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Popkultur

Seht hier die Kurzdoku „Iggy Pop – The Passenger“

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IGGY POP
Foto: Christian Alminana/Getty Images

Iggy Pop. Der Godfather of Punk. Der Mann aus Draht. Ein Meter einundsiebzig sehnige Anarchie, seit über 50 Jahren eine unkaputtbare Konstante, ein Leuchtturm der abseitigen Rockmusik. Obwohl ihm nie besonders großer kommerzieller Erfolg vergönnt war, wird sein Einfluss von wenigen übertroffen. Er gilt als Architekt des Punk, als Wegbereiter einer ganzen Armada von Ikonen. Bands wie The Smiths, Nirvana oder Joy Division wären ohne ihn schlicht nicht vorstellbar.

In den späten Sechzigern wird Iggy Pop von der Rockmusik gepackt: ein Konzert der Doors lässt in ihm den Wunsch keimen, auch so ein Rockstar zu werden wie Jim Morrison. Das wird er. Erst als Frontmann der Proto-Punk-Pioniere The Stooges, ab Mitte der Siebziger als Solitär, immer wieder an der Seite von anderen legendären Musiker*innen.

Die Drogen bringen ihn mehrmals fast um, seine unberechenbare Bühnenshow wird schnell zu seinem wüsten Markenzeichen. Manche sagen sogar, er habe das Stagediven erfunden. Mit David Bowie versinkt er in den Siebzigern in Berlins Schatten und schenkt der Stadt ihren bis heute prägendsten Soundtrack, auch die Achtziger und Neunziger übersteht er. Mit Josh Homme von den Queens Of The Stone Age revitalisiert er schließlich 2016 seine Karriere.

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der das Leben bis auf den letzten Tropfen auswringt.

Seht hier unsere Kurzdoku über Elton John (Textversion weiter unten):

Die Anfänge des Iggy Pop

Wie nähert man sich einem Künstler, der größer scheint als das Leben selbst? Der personifizierte Popkultur ist, ein wandelndes Bestiarum des Rock’n’Roll? Vielleicht über dieses eine Zitat: „Music is life. And life is not a business.“ Iggy Pop ist nicht des Geldes wegen dabei. Er ist dabei, weil er nicht anders kann. Ein Getriebener, ein Advokat des Lärms, ein Punk-Schamane. Ein lebendes Stück Rock’n’Roll-Mythos, drahtig, oben ohne, unangepasst.

Am 21. April 1947 kommt er als James Newell Osterberg Jr. in der Fischerstadt Muskegon am Lake Michigan zur Welt. Die Mutter war früher Englischlehrerin, der Vater ist Baseball-Trainer. Sie leben in einem Trailerpark und erziehen ihren Sohn zu einem braven, normalen Teenager, der weder raucht noch trinkt oder Drogen nimmt.

In der fünften Klasse drischt er erstmals auf ein Schlagzeug ein, wird früh von den Eltern gefördert. Er bekommt sogar ihr Schlafzimmer, weil es das einzige Zimmer in ihrem Trailer ist, in das sein Drumkit passt. Die Hingabe der Eltern zahlt sich aus: Erst spielt der junge Osterberg in High-School-Bands wie den Iguanas, dann heuert er bei den Bluesern von The Prime Movers an. Die nennen ihn von Anfang an Iggy – wegen seiner Zeit bei den Iguanas. Die Band entfacht sein Interesse an Politik, Kunst und Avantgarde, bis heute drei Grundpfeiler seines Schaffens.

The Stooges – die Erfindung des Punk

Osterberg verfällt dem Blues, verlässt seine Heimatstadt deswegen in Richtung Chicago. Mit Dave Alexander und den Brüdern Ron und Scott Asheton gründet er dort 1967 The Psychedelic Stooges – getrieben von seinen Vorbildern MC5 und The Doors. Seinen drei neuen Kollegen verdankt er seinen Nachnamen Pop, in Anlehnung an eine lokale Berühmtheit mit diesem Namen. Ihr erster Auftritt findet standesgemäß an Halloween statt, bald nennen sie sich nur noch The Stooges.

So wirklich wissen die vier jungen Herren auf einer Bühne aber noch nichts mit sich anzufangen. Zwei Schlüsselerlebnisse ihres Frontmanns Iggy Pop ändern das nachhaltig und radikal: Das erste ist der Besuch eines The-Doors-Konzerts an der Universität von Michigan und insbesondere das Auftreten von Jim Morrison; als nicht weniger wichtig erweist sich aber auch ein Konzert der All-Girl-Band The Untouchable in New York.

Die frühen Auftritte der Stooges sind von hypnotisierender, avantgardistischer Schwere. Bei den Aufnahmen experimentiert Iggy Pop mit Staubsaugern und Mixern. Ihre ersten beiden Alben, The Stooges und Fun House, sind kommerziell unauffällig. Von ihren Live-Shows kann man das nicht behaupten: Die Band erarbeitet sich einen notorischen Ruf, Iggy Pop wächst schnell in die Rolle des wahnsinnigen Priesters. Er schmiert sich mit Fleisch und Erdnussbutter ein, ritzt sich mit Glasscherben, zieht vor dem Publikum blank und macht das Stagediven populär.

1973 erscheint das dritte Album Raw Power. Es ist das erste gemeinschaftliche Projekt von Iggy Pop und David Bowie, die sich kurz zuvor angefreundet hatten. Bowie produziert das Album, das bis heute als einflussreichste Stooges-Platte und als Herold des Punk gilt. Zugleich ist es der Schwanengesang für die Stooges. Am 9. Februar 1974 geht die Band in Michigan zum letzten Mal auf die Bühne. Das Konzert endet standesgemäß: In einer wüsten Prügelei mit Bikern.

Bowie & Pop – Die Berlin-Jahre

Iggy Pops Drogenkonsum ist da bereits außer Kontrolle geraten. Um vom Heroin loszukommen, zieht er 1976 mit Bowie nach West-Berlin, genauer gesagt in die Hauptstraße 155 in Schöneberg.  Aus popkultureller Sicht haben wir es hier mit dem wahrscheinlich bedeutendsten Umzug aller Zeiten zu tun. „Mit Bowie und seinen Freunden unter einem Dach zu wohnen, war interessant“, äußerte sich Pop mal. „Der Höhepunkt der Woche war Donnerstagabend. Jeder, der noch am Leben war und zum Sofa krabbeln konnte schaute ‚Starsky & Hutch’.“

Die Berlin-Jahre sind für beide Künstler prägend und wichtig. Gemeinsam mit Bowie erschafft Pop hier seine beiden einflussreichsten Solo-Werke The Idiot und Lust For Life. Sie leben, sie arbeiten, sie gehen aus, sie schreiben Songs zusammen – darunter auch China Girl, das beide veröffentlichen werden.

Das Album Lust For Life verpasst nur knapp die Top 20 der UK Album Charts. Der gleichnamige Albumtrack sowie sein Song The Passenger werden Begleiter auf Lebenszeit: Immer wieder werden Werbespots, Kinofilme und Jahres-Best-Of-Listen die Iggy Pop Klassiker ins Bewusstsein einer neuen Öffentlichkeit katapultieren.

Doch zurück in die späten 1970er: Wirklich gut geht das Zusammenleben in der Sieben-Zimmer-Wohnung natürlich nicht. Pop futtert zu oft Bowies Kühlschrank leer, der schmeißt ihn kurzerhand raus. Reumütig zieht Pop ins Hinterhaus, befreundet bleiben die beiden dennoch.

Wie sein Drogenkonsum, bewegt sich auch seine Karriere in Wellen. Mit Soldier und Party kassiert er zu Beginn der Achtziger zwei heftige Flops, wird von seinem damaligen Label Arista vor die Tür gesetzt. Warum Iggy Pop zu diesem Zeitpunkt noch kein Superstar ist, der in Geld schwimmt, wundert auch Andy Warhol. „Ich weiß nicht, warum er nie den Durchbruch geschafft hat“, schreibt der im Vorwort zu Pops erster Biografie I Need More. „Er ist doch so gut.“

Zwischen den Generationen

Die Achtziger übersteht Iggy Pop nur mit Ach und Krach: Mit finanzieller Unterstützung von David Bowie gönnt er sich eine Pause, um endgültig clean zu werden, nimmt Schauspielunterricht, ist aber auch weiterhin in zahlreichen Projekten involviert. Brick By Brick, sein neuntes Album, beschert ihm 1990 mit Candy dann seinen ersten Top-40-Hit in den USA.

Die erste Hälfte der Neunziger widmet er sich dann zahlreichen Soundtrack-Arbeiten für Filme wie Arizona Dream oder schauspielerischen Auftritten in Filmen wie Jim Jarmuschs Dead Man bevor sein Song Lust For Life von 1977 durch den Kultfilm Trainspotting von einer komplett neuen Generation entdeckt wird.

Pop-Ikone Iggy

Das neue Jahrtausend bringt uns einen Iggy Pop, der mehr denn je auf Kollaborationen setzt. Sein Album Skull Ring nimmt er 2003 mit Green Day und Peaches auf, bei Madonnas Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame 2008 covert er mit den wiedervereinten Stooges auf ziemlich unvergessliche Weise ihren Song Ray Of Light. Er versucht sich im Jazz, gastiert auf Slashs erstem Soloalbum, setzt sich bei PETA für mehr Tierwohl ein. Längst macht Iggy Pop das, worauf er Lust hat.

2010 zieht er als Teil der Stooges in die Rock and Roll Hall of Fame ein. Noch im selben Jahr verkündet er traurig, das Stagediven aufzugeben. Seine Rastlosigkeit und sein Drang, sich neu zu erfinden leiden darunter nicht: 2016 liefert er gemeinsam mit Josh Homme von den Queens of the Stone Age sein vielleicht bestes Album Post Pop Depression – ein besessenes und bewegendes Werk über Tod, Sex und das, was von uns bleibt.

Bei den Grammys erhält er 2020 den Preis für sein Lebenswerk – überfällig, wie viele finden. Denn Iggy Pop ist längst Rock’n’Roll-Mythos. Er hat das Rollenbild des Punk geschaffen und geprägt wie kein anderer und ist der Vorreiter vieler großer Legenden der Rockmusik. Er ist Künstler wider Willen und selbst durch und durch Kunst. Was Iggy Pop tut und sagt, hat Gewicht. Er ist Kult. Auch wenn ihn selbst das nie interessiert hat. Er bleibt für immer unbestechlich und frei. „Music is life. And life is not a business.“

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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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