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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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Rolling Stones
Den DDR-Behörden gefällt sowas gar nicht: Die Rolling Stones 1965 auf der Berliner Waldbühne ((Foto: Keystone/Getty Images))

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.10.1965.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Ach so? Die musikbegeisterte DDR-Jugend hat 1965 jedenfalls nicht die Absicht, sich an das just ausgesprochene Verbot der Beatmusik zu halten. Am 31. Oktober geht sie in Leipzig gegen die Entscheidung des totalitären Regimes friedlich auf die Straße und geht dabei ein großes Risiko ein.

Hört hier in ein Best-Of der Klaus Renft Combo rein:

Eigentlich spricht sich die SED zu Beginn der Sechziger ja noch für die Eigenverantwortung der jungen Generation aus. Freilich steht da schon eine gewisse Mauer, und selbst Maßnahmen wie der Jugendradiosender DT64 dienen dazu, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Funktionär Hans Modrow beschreibt es treffend: „Man begriff natürlich, dass man, wenn man die Jugend gewinnen will, auch das annehmen muss, was die Jugend bewegt und begeistert“. 

„Rowdytum“ und „Gammler“

Dabei erweisen sich die an Zuspruch gewinnenden Gitarrengruppen als Dorn im Auge der Partei. Beatmusik wie die der Beatles gilt zunächst als progressiv, doch sieht man sehr wohl, dass sie beispielsweise in Großbritannien für eine wahre gesellschaftliche Revolution sorgt. „Hauseigene“ Bands wie die Butlers aus Leipzig oder die Sputniks aus Berlin geraten ab 1964 ins Visier der Behörden. Neben Walter Ulbricht maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt: Erich Honecker.

Für ihn und andere Regierungsmitglieder tragen die Gruppen und die dazugehörige Jugendbewegung zum „Rowdytum“ bei und unterstützen die Ideologie des „Klassenfeinds“. Ein von Ausschreitungen begleitetes Rolling Stones-Konzert in Westberlin spielt ihnen im September 1965 zusätzlich in die Karten, sodass fortan die gesamte Jugendbewegung und Beatgruppen wie die Leipziger Butlers verboten werden. Klappe zu, Affe tot. Denkste.

Kursänderung in der Führungsspitze

Zu diesem Zeitpunkt floriert nämlich in der Republik bereits ein reger Schwarzhandel für westliche Musik. Als die Beatmusik aufkommt, genehmigt die SED zunächst den Verkauf einiger Platten, darunter auch eine Beatles-LP. Es handelt sich jedoch um Nachpressungen des DDR-Labels Amiga, was die jungen Musik-Fans schlicht nicht befriedigt. „Wir wollten die Originalplatte in der Hand halten, sie fühlen“, erklärt Frank Rotzsch später im Spiegel die Motivation. In Ostdeutschland zieht er damals einen regelrechten Plattenring auf: Verwandte oder befreundete Angehörige des diplomatischen Corps schmuggeln die Vinyl-Schätze über die Grenze, wo sie koordiniert herumgereicht und kopiert werden, bevor die Originale schließlich ein neues Zuhause finden.

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Dass es zum Beispiel die Butlers trifft, kommt auch nicht von ungefähr: Seit ihrer Gründung geraten sie immer wieder ins Visier der Staatssicherheit, man bespitzelt ihre Fans und behält auch Bandmitglieder wie Klaus Renft und den Schlagzeuger Hans-Dieter Schmidt im Auge. Dabei erinnert sich dieser: „Die Beatles waren uns anfangs zu weiß, zu wenig bluesig. Wir standen mehr auf Fats Domino, Chuck Berry, Little Richard – und dann natürlich die Stones, die waren erdiger, dreckiger“.

Beatmusik: Der Funken am Pulverfass

Der Funke der Beatmusik ist also längst übergesprungen. Dass Musik inspiriert und gerade in repressiven Zeiten Mut macht, damit rechnet in der Führungsriege wohl niemand. So starten Butlers-Fans in Leipzig zunächst eine klein angelegte Flugblattaktion gegen das Verbot; man solle sich am 31. Oktober 1965 auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz versammeln, um die Aufhebung der Entscheidung zu fordern. Die Reichweite des Unterfangens hält sich in Grenzen. Vielmehr sorgt erst der Staatsapparat mit seiner Reaktion für großflächige Aufmerksamkeit.

In den Schulen warnt man vor der Teilnahme, droht mit Suspendierungen. In den Zeitungen wirft man die gute alte Propagandamaschine an und diffamiert die Musikbewegung. Das funktioniert wie Guerrilla-Marketing, und so finden sich am letzten Oktobertag 2.500 Menschen auf dem Platz ein, um friedlich zu demonstrieren. Ohne Parolen oder Banner stehen die Jugendlichen einfach auf der Stelle. Trotzdem räumt die Polizei die Demo mithilfe von Knüppeln, Wasserwerfern und Hunden. Schon nach 20 Minuten erinnert nichts mehr an die Zusammenkunft.

Gewaltsames Ende der friedlichen Demo

Tragischerweise mischen sich auch zahlreiche Spitzel und in Zivil gekleidete Sicherheitskräfte unter die Anwesenden, von denen 267 gewaltsam verhaftet werden. Mehr als 100 der Eingesperrten schickt man danach sogar bis zu sechs Wochen ins Arbeitslager und lässt sie Braunkohle schippen. Eine schier unvorstellbare Konsequenz für freie Meinungsäußerung und Liebe zur Musik. Der Widerstand aber bleibt: Ab jetzt erscheinen über Nacht Sprüche wie „Freiheit für den Beat“ oder „Prügelhunde weg, pfui, Beat-Klubs her!“ an Häuserwänden. Ein Dokuvideo des MDR mit Interviews findet ihr hier.

Und was wird aus den Butlers? Zunächst widersetzen sie sich dem Verbot und proben einfach weiter, wenn auch mit leicht verändertem Repertoire. Renft muss währenddessen bei der NVA ran. Doch es nützt nichts, das Verbot besteht weiter, und die Band löst sich auf, damit ihre Mitglieder an anderer Stelle weiter musizieren können. Im Oktober 2005 tritt sie bei einem Gedenkkonzert zur Demonstration auf. „Die DDR ist tot“, stellt Schmidt später fest, „aber Beat und Rock’n’Roll sind einfach unsterblich.“

Zeitsprung: Am 15.9.1965 nehmen Tausende Rolling-Stones-Fans die Berliner Waldbühne auseinander.

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