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Popkultur

So war’s: The Rolling Stones live in Hamburg

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Die Sonne scheint. Unglaublich. Nach tagelangem Dauerregen gleicht die große Festwiese im Stadtpark mehr einer Moorlandschaft als dem Ort einer Art heiligen Messe. Die Ankunft der Unsterblichen im Reich der Normalsterblichen droht also ganz weltlich ins Wasser zu fallen. Schietwetter eben. Hamburg halt. Doch dann, kurz bevor die Götter vom Rockolymp steigen, zeigt der Himmel ein wenig Ehrfurcht und bricht auf. Der Sonnenuntergang ist herrlich. Die Rolling Stones bitten zur Audienz.

Halleluja!


Wir haben die Setlist des Rolling Stones Konzerts Song für Song als Playlist nachgebaut – jetzt hier anhören, während du den Artikel liest:


Selbst Historiker streiten darüber, seit wann der unverwüstlichsten Live-Band bereits das Ende prophezeit wird. Die Abschiedstouren sind ja längst noch schwerer zu zählen als die Falten im Gesicht von Keith Richards. Doch jetzt steht er mit Mick Jagger, Charlie Watts, Ron Wood und einem halben Dutzend virtuoser Begleitmusiker auf der gewaltigsten Bühne Hamburgs, und eigentlich ist beim Deutschlandauftakt der europaweiten Tour namens „No Filter“ alles wie immer. Also grandios. Und zwar buchstäblich. Rund 80.000 Menschen sind ins grüne Herz der Hansestadt gepilgert, um die Steine endlich mal oder wieder und wieder und wieder rollen zu sehen. Sie haben dafür den Gegenwert eines Kurzurlaubs mit der Kleinfamilie bezahlt oder zumindest zweier Wocheneinkäufe im Bioloaden und schon die bloße Zahl der Sprachen und Dialekte im Publikum zeugt davon, dass vielfach noch einiges an Transferkosten hinzukommt. Aber bitte, rund 80.000 Menschen pilgern auch alle zwei Wochen aus aller Welt in die Fußballstadien von Dortmund oder Schalke und zahlen für ein mystisch aufgeladenes Erweckungserlebnis Höchstpreise.

LONDON, ENGLAND - JULY 06: (L-R) Charlie Watts, Mick Jagger and Keith Richards of The Rolling Stones performs live on stage during day two of British Summer Time Hyde Park presented by Barclaycard at Hyde Park on July 6, 2013 in London, England. (Photo by Simone Joyner/Getty Images)


Nur: dort weiß niemand ganz genau, was man denn kriegt für sein Geld. Hier weiß es jeder ganz genau. Nach dem zeitgenössisch aufgemotzten, aber nostalgischen Bluesrock der jungen Vorgruppe Kaleo aus Island nämlich knallen die Rolling Stones auf die Sekunde pünktlich um halb neun das Original aus den Boxenbergen in Kirchturmhöhe. „Sympathy for the Devil“ heißt der Opener. Und ohne Zeitverzug gerät die Menge so kollektiv ins Wogen, dass es selbst in der Komfortzone vorm Bühnenrand niemanden auf dem Klappstuhl hält. Das liegt natürlich am Track, den nicht wenige zum besten der Rockgeschichte erklären. Es hat gewiss auch mit dem herausragenden Sound zu tun, den ein Heer der besten Tontechniker bis auf die gut besuchte Picknickwiese vorm Eingangsbereich trägt. Und weil vier riesige LED-Wände das Ganze auch visuell bis zum hintersten Sitzplatz der zwölf Tribünen tragen, sorgen die vier Hauptründe der Völkerwanderung auch in 100 Metern unverzüglich für Verzückung.

Denn Mick Jagger springt von Minute eins an über die Bretter als sei er nicht 74, sondern – nun ja, ein ganzes Stück jünger. 293 Lenze bringt das Quartett 56 Jahre, nachdem sich das Gründungsduo auf einem englischen Bahnhof begegnet ist, on stage. Und wenn der Sänger ein Rock’n’Roller-Leben später in discoesker Glitzerjacke auf Deutsch brüllt, „es ist super, nach zehn Jahren wieder in Hamburg zu sein“, erweckt er nicht den Eindruck, zwischendurch spürbar gealtert zu sein.


Gut, das ist er natürlich schon, sie alle sind es. Weder Mick Jaggers Bewegungsdrang noch Ron Woods Strass-Sneaker, weder Keith Richards Coolness noch Charlie Watts Athletik können wirklich darüber hinwegtäuschen, dass die verbliebenen Langzeitmitglieder keine 40, 50, 60, ja bis auf Wood gar 70 mehr sind. Aber genau das ist nicht nur herzlich egal, sondern eines der Erfolgsgeheimnisse. Die Rolling Stones sind schließlich keinesfalls nur durch ihr Repertoire zu den Gottvätern im Rockolymp geworden. Schon als ihr selbstbetiteltes Debütalbum 1965 für den US-Markt in „England’s Newest Hit Makers“ umgetauft wurde, orientierte sich ihr Sound zu sehr am klassischen Blues, um dem innovativen Beat jener Jahre etwas grundlegend Neues, gar Revolutionäres hinzuzufügen. Nein, das Unvergleichliche der Rolling Stones zeigt sich bereits Sekunden nach dem Anpfiff auch im kühlen Hamburg wie eh und je. Es ist die unzerstörbare Innbrunst, mit der sie weit jenseits des Renteneintrittsalter ins Rampenlicht treten, besser: springen.

Sobald Mick, Keith, Ron und Charly die Massen, ihre Massen sehen, blühen sie spürbar auf. Gerade in der jüngeren Vergangenheit ist die Bühne weit mehr ihr Revier als das Studio. Wenn sie sich an diesem lauen Spätsommerabend also von „It’s Only Rock’n’Roll“ über „Out of Control“ bis „Under My Thumb“ durch ihre Hits wühlen, mag das für Spätgeborene ein bisschen zu klassisch klingen, um modern zu sein. Aber keiner der Stones erweckt je den Eindruck, aus irgendeiner Form von Pflichterfüllung zweieinhalb Stunden Vollgas zu geben.

INDIANAPOLIS, IN - JUL 04: Ronnie Wood of the Rolling Stones performs at the Indianapolis Motor Speedway on July 4, 2015 in Indianapolis, Indiana. (Photo by Michael Hickey/Getty Images)


Selbst „a couple of coversongs“, wie Mick Jagger zwei Stücke der jüngsten Platte ankündigt, mit der die Band mit antiquiertem Oldschool Blues ihren Vorbildern huldigt, schaffen es, das Publikum tief zu bewegen. Und das ist schlichtweg ein Rätsel, um nicht zu sagen: Wunder. Es wird ja gern gelästert über verwaschene Band-Shirts, die sich bei derlei Gigs bedenklich über Männerbäuchen spannen. Auch in Hamburg spannt – abgesehen von den drahtigen Hauptdarstellern auf der 1600-Quadratmeter-Bühne – so einiges. Aber das geht unter im Querschnitt einer Masse, die wirklich alle Bevölkerungsgruppen umfasst.

Eingefleischte Fans etwa wie den früheren Hells Angel Teja, der auf seinem 23. Stones-Konzert seit 1965 augenzwinkernd einräumt, nach seinem ersten in Schweden regelmäßig Beatles-Fans verdroschen zu haben, „diese Weicheier“. Oder Neulinge wie die Mittvierzigerin Uli, die sich den Schmerz der Beerdigung einer Freundin am Morgen weg tanzt. Und ein paar Stehplatzmeter Richtung des heillos überlasteten Bierstands erzählen Jonathan, Thea, Richard aus Köln, wie sie sich als Teenager vor drei Jahren auf der Berliner Waldbühne geschworen haben, hierzulande kein Konzert der Stones mehr zu verpassen. Und das, obwohl die Playlist seit Ewigkeiten allenfalls in Nuancen variiert? „Nicht obwohl“, entgegnet Thea lachend, fügt „genau deshalb!“ hinzu und schreit spitz auf, als die ersten Akkorde des uralten Evergreens „You Can’t Always Get What You Want“ über den Stehplatzbereich rauschen.


1969, der Song schoss damals gerade weltweit die Hitparaden empor, war selbst Theas Vater wohl nicht geboren. Fast 40 Jahre nun später verliert dessen Tochter allenfalls bei Keith Richards krächzendem Gesang eines eher unbekannten Solostücks kurz an jugendlicher Begeisterung. Die Fans wollen Hits, Hits, Hits. Und die Stones liefern. Von seltener gespielten Balladen wie „Play With Fire“ übers traurige Tour-Inventar „Paint It Black“ bis hin zum heiteren Dauerbrenner „Honky Tonk Women“ wirkt die Auswahl angesichts der schieren Masse zwar naturgemäß selektiv. Aber „Brown Sugar“ ist natürlich dennoch dabei und wird entsprechend bejubelt. Und gegen Ende liefert das hymnisch gedehnte „Gimme Shelter“ zur Diashow sozialer Bewegungen aus sechs Jahrzehnten sogar Gesellschaftspolitik im selbstreferenziellen Spaßbetrieb Bluesrock.

Wer den Stones staunend dabei zusieht, wie sie während „Satisfaction“ gut gelaunt, ja ausgelassen miteinander flachsen, der mag kaum glauben, wie oft sie die häufig missverstandene Konsumkritik schon gespielt haben. Tausendmal? Millionenfach? Egal! Die drei Veteranen vorm Schlagzeug wirken hingebungsvoll konzentriert als erlebe es hier die Premiere. Und als „Jumpin Jack Flash“ den Gig wenig später mit der zweiten Zugabe beendet, lächelt in seinem weißen Oberhemd überm durchgedrückten Rückgrat hinterm Schlagzeug sogar der Stoiker Charlie Watts. Vier Freunde auf gefühlter Abschiedstour, die wohl doch wieder keine sein wird: so und nicht anders haben es sich die 80.000 Jünger erhofft, so und nicht anders werden sie von ihren Göttern beschenkt. Und was immer Mick Jagger in zehn Jahren von der Bühne in Hamburg rufen wird – aller Voraussicht nach ist er auch 2027 ohne Unterhautfettgewebe, aber voller Lust am Live-Erlebnis.

LONDON - AUGUST 20: The Rolling Stones members Keith Richards and Ron Wood (L) perform on stage at Twickenham Stadium August 20, 2006 in London, England. (Photo by MJ Kim/Getty Images)


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Popkultur

Eine Nacht im Bordell: Die lieblose Hochzeit von Ike und Tina Turner

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Ike & Tina Turner
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Ehe von Ike und Tina Turner war durch zahlreiche Tiefpunkte geprägt. Aggression, körperliche Gewalt, Betrug: Von süßem Eheleben kann wohl kaum die Rede sein. Doch wie kam es eigentlich zu der Hochzeit? Und was zur Hölle dachte sich Ike, als er Tina in der Hochzeitsnacht in ein Bordell schleppte?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Ike & Tina Turner anhören:

Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten gehört Tina Turner zu den erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. Ike Turner hat im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere keine 100 Millionen Platten verkauft. Stattdessen war er kokainsüchtig und hat Tina verprügelt. Dass die beiden unter diesen Umständen ein Paar waren, ist kaum zu glauben. Am 26. November 1962 gaben sich Ike und Tina sogar das Ja-Wort und heirateten. Es war der unschöne Beginn einer unschönen Ehe, die trotz aller Schwierigkeiten 14 Jahre andauerte. Doch wie kam es dazu? Wie sah der Hochzeitstag aus und wie gestaltete sich die Zeit als Ehepaar? Ein Rückblick.

Ike und Tina Turners Hochzeit: Tina hat Angst, nein zu sagen

Als sich Ike und Tina kennenlernen, ist Tina gerade einmal 17 Jahre alt. Sie sieht ihn 1956 bei einem Auftritt seiner Band Kings Of Rhythm, später tritt auch sie der Gruppe bei. Schon bald geht das Duo unter dem Namen Ike And Tina Turner Revue auf Tour. Tina steht mit ihren energiegeladenen Auftritten im Zentrum der Show. Ikes Aggression und seinen Jähzorn lernt sie zu jener Zeit bereits kennen. Dennoch entwickelt sich der sieben Jahre ältere Musiker zu einer Art Mentor für Tina und die beiden landen gemeinsam ihre ersten Hits. Als Ike ihr einen Antrag macht, weiß Tina, dass eine Hochzeit nicht die beste Idee wäre — doch sie hat Angst, nein zu sagen.

Für die Hochzeit reisen Ike und Tina ins damals schon schmucklose Tijuana hinter der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. In dem Ort, der zu jener Zeit vor allem für seine günstigen Bordelle und Express-Hochzeiten bekannt ist, unterschreiben Ike und Tina einen Wisch in einem schmuddligen Hinterzimmer und sind fortan verheiratet. Kein „Ja, ich will“, keine Glückwünsche. Nur ein Stück Papier. „Ich hatte damals nicht viel Hochzeitserfahrung“, gibt Tina im Interview mit der britischen Daily Mail zu Protokoll. „Doch ich wusste, dass Hochzeiten irgendwie emotional und glücklich sein sollten.“ Ike hat allerdings andere Pläne für den Abend — und schleppt Tina in ein Bordell.

Eine Hochzeitsnacht im Bordell

„Man kann sich nicht vorstellen, was er für ein Mensch war“, erzählt Tina im Interview. „Ein Mann, der seine Frau gleich nach der Vermählung zu einer pornografischen Live-Sex-Show mitnimmt. Ich habe dort gesessen, ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und mich gefragt: ‚Findet er das wirklich gut? Wie kann er nur?’ Es war alles sehr hässlich. Der männliche Darsteller war unattraktiv und scheinbar impotent, und das Mädchen … Nun, sagen wir einfach, dass das Ganze eher gynäkologisch war, weniger erotisch. Ich habe mich elend gefühlt und war den Tränen nahe, aber es gab kein Entkommen. Wir sind nicht gegangen, bis Ike fertig war — und er hatte dort viel Spaß.“

Nach der Hochzeit redet sich Tina die Ehe schön. „Am nächsten Tag habe ich vor den Leuten geprahlt“, berichtet die Sängerin. „Ich habe gesagt: ‚Ratet mal, was passiert ist! Oh, Ike hat mich mit nach Tijuana genommen, wir haben gestern geheiratet!‘ Ich habe mir eingeredet, dass ich glücklich war, und für kurze Zeit war ich es auch. Für mich hatte der Gedanke, verheiratet zu sein, eine Bedeutung. Für Ike war es eine weitere Transaktion.“ Die Ehe des Paares ist von Ikes Gewaltausbrüchen und seiner Drogensucht überschattet. Ganze 14 Jahre geht es so, bevor Tina im Jahr 1976 die Scheidung einreicht. Seit 2013 ist sie mit Musikmanager Erwin Bach verheiratet und lebt in der Schweiz.

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Popkultur

15 Jahre Kapitulation: Tocotronics „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“

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Tocotronic
Foto: Jakubaszek/Getty Images

Mehr Musiktheater als Musik: Mit Kapitulation legen Tocotronic 2007 den zweiten Teil ihrer Berlin-Trilogie vor. Und zementieren ihren Ruf als magische Gitarrenvisionäre der Gesellschaftstheorie.

von Björn Springorum

hier könnt ihr euch Kapitulation anhören:

Nach dem Klassiker Pure Vernunft darf niemals siegen gönnen sich Tocotronic 2006 eine Pause von sich selbst. Seit dem Debüt Digital ist besser 1995 haben sie sieben Platten veröffentlicht, ein hohes Tempo, dazu Konzerte, Festivals in halb Europa und den USA. Urlaub steht dennoch nicht Agenda für die Propheten der Hamburger Schule: Sänger und Prediger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und der recht neue Gitarrist Rick McPhail vollenden Soloplatten, verwirklichen sich abseits der mittlerweile gefestigten Pfade von Deutschlands wichtigster Rockband.

Der ahnungsvolle Geist der Rockmusik

Diesen Ruf hat man sich mit viel harter Arbeit und unglaublicher Musik erarbeitet. Spätestens seit K.O.O.K. (1999) sind die Diskursrocker von der lauten, verzerrten Schrammelband zum ahnungsvollen Geist geworden, zu beschwörenden Gitarrenalchemisten, deren Musik eine tiefe Magie entströmt und deren Texte eher vergeistigte Mantren im Geiste eines Michel Focault sind, durchzogen von griffigen Slogans, die die Band auf zahlreiche Tattoos oder Jutebeutel gebracht hat.

2007 setzen sie im Studio Chez Chèrie in Berlin-Neukölln ihre mit Pure Vernunft darf niemals siegen begonnene Berlin-Trilogie fort – eine Hommage an David Bowie freilich, eine Verbeugung vor den ganz großen Denkern der Rockmusik. Zu denen zählen Tocotronic auch. Aus der einstigen Studi-Band mit Cordhose, Trainingsjacke und Seitenscheitel ist ein Phänomen geworden, ein gesellschaftliches Ereignis. Einige Jahrzehnte nach Ton, Steine, Scherben gibt es wieder eine deutsche Band, die weiß, wo die Wunden der Gesellschaft liegen, und zielgenau den Finger hineinlegt.

Musik gegen den Optimierungswahn

Tocotronic tun das auf Kapitulation indes keineswegs laut, markig oder aufbrausend. Konträr zur militärischen Symbolik in Albumtitel und vielen Texten nehmen die Musiker in wenigen Tagen ein Album gegen den Optimierungswahn unserer Zeit auf – live und in fiebrigen Sessions. Kapitulation als Ultima Ratio gegen Pragmatismus und Effizienz. „Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit“, wird die Zeit dazu sagen. Von Lowtzow konkretisiert das 2007 in einem Interview mit der taz: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass es einmal eine künstlerische Strategie gab, nichts zu tun. Und die möchten wir formulieren als Antithese zu diesem Leistungsimperativ, der neuerdings in dieser Gesellschaft herrscht. Das Unproduktive wird unterschätzt.“

Wie Herman Melvilles Bartleby sind auch Tocotronic im Müßiggang zuhause – bei aller gefühlten Effizienz ihrer vielen Alben und Touren mache man als Band anscheinend „nur ein Fünftel von dem, was andere machen.“ Das Mantra „Ich möchte lieber nicht“ geistert auch durch dieses Album, eine kurze griffige Geste der Entsagung. Musikalisch indes möchten sie. Und wie: Tocotronic verwandeln sich auf Kapitulation weiter in diese entrückte Rock-Band, der ein schwer fassbarer, beschwörender, kafkaesker Zauber innewohnt. Zwölf Songs, zwölf Indie-Schmuckkästchen, denen man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Zeitlos im besten Sinne ist das, was Tocotronic hier machen, längst in einer ganz eigenen Liga und nicht nur in Deutschland einzigartig. Das hypnotische Mein Ruin, der Befehl Verschwör dich gegen dich, die zarte Antithese zu glücklichen Pärchen-Eskapismus-Balladen, Harmonie ist eine Strategie oder der wüste Ausbruch Sag alles ab, der dann natürlich mit einer Extraportion Trotz als Single ausgekoppelt wird: Hier kann man einer der schlausten Bands Deutschlands in den Kopf schauen. Musik als Unterricht.

Immer noch Punk

Da ist der Wechsel vom dichtgemachten Hamburger Indie-Label L’Age D’Or zum Major Vertigo nur konsequent: Diese Band ist längst viel zu wichtig, um sie nicht größtmöglich zu inszenieren. Punks bleiben Tocotronic im Herzen dennoch. Sie zielen gegen das System, klinken sich aus aus den Erwartungshaltungen, die man an das Individuum stellt. Zudem möchte Vordenker und Texter von Lowtzow Kapitulation auch als „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“ verstanden wissen. Gejammer gibt es bei den Hamburgern nicht. Punk ist das schon eher. Wenn auch 2007 längst nicht mehr mit Tempo, Geschwindigkeit und Schrammeleien.

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Popkultur

45 Jahre „Slowhand“: Eric Claptons furioses Comeback nach Heldensturz und Heroin

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Eric Clapton
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wer ein Album mit einem Hattrick aus Cocaine, Wonderful Tonight und Lay Down Sally eröffnet, hat ein Comeback verdient: Vor 50 Jahren feuert Eric Clapton seine Karriere neu an und liefert mit Slowhand den definierenden Moment seiner Laufbahn als Solitär.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Slowhand anhören:

Das Blöde an Gitarrenhelden und musikalischen Heiligen ist ja: Sie weilen derart hoch oben in himmlischen Sphären, dass so ein Fall ganz schön tief sein kann. In den Siebzigern passiert genau das Eric Clapton. Nachdem er ab 1963 erst durch die Yardbirds, dann durch die Bluesbreakers, Cream, Blind Faith und Derek And The Dominoes zu einem der fleißigsten, besten und berühmtesten Gitarristen der Sechziger wurde, versucht er es 1970 solo. Muss ja so kommen, viel mehr kann Clapton im Bandkorsett nicht erreichen.

Heldensturz und Heroin

Die Karriere läuft einigermaßen an, wird aber von Drogen und gebrochenen Herzen torpediert. Er verfällt zu gleichen Teilen George Harrisons Frau Pattie Boyd und dem Heroin, zieht sich zurück, macht einen desolaten Auftrott bei Harrisons Concert For Bangladesh. Einer der strahlenden, mythischen Helden der Sechziger, so scheint es, wurde gestürzt. 1974 kämpft er sich aus der Dunkelheit zurück und veröffentlicht, jetzt mit Boyd an seiner Seite, sein Comeback 461 Ocean Boulevard. Der Trick: Mehr Songs, weniger Experimente.

Der Plan geht auf, doch die Nachfolgewerke There’s One in Every Crowd (1975) und No Reason To Cry (1976) sind wieder vergleichsweise ziellos und aufgebläht. Merkt er selbst und verschanzt sich mit seiner fast durchgehend US-amerikanisch besetzten Liveband im Mai 1977 in den Londoner Olympic Studios, wo sein fünftes Soloalbum Slowhand entsteht. Es soll sein definierendes Kapitel als Solitär werden. Und das hat direkt mit seinen Mitmusiker*innen zu tun: Sie bringen den originär amerikanischen Blues und Soul, dem Clapton seit Tag eins nacheifert, auf sein Album – mühelos, authentisch und mit unkompliziertem Groove. „Ich als Engländer kann mich diesem Sound nur annähern“, sagt Clapton mal dazu. „Doch die Band ist eine Tulsa-Band. Die kann gar nicht anders.“

Clapton und der Anti-Drogen-Song

Slowhand, benannt nach dem Spitznamen, den er 1964 vom Yardbird-Manager Giorgio Gormelsky bekam, beherzigt die Lektionen von 461 Ocean Boulevard, gibt sich eingängig, radiofreundlich und bleibt mit Ausnahme des Neunminüters The Core in allen Songs unter der Fünf-Minuten-Marke. Außerdem wagt Clapton deutlich mehr Eigeninitiative und packt viel weniger Cover-Songs als sonst auf die Platte. Einer wird dann aber gleich zu seinem infamen Signature-Song: Seine Interpretation von J.J. Cales Cocaine wird in Argentinien zensiert und in Folge vieler negativer Stimmen in den nächsten Jahren sehr selten live gespielt. Irgendwie konnte Eric Clapton niemanden davon überzeugen, dass wir es hier mit einem Antidrogensong zu tun haben. Na ja… „If your day is gone, and you want to ride on, cocaine – don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine“ klingt jetzt nicht gerade sehr kritisch.

Unaufdringlich virtuos

Was Slowhand auszeichnet, ist diese unaufdringliche Virtuosität. Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und macht einfach das, was er kann: Die Gitarre zum Strahlen bringen. Mit Wonderful Tonight spendiert er dem Album zudem einen seiner bekanntesten Songs – eine Ode an Pattie Boyd, inspiriert von ihrem gemeinsamen Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts 1976. Sweet. Die dritte große Nummer nach Cocaine und Wonderful Tonight ist natürlich der Country-Kracher Lay Down Sally, den Clapton gemeinsam mit Backgroundsängerin Macy Levy und Gitarrist George Terry schreibt. Gemeinsam formen sie das Triptychon, das Slowhand eröffnet und fast eigenmächtig zum Erfolg führt.

Slowhand inszeniert eine Band, die ganz genau weiß, was sie tut. Die ganz genau weiß, dass sie starkes Material in einigen hellen Momenten im Studio eingespielt hat. Der lockeren Klasse der Songs schadet nicht mal, dass Clapton laut Produzent Glyn Johns fast durchgehend alkoholisiert war. Aufrecht erhalten kann Slowhand dieses gute Blatt jedoch nicht: Die nächsten Platten sind allesamt halbherzige Versuche. Erst mit dem von Phil Collins produzierten August (1986) geht es langsam wieder bergauf, gekrönt von MTV Unplugged (1992), das ihn endgültig konsolidierte.

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