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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.7.1969 wird ein besonderer Gitarrist geboren: Jason Becker.

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Credit: Promo & jasonbecker.com

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.7.1969.

von Christof Leim

Mit 16 gilt er als Gitarrenwunderkind. Mit 20 steigt er in die Band von David Lee Roth ein. Kurz darauf sagt man ihm, dass er nur noch drei Jahre zu leben habe. Diagnose: ALS. Am 22. Juli feiert Jason Becker Geburtstag und kann nur seine Augen bewegen. Musik macht er weiterhin.

Hört euch hier Jasons neues Album Triumphant Hearts an:

Um der Nachfolger von Eddie Van Halen und Steve Vai zu werden, muss man an den sechs Saiten schon richtig was drauf haben. Wer das mit nur 20 Jahren schafft, darf mit Fug und Recht „Gitarrenheld“ genannt werden. Jason Becker übernimmt damals den Posten des Leadgitarristen in der Band von David Lee Roth, ersetzt also Steve Vai. Und natürlich kennt man Roth als Sänger von Van Halen, bei denen der Größte überhaupt spielt: König Edward, der mit dem Debüt von 1979 das Zeitalter der virtuos-technischen „Sportgitarre“ erst richtig eingeleitet hatte.

Jason als junger Gitarrenheld – Pic: Pat Johnson/Promo

Jason Becker hat das alles drauf, schließlich gehörte er schon als 16-Jähriger zum legendären Shrapnel-Label, auf dem sich die ganzen Flitzefinger der Achtziger versammelten. Dort veröffentlicht er mit seinem Kumpel Marty Friedman unter dem Namen Cacophony die beiden Alben Speed Metal Symphony (1987) und Go Off! (1988). Die Titel sind hier Programm: Die Jungs spielen Hochgeschwindigkeits-Metal und gehen wirklich richtig ab. 

Das heißt: Hochanspruchsvolles, melodisches Geschredder, viel Neoklassik, wilde Harmonieläufe und alle Techniken von Arpeggios bis Tapping-Wahnsinn. 1988 bringen beide jeweils Soloalben auf den Markt, bei denen ebenfalls die Finger glühen. Beckers Platte heißt Perpetual Burn.

1990 gewinnt Jason den begehrten Titel des „Best New Guitarist“ des einflussreichen Magazins Guitar und wird der neue Klampfer von David Lee Roth, damals ein veritabler Rockstar auf der Höhe seiner Solokarriere. Während der Arbeiten am Album A Little Ain’t Enough allerdings bekommt der junge Musiker motorische Probleme in seinen Gliedmaßen, zunächst in seinen Beinen und schließlich auch in den Händen. Leider geht das nicht wieder weg: Jason Becker leidet an amyotropher Lateralsklerose oder ALS, im englischen Sprachraum auch Lou Gehrig’s Disease genannt. Dahinter verbirgt sich eine eine unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems; eine schockierende Diagnose also. Jasons Lebenserwartung wird auf drei bis fünf Jahre geschätzt. 

David Lee Roth & Jason Becker – Pic: Screenshot aus „Jason Becker: Not Dead Yet“

Weil seine Hände und Finger rapide schwächer werden, kann er das Album nur fertigstellen, indem er unter anderem dünnere Saiten spielt sowie seine Parts und die Arbeitsweise anpasst. Die Platte wird großartig und macht Spaß, sogar zwei von Jasons Songs (It’s Showtime! und Drop In The Bucket) finden sich darauf. Die Gitarrenarbeit kann sich trotz allem hören lassen und bietet hochvirtuose, aber geschmackvolle Rock-Licks. Alleine das wieselflinke Shuffle-Riff zu It’s Showtime! zeigt, dass der Bursche mehr drauf hat als die anderen Kinder, und trotzdem rocken kann. Die kommende Tour kann Jason Becker allerdings schon nicht mehr mitspielen. Der Traum von der Weltkarriere ist ausgeträumt.

Wie wir spätestens seit der „Ice Bucket Challenge“ wissen, verläuft ALS schlicht teuflisch. Nach und nach verliert Jason Becker in den folgenden Jahren seine Fähigkeiten zum Gitarrespielen, zum Gehen, zu eigenständigen Bewegungen und schließlich sogar seine Sprache. Heutzutage kommuniziert er über die Bewegung seiner Augen und ein Buchstabensystem, das sein Vater entwickelt hat. Sein Geist hingegen bleibt davon ungetrübt, sein immenses Talent verschwindet nicht einfach: Jason schreibt weiter Musik, die er mit befreundeten Musikern und Computerunterstützung aufnehmen und produzieren kann.

Jason und Gary Becker mit dem Hilfsmittel, das ihnen Kommunikation erlaubt – Pic: www.jasonbecker.com

So erscheint sechs Jahre nach der Diagnose die Platte Perspective; im Laufe der Zeit folgen Raspberry Jams (1999), Blackberry Jams (2003) und sogar Tribute-Alben anderer Sechs-Saiten-Kollegen, die Beckers frühe Arbeiten weiter schätzen und loben. Auf Warmth In The Wilderness I (2001) und II (2002), sowie Collection (2008) spielen Großkaliber wie Paul Gilbert, Steve Vai, Marty Friedman, Joe Satriani, Steve Hunter und Mattias Eklundh. Im Jahr 2012 veröffentlicht Material Musik, das er als Teenager aufgenommen hat. Der charmante Titel: Boy Meets Guitar.

Wie der Mann mittlerweile lebt, sieht man ab 2012 in der bewegenden Dokumentation Jason Becker: Not Dead Yet. Daneben zeigt die Familie Becker hier viel Material aus der musikalischen Kindheit des Jungen und der aufregenden Phase mit Cacophony, etwa von Japan-Touren. Das heißt: Hier wird viel Gitarre gespielt! Vor allem zeigt der Film nicht nur den körperlichen Verfall Jasons und die Anforderungen an die Familie, sondern seine Stärke, seinen Überlebenswillen und seine positive Attitüde, die man kaum glauben kann. Wir möchten den preisgekrönten Film an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen. Er ist auf DVD und als Download erhältlich. 

Die prognostizierten „drei bis fünf Jahre“ hat Jason Becker mittlerweile schon um ein Vielfaches überlebt. Dank einer Crowdfunding-Kampagne erschien zuletzt im Dezember 2018 das Album Triumphant Hearts, auf dem eine ganze Riege hochdekorierter Instrumentalisten und Sänger in vorwiegend klassischen Kompositionen zu hören sind. Mehr zu Jason und Unterstützungsmöglichkeiten finden sich hier.

Die Musik spielt also noch immer in Jason Beckers Kopf. Im Booklet zu Perspective schreibt er: „Ich habe amyotrophe Lateralsklerose. Sie hat meinen Körper und meine Stimme verkrüppeln lassen, aber nicht meinen Geist.“ Respekt – und herzlichen Glückwunsch!

Zeitsprung: Am 22.2.1959 reisen die Van Halens mit dem Schiff nach Amerika.

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