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Paul McCartneys ‘Wings over America’ – Die musikalischen Metamorphosen eines Supertalents mit Vokuhila

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Das Wichtigste zuerst: Viele Beatlesfans waren nach der sechs Jahre dauernden Trauerphase nach der Trennung der Fab Four einfach nur dankbar, Paul McCartney mit den Wings wieder auf der Bühne zu sehen. John Lennon war gerade Vater geworden und hatte sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. George Harrison begeisterte mit seinen zunehmend experimentellen Tunes nicht gerade die Massen. Und was Ringo Starr machte – ja, was machte der eigentlich?


Wer also Mitte der 1970er Jahren noch immer von Beatleskummer geplagt war, konnte wenigstens einen nur so von Kreativität erblühenden Paul McCartney mit seiner Band Wings erleben – und vor allem hören. Hatte man die Beatles wegen ihres recht simplen Equipments und vor allem dank der Erfindung des Teenie-Kreischens kaum hören können, boten die Wings einem etwas relaxteren Publikum die Möglichkeit, sich ohne Hörsturz auf einem Konzert zu amüsieren – und sogar ein paar Beatles-Songs zu hören. Zugegeben, auch auf Wings over America – einem Zusammenschnitt der US-Tour auf einem opulenten Tripple-Album – ist noch recht viel Kreischen zu hören. Wieso sang eigentlich damals niemand lauthals mit, sondern alle schrien sich nur die Stimmbänder rissig?



Nun behaupten manche, dass die Wings nie eine richtige Band gewesen seien und schon gar keine besonders fähige. Schauen wir uns diesen Vorwurf etwas genauer an. Es stimmt: Vielleicht wäre “The McCartneys” ein geeigneterer Name für die Wings gewesen. Den Kern bildeten Paul und seine Frau Linda, dazu gab es noch einen treuen Gitarristen Danny Laine, der Rest der Band wechselte häufig, von Tour zu Album zu Tour.

Und immerzu wurde gemunkelt, dass Linda nur in der Band gewesen sei, weil Paul nicht alleine auf Tour sein wollte. Sie macht ihre Sache am Klavier und in den Vocals aber sehr gut, so dass sich die gehässigen Kritiker eigentlich eins pfeifen können.


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Was den modischen Stil der Eheleute McCartney anbelangt, lässt sich aus heutiger Sicht allerdings wenig zur Verteidigung sagen. Hat man auch noch so viel Bewunderung für das musikalische Genie Paul McCartneys übrig: Dieser Vokuhila schmerzt und beleidigt ästhetische Mindeststandards. Gut, dass das Wings over America nicht die musikalische Entsprechung dieser Frisurensünde wurde, sondern – weiter in Haarmoden gesprochen – eher so etwas wie der Bob: ein Evergreen, von zeitloser Schönheit.


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Von der ausgedehnten US-Tour im Mai und Juni 1976 zurückgekommen, packte McCartney seinem Toningenieur 800 Stunden Tourmaterial auf den Tisch und sagte: Bau was Schönes. Der suchte die jeweils fünf besten Performances der 30 gespielten Songs der Setlist aus und mischte diese dann mit McCartney zusammen ab. Laut dem damaligen Drummer Joe English soll das alles eine Ewigkeit gedauert haben. Offenbar musste die Band einiges neu im Studio einspielen. In einer Rockband sein ist halt auch viel Arbeit.



 

Was das Album zu einer feinen Sache macht, ist seine Bandbreite an musikalischen Unternehmungen. Knapp zwei Stunden und 28 Songs sind wie auf McCartney persönlichem Zeitstrahl entlang zu flanieren und ihn durch die verschiedenen Epochen seiner Karriere zu begleiten. Ebenfalls bemerkenswert ist, was der Ex-Beatle an Vokalkunst vorführt – vom rauchigen Bluesmen zum Crooner zum klassischen Rock, zur jungenhaften Stimme der frühen Beatles führt McCartney alles vor, was in ihm steckt. Und so sollte man das Album zu allererst als Zeitdokument der Post-Beatles-Ära von McCartney ansehen und -hören.

Maybe I´m Amazed ist ein gutes Beispiel für McCartneys Gesangsevolution. Der pianolastige Song wurde aufgrund seiner großen Beliebtheit im Jahr 1977 noch als Single herausgebracht und ist sicherlich einer der stärksten auf dem Album. McCartney tunkt seine Stimme darin tief in Whiskey und hängt sie in die Räucherkammer – so viel Blues hätte man McCartney nicht zugetraut.


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Picassos Last Word’s ist ein schöner Akustiksong mit den bekannten letzten Worten des Malers: “Drink to me, drink to my health. You know I can’t drink anymore.”

Bluebird kommt ganz leichtfüßig daher und man hört dem Song an, dass er während eines Urlaubs in Jamaica geschrieben wurde. Ein bisschen Bossa Nova, ein bisschen Jazz, ein bisschen hang loose Lebensgefühl.


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Mit Verweis auf die gemeinsame Autorenschaft von Lennon und McCartney wurden auch fünf Beatlessongs auf der Tour performt und mit auf die Trippleplatte genommen: Lady Madonna, The Long And Winding Road, I’ve Just Seen a Face, Blackbird und natürlich Yesterday, was mit frenetischer Begeisterung von den Fans aufgenommen wird. Das Album wurde schließlich 2013 neu abgemischt und in remasterter Version veröffentlicht. Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen.

Fazit: Für Hardcore Fans der Beatles sowieso, für Interessierte an musikalischen Metamorphosen, für Liebhaber und Liebhaberinnen des Livekonzerts, für alle, die hören wollen, wie gut ein Vokuhila klingen kann.


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