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Popkultur

10 Alben mit Konzept und Überlänge, in die man sich vertiefen kann

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Foto: Cover

Das Album-Format ist tot. Heutzutage bestimmen Playlisten und einzelne Songs das Geschehen, maximal EPs!

von Michael Döringer

Überlängen sind typisch im Rock

So hört man es zumindest. Dagegen wehren wir uns jeden Tag und stehen weiterhin leidenschaftlich zur LP als Gesamtkunstwerk. Nur ist es eben auch so, dass selbst wir nicht immer Zeit haben, uns einer Platte in voller Länge zu widmen. Vor allem nicht denjenigen, die weit über die magischen 40-50 Minuten hinausgehen. 90+ Minuten, 3-LP-Alben oder sogar 2-CD-Werke sind keine Seltenheit in der Rockgeschichte. Falls ihr also gerade ein paar ruhige Stunden habt, bald in Pension geht oder mit gebrochenem Bein auf dem Sofa liegt: Gute Besserung und viel Spaß mit den besten längsten Alben aller Zeiten!

Grateful Dead – Live Dead (1969)

Die vierte LP-Veröffentlichung von Grateful Dead war zugleich die erste Live-Aufnahme der Psychedelic-Legenden. Und da es immer heißt, dass sich die Magie der Dead vor allem auf den ausgedehnten Jams auf der Bühne entfaltet hat, ist diese Platte auch für einen Einstieg ins Werk der Hippie-Ikonen die richtige Wahl: sieben Stücke ausgedehnt auf 75 Minuten, mitgeschnitten im Jahr 1969 bei Live-Auftritten in San Francisco. Zum Vergleich, auch wenn er hinkt: Das White Album erschien ein Jahr zuvor mit fast 30 Songs. Grateful Dead standen für den hypnotischen Sog der Improvisation und ausgedehnte Jams. Man kann das nur nachempfinden und wertschätzen, wenn man sich dieser expressiven Urgewalt in voller Länge aussetzt.

The Who – Tommy (1969)

Klar kennst du Tommy, aber wann hast du es zuletzt komplett gehört, wenn überhaupt schon mal von Anfang bis Ende? Die „Rock-Oper“ ist ein geflügeltes Wort, letztendlich ist sie nichts anderes als ein stringent erzähltes Konzeptalbum. Tommy ist einerseits ein weniger komplexes Gegenstück zu fast überambitionierten Konzeptalben wie Sgt. Pepper, andererseits Vorbild für viele spätere Progressive-Platten. Mod-Hymnen, typisch weitläufiger Rock sowie kurze Interludes und Zwischenstücke, die das Gesamtgebilde stützen, mit dem Pete Townshend seine Kindheit und Jugend aufarbeitet. Es lohnt sich, hier nicht nur zwischen den bekannteren Songs wie I’m Free oder Pinball Wizzard hin- und her zu skippen.

George Harrison – All Things Must Pass (1970)

Für viele ist das hier natürlich Pflichtprogramm und ein ganz essenzielles Werk, das ist klar. Aber vielleicht habt ihr euch dem ersten wirklich guten Soloalbum von Herrn Harrison auch schon länger nicht mehr gewidmet – immerhin ein Dreifach-Album mit über zwei Stunden Spielzeit. Allen anderen sei gesagt: Das hier ist wohl die beste Post-Beatles-Platte, denn sie steckt im Prinzip voller Beatles-Songs, die der stille George gegen John und Paul nicht durchsetzen konnte. Hier durfte er sie alle nacheinander machen, und dementsprechend ausufernd wurde das Projekt.

Genesis – The Lamb Lies Down On Broadway (1974)

Noch eine Platte aus der offensichtlichen Kategorie, aber auch eine, für die man wirklich Zeit und Muse braucht: das Genesis-Album schlechthin, neben Selling England By The Pound. Ein konzeptuelles Prog-Meisterwerk wie es im Buche steht, ein Album, das vielleicht stellvertretend für ein ganzes Genre stehen kann. Obwohl es so komplex-kompliziert angelegt ist, geht The Lamb Lies Down On Broadway wunderbar ins Ohr, was vor allem Peter Gabriels Verdienst ist. Er dachte sogar daran, aus der Geschichte einen Film zu machen. Gut, dass daraus nichts wurde, werden manche Kritiker*innen sagen. Denn die Story vom puerto-ricanischen Hustler Rael in New York City ergibt leider nie so wirklich komplett Sinn. Nimm dir die 92 Minuten und versuch des nachzuvollziehen. Wie bei 2001 von Stanley Kubrick lohnt sich hier jeder neue Versuch.

The Clash – Sandinista! (1980) 

Auch die Punkrock-Legenden The Clash können Langstrecke. Die Band um Joe Strummer hatte sich schon früh von eindimensionalem Punk verabschiedet und war in Richtung Soul und Blues, Dub und Reggae ausgeschweift. Im Jahr nach London Calling erschien mit Sandinista! ein Dreifach-Album, das manchen Kritiker*innen zu weit ging, zu wirr war. Die Band mischte alle Genres, warf Songskizzen zwischen Dub-Experimente, lieferte viel Material ab und war lange nie so greifbar wie auf dem Album zuvor. Es lohnt sich dennoch, den Charme des Unfertigen und Überladenen zu entdecken – alleine wegen den darin versteckten Klassikern wie Hitsville U.K. oder Police On My Back.

Hüsker Dü – Zen Arcade (1984)

Der Einfluss von Hüsker Dü und speziell dieser Platte auf den US-Alternative-Rock der 80er kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieser Post-Hardcore-Klassiker brach damals mit vielen Regeln, allein schon dadurch, dass es sich um ein extensives Konzeptalbum handelte. Es erzählt von den Erfahrungen eines jungen Mannes, der sein erstes Jahr weg von zu Hause verbringt. Viel wichtiger ist allerdings der Sound dieses Albums, der sich für Pop öffnete, ohne Punk-Ideale zu opfern. Zen Arcade steht tatsächlich ganz in der Tradition von Punk und Hardcore, ohne sich davon formell einschränken zu lassen.

Smashing Pumpkins – Mellon Collie & The Infinite Sadness (1995)

Mit dem beachtlichen und stolzen Nachfolger von Siamese Dream schossen Billy Corgan und Co. endgültig durch die Decke. In den über zwei Stunden und 28 Songs versuchte Corgan, zeitgenössischen Alternative Rock mit den Platten der 70er zu verschmelzen, die er liebte. Das Ergebnis konnte sich hören lassen, das Bombastische und Überambitionierte passte irgendwie ganz gut zum Sound der Pumpkins – vor allem, wenn dank Hits wie 1979 oder Bullet With Butterfly Wings eigentlich nie anstrengende Längen entstehen.

Drive-by Truckers – Southern Rock Opera (2002)

Der Titel ist Programm: Southern Rock Opera ist ein Muss für alle Southern-Rock-Fans und alle, die es werden wollen. Das ist nicht schwer, denn die Musik der Drive-by Truckers ist unglaublich direkt und packend. Auf diesem über 90-minütigen Meisterwerk geht es um Lynyrd Skynyrd, die größte Inspiration der Band, und die Lebensverhältnisse im Süden. Ein hochambitionierter Song-Zyklus, der dem Genre selbst den Spiegel vorhält, als Tribut an Skynyrd gedacht ist und sich zugleich nicht hinter deren mächtigen Einfluss verstecken muss.

Sufjan Stevens – Illinois (2005)

Gute und substanzielle Konzeptalben sind selten geworden, im Pop sowieso. Sufjan Stevens ist ein Künstler, dessen endlose Kreativität immer zwangsläufig zu interessanten Konzepten führt. Ob das nun ganze Alben über seine Eltern oder über Bundesstaaten der USA sind, wie Illiois von 2005. Americana von heute oder doch US-Nostalgie? Das muss man selbst entscheiden. Auch hier läuft die Uhr über 90 Minuten und 25 Songs.

The Beach Boys – Smile Sessions (2011)

Das legendärste Artefakt des Sixties-Pop: das letzte Album-Projekt von Brian Wilson respektive der Beach Boys. Begonnen 1966 und nie fertig gestellt. Und doch gab es stundenlanges Aufnahmematerial. 2004 schon veröffentlichte Wilson ein Soloalbum, das auf den SMiLE-Aufnahmen basierte, hier werden die Aufnahme-Sessions aus einem leicht anderen Blickwinkel präsentiert. Wie hätte der Nachfolger von Pet Sounds klingen können? Mit den Smile Sessions kann man sich das in 141 Minuten selbst ausmalen.

Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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Popkultur

„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Protest in zwei Minuten: Die erste The-Clash-Single „White Riot“

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Zeitsprung: Am 25.1.1975 gibt es Ärger zwischen Deep Purple und AC/DC.

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