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Popkultur

Victoria, Arthur & Lola: Das große Scheitern der Kinks inmitten ihrer besten Alben

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Foto: Tom Hustler/Central Press/Hulton Archive/Getty Images

Paradoxe Musikwelt: Manchmal verlierst du und manchmal gewinnen die anderen. Ende der 1960er-Jahre kamen The Kinks mit einer Trilogie auf dem Gipfel ihres Schaffens an und verloren zugleich den kommerziellen Anschluss an die anderen drei großen Bands der Beat-Ära.

 von Michael Döringer

Jenseits der Powerchords

Die drei Konzeptalben zwischen 1968 und 1970 markieren retrospektiv die beste und nachhaltigste Phase in der Laufbahn der Kinks, vor allem für Ray Davies als Songwriter. Zwar waren die Beat-Pioniere bereits Mitte der 1960er enorm einflussreich, in den Powerchords von You Really Got Me oder All Day And All Of The Night manifestierte sich die zukünftige Entwicklung härterer Rockmusik, von Metal und Punk. Aber The Kinks waren eben nur eine Singles-Band. Was sich in frühen Songs wie Sunny Afternoon leicht angedeutet hatte, fand erst auf dem sechsten Studioalbum der Band zur Vollendung: The Kinks Are The Village Green Preservation Society ist ein in sich geschlossenes, ironisch gefärbtes britisches Gesellschaftsportrait, mit charmant-nostalgischen Zügen. Ein Jahr wird auf Arthur (Or The Decline And Fall Of The British Empire) das britische Erbe in noch größerem Kontext verhandelt. Und wieder ein Jahr später erscheint mit Lola Versus Powerman and the Moneygoround ein weiteres Konzeptalbum, auf dem Davies mit der Musikindustrie abrechnet. Denn bis auf die Hit-Single Lola (1970) war diese Album-Trilogie der reinste Flop: Von Village Green an verschwanden The Kinks für immer aus den Albumcharts ihrer Heimat, obwohl die Musik kaum britischer sein konnte. Zur selben Zeit wurden die Beatles mit Sgt. Pepper und dem Weißen Album zu Legenden, auch für die Stones und The Who lief es blendend. Warum konnten die Davies-Brüder von den besten Alben ihrer Karriere nicht auch entsprechend profitieren?

The Kinks im Jahr 1966. Von links nach rechts: Mick Avory, Pete Quaife, Dave Davies und Ray Davies. Foto: David Redfern/Redferns/Getty Images

Das Ende der British Invasion

Der berühmte Rockkritiker Greil Marcus schrieb damals im Rolling Stone, Arthur sei das beste britische Album des Jahres 1969 und proklamierte, dass Pete Townsend Welten dahinter liegt und auch die Beatles noch viel Boden gutzumachen hätten. Es gab also einflussreiche Menschen, die das Gewicht dieser Musik erkannten. Doch der kommerzielle Erfolg blieb aus, vor allem auf der Insel. Und das, obwohl die Band ab 1965 für vier Jahre auf den heimischen und europäischen Markt beschränkt war: Nach ihrer US-Tour im Sommer 1965 wurden die Kinks von der amerikanischen Regierung mit einem Einreiseverbot belegt, wegen angeblicher Ausschweifungen und Randale. Damit wurde ihnen das aufregendste und vielversprechendste Pflaster der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verwehrt, die British Invasion endete für die Kinks, während die Beatles und Stones in den USA zu Superstars wurden. Das dürfte einer der wichtigsten Gründe sein, wieso Ray Davies’ Songwriting in der Folge mehr und mehr introspektiv und nostalgisch wurde und verstärkt Inspiration in englischer Musiktradition suchte, im Folk und in Schlagern und Volksliedern der „Music Hall“-Epoche. Die Einflüsse von Psychedelia und LSD, Hippie-Bewegung und modernen Klangexperimenten, die Sgt. Pepper oder Their Satanic Majesties Request prägen, spielen bei den Kinks so gut wie keine Rolle.

Gott schütze die Erdbeermarmelade!

The Kinks Are The Village Green Preservation Society erschien in Großbritannien am 22. November 1968, am selben Tag wie das Weiße Album der Beatles. Dass das ein schlechtes Omen war, hätte man schon vorher ahnen können, und dementsprechend schwach verkaufte sich das Album trotz positiver Kritiken. Eine starke Single hätte möglicherweise geholfen, doch vor allem waren Thema und Ästhetik der Platte wohl nicht funky genug: Es ist eine Ode an dörfliche Verhältnisse und ein simples Leben, geprägt von verklärten Kindheitserinnerungen und Sehnsüchten nach einer behüteten Umgebung: „Preserving the old ways from being abused / Protecting the new ways, for me and for you“ heißt es im goldigen Titelsong. „God save strawberry jam and all the different varieties.“ Wo da die Ironie und Persiflage ihre Grenzen hat, weiß nur Ray Davies selbst. Natürlich mokiert er sich auch ein bisschen über die kleinkarierten Leute mit ihrem Geschmack von gestern. Die Musik verleiht diesen Storys der kleinen Leuten aber auch Würde. Die jugendlichen Krawallmacher von damals fühlen sich rein in den Kosmos ihrer Familien und Vorfahren, in ein pittoreskes England, für das es in der modernen Welt keinen Platz mehr gibt. Die Stimmung ist warmherzig und gemütlich, nur manchmal wird es rock ’n’ rolliger, etwa in Last Of The Steam-Powered Trains.

Nostalgie-Maschine

Ein Jahr später erschien Arthur (Or The Decline And Fall Of The British Empire), das sofort im ersten Song die Empire-Nostalgie-Maschine anwirft: „Land of hope and gloria / Land of my Victoria“ singt Davies, und meint natürlich Queen Victoria, die große Regentin des britischen Weltreichs von 1837 bis 1901, Kaiserin von Indien und Namesgeberin des Viktorianischen Zeitalters. Nach der großen Blütezeit Englands sehnt sich noch heute ein nicht kleiner Teil der Briten. Das Thema des Albums ist teilweise inspiriert vom Ehemann der Davies-Schwester Rose, die mit ihrem Arthur 1964 nach Australien emigrierte – wie so viele andere, die im Nachkriegs-England der einstigen Pracht ihrer Nation nachhingen und von einem besseren Leben – wie früher! – träumten.

Erneut: Viel Lob, wenig verkaufte Einheiten. Nur in den USA gelang überhaupt den Einstieg in die Charts. Die Musik ist zwar rockiger als auf Village Green, doch wieder starak verträumt und sentimental, während sie Erinnerungen an Shangri-La und Winston Churchill untermalt. Die Reminiszenzen und kritische Aufarbeitung britischer Vergangenheit passten nicht wirklich zur Aufbruchsstimmung im Rock und Pop dieser Zeit. Dort schaute man weit nach vorne, auf keinen Fall zurück. Dennoch: Als perfekt abgestimmter Song-Zyklus ist Arthur nicht weniger ambitioniert angelegt als Tommy, das im gleichen Jahr erschien. Es ist das große Musikerzählungs-Meisterwerk von Ray Davies.

Mit einer Hitsingle gegen die Musikindustrie

Wieder ein Jahr später erschien das nächste stringente Konzept-Werk, dieses Mal war das Thema allerdings aktueller: Lola Versus Powerman and the Moneygoround (1970) nimmt die Musikindustrie aufs Korn – Kritiker, Manager und die Konzertbranche bekommen alle ihr Fett weg. Verbittert ist das Ergebnis allerdings überhaupt nicht: Songs wie Strangers oder This Time Tomorrow gehören zu den gefühlvollsten Rockballaden, die Davies und Co. je aufgenommen haben.

Die nostalgische Note der Vorgängerplatten lebt hier im Sound weiter, aber ohne konkreten Gegenstand. Nach den Misserfolgen der vorherigen zwei Alben war Davies’ frustrierte Haltung gegenüber der Musikbranche verständlich. Dieses Album schien ein Lichtblick zu sein: Die Lead-Single Lola brachte die Kinks endlich wieder auch in England in die Top Ten, das Album erreichte in den USA die Top 40. Doch die kommerzielle Größe ihrer Anfangsjahre sollten sie nie wieder erreichen.

Die unoriginelle Neuerfindung

Unterm Strich war es ab den 1970er-Jahren vorbei mit den Kinks. Obwohl Lola ein weltweiter Megahit war und sich die Band ab Ende der 1970er in den USA als Stadion-Hardrock-Act gewissermaßen noch mal neu erfinden konnte. Denn diese Neuerfindungen hatte nichts mehr von der Originalität, die The Kinks immer ausgezeichnet hatte. Die Siebziger-Rockopern von Ray Davies waren verkrampfte Ideenkonglomerate, die weder mit der Trilogie der späten 1960er, noch mit den Werkten von The Who oder den Progressive-Bands mithalten konnten. Auch wenn ihm immer wieder regelmäßig tolle Einzelsongs gelangen, erreicht er als Songwriter nie wieder die Langstrecken-Vision von damals.

Für eine Handvoll Oldies

So wurden The Kinks leider Gottes vor allem in ihrer Heimat zu einem Auslaufmodell der Sixties. Immerhin polierten die Neo-Mod-Bewegung der 1980er um The Jam und Paul Weller sowie Britpop-Stars wie Oasis mit ihren Huldigungen wieder ein bisschen die Ehre der verdienstvollen Band auf. Wo steht sie im Kanon der britischen Popmusik? Die Beatles haben sich zum richtigen Zeitpunkt aufgelöst und damit ihre Legende auf immer zementiert. Die Stones wuchsen über die Dekaden zu einer unsterblichen, unanfechtbaren Live-Sensation mit passablen neuen Platten. The Who haben sich irgendwie durchgewurschtelt und profitieren zu recht von ihren legendären Werken. The Kinks sind gewissermaßen gescheitert. Damit wären die Big-Four der ehemaligen britischen Beat-Bands komplett. Denn bis auf eine Handvoll Oldies ist von ihnen im Mainstream-Bewusstsein nicht viel übrig geblieben. Doch gerade die gescheiterten Helden der Musikgeschichte werden am Ende viel kultischer verehrt als die triumphierenden Gewinner. Und was heißt schon gescheitert: Arthur, Lola und Village Green, diese liebevoll gestalteten Empire-Möbel im Einrichtungshaus der Musikhistorie, bleiben von unschätzbarem Wert.

5 Wahrheiten über The Kinks

Popkultur

Prince, Madonna und die Rolling Stones: Die besten Super-Bowl-Halbzeitshows aller Zeiten

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Prince
Foto: Jonathan Daniel/Getty Images

Ein Auftritt im Rahmen der Super-Bowl-Halbzeitshow gleicht einem popkulturellen Ritterschlag, nirgendwo ist das TV-Publikum größer. Vielen Sternchen wurde diese Ehre in den vergangenen Jahrzehnten bereits zuteil. Von U2 bis hin zu den Rolling Stones: Diese zehn Halbzeitshows finden wir besonders gelungen.

von Timon Menge

10. The Blues Brothers, ZZ Top, James Brown (1997)

Wenn der Super Bowl in einer Blues-Metropole wie New Orleans stattfindet, muss natürlich auch eine Blues-orientierte Halbzeitshow her. Mit Everybody Needs Somebody To Love und Soul Man gaben die Blues Brothers am 26. Januar 1997 zwar vor allem Soul-Klassiker zum Besten, genau wie James Brown im Anschluss; doch spätestens ZZ Top versorgten das Publikum mit reichlich Bluesrock. Eine coole Sonnenbrillen-Party zwischen zwei Halbzeiten!

9. U2 (2002)

Den Iren U2 wurde am 3. Februar 2002 eine ganz besondere Verantwortung zuteil. Die Terroranschläge von 11. September 2001 lagen noch kein halbes Jahr zurück, da sollten Bono und Co. bei der größten Unterhaltungsveranstaltung der Welt auftreten – übrigens erneut in New Orleans. Doch U2 wurden ihrem Auftrag gerecht, lieferten ein hervorragendes Set ab und gedachten auf einer riesigen Leinwand all jenen, die am 11. September ums Leben gekommen waren.

8. The Rolling Stones (2006)

Auf eine große Bombast-Show verzichteten die Rolling Stones bei ihrem Auftritt am 5. Februar 2006 in Detroit. Doch ganz ehrlich: Wenn Mick Jagger und seine jahrzehntelangen Weggefährten eine Bühne betreten, braucht es keine Schnörkel und kein Chichi. In wenigen Minuten rockten sich die Stones durch große Hits wie Start Me Up und (I Cant Get No) Satisfaction. Einen Luxus gönnten sich die Briten dann allerdings doch: eine Bühne in Form einer riesigen roten Zunge.

7. Katy Perry (2015)

Zugegeben, für hartgesottene Rocker*innen klingt der Sound von Katy Perry etwas ungewohnt. Doch mindestens zwei Dinge kann ihr keiner nehmen: hervorragende Popsongs und einen mehr als nur gelungenen Auftritt am 1. Februar 2015. In Sachen Show macht den größten Pop-Sternchen einfach niemand etwas vor, wie wir auch im weiteren Verlauf unserer Liste feststellen werden. Als Gäste durfte Perry Hip-Hop-Legende Missy Elliott und Gitarrengott Lenny Kravitz begrüßen.

6. Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar & 50 Cent (2022)

Diese Halbzeitshow ist noch nicht lange her, setzte am 13. Februar 2022 aber völlig neue Standards. Zum ersten Mal in der Geschichte des Super Bowl durfte sich die Hip-Hop-Welt nach Herzenslust präsentieren. Das Line-up des Abends liest sich wie ein Who‘s who: Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar … Sie alle waren dabei und setzten dem Sprechgesang ein etwa 15-minütiges Popkultur-Denkmal. Als Gaststars tauchten 50 Cent und Anderson .Paak auf.

5. Madonna (2012)

Wenn die „Queen Of Pop“ eine Halbzeitshow gestaltet, darf man einiges erwarten. Und wie so oft wurde Madonna den Erwartungen am 5. Februar 2012 vollständig gerecht. Als griechische Göttin verkleidet, ließ sie sich von ihren Spartaner-Tänzern über die Bühne tragen und manifestierte ihren Status als größte Popkünstlerin aller Zeiten. Unterstützung erhielt sie unter anderem von Cee Lo Green, Nicki Minaj, M.I.A. und LMFAO. Den Abschluss der Show markierte ein Gospelchor, mit dem Madonna Like A Prayer zum Beten … äh … zum Besten gab.

4. Lady Gaga (2017)

Als die Verantwortlichen der NFL den Vertrag mit Lady Gaga unterzeichneten, dürften ihnen durchaus ein paar Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben. Schließlich kann man bei der exzentrischen Künstlerin nie so genau wissen, mit welchen Show-Einlagen sie ihr Publikum überrascht. (Wir erinnern uns an das Rindfleischkleid von 2010.) Bei der Super-Bowl-Halbzeitshow am 5. Februar 2017 ging die Musikerin allerdings auf Nummer sicher und legte einen unfassbaren Auftritt hin. Die Performance ihrer LGBTQ-Hymne Born This Way ließ sich Gaga trotzdem nicht nehmen.

3. Michael Jackson (1993)

Zu den Eigenheiten der Super-Bowl-Halbzeitshow zählt unter anderem der enge Zeitplan. Selten stehen für die Performance mehr als 15 Minuten zur Verfügung; meist wird jede Sekunde davon genutzt. Michael Jackson ging das Ganze im Januar 1993 ein wenig anders an. Länger als eine Minute blieb er vor seiner fulminanten Show still auf der Bühne stehen, als sei er eine Statue – und wurde dafür auch noch bejubelt. Das sagt einiges über seinen damaligen Stand des „King Of Pop“ aus.

2. Beyoncé & Destiny’s Child (2013)

Die Super-Bowl-Halbzeitshow 2013 war in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Nicht nur, dass mit Beyoncé eine der hochkarätigsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts das Programm gestaltete. Nein, es kam auch zur lange erwarteten Reunion von Destiny’s Child, denn Kelly Rowland und Michelle Williams waren ebenfalls mit von der Partie. An jenem Abend dürften Beyoncé und ihre Kolleginnen viele Frauen und Mädchen sehr glücklich gemacht haben. Im Anschluss an ihren Auftritt fiel allerdings für mehr als eine halbe Stunde der Strom aus.

1. Prince (2007)

Der Auftritt von Prince im Rahmen der 41. Super-Bowl-Halbzeitshow ist nichts anderes als eine Lehrstunde in Sachen Rockstar-Perfektion. Scheinbar mühelos fegte der gerade einmal 1,57 Meter große Musiker am 4. Februar 2007 über die Bühne in Form seines Logos. Keine Sekunde verging, ohne dass er das Publikum fest im Griff hatte. Prince und eine Blaskapelle? Oh ja. Prince spielt Purple Rain im Regen? Absolut. Ein Abend für die Geschichtsbücher!

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„California Love“: Die musikalischen Höhepunkte der Super-Bowl-Halbzeitshow

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Popkultur

50 Jahre „Raw Power“: Als die Iggy Pop und die Stooges in 34 Minuten den Punk erfinden

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Iggy Pop
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

33 Minuten und 57 Sekunden. Solange brauchen Iggy Pop und die Stooges, um den Punk in die Welt zu würgen. Vor 50 Jahren erscheint das lärmende, schrille Manifest Raw Power. Und ist auch ein halbes Jahrhundert die Rockplatte mit dem passendsten Namen.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Raw Power anhören:

Ende der Sechziger tut sich was in Ann Arbor. Mitten in einer mittelgroßen Stadt in Michigan gründen James Newell osterberg (den alle nur Iggy Pop nennen) und die  Asheton-Brüder Ron und Scott The Stooges. Sie lieben die Doors und eine wenig bekannte Girl-Group namens The Untouchable, ihr neuartiger, bizarrer, fast schon aufdringlich aggressiver Mix aus Blues, R&B, Jazz und altmodischem Rock’n’Roll verstört, ihre Live-Konzerte haben schnell den Ruf, psychedelische Dröhnexzesse zu sein. Das beschert ihnen in einem auserwählten Kreis Kultstatus; der Erfolg, der bleibt bei den ersten beiden Platten The Stooges (1969) und Fun House (1970) jedoch weitgehend aus.

Flucht nach England

Die Band trennt sich kurzzeitig, Iggy Pop kümmert sich zunächst gründlich um seine Heroinsucht. Kostet ja auch Zeit und Geld. Wie ein rettender Engel schwebt David Bowie in sein Leben. Der bringt ihn bekanntermaßen mehr als einmal von den Drogen weg und nimmt ihn mit zu sich nach England, wo die beiden gemeinsam Musik machen. Was eigentlich Iggy Pops Solodebüt werden soll, wird dann im Vereinigten Königreich aber doch irgendwie zur Reunion der Stooges: Nachdem Iggy Pop und sein Stooges-Gitarrist James Williamson, den er bei sich haben wollte, keine geeignete Rhythmussektion in „ganz England“ finden, wie man wenig glaubhaft versichert, fliegen sie halt doch wieder die Asheton-Brüder ein.

Die Stooges sind wieder vereint, die Solopläne Pops zunächst mal vom Tisch. Ganz ohne Spuren bleibt der kurze Riss in der Stooges-Historie aber nicht: Fortan firmiert man als Iggy And The Stooges. Und will es noch mal wissen. Warum auch nicht? Während die Welt in ihrer Frühphase ganz eindeutig nicht bereit war für diese Art von Musik, von innigem Krach und sinnlicher Kakophonie, ist in der Musikwelt mittlerweile natürlich eine Menge passiert. Die New York Dolls sind auf den Plan getreten, The Velvet Underground haben in Sachen lauter Avantgarde so ziemlich alles gesagt.

Die härteste Gitarre weit und breit

Hochmotiviert schreiben Iggy Pop und James Williamson Songs für ein Album, das als ein Meilenstein auf der Reise zum Punk in die Annalen eingehen wird. Die Musik klingt deutlich härter und kohärenter, was vor allem an Williamsons aggressivem Spiel liegt. Muss sogar Ron Asheton einsehen, der grummelnd von der Gitarre zum Bass wechselt und Williamson das Feld überlässt.

1972 entstehen in London Songs, die beim Management der Band praktisch ohne Ausnahme für blankes Entsetzen sorgen. Die Plattenfirma Columbia zwingt die Band dazu, wenigstens zwei Balladen auf dieses rohe, blutige Stück Fleisch zu packen – wahrscheinlich in einem verzweifelten Versuch, die Ecken abzuschleifen. Gimme Danger und I Need Somebody gehen auf dieses Diktat zurück. Auch nicht gerade Tränendrüse-Nummern, aber offensichtlich okay für Columbia. Und für spätere Generationen eh ein Glücksgriff: Beide Songs sind herrliche Exempel für torkelnde Trinkerballaden.

David Bowie muss retten

Vom 10. September bis zum 6. Oktober 1972 wird das Album in den Londoner CBS Studios aufgenommen. Und dass David Bowie hier überhaupt als Co-Produzent mit an Bord geholt wird, ist tatsächlich auf einen Fauxpas von Iggy Pop selbst zurückzuführen. Der besteht darauf, die Platte selbst aufzunehmen und zu mixen, mischt aber versehentlich die Instrumente in den einen Stereokanal und den Gesang in den anderen. Mehr Punk geht echt nicht!

Und weil Iggy Pop eben Iggy Pop ist, besteht er darauf, dass Bowie zwar an den Mix gelassen werden darf; der Opener Search And Destroy soll davon aber unberührt bleiben. Was sich Bowie dabei wohl gedacht hat? Eine Menge! „Ich kam mit meinem 24-Spur-Rekorder und wir schlossen ihn an. Er hatte die Band auf einer Spur, die Leadgitarre auf einer zweiten und die Band auf der dritten. Von 24 Spuren benutzte er nur drei und er sagte: ‚Sieh mal zu, was du damit anfangen kannst!“

Als würde man einen Baumstamm verprügeln

Das sorgt für einen ganz speziellen Sound, der so keineswegs gewünscht wurde, aber zur Einzigartigkeit dieses seltsamen Albums beiträgt. Einen Tag, mehr hatte Bowie aufgrund des knappen Budgets nicht zum Mixen. Und was er rausholt, ist eine der ikonischsten Produktionen aller Zeiten. Pop selbst erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein Zitat von Bowie: „Er sagte mir: ‚Ihr seid so primitiv, euer Schlagzeuger sollte klingen, als würde er einen Baumstamm verprügeln.“ Und irgendwie tut er das auch! Bis heute sind die verschiedenen Mixe des Albums der Stoff für Legenden: Iggy Pop selbst hat mehr als einmal seine Fassung der Songs ausgegraben und als alternative Fassung veröffentlicht, zuletzt dieses Jahr.

Der große Erfolg bleibt dennoch aus. Fürs konservative Rock-Radio sind die laut gellenden Rock-Orgien immer noch viel zu brutal, das Album macht kaum Eindruck in den Charts. Die bittere Quittung: Management und Label lassen die Stooges fallen, nach einem weiteren Jahr auf Tour löst sich die Band endgültig auf.

Rohe Kraft

Heute sind wir natürlich schlauer. Heute wissen wir, dass es eigentlich keine Rock-Platte gibt, die einen passenderen Namen trägt. Raw Power. Damit ist alles gesagt. Pop und die Stooges reduzieren den Rock auf sein urtümliches Grundgerüst, kochen ihre Musik ein auf eine Ursuppe aus schreienden Gitarren, polternden Drums und Schreie aus dem Wald. So einfach. Und doch so effektiv.

Schon damals jubelt die Presse, doch heute ist man sich selten einig: Raw Power ist das Album, ohne das es Punk erst später gegeben hätte. Steve Jones von den Sex Pistols lernte Gitarre zu diesem Album, Johnny Marr von The Smiths nennt es seine absolute Lieblingsplatte, ebenso erweisen sich Thurston Moore von Sonic Youth und Kurt Cobain als riesige Fans dieses rohen Manifests. Nicht ganz übel für knapp 34 Minuten Musik, die kommerziell vor 50 Jahren ganz fürchterlich floppen.

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45 Jahre „Lust For Life“: Iggy Pop verlässt den Schatten von David Bowie

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Popkultur

Zeitsprung: Ab dem 7.2.1980 setzen Pink Floyd neue Maßstäbe mit der„The Wall“-Tour.

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Foto: Denis O'Regan/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.2.1980.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Am 7. Februar 1980 legen Pink Floyd mit ihrer Tour zu The Wall los. Dass die Konzertreihe eine tatsächliche Mauer enthält und auch sonst alle Maßstäbe umkrempelt, was wir als gute Show definieren, ahnt da keiner. Natürlich geht bei der Kiste aber auch etwas schief. Schauen wir zum Jahrestag des ersten Konzerts in die Pläne und Probleme der Unternehmung.

Hört zur Einstimmung Is There Anybody Out There?, das Livealbum zur Tour: 

„Es war verdammt schwer umzusetzen, aber wir hatten ein paar wirklich gute Leute dabei, die es möglich gemacht haben“. Diese Aussage von Roger Waters fasst das Konzept der „Tour“ zu The Wall recht gut zusammen. Wobei man sicher aufpassen muss, das Unterfangen als Tour zu bezeichnen, immerhin gastiert das Schauspiel nur in vier Städten weltweit. Dafür dürfen sich Los Angeles, die Kleinstadt Uniondale bei New York, London und Dortmund dann gleich über insgesamt 31 Shows freuen. Los geht’s am 7. Februar 1980 in Los Angeles.

Feurige Stimmung, feurige Show

Dort brennt im Memorial Sport Auditorium die Hütte, und zwar wortwörtlich: Der Opener In The Flesh? soll mit einem Feuerwerk starten. Dieses steuert jedoch zielsicher auf einen Vorhang der Arena zu und sorgt bei der Folgenummer Empty Spaces bereits für Ascheregen. Die dystopische Szenerie wirkt geplant, doch spätestens als die Band das Konzert zum Löschen unterbricht, schwant dem Publikum die Panne. Dass es innerhalb der Gruppe ohnehin schwelt, bleibt hinter den Kulissen. Beim ausufernden Konzept der Shows scheint es mehr Glück als Verstand zu sein, dass sich das Feuer zu keinem Inferno ausbreitet und auch sonst niemand zu Schaden kommt.

Roger Waters verarbeitet auf dem Album Motive der Entfremdung und fehlender Verbindung und will diese auch auf der Bühne transportieren. Das Resultat: Eine beinahe zehn Meter hohe Mauer, die während des Konzerts aus papiernen „Steinen“ zusammengesetzt und wieder eingerissen wird. Abstürzende Flugzeuge und überlebensgroße aufblasbare Puppen füllen das Bühnenbild. Mal fungiert die Mauer als Leinwand, mal singt David Gilmour auf ihr Comfortably Numb.

Überdimensionale Erlebniswelt

Plötzlich ergibt es Sinn, dass diese Produktion nicht täglich den Standort wechselt. Waters erinnert sich: „Ich wusste immer, dass es ein facettenreiches Projekt werden würde – eine Platte, gefolgt von den Shows in ausgesuchten Städten und einem Film. Wir konnten damit gar nicht reisen, es hätte ein Vermögen gekostet, das alles zu bewegen. Es war allem im Rock’n’Roll Lichtjahre voraus, und die Arbeit, die in jedes Detail floss, hatte es so noch nie gegeben.“

Ist da jemand: Das Cover zum Livealbum der „The Wall“-Tour zeigt die Masken der „falschen Pink Floyd“, die zu Beginn der Konzerte das Publikum täuschen sollten.

Eigentlich eine Schande, dass letztlich so wenig des bei den Shows gefilmten Materials an die Öffentlichkeit gelangt. Nur mäßig ausgeleuchtete Probeaufnahmen teilt man; in den geplanten Film schaffen es gerade einmal 20 Minuten der Liveaufzeichnungen.

Noch immer ein Wunderwerk

Weitere zwei Male lässt der Bassist das Epos wieder auferstehen, 1990 zur Feier der deutschen Wiedervereinigung und 2010 als dreijährige Tour. Wieder gelingt der Zauber. Die Presse titelt: „Die Tourversion von Pink Floyds ‚The Wall‘ ist eine der ehrgeizigsten und komplexesten Rockshows, die jemals auf die Bühne gebracht wurden.“

Zeitsprung: Am 31.5.1984 sorgt „The Wall“ von Pink Floyd für eine Entlassung.

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