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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.3.1970 erscheint ein Album mit Songs von Charles Manson

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.3.1970.

von Christof Leim

Als am 6. März 1970 das Album Lie: The Love And The Terror Cult von und mit Charles Manson erscheint, sitzt der Mann gerade im Knast wegen der Mordserie, zu der er seine „Family“ angestiftet hat. Manson ist da Mitte Dreißig und hat die Hälfte seines Lebens hinter Gittern oder in „Besserungsanstalten“ verbracht. Seine Verbindungen zur Musikwelt, zu den Beach Boys und Neil Young um Beispiel, verblüffen… und erschrecken. Zudem findet die Sammlung seiner verschrobenen Folk-Songs durchaus einen Nachhall in der Popkultur.

Charles Manson bei seiner finalen Inhaftierung 1971

Charles Manson war sein Leben lang ein Verbrecher. Ende der Sechziger, nach mehreren Gefängnisaufenthalten, schart er in Kalifornien Gefolgsleute um sich und baut einen Kult auf, die „Manson Family“. Er strebt einen apokalyptischen Rassenkrieg an, den er – unter völliger Misinterpretation legendärer Beatles-Werke – „Helter Skelter“ nennt. Gleichzeitig möchte er Musiker werden. Er schreibt Songs und schmeißt sich ran ans Musikgeschäft, das vor allem in Los Angeles agiert.

So freundet er sich mit dem Beach Boys-Mitglied Dennis Wilson an, nachdem er zwei seiner weiblichen Anhänger als Köder vorausgeschickt hat. Manson präsentiert dem Schlagzeuger seine Stücke, der zeigt sich durchaus beeindruckt und bezahlt für Studioaufnahmen. Zudem bringt Wilson seinen neuen Kumpel in Kontakt mit Leuten aus dem „Business“. Manson kreuzt während dieser Phase auch die Wege von Neil Young, der die Stücke bei aller Verschrobenheit „faszinierend“ findet und einigen Plattenmogulen den unbekannten Singer/Songwriter ans Herz legt.

Die Beach Boys-Connection geht sogar so weit, dass Dennis Wilson den Manson-Song Cease To Exist übernimmt und mit seiner Band umschreibt zu Never Learn Not To Love. Als Gegenleistung erhält Manson Geld und ein Motorrad. Für die Beach Boys-Version entledigen sich die Musiker der bluesigen Grundstruktur des Originals und passen es ihrem hochproduzierten Breitwandsound an. Zudem modifizieren sie den Text, was Manson überhaupt nicht passt. Never Learn Not To Love erscheint am 2. Dezember 1968 als B-Seite der Single Bluebirds Over The Mountain findet sich im Folgejahr auf der Beach Boys-Platte 20/20. Die Single schafft es in den USA auf Platz 61, in Großbritannien auf Platz 33, das Album auf Platz 68 (USA), 3 (UK) und 23 (Deutschland). Mit anderen Worten: Über die Beach Boys kommt Manson sogar in die Charts.

Nur wird er dabei nicht als Urheber genannt, nirgends in den Credits taucht sein Name auf. Das kommt bei dem Soziopathen natürlich überhaupt nicht gut an. So berichtet ein Mitmusiker der Beach Boys namens Van Dyke Parks Folgendes: „Eines Tages hat Charles Manson eine Gewehrkugel mitgebracht und sie Dennis gezeigt mit den Worten ‚Jedes Mal, wenn du sie siehst, sollst du daran denken, wie schön es ist, dass deine Kinder noch sicher sind.“ Wenig überraschend beendet Dennis Wilson seine Verbindung zu Manson kurz darauf.

Im Sommer 1969 schließlich geschehen die außergewöhnlich grausamen Morde, zu den Manson seine „Family“ anstiftet. Unter anderem wird die hochschwangere Sharon Tate umgebracht, Frau des Regisseur Roman Polanski. Manson wird verhaftet – und bemüht sich aus der Zelle heraus, seine Musik zu veröffentlichen, vermutlich auch, um Geld für seine Verteidigung zu verdienen. Natürlich interessiert sich niemand für das Album, das unter anderem eben jenen Song Cease To Exist in seiner ursprünglichen Form enthält. Ein Weggefährte namens Phil Kaufman schafft es aber, 3000 Dollar aufzutreiben und über das Label Awareness Records 2000 Exemplare der Platte pressen zu lassen. Von denen werden sogar 300 verkauft. Das Album trägt den Titel Lie: The Love & Terror Cult und erscheint am 6. März 1970. Für das Cover wählt Manson ein Titelbild des Magazins Life, das ihn selbst zeigt. Er lässt lediglich das „f“ im Namen des Heftes weg. Charles Manson wird im April 1971 wegen Mordes zum Tode verurteilt, 1972 wird die Strafe wegen einer Gesetzesänderung in lebenslang umgewandelt.

In den Folgejahren wird er zu einer Art morbiden Popkultur-Ikone. Marilyn Manson etwa zitiert den Charles Manson-Song Mechanical Man in seiner Nummer My Monkey, Guns N’ Roses gehen sogar soweit, ein Stück zu covern: Look At Your Game, Girl, die Eröffnungsnummer von Lie: The Love & Terror Cult, erscheint auf Wunsch von W. Axl Rose als Hidden Track auf The Spaghetti Incident? (1993). Seine Bandkollegen haben darauf aber gar keine Lust, also sind bei der spartanischen Aufnahme nur Axl, Dizzy Reed an Percussion-Instrumenten und der Gitarrist Carlos Booy zu hören. Am Ende des Tracks sagt der Sänger sogar: „Thanks, Chas.“ Slash nennt das später „naiven und unschuldigen schwarzen Humor“, aber der Rest der Welt findet die Einbindung doch eher geschmacklos und/oder wittert eine PR-Aktion. Die Lizenzen, die Charles Manson für seinen Song erhalten müsste, werden glücklicherweise dem Sohn eines Opfers seiner Verbrechen zugeschrieben. Auf die Verkäufe von The Spaghetti Incident? hat die Kontroverse keinen schädigenden Einfluss.

Enthält einen Charles Manson-Song als Hidden Track: The Spaghetti Incident? von Guns N‘ Roses

2010 stellt der immer noch inhaftierte Sektenführer eine weitere Kollektion an akustischen Popsongs zusammen, die er erstaunlicherweise mit Hilfe von Henry Rollins – kein Witz – fertigstellt. Es existieren nur fünf Kopien; Rollins besitzt zwei.

Im Laufe der Jahrzehnte wird jedes von Mansons Begnadigungsgesuchen abgelehnt, vermutlich aus gutem Grund. Am 19. November 2017 stirbt er mit 83 Jahren.


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