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Popkultur

Kopfüber in den Koksberg: Wie Giorgio Moroder für „Scarface“ Disco und Rock kreuzte

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Al Pacino
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Der Synthesizer jault auf, der Discobeat schaltet den Turbo ein und Sänger Paul Engemann skandiert das Motto der HöherSchnellerWeiter-Dekade: Push It To The Limit eröffnet Giorgio Moroders gnadenlos guten Synth-Rock-Soundtrack zum Gangsterfilm-Klassiker Scarface.

von Michael Döringer

Goldkettchen und Geldkoffer

Was genau sollen wir ans Limit treiben? Das Gaspedal? Die Lautstärke? Den Profit, den Preis, den geilen Geschmack? Alles, das ganze Leben.  Das schwingt alles mit in diesen Songs und dem Film. Man sieht die Szenen vor dem inneren Auge vorbeiziehen und wähnt sich irgendwo in Florida auf einer Yacht oder einem Speedboat. Leinenanzug, Goldkettchen, Geldkoffer. Die Assoziationskette ist endlos. Dass Brian De Palmas Gangster-Epos Scarface aus dem Jahr 1983 mit Al Pacino ästhetisch immer noch überzeugt, liegt nicht zuletzt an Giorgio Moroders perfektem Soundtrack.

Der König der Achtziger-Soundtracks

Natürlich gab es auch vor den 80er-Jahren gute Soundtracks und Songs, die sich mit den jeweiligen Filmszenen ins kulturelle Gedächtnis einbrannten. Easy Rider und Born To Be Wild etwa oder Simon & Garfunkels Mrs. Robinson aus Die Reifeprüfung. Aber erst in den Achtzigern wurde der konzeptuelle Soundtrack zu einem selbstverständlichen Kunstwerk für sich. Der König der 80s-Soundtracks ist ohne Frage Giorgio Moroder. Der Südtiroler Produzent hatte schon im Jahrzehnt zuvor mit Donna Summer das Disco-Genre revolutioniert bzw. die moderne Dance Music erfunden. In den Achtzigern nutzte er sein Produktions-Know-How und seine Fertigkeiten an den Synthesizern und fokussierte sich auf Pop-Hits und Soundtracks: Top Gun, Flashdance und die dazugehörigen Songs stehen heute sinnbildlich für die Popkultur des ganzen Jahrzehnts.

Kopfüber in den Koksberg

Take My Breath Away oder What A Feeling sind vielleicht die größten Hits, die Moroder in diesem Zusammenhang schuf. Doch sein Meisterstück in Sachen Soundtrack war die Musik zu Scarface. Al Pacino als Tony Montana, aus Kuba in die Clubs von Miami und kopfüber in den Kokainberg. Hier trifft Mafiosi-Material à la Der Pate auf Neonlichter, Art déco und Miami Vice. Wer hätte dieses Setting besser vertonen können als der Münchner Disco-Don? Zusammen mit Künstler*innen wie Debbie Harry am Mikrofon schneiderte er dem Film seine Songs auf den Leib.

Got the Yeyo?

Direkt auf Push It To The Limit folgt das nächste Highlight: Rush Rush von Debbie Harry, eine funky Kokainhymne, die natürlich von der Thematik des Films inspiriert war, aber auch nicht wirklich fiktiv war für alle Beteiligten. „Rush rush, give me yay yo / Buzz buzz got the yay yo?“, singt sie im Refrain. Yay Yo oder Yeyo meint das spanische Wort „Lleollo“, einen Slangausdruck für Koks. Der Song war die erste Solosingle von Harry, nachdem sich Blondie im Jahr 1982 aufgelöst hatten. Aber es war bereits die zweite Zusammenarbeit von Moroder und der Sängerin, denn er war schon für Blondies Nummer-eins-Hit Call Me aus der Jahr 1980 verantwortlich. Die beiden hätten ruhig noch ein paar mal öfter miteinander ins Studio gehen können.

Roland-Rock

Zwei weitere Dancefloor-Hits in diesem Stil sind Turn Out The Light und She’s On Fire, beide gesungen von Amy Holland. High-Energy-Discopop mit Melodien und Vocals ganz nah am Kitsch, aber im Gesamtpaket von Scarface genau richtig. Cooler Camp, der zu all den verrückten Figuren passt. Alles ist hier over the top in diesem überspitzen Zeitgeist-Porträt. Moroder eifert mit seinen Synthesizern (vor allem dem Roland Jupiter-8 und dem Yamaha CS-80) zeitgenössischem Hardrock nach und gibt ihnen die ganze Theatralik von Soul und Disco mit.

Moroder gilt durch seine Einführung des Loops in die Disco-Hits von Donna Summer (I Feel Love und Love To Love You Baby) als der Godfather der modernen Dance Music. Jetzt ging er noch einen Schritt weiter in der Entwicklung von Disco und schuf einen poppigen Synth-Rock. Das macht Moroder wiederum zu einem riesigen Einfluss auf Acts wie Daft Punk in den 1990er-Jahren. Auch sie pflegten einen unerschrockenen Crossover-Stil. Nicht umsonst bezeichnen manche Daft Punk als die AC/DC des Elektro – ein Vergleich, den man so oder so werten kann.

Zwischen Oper und Hip-Hop

Neben den ganzen Partyhits gibt es zwei instrumentale Stücke auf dem Soundtrack, eines davon ist der Main Theme bzw. Tony’s Theme. Das synthetisch-orchestrale Stück ist angelehnt an den dritten Akt von Henry Purcells Oper King Arthur und soll natürlich auch für einen ähnlich epochalen Signature-Sound sorgen wie die klassische Titelmelodie von Der Pate. Das hat funktioniert: Tony’s Theme taucht wie viele andere Songs des Soundtracks in zahlreichen Hip-Hop-Klassikern als Sample auf.

Tony Montana, Gott aller Gangster

Scarface ist noch viel mehr als Der Pate die Blaupause für die typischen From-Rags-To-Riches-Storys, die im Rap seit den späten 1980ern dominieren. Jeder kleine Dealer stilisiert sich zum nächsten Tony Montana. In Der Pate steht Al Pacino als junger Corleone ganz im Dienste und in der Tradition der Familie. Tony Montana ist dagegen ein egoistischer Aufsteiger und skrupelloser Drogenbaron, der keinerlei moralische Bedenken oder Verpflichtungen hat. Er nimmt sich, was er will. Bis heute ist Tony Montana die Referenzgröße für Gangsterrapper und alle, die es gerne wären. Grüße an Farid Bang und Kollegah.

Längst aus der Mode gekommen?

Brian De Palmas Klassiker wird regelmäßig gehuldigt. Auch wenn Scarface bei Erscheinen nur mäßig erfolgreich war, hat sich seine Brillanz mittlerweile überall herumgesprochen. Für Moroders Soundtrack gilt das nicht unbedingt. Die Kolleg*innen vom deutschen Rolling Stone schrieben etwa zum 35-jährigen Jubiläum des Films: „Komponist Giorgio Moroder spielt dazu seine damals schon längst aus der Mode gekommene Disco-Musik. Die klingt affektiert, passt aber zum Protz des Tony Montana.“ Das ist natürlich totaler Quatsch. Aus der Mode gekommen ist höchstens die Plattensammlung des RS-Autors. Moroder Songs waren wie immer visionär. Rush Rush von Debbie Harry könnte man ohne die Vocals und mit ein bisschen weniger Gitarren glatt mit einem House-Track aus den 90ern verwechseln, oder gar einem modernen Stück von Kraftwerk. Apropos Mode und Affektiertheit: Genau darum ging es doch in den 80ern, oder nicht?

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