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Popkultur

Die musikalische DNA von Queens of the Stone Age

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„K-L-O-N Los Angeles! Clone radio – we play the songs that sound more like everyone else than anyone else! Clone!“, begrüßt uns eine Stimme. Sie fragt, wie es geht und was der Verkehr so macht und dann schwafelt sie etwas von einer „Saga“. Welche „Saga“, bitteschön? Doch bevor wir diese Frage überhaupt stellen können, geht er los, einer der wildesten Trips der Rock-Geschichte.

Der Einstieg in Songs for the Deaf ist so bezeichnend wie der Titel des gleichnamigen Queens of the Stone Age-Albums. Die Band um Josh Homme nimmt gerne alles und jeden, vor allem aber sich selbst auf die Schippe. So allein lässt sich der Bandname erklären: Ursprünglich als Gamma Ray gegründet, benannte sich die Truppe um, als die deutsche Power Metal-Band selben Namens  mit einer Klage drohte. „Kings wäre zu Macho“, erklärte Homme. „Die Könige des Steinzeitalters tragen Rüstungen und Äxte und ringen miteinander. Die Königinnen aber hängen mit den Freundinnen der Könige rum. Rock sollte hart genug für die Jungs und süß genug für die Mädchen sein!“ Gut, in einem Gender-Seminar kommt Homme damit nicht sehr weit. Und dass sein (ehemaliger) musikalischer Partner Nick Oliveri tatsächlich durch häusliche Gewalt negativ auffiel, dürfen wir ebenso wenig vergessen.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Queens of the Stone Age an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.


Doch QOTSA sind trotzdem mehr als hitzköpfige Blödköpfe. Welche Band erinnert sich schon mit einem Tattoo an ihren eigenen musikalischen Tiefpunkt? Welche Band macht mit so wenigen Mitteln so viel Spaß? Welche Band bleibt dabei dermaßen aufgeschlossen? Ihr kennt die Antwort auf diese Fragen. Doch wisst ihr auch, was sie dabei inspiriert hat? Nein? Na, dann schnallt euch an. Der Trip durch die musikalische DNA der Queens of the Stone Age wird ebenso wild wie der, den uns Songs for the Deaf bescherte.


1. Kyuss – Fatso Forgotso

Der Beginn der Queens of the Stone Age markierte zugleich das (endgültige) Ende von Kyuss. Die legendärste aller Stoner Rock-Bands, nein: Die Band, die Stoner Rock überhaupt erst erfand, debütierte 1989 mit Josh Homme und Nick Oliveri an den Gitarren, bevor Oliveri ab 1990 den Bass übernahm. Kyuss legten den Grundstein für ein ganzes Genre. Ihr Meisterwerk Welcome to Sky Valley leitete allerdings auch den langsamen Fall der Gruppe ein. Erst stieg Drummer Brant Bjork aus und wurde kurzzeitig durch Alfredo Hernández für den Nachfolger …And the Circus Leaves Town ersetzt, doch der Titel der letzten Kyuss-Platte sollte sich als prophetisch erweisen. Bald zogen alle weiter.

1996 war also Schluss, damit aber war der Weg für die Queens of the Stone Age um Homme frei. Mit der Split-EP Kyuss / Queens of the Stone Age ließ Homme, ergänzt nur durch Drummer Vic „The Stick“ Indrizzo die neue Band aus der Asche der alten aufsteigen. Immerhin aber war auch Kyuss-Sänger John Garcia auf einem seiner Stücke zu hören und mit dem Black Sabbath-Cover Into the Void und den zwei Teilen der Stoner Rock-Operette Fatso Forgotso konnten sich Kyuss gebührend verabschieden. Eine Reunion wurde zwar immer wieder diskutiert – „fürs Freibier würd ich‘s machen“, so Reeder –, scheint aber nicht unwahrscheinlich.


2. Screaming Trees – Dying Days

Vor allem wohl deswegen, weil allein Homme sofort Fahrt aufnahm, als Kyuss die Instrumente an den Nagel hingen. Er heuerte ad hoc bei den Screaming Trees an, bevor er Gamma Ray beziehungsweise die Queens of the Stone Age gründete. Songs wie Born to Hula schrieb er noch für Gamma Ray, zu hören waren sie aber auch auf der Split mit Kyuss. Mit den Screaming Trees, die gemeinhin als die „Godfathers of Grunge“ bezeichnet werden, war seine Geschichte anders als mit Kyuss aber noch lange nicht zu Ende. Van Conner von den Trees spielte schon auf den Songs der Split mit, Sänger Mark Lanegan wäre fast auf dem Debütalbum von QOTSA zu hören gewesen.

Im Lauf der Jahre wurde insbesondere Lanegan zu einem treuen Gefährten Hommes beziehungsweise Bandmitglied von QOTSA. Auf Songs for the Deaf ist er ebenso zu hören wie auf Lullabies to Paralyze und Era Vulgaris. Die beiden haben sogar dasselbe, eingangs erwähnte Tattoo: „Freitag 4:15“ steht auf ihren Rippen, weil es dort am meisten weh tut, tätowiert zu werden. Der Schriftzug erinnert an den schlechtesten Gig der Bandgeschichte beim Rock am Ring-Festival am 1. Juni 2001. Ratet mal, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit Homme, Lanegan und Oliveri dort auftraten. Ihr kommt nie drauf…


3. Iggy Pop – Lust For Life

Warum aber hatten sich Kyuss überhaupt aufgelöst? Angeblich ist Iggy Pop schuld. Oder zumindest wird gemunkelt, dass Homme nach dem übermäßigen Genuss von dessen Solo-Album Lust For Life dermaßen überwältigt war, dass er die alte Band an den Nagel hängen und etwas Neues ausprobieren wollte. Eine andere LP mit Pop am Mikro hält er übrigens für „die verrückteste Platte, die jemals aufgenommen wurde“. Die Rede ist natürlich von Raw Power von den Stooges. Seit 2016 kann er übrigens selbst ein gemeinsames Album mit Iggy für sich verbuchen: Für Post Pop Depression nahm er die Rolle des Produzenten ein.

„Mit Iggy zu arbeiten, hat meinen Glauben an den Rock’n‘Roll gerettet”, erzählte er begeistert von den Aufnahmen mit dem wesentlich älteren Star. Das wäre dann ja schon das zweite Mal, dass Pop ihm eine Epiphanie verschafft hätte! „Iggy ist das großartigste Beispiel für einen Frontmann, das du im Rock’n‘Roll nur finden kannst“, hieß es weiter. „Du kannst sagen ‚oh, ich mag die Stimme von dem Typen lieber‘ oder ‚ich mag dessen Songs lieber‘, aber du kannst niemals jemanden finden, der mehr Rock’n’Roll und ehrlicher und wagemutiger und seiner Zeit weiter voraus ist als Iggy.“ Das ist doch mal ein Statement!


4. ZZ Top – Precious and Grace

Iggy Pop und die Stooges sind nicht nur musikalische, sondern auch persönliche Vorbilder Hommes. Doch niemand hat seinen eigenen Sound wohl dermaßen vorweg genommen wie ein bärtiges Trio aus Texas. Die Rede ist natürlich von ZZ Top, deren Song Precious and Grace vom Album Tres Hombres schon alle QOTSA-Zutaten in sich vereint – und zwar 1973! Die Band erkennt das neidlos an und hat das Stück erst in ihr Live-Repertoire aufgenommen und dann auf Lullabies neu vertont.

Dabei aber blieb es natürlich nicht. So wie Homme sich Iggy für ein Projekt angelte, so bezirzte er auch Billy Gibbons, bei ihm anzuheuern. Auf drei Tracks von Lullabies und Era Vulgaris ist er zu hören! „Ich bin mit ZZ Top aufgewachsen“, erklärte Homme seine Leidenschaft. „Diese Platten haben mich komplett umgehauen!“ Neben Jimi Hendrix und Jimmy Page gehört Gibbons zu seinem allerliebsten Gitarristen.


5. G.B.H. – City Baby Attacked by Rats

Doch nicht allein der staubige texanische Rock der drei Vollbartenthusiasten gehörte bei Homme auf den Lehrplan. Auch Metal und Punk standen bei Homme und Oliveri zu Schulzeiten hoch im Kurs. Auf Black Sabbath konnten sie sich ebenso einigen wie auf The Damned und die Ramones. Selbst der Pop-Punk von den Descendants gefiel ihnen ausgezeichnet! Doch zog es sie immer zu den schnellen, rotzigen Stilen. Mit G.B.H. und Discharge fanden sie genau den richtigen Sound.

Beide Bands werden der zweiten britischen Punk-Welle zugerechnet. Das Album Never Again, aber auch City Baby Attacked by Rats von G.B.H. gehören zu seinen absoluten Lieblingsplatten. „Es ist so melodisch, aber härter als Heavy Metal. Es war hart und schnell, die Produktion so roh, dass du genau wusstest: Das hier ist echt”, erklärte er mit leuchtenden Augen. Angeblich war Homme sogar ein ziemlich dogmatischer Punker. „Ich folgte den Punk-Rock-Schamesregeln – du durftest gar nichts anderes hören! Ich gab vor, die Musik, die mich angeblich inspiriert hatte, niemals gehört zu haben…“


6. Black Flag – My War

Von Punk ist es immerhin nicht weit zum Hardcore. Vielleicht also war es völlig in Ordnung, zuzugeben, dass Homme auf My War von Black Flag stand. Dabei spaltete das zweite Album der wie Homme aus Kalifornien stammenden Band doch seine Fanbase. Denn auf die B-Seite drosselten Henry Rollins, Greg Ginn und Bill Stevenson das Tempo gehörig. Plötzlich klang ihr wirbelnder Hardcore Punk viel eher nach Black Sabbath als nach den Bands, die zu dieser Zeit die Bay Area unsicher machten.

Homme hat immer noch lobende Töne für diese Platte und das Label SST übrig. „Was die SST-Bands anging, so klangen sie alle komplett verschieden und das rüttelte die Szene ordentlich auf“, erinnerte sich Homme an die frühen Hardcore-Tage. „Wenn du klangst wie eine andere Band aus deiner Stadt – oder irgendeiner Stadt – wurdest du ausgelacht. Daraus wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf der Suche nach Originalität. Jealous Again und Damaged von Black Flag habe ich geliebt, aber My War fing genau das ein, was auch Kyuss‘ Zugang zu Punk wurde.“ In der Musik von QOTSA ist das natürlich auch zu hören.


7. Nirvana – About A Girl

Ein paar Jahre später war die Begeisterung einer allumfassenden Ernüchterung gewichen. Bis ein Trio aus Seattle die Bühne betrat. Bleach – und nicht erst Nevermind – bedeutete für Homme einen Wasserscheidenmoment. „1989 schien es so, als sei Punk-Rock gestorben“, erinnerte sich Homme. „Ich dachte, Nirvana würden da weitermachen, wo Black Flag und G.B.H. aufgehört hatten. Ich erinnere mich daran, gedacht zu haben, dass meine Band bloß nicht so klingen sollte wie Nirvana, weil sie die Messlatte so hoch gelegt hatten. Ich wollte dem nicht zu nahe kommen.“

So viel Ehrfurcht ist von Homme selten zu hören. Seine volle Dosis Nirvana bekam er allerdings 2001 ab, als Dave Grohl bei ihm für die Aufnahmen von Songs for the Deaf anheuerte. Das Album bedeutete für QOTSA den internationalen Durchbruch und war doch ihr vielleicht ambitioniertestes Werk. „Die Platte sollte bizarr klingen“, lachte Homme. „Wie ein Blitzschlag in einer Flasche! Wir waren auch ziemlich druff. So klingt es immer noch für mich, wie verrückt. Die Radio-Interludes sollen eine Fahrt von Los Angeles nach Joshua Tree simulieren, ein Trip, auf dem du komplett loslässt. Meile um Meile wird es immer mehr wie ein David Lynch-Film.“


8. Björk – Jóga

David Lynch ist vielleicht ein gutes Stichwort. Der enigmatische Regisseur ist für ein gutes Gehör bekannt. Neben seiner Arbeit mit Angelo Badalamenti, der eine Serie wie Twin Peaks mit extra viel Magie versorgte, kollaborierte er für den Film Lost Highway auch mit Trent Reznor von Nine Inch Nails. Reznor wiederum ist ein guter Kumpel von Homme und besuchte ihn unter anderem im Studio, als der gerade an …Like Clockwork werkelte. Es ist nicht die offensichtlichste aller Wahlverwandtschaften, klingt die Musik der beiden doch recht verschieden.

Doch Homme hat bekanntlich ein Herz für Menschen, die gerne die Regeln brechen und dazu gehört nicht allein Reznor, sondern auch die Isländerin Björk. „Genres bedeuten gar nichts“, erklärte er verächtlich. „Björk hat uns bei den Queens dazu gebracht, das Allerbeste aus uns herauszuholen.“ Era Vulgaris zeigte sich dementsprechend elektronisch beeinflusst, die Blaupause dafür war Homogenic. „Da habe ich verstanden, ‚Wow, in der modernen Musik kannst du ein 53-köpfiges Orchester und jemanden, der auf einem Champagnerglas spielt und einen Typen mit Nasenflöte drauf haben und es trotzdem schön klingen lassen.“ Recht hat er!


9. CAN – Future Days

Dabei hätte Homme doch einfach nur ein paar Jahre in der Pop-Geschichte zurückgehen müssen, um zu sehen: Das ging schon immer. Oder zumindest war es den Mitteln der Zeit entsprechend möglich, mit allen Konventionen zu brechen und mitreißende Musik zu machen. CAN sind das beste Beispiel dafür. Trommler Jaki Liebezeit, Bassist Holger Czukay, Keyboarder Irmin Schmidt und Sänger Damo Suzuki sowie die anderen temporären Mitglieder des Krautrock-Kollektivs schufen ab Ende der sechziger Jahre aus dem Nichts etwas komplett Neues.

Wenn Homme seine eigene Musik als „Rock-Versionen von elektronischer Musik“ bezeichnet und von „Roboter-Rock“ spricht, so trifft das genauso auf CAN-Platten wie Future Days oder dem von ihm heiß verehrten Überalbum Tago Mago zu. „Ich schrieb diesen kantigen, mechanischen Gitarrenkram und fragte mich, ob das zuvor schon jemand versucht hatte. So habe ich CAN entdeckt“, erinnerte er sich. „Ihr Drummer war so straight und so groovy und sie spielten sechs Minuten lang denselben Ton, was, wie mir auffiel, wirklich schwierig ist. Für mich war es ansonsten niederschmetternd, wenn ich herausfand, dass vor mir schon jemand etwas gemacht hatte. In dem Fall aber wollte ich genau das machen, worauf ich Lust hatte. CAN zu entdeckten, entflammte eine neue Leidenschaft in mir.“


10. Skepta – Man (Gang)

Neben Hommes eigenen Bands, seinen Musikerfreundschaften und Helden der Rock-Ära waren es also Punk, Hardcore, Grunge, Elektro-Pop und Krautrock, die ihn geprägt haben. Puh, eine ganze Bandbreite toller Musik, die da in den reduzierten Sound der Queens of the Stone Age eingeflossen ist! Da verwundert es kaum, dass der Einfluss der quietschfidelen Projekts noch viel weiter reicht. Sogar Röyksopp haben Go With the Flow gecovert und der Grime-Held Skepta lieh sich die markante Gitarren-Hook von Man (Gang) auf seinem Überalbum Konnichiwa vom Queens-Hit Regular John.

Für den Grime-MC, der den Sound der englischen Hauptstadt sogar nach Übersee transportieren und Drake für sich gewonnen konnte, war das allerdings nicht unbedingt ungewöhnlich. Schon zuvor hatte er seinen Viral-Hit Shut Down gemeinsam mit dem Duo Slaves als Indie Rock-Version performt und damit das kurzweilige „Grindie“-Phänomen ins Leben gerufen. Was Homme von dem impliziten Tribut an seine Musik hielt, ist allerdings nicht übermittelt. Wir können uns allerdings durchaus vorstellen, dass der rohe Straßen-Rap Skeptas ihm durchaus gefallen sollte. Wie wohl ein gemeinsames „Grock“-Stück klänge…?


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Zeitsprung: Am 2.12.1969 nehmen die Rolling Stones drei Klassiker auf.

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Foto: Stroud/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.12.1969.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 02. Dezember 1969 verschlägt es die Rolling Stones auf ihrer US-Tour in die Muscle Shoals Sound Studios nach Alabama. Die drei Songs, die sie dort in nur drei Tagen aufnehmen, fangen nicht nur perfekt den Country-, Blues- und Roots-Vibe des amerikanischen Südens ein, sondern bilden auch den ersten Grundstock an künftigen Klassikern für das im April 1971 veröffentlichte Album Sticky Fingers

Hier könnt ihr euch Sticky Fingers anhören:

Dass die Stones ein ausgemachtes Faible für die musikalische Ursuppe der USA hegen und somit eine große Liebe zu (Rhythm and) Blues, Country und Soul verspüren, hatten sie bereits auf Platten wie Beggars Banquet  (1968) und Let It Bleed (1969) mit ihrer Adaption des Ami-Sounds eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Deshalb wäre es unverzeihlich gewesen, ein paar freie Tage während der US-Tour Ende 1969 nicht zu nutzen, um in den heiligen Hallen des Muscle Shoals Sound Studios Station zu machen.

Der Sound des Südens

Der Mythos des Örtchens Muscle Shoals geht bereits auf die frühen Sechziger zurück, als in den programmatisch benannten FAME Studios Stars wie Wilson Pickett, Percy Sledge, Etta James oder Aretha Franklin etliche Hits einspielen. Begleitet werden sie bei diesen Sessions von einer höchst patenten Backing-Band, der Muscle Shoals Rhythm Section, bestehend aus Keyboarder Barry Beckett (Keyboards), Schlagzeuger Roger Hawkins, Gitarrist Jimmy Johnson und Bassist David Hood (Vater des Drive-By Truckers-Bandleaders Patterson Hood). Diese Koryphäen sollten später auch als die Swampers bekannt und in Lynyrd Skynyrds Sweet Home Alabama mit den schönen Zeilen „Now Muscle Shoals has got the Swampers/And they’ve been known to pick a song or two“ bewundernd besungen werden. 1969 hatten sie just beschlossen, sich selbstständig zu machen und ihr eigenes Tonstudio zu gründen: die Muscle Shoals Sound Studios

Tradition verpflichtet

Als die Stones dort am 2. Dezember aufschlagen, fehlt von Produzent Jimmy Miller jede Spur, weshalb man kurzerhand Swamper Jimmy Johnson als Tontechniker vor Ort verpflichtet. Nachdem sich die Band warmgespielt hat, geht es ans Eingemachte: You Gotta Move, das Cover eines alten Spirituals, welches erst 1965 vom Blueser Mississippi Fred McDowell gecovert wurde, ist in dieser Umgebung natürlich Pflicht.

An den zwei darauffolgenden Tagen schließt sich die Kür an, zunächst in Form des kompositorisch hauptsächlich Mick Jagger zuzuschreibenden Brown Sugar, eine verschmitzt verschwitzte, funkige Ode an Heroin und die holde Weiblichkeit gleichermaßen. Für den finalen Abend der Aufnahmen glänzt Keith Richards mit einem weiteren künftigen Klassiker im Stones-Katalog – dem akustischen Wild Horses

Bis heute eine Reise wert

Während Wild Horses von Keith-Kumpel und Country-Rock-Vorreiter Gram Parsons und dessen Band, den Flying Burrito Brothers, bereits auf deren Album Burrito Deluxe (1970) unorthodoxerweise –  als bis dato unveröffentlichter Stones-Song gecovert wird, soll es noch bis zum April 1971 dauern, bis alle drei Stücke der Südstaaten-Session der Stones in voller Muscle-Shoals-Pracht auf dem Album Sticky Fingers erstrahlen. Nach den Stones machen in den Folgejahren unter anderen noch Rod Stewart, Bob Seger, Lynyrd Skynyrd und die Black Keys in den Studios halt. Und auch nach den Restaurationsarbeiten und der Wiedereröffnung 2017 nehmen in der Hausnummer 3614 Jackson Highway, die tagsüber zur Touristenattraktion und nachts abermals zum Tonstudio mutiert, heute wieder junge Rockhoffnungsträger wie jüngst die Rival Sons oder die Allman Betts Band auf.

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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Komplex, überraschend, mitreißend: „Octopus“ der Prog-Legenden Gentle Giant wird 50!

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Gentle Giant
Foto: Jorgen Angel/Getty Images

Am 1.12.1972 veröffentlichten Gentle Giant ihr Album „Octopus“ — ein grandioses Werk zwischen Komplexität, Überraschung und Eingängigkeit.

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch Octopus anhören:

Es gibt Alben, die schwere Geburten sind. Und es gibt Alben, bei denen von Anfang an alles rundzulaufen scheint — die Ideen, der Vibe, die Stimmung im Studio. Als Gentle Giant am 24. Juli 1972 ins Tonstudio gingen, um ihr viertes Album aufzunehmen, war zweiteres der Fall. „Ich erinnere mich, dass wir uns ziemlich sicher fühlten, als wir dieses Album aufnahmen”, erinnert sich  Gitarrist Gary Green in den Liner Notes der Neuauflage des Albums. „Wir hatten einen guten Haufen Melodien und unsere Studiotechnik (besonders die von Ray) wurde mit jeder Platte besser. Wir experimentierten weiter mit Instrumentenkombinationen, Sounds und Effekten und tauschten unsere Ideen mit dem Tontechniker Martin Rushent aus, der unsere verrückten Ideen voll und ganz unterstützte“.

Großes Selbstvertrauen, große Inspiration

Die Inspiration war so groß wie das Selbstvertrauen, die Band brauchte nicht lange, um dorthin zu kommen, wo sie hin wollte: Am 5. August 1972 waren die Aufnahmesessions schon wieder zu Ende. Herausgekommen ist in diesen wenigen, höchst kreativen Tagen dabei eines der komplexesten, vielschichtigsten und bemerkenswertesten Alben der Prog-Geschichte. Wohin die Reise auf Octopus gehen würde, macht bereits der Opener The Advent Of Purge klar. Extrem vielschichtig, vertrackt, überbordend vor Ideen und Richtungen. Octopus geht seinen eigensinnigen Weg zwischen Prog, Jazz und Klassik. Manchmal meint man auch, etwas Folk-Einflüsse durchzusehen. Es setzt auf Gesangsschichtungen, Kontrapunkte und überraschende  Wendungen, auf das Spiel mit Dissonanzen und Brüchen — nur um wenige Sekunden später wieder plötzlich völlig eingängig daherzukommen.

Literarische und philosophische Inspirationen

Natürlich musste das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Anspruch und einen roten Faden haben. So ließ man sich von literarischen und philosophischen Werken inspirieren — unter anderem von den französischen Schriftsteller François Rabelais und Albert Camus. Die Band selbst war zufrieden mit dem Ergebnis. „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht“, erklärte Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Ray Shulman einmal.

Zur Genese des Albums erzählt er: „Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“ Dass die Platte Octopus heißt, soll der Ehefrau von Shulmans Bruder und Bandkollegen Phil Shulman geschuldet sein. Die brachte Octopus als Anspielung auf die Zahl acht (die Anzahl der Tracks) und das Wort Opus ins Spiel.

Ein geniales gut gealtertes Werk

Oft ist es bei Alben, die zu jener Zeit als avantgardistisch gelten ja so, dass man Jahrzehnte später bemerkt, dass sie irgendwie schlechter gealtert sind oder anachronistisch klingen. Bei Octopus ist dies nicht der Fall — das kreative Wagnis von Garry Green, Kerry Minnear, Derek, Ray und Phil Shulman sowie John Weathers klingt heute sogar noch überraschend frisch. Octopus quillt nur so über voller musikalischer Abenteuerlust — und klingt bei aller Raffinesse und allem Intellekt nie verkopft. Im Gegenteil: Manchmal, wie in „Dog’s Life“ geht es textlich geradezu leichtfüßig zur Sache.

2015 hat sich Prog-Superstar Steven Wilson der Platte angenommen und den Mix überarbeitet — so erstrahlte Octopus in Wilsons Remix/Remaster noch besserer Soundqualität. Aber in welcher Version auch immer: Octopus ist ein mitreißendes Abenteuer, das im Plattenregal jedes Prog-Fans stehen sollte. Octopus zeigt auch den besonderen Status, den Gentle Giant in der Proggeschichte haben. Sie wurden keine Superstars wie andere ihrer Kollegen und Kolleginnen — leider! — aber gelten als wichtiger Einfluss für viele Bands, die danach kamen.

Eine großartige Platte und eine unbedingte Empfehlung!

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„Happy Xmas (War Is Over)“: Wie der Protestsong zu einem Weihnachtsklassiker wurde

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John Lennon und Yoko Ono

„And so this is Christmas“: Man könnte mit dem Zitieren des Textes hier aufhören und hätte seinem Gegenüber bereits einen Ohrwurm verpasst. Längst ist der Song aus der Feder von John Lennon und Yoko Ono ein Klassiker in Sachen Weihnachts- und Protestsong – normalerweise nicht unbedingt miteinander verwandte Genres.

von Markus Brandstetter

Dabei sah es zumindest bei der Erstveröffentlichung in den USA zunächst nicht danach aus, als hätte man es hier mit einem zukünftigen Klassiker zu tun. Denn als Happy Xmas (War Is Over) am 1. Dezember 1971 in den Vereinigten Staaten erschien, schaffte der Song zunächst nur mäßige Chartplatzierungen. Gut, der Platz drei bei den Billboard Christmas Singles Chart mal ausgenommen. Das hatte einerseits damit zu tun, dass man Weihnachtssongs, zumindest damals, für gewöhnlich mit etwas mehr zeitlichem Vorlauf veröffentlichen sollte, andererseits schien auch die PR-Abteilung nur wenig motiviert.

Erfolg in Großbritannien

In Lennons Heimat Großbritannien sah das schon besser aus. Allerdings dauerte es bis zum Release dort eine ganze Weile. Aufgrund von einem Streit um Publishing-Rechte mit Northern Songs erschien der Song dort erst am 24. November 1972. Happy Xmas (War Is Over)  schaffte es bis auf Platz vier der Single-Charts, die Platte musste bald nachgepresst werden. Zunächst erschien der Song nur als Single, auf einem Album landete er erst 1975 – auf der Compilation Shaved Fish.

Ewiger Klassiker

Aber was macht Happy Xmas (War Is Over) so bemerkenswert und erinnerungswürdig? Den Slogan ansich hatten Lennon und Ono nicht erfunden, der tauchte bereits in anderen Stücken auf – bei The Doors und John Ochs. Lennon und Ono waren zu dem Zeitpunkt bereits bekannte Aktivist*innen, hatten mit den Bed-Ins, bei denen sie im Bett vor Medienvertreter*innen für den Weltfrieden demonstrierten, bereits für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Lennon und Ono ließen in zwölf großen Städten Plakate mit den Worten „WAR IS OVER! If You Want It – Happy Christmas from John & Yoko“ errichten.

Bei dem Stück trifft eine eingängige, durchaus weihnachtstaugliche Melodie auf Sozialkritik. Diese kommt aber nicht von oben herab, sondern eher mit besorgt-freundlichem, sanft optimistischen Ton. Lennon wollte Kitsch vermeiden, aber die soziale Message in etwas Eingängiges packen. Es war Lennons und Onos Statement gegen den Vietnamkrieg, der noch bis 1975 wütete und viele Opfer fordern sollte. Man könnte sagen, der Song setzte dort an, wo Give Peace A Chance 1969 aufgehört hatte. „And so happy Christmas / For black and for white / For yellow and red ones / Let’s stop all the fights / A very merry Christmas / And a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / Without any fears“ heißt es darin. Unterstützt werden Lennon und Ono gesanglich vom Harlem Community Choir, den Lennon für die Aufnahmen leitete.

Eigenleben

Happy Xmas (War Is Over), produziert von Phil Spector, nahm über die Jahre ein Eigenleben an. Es kam immer wieder in die Charts – die höchste Platzierung erfuhr es nach der Ermordung Lennons 1980 mit Platz zwei der britischen Single-Charts (Platz eins ging damals an Imagine). Er wurde tausende Male gecovert – von Celine Dion und Neil Diamond, von Carly Simon und REO Speedwagon, von Laura Pausini und Miley Cyrus, von Jimmy Buffett, John Legend und Jessica Simpson.

Längst gehört Happy Xmas (War Is Over) in den Kanon der Weihnachtsklassiker – und jener der Protestsongs. Man kann den Fokus beim Hören legen wie man möchte. Happy Xmas (War Is Over) funktioniert als nachdenklicher, altruistischer Weihnachtssong, als Statement gegen Krieg – und als ewig gültige und stets nötige Hoffnung, dass sich die Welt vielleicht doch ein Stück bessert.

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„Imagine“: Wie der kontroverse Song von John und Yoko zur Friedenshymne wurde

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