der Zeitungen von dem außergewöhnlich und globalen Erfolg der Band. Es waren die 70er und die Gräben zwischen Hoch- und Populär-Kultur noch tief.



ABBA scheuten sich nicht davor, Stil, Rhythmen und Melodien aus Volksmusik und Schlager zu importieren. Gleichzeitig mischten sie unendlich viele Einflüsse: Rock’n’Roll mit Disko, klassische Chor-Arrangements mit Anleihen aus Flamenco, lateinamerikanischen Rhythmen, Reggae, französischem Chanson, Motown und elektronischer Tanzmusik. Scheinbar mühelos entstanden aus dieser Melange die schönsten Pophymnen und Tanznummern, und sie waren stets als ABBA-Songs erkennbar. Trotz des easy breezy Gefühls, das viele Stücke verbreiteten, durchstreifte sie ein Hauch Melancholie in Ton und Text.

Vielleicht ist es gerade diese Melancholie, die ABBA auch zu Ikonen der LGBTIQ*-Community machte. Wer von der Gesellschaft immer noch dazu genötigt wird, seine Identität zu verstecken, zu dem- oder derjenigen mag ein eher ästhetisiertes Leiden sprechen und ein Begehren, das sich nicht festlegen muss.



Ihr Biograf Carl Magnus Palm schreibt, das große Alleinstellungsmerkmal von ABBA sei es gewesen, den beliebten aber wenig hippen schwedischen Schlager – Soundtrack zahlloser Campingurlaube, Kabarett-Abende und Dorf-Tanzveranstaltungen – als Grundlage für neue Popmusik zu nutzen. „Sie wuchsen damit auf und liebten diese Musik“, so Palm. Aber sie wollten auch ein ganz neues Phänomen in der Popmusik sein und waren durch Bands wie die Beatles und Beach Boys geprägt.

Der Schlager diente ihnen als Grundlage, um dann mithilfe der neuesten Produktionstechnik – mit Double-Tracking der Instrumente und Stimmen – ein bombastisches Klangerlebnis zu erzeugen. ABBA schrieben nicht nur bessere Songs und traten selbstbewusster auf als andere. Sie arbeiteten detailverliebt und gewissenhaft im Studio, begleitet und unterstützt durch ihren amerikanischen Produzenten Phil Spector. All diese Faktoren sorgten für den kometenhaften Aufstieg der Band. „Sowas wie ABBA hatte man einfach noch nie gehört“, schreibt Palm.



ABBA-Songs waren unverkennbar

Die These ist gewagt, aber wäre Theodor W. Adorno in den 70ern noch am Leben gewesen, hätte selbst er sich spätestens bei Mamma Mia oder Lay All Your Love On Me einen heftigen Ohrwurm eingefangen. Bye bye Zwölftonmusik, hello Dancing Queen (Gut, mit der Oberschnulze I Have A Dream hätten Agnetha und Co. ihn auch wieder über alle Berge gejagt!).

Ohrwurm ist am Ende das Stichwort, das alle anderen Gründe für ABBAs gigantischen Erfolg überflügelt: Die Dichte der catchy tunes auf den acht Alben, die zwischen 1973 und 1981 erschienen, liegt bei etwa 95 Prozent, mit leicht absteigender Tendenz auf den älteren Alben, auf denen ABBA das Auseinanderbrechen ihrer Liebesbeziehungen verarbeiteten und die Melodien getragener wurden.

Der Eingängigkeit ihrer Songs ist es wohl auch geschuldet, dass ABBA eine der meistgecoverten Bands überhaupt ist. Zahllose Künstler zählen sie zu ihren Einflüssen, von Ariana Grande über Britney Spears zu Madonna, von den Backstreet Boys über Ace of Base zu Pink, Kelly Clarkson und Katy Perry.



Fortsetzung „Mamma Mia! Here We Go Again“

35 Jahre ist die Auflösung der Band nun her. Und 2018 wird in mehrfacher Hinsicht ein ABBA-Jahr. Erst im Dezember ist die Veröffentlichung zweier neuer Songs angekündigt. Von einem ist bekannt, dass er „I’ll Still Have Faith In You“ heißen wird. Außerdem will die Band bei ihrer Tour als Hologramme ihrer selbst auftreten. Die vier Mitsiebziger wollen demnach nicht live auf der Bühne stehen, sondern künstlich verjüngte Avatare performen lassen. Man darf gespannt sein auf dieses Experiment im Zeitalter der Debatten über Künstliche Intelligenz.

Für alle, die sich bis Dezember extrem verzehren, schafft eine Fortsetzung des verfilmten Musical-Hits Mamma Mia Abhilfe. Der Trailer zu Mamma Mia! Here We Go Again macht schon mal extrem gute Laune.



Offenbar handelt die Fortsetzung des beliebten Films von Donnas (Meryl Streep) Jugendjahren und davon, wie sie als junge Frau ihre Tochter alleine großzog. Ihre drei Männer (Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgård) kommen natürlich ebenfalls vor. Aufhänger der Geschichte ist die Schwangerschaft von Donnas Tochter Sophie (Amanda Seyfried). Natürlich wird viel gesungen und Cher legt einen Gastauftritt als unerwünschter Party-Gast hin. Die Kostüme sehen so fantastisch aus, dass man sich augenblicklich eine Merch-Edition der goldenen Ganzkörperanzüge mit puffigen Flamencoärmeln wünscht.

Damit wäre die Kleiderfrage geklärt, um nächstes Jahr den vier Hologrammen auf Welttournee zuzujubeln.


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