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Popkultur

Zeitsprung: Am 19.9.1985 sprechen Dee Snider, Frank Zappa & John Denver vor dem US-Senat.

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Kein Bock auf Zensur: Dee Snider. Foto: Richard E. Aaron/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.9.1985.

von Tobi Wienke und Christof Leim

Im Mai 1985 gründet Tipper Gore, damals Ehefrau des US-Politikers Al Gore, das „Parents Music Resource Center“ – kurz PMRC. Ihr Ziel: Eltern darüber zu informieren, was ihre Kinder so an Musik hören. Im Prinzip ist ihre Idee, auch für Tonträger eine Art Jugendschutz einzuführen, nicht mal schlecht. Es gibt durchaus Songtexte, die der Nachwuchs vielleicht nicht nachträllern sollte, ob Death Metal oder Deutschrap (beides 1985 allerdings noch nicht existent). Gores Argumentation, warum welche Songs schädlich seien, fällt jedoch ziemlich hanebüchen aus. Die Musiker Dee Snider, Frank Zappa und John Denver nehmen am 19. September 1985 in einer Anhörung vor dem US-Senat Stellung zu dem Vorhaben.

Hier könnt ihr die „Filthy Fifteen“ hören

Der Aufkleber „Parental Advisory: Explicit Content“ ist heute ein Stück Popkultur, seine Erfinderinnen um Tipper Gore sehen sich Mitte der Achtziger als Retterinnen der Jugend vor allzu gefährlichen Songtexten. Insbesondere sexueller Inhalt scheint den als „Washington Wives“ bekannt gewordenen Politikerfrauen ein Dorn im Auge. So veröffentlichen sie die Liste der „Filthy Fifteen“, also der fünfzehn schmutzigsten Songs. Doch damit nicht genug: Künftig sollen Tonträger ähnlich wie Filme mit Altersfreigaben und Bewertungen wie „enthält Sex“ kategorisiert werden.

Dagegen wehren sich drei Musiker am 19. September 1985 in einer Anhörung vor dem US-Senat. Musikalisch würden die drei nicht unbedingt auf einen Sampler passen: Dee Snider von Twisted Sister, deren Song We’re Not Gonna Take It als „gewaltverherrlichend“ eingestuft wird, Frank Zappa, der bereits in der Vergangenheit mit seinen Texten für Kontroversen  sorgte (aber nicht zu den „Filthy Fifteen“ gehört) sowie Countrysänger John Denver. 

Chirurgie statt Sadomasochismus

Dee Sniders Auftritt ist bis heute legendär: Mit seiner markanten Mähne und ärmellosem Bandshirt seiner Kombo wirkt er zunächst ein wenig wie ein Schuljunge in einer mündlichen Prüfung – besonders, als er einen knittrigen Zettel mit seinen Argumenten aus der Hosentasche kramt. Doch mit Worten kann der Sänger umgehen und zieht konsequent die Interpretationen des PMRC ins Lächerliche.

Nach Meinung des Komitees handelt der Song Under The Blade von sadomasochistischen Sexpraktiken und Vergewaltigungsfantasien. Songwriter Snider erklärt, dass es in Wirklichkeit lediglich um die Angst eines Bandkollegen vor einem chirurgischen Eingriff geht – und die einzigen Verbindungen zu Sex sich in den Gedanken von Tipper Gore abspielen. Sie habe danach gesucht und diese nur deshalb im Song gefunden. 

Den Aufruf zur Gewalt, den das PMRC in We’re Not Gonna Take It sieht, weist Snider entschieden zurück. Im Text sei davon keine Rede; das Slapstick-Video als Interpretation des lyrischen Inhaltes zu sehen, sei nicht zulässig, zumal die Inhalte nachweislich auf den Filmchen der bekannten Zeichentrickfiguren Road Runner und Willie E. Coyote basieren. Ein weiteres Ass in Sniders Ärmel: Eine Anfrage der Organisation United Way of America, die Szenen des Clips für ein Aufklärungsvideo zum Umgang mit Teenagern verwenden möchte.

Zappa und die Verfassung

Der freiheitsliebende Frank Zappa bemüht in seinem Statement den ersten Zusatzartikel der Verfassung der USA. Dieser verbietet es dem Kongress unter anderem, Gesetze zu verabschieden, die die Redefreiheit einschränken. Genau dies sieht Zappa in den Plänen des Senats jedoch. Wie sonst auch, nimmt der Musiker hier kein Blatt vor den Mund: Das Papier des PMRC lese sich wie die Anleitung für Erziehung zur Stubenreinheit von Kunstschaffenden. 

Deshalb warnt Zappa davor, dass die Umsetzungen der Pläne einer willkürlichen Moralkontrolle Tür und Tor öffnen würden, die auf den Befindlichkeiten mancher Gläubigen basiert. Dabei ging es ihm weniger um die geforderten Aufkleber, sondern vielmehr um seine Sorge, wohin sich das entwickeln könnte. Die Höhepunkt seiner Rede verarbeitet er im November desselben Jahres im Song Porn Wars.

John Denver überrascht 

Dass John Denver ebenfalls an der Anhörung teilnimmt, sorgt bei Zappa und Snider für Irritation. Da sie ihm zuvor nie begegnet sind, fällt es ihnen schwer einzuschätzen, was er aussagen würde, denn der Country-Star gilt eigentlich eher als konservativer „All American Boy“. Auch das PMRC erhofft sich vom Sänger des Klassikers Take Me Home, Country Roads insgeheim einen Fürsprecher für ihr Vorhaben.

Doch weit gefehlt: Denver vergleicht die Pläne einer Kennzeichnung mit der Zensur im Dritten Reich. Als Künstler lehnt er das Ansinnen ab, Musik in Kategorien einzuteilen und so zu bewerten. Seine Begründung beruht auf eigenen Erfahrungen, denn sein Song Rocky Mountain High von 1972, eine Hommage an den Bundesstaat Colorado, wurde von manchen als „drogenverherrlichend“ interpretiert. Denver zeigt außerdem Weitsicht: Das, was verboten ist, wird erst recht interessant. Er sollte recht behalten.

Der berühmteste Aufkleber der Musikgeschichte

Die Anhörung ändert allerdings wenig: Am 1. November 1985 stimmt die RIAA, der Verband der US-amerikanischen Musikindustrie, einer freiwilligen Kennzeichnung mutmaßlich jugendgefährdender Musik zu – der Aufkleber „Parental Advisory: Explicit Content“ wird geboren. Fortan prangt er auf Alben mit vermeintlich schlimmem oder gefährlichem Inhalt – in der Hoffnung, dass dieser eben nicht von Jugendlichen konsumiert wird.  

Der berühmteste Aufkleber der Musikgeschichte

Manche Handelsketten in den USA springen auf diesen Zug auf und verkaufen derart gekennzeichnete Tonträger nicht weiter. Umsatzgänge melden die Plattenfirmen deshalb allerdings nicht, das Gegenteil tritt ein: Der Aufkleber gilt für Kids bis heute als eine Art Gütesiegel. Je böser, desto cooler – manches ändert sich nie.

Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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