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Popkultur

Zeitsprung: Am 15.9.1965 nehmen Tausende Rolling-Stones-Fans die Berliner Waldbühne auseinander.

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Foto: Evening Standard/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.9.1965.

von Jana Böhm und Christof Leim

Im September 1965 spielen die Rolling Stones fünf ausverkaufte Shows in Deutschland. Die Jugendzeitschrift Bravo präsentiert die Tour und preist die Stones schon im Vorfeld reißerisch als „härteste Band aller Zeiten“ an. Am 15. September pilgern 20.000 junge Menschen in die Berliner Waldbühne, um Mick, Keith, Bill, Brian und Charlie live zu sehen. Hierzulande regiert zu dieser Zeit noch der Schlager, den Erwachsenen bereitet eine solche Ansammlung jugendlicher Stones-Fans also Unbehagen: In ihren Augen sind sie alle unangepasste Rebellen. Angefeuert durch die Medienberichte rechnen sie mit Ausschreitungen. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Hört hier das damals aktuelle Stones-Album Out Of Our Heads:

Ein Herbstabend in Berlin: In der Waldbühne unweit des Olympiastadions betritt die erste Band die Arena. Das Publikum fordert die Stones und hat wenig Lust, vier Vorgruppen zu ertragen, die Rhythm-And-Blues-Stücke nachspielen. Doch unter den wachsamen Augen der Polizei bleibt es ruhig. In Tegel versammeln sich derweil rund 250 Stones-Fans, die keine Eintrittskarte mehr bekommen haben oder sich die zwanzig Mark Eintritt nicht leisten konnten oder wollten. Zu Letzteren zählen einige spätere Mitglieder der Bewegung des 2. Juni, aus der sich dann die RAF formiert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur Waldbühne, fest entschlossen, das Konzert zu sehen. Sie kämpfen sich an drei Sperren und berittener Polizei vorbei bis in die ersten Reihen. Derweil wird das Publikum mit jeder weiteren Vorband ungeduldiger, irgendwann fliegen Eier und Äpfel auf die Musiker und Musikerinnen.

I Can’t Get No Satisfaction

Als die Rolling Stones nach langem Warten auf die Bühne kommen und mit Everybody Needs Somebody To Love loslegen, kippt die Stimmung – und die angestaute Wut bricht frei. Hunderte Fans stürmen die Bühne, die Sicherheitskräfte sind überfordert und kapitulieren. Die Rolling Stones kämpfen sich durch drei weitere Songs, Mick Jagger und Co. spielen Satisfaction, dann ist es auch der „härtesten Band aller Zeiten“ zu heikel und sie flüchten, um ihre Sicherheit bangend. Das Publikum verlangt nach einer Zugabe, doch die Stones kommen nicht wieder. Die Band lässt sich aus dem brodelnden Hexenkessel in ihre temporäre Residenz, das Schlosshotel Gerhus, chauffieren. 20.000 junge Fans bleiben enttäuscht zurück.

Brennender Hexenkessel

In der Waldbühne, die sich im Stil eines griechischen Amphitheaters trichterförmig in die Erde bohrt, brennt die Luft. Die Stones-Fans fühlen sich betrogen und dann passiert das, was die Bild-Zeitung so lange heraufbeschwört hat: Mit der Absicht, das Publikum zu beruhigen, schalten die Veranstalter das Licht ab und lösen damit ein Chaos aus, das später als ein aus den falschen Gründen legendäres Rockkonzert in die Geschichte eingehen wird: Die Menschen springen über Absperrungen und auf die Bänke, bis diese unter ihnen zusammen brechen. Die Holzlatten hauen sie sich gegenseitig um die Ohren. Raketen werden gezündet, im Innenraum brennen Feuer, und aus den Rängen kommt alles geflogen, was werfbar ist. Zuletzt liefern sich rund 2000 junge Menschen eine Schlacht mit der Polizei, bei der vieles in Trümmer geht. Erst als die Staatsmacht in großer Mannschaftsstärke aufmarschiert, die Menschenmenge von der Bühne aus mit Wasserwerfern bearbeitet und ihr knüppelnd den Ausgang weist, beginnt sich das Chaos aufzulösen.

Die Geister die sie riefen

„Ich kenne jetzt die Hölle“, schreibt Bild-Reporterin Marianne Koch am nächsten Tag: „Mein Beruf hat mich gelehrt, ziemlich tapfer zu sein. In der Waldbühne habe ich vergangene Nacht das Fürchten gelernt.“ Auch anderen der schreibenden Zunft sind die jungen Menschen, ihre Musik und die Ereignisse um den Stones-Auftritt zuwider. Sogar die Presse der DDR, die sonst stets eine gegensätzliche Meinung vertritt, pflichtet dem Westen bei diesem willkommenen Vorfall in der Freilichtarena bei. Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland schreibt: „Im Appell an niedere Instinkte, im Ausscheiden jeglichen Denkens liegt schließlich potenziell eine neue Kristallnacht begründet“. Um das barbarische Verhalten des Klassenfeindes zu untermalen, ist man sich nicht einmal zu schade, zudem die komplette Reportage der Bild-Reporterin abzudrucken. 

Das hat nur Billy Haley geschafft

Die traurige Bilanz: fast 100 Verletzte, 85 Festnahmen und eine auf Jahre zerstörte Konzertstätte. Berlin hat es ohne Mühe geschafft, den Hamburger RollingStones-Krawall-Rekord zu brechen. Einen Auftritt mit einer blutigen Schlacht und einem Trümmerfeld zu beenden, das ist der Berliner Veranstaltungsbranche nicht unbekannt. 1958 endet das Konzert des amerikanischen Rock‘n‘Roll-Königs Bill Haley im Sportpalast in einem ähnlichen Desaster.

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