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Popkultur

Die musikalische DNA von Amy Winehouse

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Amy Winehouse war eine starke Persönlichkeit mit einer tragischen Geschichte. Ein Mensch voller Abgründe, aber mit vielen Höhepunkten. Vor allem jedoch war sie ein Ausnahmetalent, das in nur wenigen Jahren neue Standards in der Pop-Musik gesetzt hat. Geschult an Jazz, Motown- oder Stax-Soul sowie sogar an Punk und Hip Hop war sie eine Art wandelnde »kenntnisreiche Collage« aus Einflüssen, wie es der ehemalige Rolling Stone-Redakteur Joe Levy einst ausdrückte.

Ein Blick auf ihre musikalische DNA bestätigt das. Denn die charismatische Sängerin steckte nicht allein in ihrem Privatleben voller Überraschungen, auch ihr Geschmack war keinesfalls gewöhnlich. Winehouse lernte zum Klavierspiel Thelonious Monks Singen, die Ronettes waren ihre Stil-Ikonen und Mitgröhl-Grunge ihre Chill-Out-Musik. Lediglich zwei Studioalben brauchte die 2011 frühzeitig verstorbene Winehouse, um ihren Namen für alle Zeiten ins große Buch der Popgeschichte zu schreiben. Und hat damit eine ganze Reihe von anderen nach ihr inspiriert.

1. Thelonious Monk – Round Midnight

Amy Winehouse hatte Soul, eine Punk-Attitüde und ein einzigartiges Gefühl für Jazz. Die Sängerin Sarah Vaughan nannte sie beispielsweise als Einfluss, ihre Leidenschaft für den Sound und die Rhythmen des Genres aber beschränkte sich nicht allein auf Gesang. »Es war nicht nur der Vocal Jazz«, sagte sie mal mit Bestimmtheit. »Ich habe von allem gelernt. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal durch die Wand hindurch ‘Round Midnight’ gehört habe. Ich dachte mir so: was ist das?« Nicht was, sondern wer: Die junge Winehouse entdeckte mit Thelonious Monk den vermutlich eigentümlichsten und vielleicht auch genialsten Jazz-Pianisten aller Zeiten. Seine Marotten waren berüchtigt, sein Spiel für seine Kantigkeit und verblüffende Wendungen berühmt. Ganz klarer Fall: Monk war ein früher Geistesverwandter von Winehouse! Ihm zu Ehren nahm sie eine Interpretation seines Klassikers Round Midnight in einer modernisierten Form auf, in deren Zentrum dann doch ihre Stimme stand. Ein kleiner Bildersturm auf einen Klassiker, wie er dem rebellischen Monk wohl gefallen hätte.

2. Frank Sinatra – Fly Me To The Moon

Monk war nicht der einzige wichtige Mann in Winehouse’ Leben, sicherlich aber einer der beständigsten. Ein anderer war ihr Vater Mitch, der sie schon früh mit Musik vertraut machte. Fly Me To The Moon von Frank Sinatra sang der damalige Taxifahrer seiner Tochter vor, die den Song zu einer Art Refrain ihrer Jugendjahre machte. Immer wenn die junge Raufboldin zu Schulzeiten zur Rektorin zitiert wurde, summte sie Zeilen wie »Fill my heart with song and let me sing forever more / You are all I long for / All I worship and adore« vor sich hin. Reiner Sarkasmus? Vielleicht! Eine Liebe musste indes im Laufe ihrer Karriere gehörig leiden. Winehouse war alles andere als zufrieden damit, wie ihr Vater in seiner Rolle als Manager mit ihrem Ruhm umging. Selbst heute noch werfen Fans ihm vor, die tragische Geschichte seiner Tochter für seine eigenen Zwecke ausgenutzt zu haben.

3. Alanis Morissette – Ironic

Fassen wir zusammen: Ihr Vater erst brachte die kleine Winehouse zur Musik und versuchte sich womöglich dann daran zu bereichern. Ist das nicht… ironisch? Nein! Zumindest nicht nach der Definition des Worts, wie sie im Lexikon zu finden ist. Die hatte Alanis Morissette allerdings auch nicht nachgeschlagen, bevor sie ihren Überhit Ironic schrieb. Der Song gehört seit 1996 trotzdem zu so ziemlich jeder musikalischen Früherziehung dazu, ob die Jungend es nun will oder nicht. Für Winehouse markierte der Song – so will es jedenfalls die Legende – den Beginn ihrer Karriere. Denn erst, als ihr Vater Mitch der Tochter dabei zuhörte, wie sie das Stück sang, erkannte er ihr Talent. Der Rest ist Geschichte und die wiederum ist ganz ironiefrei. Denn Winehouse schließlich meinte immer genau das, was sie sagte!

4. Dinah Washington – What A Diff’rence A Day Made

»Sie war die Königin des Hand-im-Gesicht, soll heißen, sie hat’s einfach nicht geschert!«, schwärmte Amy Winehouse mal über die Jazz-Sängerin Dinah Washington. »Sie nahm sich ein Jazz-Stück und machte es zu ihrem eigenen. Sie konnte Leute umbringen. UMBRINGEN!« Enthusiastische Worte über eine, die in der Musikgeschichte wohl immer im Schatten von Billie Holiday stehen wird und für Winehouse dennoch die absolute Nummer Eins war. »Ich habe vor niemandem Respekt, solange sie nicht hervorstechen. Sie aber stach hervor!«, sagte Winehouse über Washington. Warum, das beweist allein ein Song wie What A Diff’rence A Day Made. Eigenwillig und doch melancholisch singt Washington das Stück, welches auch Winehouse im Laufe ihrer Karriere coverte – obwohl sie das eigentlich für überflüssig hielt. »Sie machte sie zu ihren eigenen Stücken!«, wiederholte sie mit Nachdruck. »Was soll’s also? Das ist, als würdest du Aretha Franklin covern – da kannst du dir gleich die Kehle durchschneiden!«

5. The Ronettes – Be My Baby

Nicht allein mit ihrer Musik, sondern auch mit ihrem Erscheinen setzt Winehouse Akzente. Ihre wilde Turmfrisur zum Einen rief viele Nachahmerinnen auf den Plan – meistens mit eher verheerenden Folgen. Dabei hatte Winehouse für ihre beeindruckende Haarpracht selbst ein Vorbild, das sich auch prompt wiedererkannte. »Ronnie Spector […] war angesichts eines Bildes von Winehouse in der New York Post so verblüfft, dass sie ausrief: ‘Ich kenn sie nicht, ich hab sie nie getroffen und doch dachte ich mir sofort: Das bin ich! Dann aber fand ich heraus, dass es Amy war. An dem Tag hatte ich meine Brille nicht auf…’« Dabei hätte Spector – richtig geraten übrigens, damals verheiratet mit dem Ronettes-Produzenten Phil Spector – ohne Weiteres auch musikalisch schnell einer Verwechslung erliegen können. Denn der Sound der Ronettes war für Winehouse ebenfalls eine Blaupause. Im Song B Boy Baby von Mutya Buena, in welchem sie einen Gastauftritt hatte, wird das mehr als deutlich. Auf welchem Ronettes-Stück dieser wiederum basiert, muss ja nun wirklich nicht erwähnt werden.

6. Shangri-Las – I Can Never Go Home Again

Amy Winehouse versetzte ihre Fans nicht allein mit ihrem Gesang und ihrem unvergleichlichen Stil in Begeisterung, sie konnte auch zweierlei bewegen: Hüften einerseits und Herzen andererseits. Viele ihre Songs luden zum Tanzen ein, noch mehr jedoch waren sie emotional bewegend. Zwischen Winehouse’ Coolness brachen oft die Gefühle durch. Insbesondere dann, wenn sie selbst Musik hörte. I Can Never Go Home Anymore von den Shangri-Las bezeichnete sie mal als den »deprimierendsten Song aller Zeiten« und erzählte folgende Geschichte dazu: »Als mein Freund und ich uns trennten, saß ich mit einer Flasche Jack Daniel’s auf dem Küchenboden und hörte ihn auf Repeat. Ich verlor das Bewusstsein, ich wachte wieder auf, ich fing wieder von vorne an. Meine Mitbewohnerin kam rein, schmiss mir eine Tüte von KFC zu und haute wieder ab. Sie so: ‘Das ist dein Abendessen, ich hau ab.’ Es ist der traurigste Song der Welt.« Mit der Geschichte einer verstoßenen Tochter wird sich Winehouse sicherlich identifiziert haben können.

7. The Offspring – Self-Esteem

Winehouse stand indes nicht nur für Trauer und Schmerz – sondern auch für Rebellion! Jede Rebellin aber hat mal Feierabend. Auf einem handgeschriebenen Zettel führte Winehouse einmal eine Reihe von Songs auf, die auf ihrem »Chill-Out Tape« zu hören seien. Darunter waren neben Stücken von Ella Fitzgerald, Frank Sinatra oder Ben Folds Five auch Songs, die so gar nicht entspannt klingen – wie etwa Self-Esteem von The Offspring! Roher, Grunge-beeinflusster Punk, eine Mitgrölhymne für alle, die sich ausgestoßen fühlen. Ein Chill-Out-Track aber? Höchstens in der turbulenten Welt von Amy Winehouse! Ihr Geschmack war so eigenwillig und neben der Spur wie sie selbst. Das schließlich macht die Faszination Winehouse doch aus.

8. Wolfman – For Lovers (feat. Pete Doherty)

Wie bei so vielen Frauen in der Musikgeschichte interessierte sich die Öffentlichkeit fast mehr für Winehouse’ Privat- und Liebesleben als für ihre Kunst. Sie gab der Presse wohl reichlich Futter: Da war etwa ihr Mann, eine strauchelnde Existenz wie sie selbst, oder der Freund, dessen Nähe sie für zwischenzeitlichen Trost suchte.

Pete Doherty von den Libertines und später Babyshambles war ebenfalls oft in ihrer Begleitung zu sehen. Die Presse hatte damit ein windiges Traumpaar gefunden und Doherty schürte die Aufregung nur allzu gern. »Amy und ich waren Geliebte«, behauptete er zwei Jahre nach ihrem Tod. »Aber gegen Ende hin, wie es bei Liebenden eben passiert, wurde sie gemein und grausam zu mir.« Ob das stimmt, sei dahingestellt. Vielleicht aber war sie es ja, die Doherty auf dem Wolfman-Stück For Lovers besang. Damit hätte sie ihm einen – sträflich übersehenen – Höhepunkt in seiner Karriere beschert.

9. Carole King – So Far Away

Gerade über Doherty wurden im spielfreudigen Großbritannien viele Wetten abgeschlossen: Wird er oder wird er nicht…? Aber nein, Doherty wurde kein Mitglied im sogenannten Klub 27, der Riege von Rockstars, die im Alter von 27 Jahren verstarben. Winehouse aber schon, tatsächlich verstarb sie im 25. Todesjahr Kurt Cobains, eines der bekanntesten Mitglieder des ominösen Klubs, dem auch Brian Jones von den Rolling Stones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison angehören und welcher erst nach ihrem Tod am 23. Juli 2011 breit diskutiert wurde. Mythenbildung hin oder her: War Winehouse schon zu Lebzeiten weit von der Realität entfernt, so war sie ab diesem Tag umso mehr So Far Away. Obwohl Winehouse das Stück Will You Still Love Me Tomorrow gecovert hatte, war So Far Away ihr eigentlicher Lieblingssong von Carole King. Er sollte ihr auf ihrer eigenen Beerdigung Geleit geben, als ihre Familie und ihr Freundeskreis ihn am Ende der Zeremonie gemeinsam anstimmten.

10. Beyoncé – Back To Black (feat. André 3000)

Zwei Studioalben veröffentlichte Amy Winehouse im Laufe ihrer Karriere, berühmt wurde sie vor allem für das zweite. Kurz nach ihrem Tod stellte sie sogar einen traurigen posthumen Rekord auf: Die Single-Charts wurden von gleich mehreren ihrer Songs dominiert, Back To Black mauserte sich zum meistverkauften britischen Album des 21. Jahrhunderts. Oft vergessen wird darüber ihr Debüt Frank, auf dem Winehouse ihr Faible für Hip Hop auslebte. Als Teenager hörte ihr Bruder Bands wie Sonic Youth, Pearl Jam und Therapy. Auch die kleine Schwester freundete sich damit an, erst aber mit der Entdeckung von Salt-n-Pepa war ihr klar: »Ich habe meine Musik gefunden!« Es hätte sie also sicherlich gefreut, die Back To Black-Coverversion von R’n’B-Titatin Beyoncé und OutKast-Mitglied André 3000 zu hören. Allein schon, weil die auf dem Soundtrack von Baz Luhrmanns Great Gatsby-Verfilmung zu hören war. Ein Film, so vergangenheitsverliebt und schrill-modern wie Winehouse selbst.


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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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