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Popkultur

Zeitsprung: Ab 1. 7.1979 verändert der Walkman die Musikwelt

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Sony Walkman
Foto: Carl Court/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1979.

Musik zum Mitnehmen, die Lieblingsband in der Hosentasche: Heute ist das völlig normal, früher war es das nicht. Am 1. Juli 1979 aber verändert ein neues Gerät die Welt der Musikfans, als in Japan der erste Walkman vorgestellt wird.

von Andrea Hömke und Christof Leim

Eine Modellbezeichnung (TPS-L2), Play-Taste, Rück- und Vorspulfunktion und natürlich den mit Schaumstoff überzogenen Kopfhörer – so sah der Lieferumfang aus für die damalige rund 390 Gramm schwere, blau-violette Technikrevolution. Umgerechnet 200 Dollar kostete das tragbare Musikgerät, das weltweit eine regelrechte „Walkmania“ auslöst.

Stunden vor dem Radio

Den Walkman zum Leben erweckt jeder stolze Besitzer damals am liebsten selbst. Wie? Ganz einfach: Unzählige Jugendliche verbringen Nachmittage vor dem Radio, hoffen darauf, dass der Moderator des bevorzugten Senders endlich die passenden Lieblingslieder spielt. Und wehe, er quatscht am Ende des Songs rein. Katastrophe! Denn wer will schon das belanglose Gerede eines Radiomoderators mit sich rumtragen. Niemand! Einzig die Musik zählt. Zweimal 45 Minuten, auf der A- und der B-Seite der Kassette.

Auf dem Schulhof werden die besten Tapes getauscht, im Doppelkassettenspieler dann kopiert. Natürlich wird auch der ersten Jugendliebe ein Mixtape gefertigt, mit allen verfügbaren Liebesliedern, sodass dank des Walkmans nicht nur die Musik ständiger Begleiter der oder des Auserwählten ist, sondern eben auch die oder der Herzallerliebste. DAS ist Romantik!

Kein Wunder also, dass Sony allein in den ersten zwei Monaten nach Markteinführung in Japan 50.000 Stück verkauft. Als der Walkman knapp ein Jahr später in den USA und England eingeführt wird, steigen die Absatzzahlen in den mehrstelligen Millionenbereich.

Kritik an der neuen Technik

Doch das Wundergerät birgt tatsächlich auch Nachteile: Einer Studie des Umweltbundesamtes von 1995 zufolge wird jeder vierte Teen und Twen in Deutschland durch das Walkman-Hören nachweislich hörgeschädigt. Den Kids ist das jedoch zumeist egal, genauso wie die Aussagen kritischer Erwachsener, wie etwa des Freiburger Kulturanthropologen Werner Mezger. In seinem Buchbeitrag Diskothek und Walkman schreibt er 1985, der Walkman sei „eine im Grunde widersinnige Möglichkeit, inmitten anderer Menschen mit sich selbst und seiner Musik allein zu sein.“ Er beschreibt den „heranwachsenden Walkman-Fan, der – physisch präsent und psychisch entrückt – einsam durch die Masse irrt.“

Klingt bekannt? Klar. Denn genau das wird seit Erfindung der Smartphones über ihre Nutzer gesagt. Die weltweite Verbreitung beider Techniken wird dadurch allerdings keinesfalls gestoppt. Sony verkauft nach eigenen Angaben bis zum Jahr 2004 über 335 Millionen Walkmänner, erst im Oktober 2010 (!) wird die Produktion eingestellt. Neue Technik hat die einstige Revolution abgelöst.

Jahrzehntelange Rechtsstreitigkeiten

Übrigens besteht Sony-Chef Akio Morita zeitlebens darauf, dass er den Walkman erfunden hat. Erst nach seinem Tod 1999 legt der Konzern einen 20-jährigen Patentstreit bei — mit einem Deutschen! Der damals 32 Jahre alte Andreas Pavel aus Aachen meldete nämlich bereits 1977 erst in Italien, wo er zu dem Zeitpunkt lebte, und später auch in anderen europäischen Ländern das Patent für eine „körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen“ an. Damit gilt er für die Technikgeschichte als der eigentliche Walkman-Erfinder.

Der Gerichtsstreit mit Sony treibt den Deutschen fast in den Ruin, mehrfach unterliegt Pavel den zahlreichen Patentanwälten des riesigen Hi-Fi-Konzerns. Doch er gibt nicht auf und bekommt 2003 letztlich Recht. Sony einigt sich mit dem Deutschen außergerichtlich auf Zahlung einer mehrstelligen Millionensumme. Das meiste davon verschlingen allerdings die Schulden, die der Erfinder während der Rechtsstreitigkeiten macht. Vergrämt ist der nach all dem Ärger trotzdem nicht. Zur New York Times sagt er im Interview: „Ich habe meine Zeit zurückgewonnen, aber kein Interesse mehr daran, mich weiter zu streiten. Ich möchte ohnehin nicht darauf reduziert werden, der Erfinder des Walkmans zu sein.“ So kann man das offenbar auch sehen…


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