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Popkultur

70 Jahre Wolfgang Niedecken: 7 Geschichten des kölschen Bob Dylan

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Cheers! Wolgang Niedecken im Jahr 2018. Foto: Ralf Juergens/Redferns/Getty Images

Wolfgang Niedecken ist ein Titan der deutschen Rockmusik, Bewahrer des Dialekts seiner Heimat und unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Zu seinem runden Geburtstag beleuchten wir sein bewegtes Leben am Rhein in sieben kölschen Anekdoten.

von Björn Springorum

Bob Dylan haben wir prinzipiell eine Menge zu verdanken. Auch einen Wolfgang Niedecken. Der Einfluss des amerikanischen Songpoeten auf den Gründer von BAP ist nicht in Worten auszudrücken, der Lebensweg Niedeckens ohne das große Vorbild auch für ihn selbst kaum vorstellbar. Darüber philosophiert der Kölner in Wolfgang Niedecken über Bob Dylan wunderbar unterhaltsam und anekdotenhaft, ein neues Buch, das er sich quasi selbst zu seinem 70. Geburtstag am 30. März 2021 geschenkt hat. Was sein Leben neben Dylan noch besonders prägte, haben wir mal zusammengefasst.

1. Kölsch über alles

Wolfgang Niedecken hat seine Heimat Köln nie verlassen. Die Stadt am Rhein, sie hat ihm offensichtlich so viel gegeben, dass er schon in jungen Jahren das Gefühl hatte, etwas zurückgeben zu müssen. Im Sommer 1974, da macht Niedecken schon fünf Jahre lang Musik, textet er erstmals kölsche Lyrics. Ein frühes Lied heißt Helfe kann dir keiner, veröffentlicht 1980 auf der LP Affjetaut. Es wird noch übertroffen von Leev Frau Herrmanns, dem ersten Song, den er jemals im Dialekt seiner Heimatstadt schrieb. Über 45 Jahre lag er in einer Schublade, jetzt hat er ihn erstmals aufgenommen. Ein echtes Relikt.

2. Maler Wolfgang

Mit Musik mag er berühmt geworden sein; ein nicht unbeträchtlicher Teil seines Herzens schlägt bis heute für die Malerei. Niedecken hat kein Abitur, doch er studiert Kunst, eine Weile sogar bei Pop-Art-Vater Larry Rivers in New York und an den Kölner Werkschulen der FH Köln. Besonders präsent ist dieses zweite musische Standbein in zahlreichen von ihm entworfenen BAP-Albumartworks.

3. Frühe Gehversuche

Lange vor dem Siegeszug des kölschen Dialekts in der deutschsprachigen Rockmusik und seiner großen Karriere als Frontmann von BAP spielt und singt Niedecken bei The Troop und dann in einer Band namens Goin‘ Sad. Mit dieser Band nimmt er 1969 einen Song für eine EP namens Hans Daniels präsentiert Bonner Beat Bands auf. Sein Beitrag: Eine progressiv-funkige Rocknummer namens Satin Rose, aufgenommen in den Kölner Cornet-Tonstudios. In den Handel kommt diese Veröffentlichung jedoch nie.

4. Duett mit Sheryl

2002 bringt Sheryl Crow ihr Album C‘mom C‘mon heraus. Die Nummer It‘s So Easy bietet im Original Don Henley als Duett-Partner. In einer neuen Version für den deutschen Markt, veröffentlicht im November 2003 als Single, tritt Wolfgang Niedecken an Henleys Stelle. In den deutschen Charts zwar eher unauffällig, ist sie allein aus dem Grund bemerkenswert, dass Niedecken hier englisch singt. Dem glühenden Dylan-Verehrer und USA-Mythosforscher dürfte das durchaus getaugt haben.

5. Niedecken und der Boss

Der Boss und der BAP-Boss sind Kumpels: Als Bruce Springsteen 1995 in Berlin eine Neuaufnahme seines Hits Hungry Heart dreht, engagiert er kurzerhand Niedecken und seine damaligen Kollegen des kurzlebigen Projekts Leopardenfell als Band für den Clip. Die beiden kennen sich von einem früheren Treffen, die Stimmung ist gut. Gefilmt wird im heutigen Café Butter in der Pappelallee in Prenzlauer Berg. „Der Verkehr brach draußen  zusammen, Menschen ohne Ende – und wir haben reingehauen. Wir haben uns dann auch nicht mehr an das Playback von Hungry Heart gehalten, haben lauter gespielt als das Playback. Wir mussten nur das Timing halten, damit man schneiden konnte. Es war eine unglaubliche Energie auf der Bühne. Irgendwann denkst du dir: ‚Das ist alles nur ein Traum, gleich klingelt der Wecker und du musst den Müll runtertragen‘“, so erinnert sich Niedecken im Interview mit uDiscover. Die beiden sind bis heute befreundet.

6. Kampf gegen rechts

In gefühlt jeder freien Sekunde setzt sich Wolfgang Niedecken an vorderster Front für politische und soziale Belange ein. All seine Engagements aufzuzählen würde Bücher füllen, hervorzuheben sind in jedem Fall sein Einsatz 1992 als Initiator beim Kölner Konzert „Arsch huh, Zäng ussenander“ gegen Rassismus und Fremdenhass. 1998 gibt es das Bundesverdienstkreuz dafür, seither wurde Niedecken unter anderem zum Sonderbotschafter der Hilfsaktion Gemeinsam für Afrika, zum Gründer der Kinderhilfsorganisation World Vision und vielem mehr. Im Herbst 2013 unterzeichnet er als einer der ersten den von der Zeitschrift Emma initiierten Appell gegen Prostitution.

7. Kindheitstrauma

Der junge Wolfgang Niedecken besucht von 1962 bis 1970 das Konvikt St. Albert, ein Internat der Pallottiner. Wie er erstmals 1990 in seiner Autobiografie schildert, sei er dort von einem katholischen Pater verprügelt und sexuell missbraucht worden. Seit Jahrzehnten ist Niedecken aus der Kirche ausgetreten, definiert sich selbst bis heute aber als „restkatholisch“. Es habe wohl etwas mit seiner DNA zu tun.

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