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Popkultur

Zeitsprung: Am 12.5.1959 wird Ray Gillen (Badlands, Black Sabbath) geboren.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.5.1959.

von Christof Leim

Tolle Stimme, wallende Mähne, und der Mann sieht auch noch ziemlich gut aus: Ray Gillen wirkte damals wie der perfekte Frontmann einer Rockband, wie sie in den Siebzigern Stadion füllt oder in den Achtzigern auf MTV gespielt wird. In der Tat sieht man ihn als Sänger von Badlands regalmäßig auf Headbanger’s Ball, vorher steht er mit den Metal-Titanen Black Sabbath auf der Bühne. Doch leider läuft die Karriere nicht so rund, wie man es hätte erwarten können. Ray Gillen stirbt mit nur 34 Jahren an einer AIDS-Erkrankung. Sein volles Potenzial hat er nie ausschöpfen können. Zu seinem Geburtstag schauen wir im Zeitsprung auf seine kurze Karriere zurück.

Schon auf der High School singt Raymond Arthur Gillen gerne. Der am 12. Mai 1959 in New York geborene Musiker treibt sich Ende der Siebziger in der Clubszene von New Jersey herum; seine ersten Bands mit Namen wie Quest, F-66, Vendetta und Harlette kennt heute kaum noch jemand. 1985 allerdings kann Gillen bei Rondinelli anheuern, der Band des zeitweiligen Rainbow-Schlagzeugers Bobbi Rondinelli. Viel passiert da allerdings noch nicht, denn das gemeinsame Album Wardance wird gar nicht erst veröffentlicht (und erscheint schließlich 1993).



Doch immerhin schaut die Welt jetzt mal genauer hin und nimmt Notiz von dem aufstrebenden Vokalisten. Auch Tony Iommi: Mitte der Achtziger kann der Riffgott seine Band Black Sabbath kaum zusammenhalten, ständig wechseln die Mitstreiter. Als auf der Tour zu Seventh Star der damalige Sänger (und ehemalige Deep-Purple-Mann) Glenn Hughes nach einer Prügelei nicht mehr auftreten kann, schlägt die Stunde von Ray Gillen. Der New Yorker übernimmt das Sabbath-Mikro.

Nach den gemeinsamen Konzerten singt er sogar das Album The Eternal Idol (1987) ein, doch noch bevor die Produktion im Kasten ist, endet die Zusammenarbeit wieder. Das passt gut zu dem allgemeinen Chaos bei Sabbath zu diesen Zeiten, aber das ist mal wieder eine andere Geschichte. Tony Martin nimmt die Gesänge Note für Note neu auf, Gillens Beiträge geistern als Bootlegs durch die Welt, bevor sie 2010 mit einer Neuauflage der Platte offiziell veröffentlicht werden. Eine Hörprobe ergibt: Ray Gillens Stimme hätte durchaus gut zu dem epischen Sound der Achtziger-Sabbath gepasst. Aber unser Mann hat jetzt den Fuß in der Tür im internationalen Krachgeschäft: Er singt auf dem Phenomena-Projekt von Whitesnake-Klampfer Mel Galley und nimmt mit Thin Lizzy-Gitarrist John Sykes Demos für dessen neue Band Blue Murder auf.

Mit Badlands startet Ray Gillen (r.) 1988 seine eigenen Band. An der Gitarre: Ozzy-Mitstreiter Jake E. Lee (l.)

So richtig voran geht es mit diesen ganzen Projekten jedoch nicht – bis 1988 Badlands entstehen. Gillen tut sich für diese bluesige, an den Siebzigern orientierte Hard Rock-Combo mit Gitarrenheld Jake E. Lee zusammen, der kurz zuvor aus der Band von Ozzy Osbourne rausgeflogen war. Als Schlagzeuger engagieren die beiden Gillens zeitweiligen Black Sabbath-Kollegen Eric Singer (heute bei Kiss), den Bass spielt Greg Chaisson.



Das erste gemeinsame Album Badlands (1989) schafft es auf Platz 57 der Billboard-Charts und gilt als verkanntes Schätzchen des Achtziger-Hard-Rocks. Die Videos zu Dreams In The Dark und Winter’s Call laufen damals natürlich regelmäßig im Musikfernsehen.



Beim Nachfolger Voodoo Highway (1991) gibt es allerdings schon Streit, der darin gipfelt, dass Gillen zeitweilig aussteigt und sich ein Schlagabtausch mit Jake E. Lee entwickelt, den die beiden im britischen Kerrang! führen. In aufeinanderfolgenden Interviews ziehen die beiden Musiker ordentlich vom Leder und beschuldigen sich gegenseitig inakzeptablen Verhaltens.



Richtig absurd wird es bei einem Gig im Juli 1990 in London: Der Sänger zieht eine Ausgabe des Magazins hervor und erklärt den Zuschauern, dass jede Geschichte zwei Seiten habe, während der Gitarrist tonlos die Worte „Es stimmt alles!“ formt. In seinem Konzertbericht schreibt der Journalist Neil Jeffries, er habe noch nie eine Band erlebt, die trotz so gewaltiger Spannungen so gut zusammenspielt. Trotzdem: Die Band demontiert sich gerade öffentlich selbst, nachzulesen hier. Deshalb überrascht es niemanden, dass Gillen nach der Tour gefeuert wird.



Der startet daraufhin neue Projekte (etwa Sun Red Sun), doch viel erreicht er nicht – zumal im harten Rock mit Grunge eine neue Ära anbricht. Bevor Gillen wieder richtig Fuß fassen kann, erfährt er, dass er sich mit HIV infiziert hat. Irgendwann 1990 muss das passiert sein, erzählt er später, Lee berichtet, zwischen der ersten und zweiten Badlands-Platte habe der Sänger viel Gewicht verloren und nicht mehr gesund ausgesehen. Bekannt wird die Erkrankung zunächst nicht, erst ein unschöner Streit mit dem damaligen Manager (und späteren Savatage/Trans-Siberian-Orchestra-Impressario) Paul O’Neill) fördert die Wahrheit zu Tage, Epressung, vehementes Leugnen und verräterische Medikamente inklusive. Jake E. Lee geht heute davon aus, dass sich Gillen bei einem Experiment mit Heroin angesteckt hat.

Der Sänger erkrankt schließlich an AIDS, sein Zustand verschlechtert sich zusehends, weitere Engagements muss er absagen. Ray Gillen stirbt am 1. Dezember 1993 mit nur 34 Jahren, seine Tochter Ashley ist damals gerade erst neun. Rückblickend gilt er als hochkompetenter und charismatischer Rocksänger in bester Tradition des Genres, der viel zu früh verstummte. Rest in peace.


Titelfoto: Krasner/Trebitz/Redferns

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