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Popkultur

Victoria, Arthur & Lola: Das große Scheitern der Kinks inmitten ihrer besten Alben

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Foto: Tom Hustler/Central Press/Hulton Archive/Getty Images

Paradoxe Musikwelt: Manchmal verlierst du und manchmal gewinnen die anderen. Ende der 1960er-Jahre kamen The Kinks mit einer Trilogie auf dem Gipfel ihres Schaffens an und verloren zugleich den kommerziellen Anschluss an die anderen drei großen Bands der Beat-Ära.

 von Michael Döringer

Jenseits der Powerchords

Die drei Konzeptalben zwischen 1968 und 1970 markieren retrospektiv die beste und nachhaltigste Phase in der Laufbahn der Kinks, vor allem für Ray Davies als Songwriter. Zwar waren die Beat-Pioniere bereits Mitte der 1960er enorm einflussreich, in den Powerchords von You Really Got Me oder All Day And All Of The Night manifestierte sich die zukünftige Entwicklung härterer Rockmusik, von Metal und Punk. Aber The Kinks waren eben nur eine Singles-Band. Was sich in frühen Songs wie Sunny Afternoon leicht angedeutet hatte, fand erst auf dem sechsten Studioalbum der Band zur Vollendung: The Kinks Are The Village Green Preservation Society ist ein in sich geschlossenes, ironisch gefärbtes britisches Gesellschaftsportrait, mit charmant-nostalgischen Zügen. Ein Jahr wird auf Arthur (Or The Decline And Fall Of The British Empire) das britische Erbe in noch größerem Kontext verhandelt. Und wieder ein Jahr später erscheint mit Lola Versus Powerman and the Moneygoround ein weiteres Konzeptalbum, auf dem Davies mit der Musikindustrie abrechnet. Denn bis auf die Hit-Single Lola (1970) war diese Album-Trilogie der reinste Flop: Von Village Green an verschwanden The Kinks für immer aus den Albumcharts ihrer Heimat, obwohl die Musik kaum britischer sein konnte. Zur selben Zeit wurden die Beatles mit Sgt. Pepper und dem Weißen Album zu Legenden, auch für die Stones und The Who lief es blendend. Warum konnten die Davies-Brüder von den besten Alben ihrer Karriere nicht auch entsprechend profitieren?

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The Kinks im Jahr 1966. Von links nach rechts: Mick Avory, Pete Quaife, Dave Davies und Ray Davies. Foto: David Redfern/Redferns/Getty Images

Das Ende der British Invasion

Der berühmte Rockkritiker Greil Marcus schrieb damals im Rolling Stone, Arthur sei das beste britische Album des Jahres 1969 und proklamierte, dass Pete Townsend Welten dahinter liegt und auch die Beatles noch viel Boden gutzumachen hätten. Es gab also einflussreiche Menschen, die das Gewicht dieser Musik erkannten. Doch der kommerzielle Erfolg blieb aus, vor allem auf der Insel. Und das, obwohl die Band ab 1965 für vier Jahre auf den heimischen und europäischen Markt beschränkt war: Nach ihrer US-Tour im Sommer 1965 wurden die Kinks von der amerikanischen Regierung mit einem Einreiseverbot belegt, wegen angeblicher Ausschweifungen und Randale. Damit wurde ihnen das aufregendste und vielversprechendste Pflaster der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verwehrt, die British Invasion endete für die Kinks, während die Beatles und Stones in den USA zu Superstars wurden. Das dürfte einer der wichtigsten Gründe sein, wieso Ray Davies’ Songwriting in der Folge mehr und mehr introspektiv und nostalgisch wurde und verstärkt Inspiration in englischer Musiktradition suchte, im Folk und in Schlagern und Volksliedern der „Music Hall“-Epoche. Die Einflüsse von Psychedelia und LSD, Hippie-Bewegung und modernen Klangexperimenten, die Sgt. Pepper oder Their Satanic Majesties Request prägen, spielen bei den Kinks so gut wie keine Rolle.

Gott schütze die Erdbeermarmelade!

The Kinks Are The Village Green Preservation Society erschien in Großbritannien am 22. November 1968, am selben Tag wie das Weiße Album der Beatles. Dass das ein schlechtes Omen war, hätte man schon vorher ahnen können, und dementsprechend schwach verkaufte sich das Album trotz positiver Kritiken. Eine starke Single hätte möglicherweise geholfen, doch vor allem waren Thema und Ästhetik der Platte wohl nicht funky genug: Es ist eine Ode an dörfliche Verhältnisse und ein simples Leben, geprägt von verklärten Kindheitserinnerungen und Sehnsüchten nach einer behüteten Umgebung: „Preserving the old ways from being abused / Protecting the new ways, for me and for you“ heißt es im goldigen Titelsong. „God save strawberry jam and all the different varieties.“ Wo da die Ironie und Persiflage ihre Grenzen hat, weiß nur Ray Davies selbst. Natürlich mokiert er sich auch ein bisschen über die kleinkarierten Leute mit ihrem Geschmack von gestern. Die Musik verleiht diesen Storys der kleinen Leuten aber auch Würde. Die jugendlichen Krawallmacher von damals fühlen sich rein in den Kosmos ihrer Familien und Vorfahren, in ein pittoreskes England, für das es in der modernen Welt keinen Platz mehr gibt. Die Stimmung ist warmherzig und gemütlich, nur manchmal wird es rock ’n’ rolliger, etwa in Last Of The Steam-Powered Trains.

Nostalgie-Maschine

Ein Jahr später erschien Arthur (Or The Decline And Fall Of The British Empire), das sofort im ersten Song die Empire-Nostalgie-Maschine anwirft: „Land of hope and gloria / Land of my Victoria“ singt Davies, und meint natürlich Queen Victoria, die große Regentin des britischen Weltreichs von 1837 bis 1901, Kaiserin von Indien und Namesgeberin des Viktorianischen Zeitalters. Nach der großen Blütezeit Englands sehnt sich noch heute ein nicht kleiner Teil der Briten. Das Thema des Albums ist teilweise inspiriert vom Ehemann der Davies-Schwester Rose, die mit ihrem Arthur 1964 nach Australien emigrierte – wie so viele andere, die im Nachkriegs-England der einstigen Pracht ihrer Nation nachhingen und von einem besseren Leben – wie früher! – träumten.

Erneut: Viel Lob, wenig verkaufte Einheiten. Nur in den USA gelang überhaupt den Einstieg in die Charts. Die Musik ist zwar rockiger als auf Village Green, doch wieder starak verträumt und sentimental, während sie Erinnerungen an Shangri-La und Winston Churchill untermalt. Die Reminiszenzen und kritische Aufarbeitung britischer Vergangenheit passten nicht wirklich zur Aufbruchsstimmung im Rock und Pop dieser Zeit. Dort schaute man weit nach vorne, auf keinen Fall zurück. Dennoch: Als perfekt abgestimmter Song-Zyklus ist Arthur nicht weniger ambitioniert angelegt als Tommy, das im gleichen Jahr erschien. Es ist das große Musikerzählungs-Meisterwerk von Ray Davies.

Mit einer Hitsingle gegen die Musikindustrie

Wieder ein Jahr später erschien das nächste stringente Konzept-Werk, dieses Mal war das Thema allerdings aktueller: Lola Versus Powerman and the Moneygoround (1970) nimmt die Musikindustrie aufs Korn – Kritiker, Manager und die Konzertbranche bekommen alle ihr Fett weg. Verbittert ist das Ergebnis allerdings überhaupt nicht: Songs wie Strangers oder This Time Tomorrow gehören zu den gefühlvollsten Rockballaden, die Davies und Co. je aufgenommen haben.

Die nostalgische Note der Vorgängerplatten lebt hier im Sound weiter, aber ohne konkreten Gegenstand. Nach den Misserfolgen der vorherigen zwei Alben war Davies’ frustrierte Haltung gegenüber der Musikbranche verständlich. Dieses Album schien ein Lichtblick zu sein: Die Lead-Single Lola brachte die Kinks endlich wieder auch in England in die Top Ten, das Album erreichte in den USA die Top 40. Doch die kommerzielle Größe ihrer Anfangsjahre sollten sie nie wieder erreichen.

Die unoriginelle Neuerfindung

Unterm Strich war es ab den 1970er-Jahren vorbei mit den Kinks. Obwohl Lola ein weltweiter Megahit war und sich die Band ab Ende der 1970er in den USA als Stadion-Hardrock-Act gewissermaßen noch mal neu erfinden konnte. Denn diese Neuerfindungen hatte nichts mehr von der Originalität, die The Kinks immer ausgezeichnet hatte. Die Siebziger-Rockopern von Ray Davies waren verkrampfte Ideenkonglomerate, die weder mit der Trilogie der späten 1960er, noch mit den Werkten von The Who oder den Progressive-Bands mithalten konnten. Auch wenn ihm immer wieder regelmäßig tolle Einzelsongs gelangen, erreicht er als Songwriter nie wieder die Langstrecken-Vision von damals.

Für eine Handvoll Oldies

So wurden The Kinks leider Gottes vor allem in ihrer Heimat zu einem Auslaufmodell der Sixties. Immerhin polierten die Neo-Mod-Bewegung der 1980er um The Jam und Paul Weller sowie Britpop-Stars wie Oasis mit ihren Huldigungen wieder ein bisschen die Ehre der verdienstvollen Band auf. Wo steht sie im Kanon der britischen Popmusik? Die Beatles haben sich zum richtigen Zeitpunkt aufgelöst und damit ihre Legende auf immer zementiert. Die Stones wuchsen über die Dekaden zu einer unsterblichen, unanfechtbaren Live-Sensation mit passablen neuen Platten. The Who haben sich irgendwie durchgewurschtelt und profitieren zu recht von ihren legendären Werken. The Kinks sind gewissermaßen gescheitert. Damit wären die Big-Four der ehemaligen britischen Beat-Bands komplett. Denn bis auf eine Handvoll Oldies ist von ihnen im Mainstream-Bewusstsein nicht viel übrig geblieben. Doch gerade die gescheiterten Helden der Musikgeschichte werden am Ende viel kultischer verehrt als die triumphierenden Gewinner. Und was heißt schon gescheitert: Arthur, Lola und Village Green, diese liebevoll gestalteten Empire-Möbel im Einrichtungshaus der Musikhistorie, bleiben von unschätzbarem Wert.

5 Wahrheiten über The Kinks

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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Popkultur

10 Songs, die jeder Fan von The Notorious B.I.G. kennen sollte

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The Notorious B.I.G.
Titelfoto: Ethan Miller/Getty Images

Höher, weiter, Biggie: In nur 24 Lebensjahren entwickelte sich The Notorious B.I.G. zu einem der größten Macher der Hip-Hop-Szene. Im März 1997 starb der junge Rap-Star durch ein Drive-By-Shooting. Wir haben für euch zehn großartige Songs aus seinem musikalischen Vermächtnis zusammengetragen.

von Timon Menge

1. Gimme The Loot (1994)

Als Christopher George Latore Wallace aka The Notorious B.I.G. am 13. September 1994 sein Debütalbum rausbringt, hat der Rapper bereits eine längere kriminelle Karriere hinter sich. Angeblich arbeitet er schon im Alter von zwölf Jahren als Drogendealer, 1991 landet er für den Handel mit Crack im Gefängnis. Dort verbringt er neun Monate, im Anschluss nimmt er das Demo-Tape Microphone Murderer auf. Sein Künstlername zu jener Zeit: Biggie Smalls. Der Rapper spielt damit auf sein Gewicht von etwa 150 Kilo an sowie auf seine Größe von 1,91 Metern. Das Demoband öffnet ihm die Tür zur Musikwelt, 1994 veröffentlicht er als The Notorious B.I.G. erstes Album Ready To Die. Dass sich Biggie bestens mit der Welt des Verbrechens auskennt, zeigt auch der dritte Song von der Platte, denn im Text von Gimme The Loot geht es ziemlich eindeutig um einen Raubüberfall.

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2. Juicy (1994)

Bei Juicy handelt es sich um die erste Single-Veröffentlichung von Ready To Die. The Notorious B.I.G. beschäftigt sich in der Nummer mit seinem Werdegang, seiner Kindheit in Armut, dem Traum vom Leben als Rapper, seiner kriminellen Laufbahn und seinem Erfolg in der Musikindustrie. Mit der Zeile „Time to get paid / blow up like the World Trade“ bezieht er sich auf den Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center am 26. Februar 1993. An jenem Tag zündeten einige Terroristen des Netzwerks al-Quaida in der Tiefgarage des Bürokomplexes eine Bombe und töteten damit sechs Menschen; mehr als 1.000 Personen wurden verletzt. Juicy gilt bis heute als einer der bekanntesten und wichtigsten Hip-Hop-Songs überhaupt.

3. Big Poppa (1995)

Zwei Künstlernamen von The Notorious B.I.G. kennen wir bereits, doch es gibt noch viele mehr, wie zum Beispiel Frank White, MC CWest oder auch Big. Mit seinem Alter Ego „Big Poppa“ beschäftigt sich der Rapper im gleichnamigen Song auf seinem Debütalbum. Der Name scheint ihm nicht zu missfallen, in der Nummer heißt es mehrfach: „I love it when you call me Big Poppa“.

4. Suicidal Thoughts (1994)

Achtung, sanftere Gemüter sollten um diesen Track möglicherweise einen Bogen machen, denn in Suicidal Thoughts geht The Notorious B.I.G. ans Eingemachte. So erzählt er in dem Song, bei dem der Titel Programm zu sein scheint, dass er glaubt, eine Enttäuschung für seine Mutter zu sein. Er habe sie beklaut, sei auf die schiefe Bahn geraten und sei sich sicher, dass sie sich im Nachhinein eine Abtreibung gewünscht habe. „I wonder, if I died, would tears come to her eyes?“, fragt er sich im Text. Zum Schluss ist er sich sicher, dass seine Mutter auf seiner Beerdigung zwar so tun würde, als würde sie um ihren Sohn trauern; insgeheim sei sie aber froh, dass er weg sei. Tatsächlich war und ist Voletta Wallace sehr sehr stolz auf ihren Sohn, wie aus unzähligen Medienberichten hervorgeht.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de.) Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Berater*innen, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

5. Who Shot Ya? (1994)

Als The Notorious B.I.G. knapp drei Monate nach einem bewaffneten Angriff auf seinen Rap-Kollegen 2Pac die Single Who Shot Ya? veröffentlicht, wirft das einige Fragen auf. Macht sich Biggie mit dem Song über seinen (vermeintlich) ehemaligen Kumpel lustig? Wünscht er ihm den Tod? Wusste er gar etwas von dem Attentat? Fest steht: Es handelt sich bei dem Attentat um ein wichtiges Schlüsselereignis in der berühmten Fehde East Coast (The Notorious B.I.G.) gegen West Coast (2Pac), um die sich bis heute unzählige Mythen ranken. Am 7. September 1996 fallen bei einem Drive-By-Shooting erneut Schüsse auf 2Pac, diesmal kosten sie ihn sechs Tage später das Leben. Er wurde nur 25 Jahre alt. Zu den Verdächtigen zählt auch The Notorious B.I.G., doch die Umstände von 2Pacs Tod bleiben weitestgehend ungeklärt. Später gibt es noch einen Todesfall …

6. Hypnotize (1997)

Dieser Track markiert die letzte Veröffentlichung von The Notorious B.I.G., die er noch mitbekommt, denn nur fünf Tage später wird auch er Opfer eines Drive-By-Shootings und stirbt mit gerade einmal 24 Jahren an den Folgen der Schüsse. Auch an seinem Tod scheiden sich bis heute die Geister, doch es gilt laut mehrerer Quellen als wahrscheinlich, dass Musikmanager Suge Knight etwas damit zu tun hat. Diese Behauptung äußerte zum  Beispiel der ehemalige LAPD-Polizeibeamte Greg Kading, der in der Taskforce zur Aufklärung der Morde an den beiden Rappern arbeitete. Aktuell verbüßt Knight eine 28-jährige Haftstrafe wegen Fahrerflucht mit Todesfolge.

7. Mo Money Mo Problems (feat. Puff Daddy & Mase) (1997)

Die Life After Death-Single Mo Money Mo Problems erschien einige Monat nach dem Tod von The Notorious B.I.G. und verdrängte I’ll Be Missing You von Puff Daddy von der Spitze der Charts. Dabei handelt es sich um Daddys eigenen Tribut an seinen ehemaligen Kollegen Biggie. An den beiden Erfolgs-Singles kann man mühelos ablesen, wie sehr der Tod von The Notorious B.I.G. die Musikwelt zu jener Zeit beschäftigte.

8. Notorious Thugs (feat. Bone Thugs-n-Harmony) (1997)

Auch dieser Track mit Bone Thugs-n-Harmony stammt von der zweiten The Notorious B.I.G.-Platte Life After Death. Die Nummer umfasst ganze sechs Minuten und Biggie rechnet darin unter anderem mit all jenen ab, die ihm unterstellen, es habe eine Fehde zwischen ihm und 2Pac gegeben. „So-called beef with you-know-who“, heißt es in dem Song, womit der Rapper klarmacht: Wir hatten keinen Streit. Ob das der Wahrheit entspricht, lässt sich heute vermutlich nicht mehr feststellen, denn es gibt viele widersprüchliche Aussagen zur mutmaßlichen Rivalität zwischen den beiden Rappern. Bone Thugs-n-Harmony hatten kurz vorher auch mit 2Pac zusammengearbeitet.

9. Nasty Girl (feat. Diddy, Nelly, Jagged Edge, Avery Storm & Jazze Pha) (2005)

Falls euch manche Notorious-B.I.G.-Raps in diesem Track bekannt vorkommen, habt ihr völlig recht: Es handelt sich dabei teilweise um Aufnahmen, die bereits in dem Song Nasty Boy von Life After Death zu hören waren. Darüber hinaus haben die beiden Stücke aber kaum etwas gemeinsam. Natürlich sind posthume Singles oft so eine Sache, doch die hochkarätigen Gaststars wie P. Diddy und Nelly werden sich die größte Mühe gegeben haben, den Song in Biggie Smalls’ Sinne zu gestalten.

10. Old Thing Back (feat. Matoma, Ja Rule & Ralph Tresvant) (2015)

Hinter dieser Veröffentlichung steckt vor allem der norwegische DJ Matoma, der dem Song Want That Old Thing Back von 2007 einen Remix spendierte. Damit begeisterte er nicht nur Musikhörer*innen auf der ganzen Welt, sondern auch Ja Rule, der sich auf Twitter wohlwollend über den Track äußerte. Außerdem zeigen Remixes wie dieser eindrucksvoll: Sogar fast 20 Jahre nach seinem Tod ist The Notorious B.I.G. immer noch ein fester Bestandteil der Musikwelt. Leider hatte er viel zu wenig Zeit, um uns noch weitere Alben zu schenken. Ruhe in Frieden, Biggie.

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10 Songs von 2Pac, die man kennen sollte

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