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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.6.2000 verärgert Bruce Springsteen mit „American Skin (41 Shots)“ die New Yorker Polizei.

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Foto: Rick Diamond/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.6.2000.

von Sina Buchwitz und Christof Leim

Mit seinem Stück American Skin (41 Shots) setzt Bruce Springsteen zu Beginn des neuen Jahrtausends ein Zeichen gegen Polizeigewalt. Die Reaktion: Am 8. Juni 2000 ruft die New Yorker Polizeigewerkschaft zum Boykott seiner Konzerte im Madison Square Garden auf.

Hört euch hier das Springsteen-Album High Hopes an:

In American Skin (41 Shots) erzählt der „Boss“ mit eindrücklichen Worten von der willkürlichen Polizeigewalt, die den 23-jährigen Amadou Diallo in New York das Leben kostete. „Keiner meiner Songs, Born In The USA eingeschlossen, erhielt je eine so kontroverse Reaktion wie American Skin.“, schreibt Springsteen 2016 in seiner Autobiografie. „Es hat die Leute wirklich verärgert. Das war der erste Song, mit dem ich direkt in diese Kluft geriet.“ 

Die Vorgeschichte

Zu diesem Zeitpunkt liegen die Geschehnisse bereits 17 Monate zurück: Am 4. Februar 1999 steht der gebürtige Guineaner Amadou Diallo vor seinem Wohngebäude in der Bronx. Dort trifft er auf vier Zivilfahnder, die ihn für einen gesuchten Serienvergewaltiger halten oder einfach für jemanden, der Schmiere für eine andere Straftat steht. Weil die Männer ihn verhaften wollen, greift Diallo in seine Jacke, um sich auszuweisen. Laut Zeugenaussagen ohne Vorwarnung eröffnen die Polizisten daraufhin das Feuer; sie geben insgesamt 41 Schüsse ab, 19 davon treffen den Unbewaffneten. Später geben die Fahnder an, sie seien davon ausgegangen, Diallo habe eine Pistole ziehen wollen. Die Menge an Schüssen erschreckt zudem. Angeblich sei einer der Beamten gestürzt, was die anderen glauben ließ, er sei seinerseits getroffen worden.

Die Tat löst in den USA Diskussionen über Rassismus und Polizeigewalt aus. Eine Protestwelle geht durch das Land. Ein Gericht in New York City spricht die Täter zunächst schuldig, später wird eine Neuverhandlung beschlossen. Im Februar 2000 spricht ein ein Berufungsgericht in Albany die vier Polizisten in allen Punkten frei. 

Reaktionen

Berührt von Amadou Diallos Geschichte schreibt Bruce Springsteen American Skin (41 Shots). Am 4. Juni spielt er in Atlanta während der Reuniontour der E Street Band den Titel erstmals vor Publikum und erregt mit seinen Worten schnell Aufmerksamkeit. Eine Woche später, am 12. Juni, soll die Tour mit beeindruckenden zehn Shows im Madison Square Garden enden. 

Vier Tage vorher, am 8. Juni 2000, ruft der Präsident der New Yorker Polizeigewerkschaft zum Boykott der Shows in der Stadt auf. Auch Bürgermeister Rudy Giuliani kritisiert den Songwriter, ein hochrangiger Vertreter eine Polizeigewerkschaft bezeichnet Springsteen sogar öffentlich als „Drecksack“. 

Der Text

Anscheinend kennt von diesen Leuten aber niemand den Text von American Skin (41 Shots), denn Springsteen thematisiert sogar die sekundenkurze Entscheidungssituation, in der sich die Beamten in dieser Nacht befanden. In jedem Chorus singt er „Ist es eine Pistole? Ein Messer? Ein Geldbeutel? Das ist dein Leben.“ 

Es lohnt sich überhaupt, den Text durchzulesen. Vor allem die Strophe sorgt für Beklemmung, in der eine Mutter ihrem Kind einschärft, bloß nicht unfreundlich zur Polizei zu sein, immer die Hände zu zeigen und niemals, niemals wegzulaufen. Der Refrain endet jedes Mal mit einer bitteren Erkenntnis: „Es ist kein Geheimnis, dass man getötet werden kann, nur weil man in seiner amerikanischen Haut lebt.“ Hier zeigt sich mal wieder, was für ein grandioser Songwriter und Texter Springsteen ist. Es bezieht die gesamte Situation mit ein, drückt vor allem aber auf unnachahmliche Weise die Trauer über das völlig unnütze Ende eines jungen Lebens aus und weist erneut auf ein fürchterliches Grundproblem der Gesellschaft hin: tief verwurzelter Rassismus.

Showtime

Als dann am 12. Juni 2000 der erste Termin im Madison Square Garden ansteht, kann man die Anspannung spüren: Viele Polizisten, die zur Absicherung der Großveranstaltung abbestellt waren, weigern sich, ihren Dienst zu tun. Auch von seinen Fans erntet „der Boss“ für seine Solidarität nicht nur Lob. Während die Band American Skin spielt, sind vereinzelte Buhrufe zu hören. Springsteen selbst kann die Aufregung nur bedingt nachvollziehen. Er erklärt: „Ich wollte den Leuten nur helfen, die andere Perspektive zu verstehen.“ Seine eindringliche Darbietung von American Skin (41 Shots) im MSG wurde gefilmt und veröffentlicht.

In den kommenden Jahren gedenkt Springsteen mit dem Titel immer wieder den Opfern rassistischer Gewalt. 2012 etwa widmet er das Lied zum Beispiel dem afroamerikanischen Trayvon Martin, dessen Tod zuvor erneut eine landesweite Diskussion ausgelöst hatte. 

Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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