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Popkultur

Die musikalische DNA von Taylor Swift

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Vom Country-Sternchen zum Pop-Megastar – in nur wenigen Jahren ist Taylor Swift eine denkwürdige Wandlung gelungen. Sich selbst ist die Songwriterin dabei immer treu geblieben. Von Anfang an zog Swift jedoch viel Kritik auf sich. Country-Fans fanden sie nicht authentisch genug, in der Pop-Welt wurde sie nur zögerlich empfangen. Viele störten sich daran, wie schonungslos die Sängerin ihr Privatleben als Grundlage für ihre Songtexte ausbeutete, manche sahen sie in direkter Konkurrenz zu anderen im Business, von Katy Perry bis Beyoncé. Swifts Antwort drauf? „Shake it all off!“


Hört euch hier Taylor Swifts musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:


Nicht nur die Fans, sondern auch die Kritik ist Swift nicht immer freundlich gesonnen. Als Sängerin sei sie unterdurchschnittlich begabt, liest es sich immer wieder in Rezensionen. Was sie selbst dazu sagt? „Ich schreibe Songs“, heißt es ungerührt. „Meine Stimme ist nur ein Mittel, um meine Lyrics rüberzubringen.“ Swift lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Was wiederum nicht heißt, dass sie keine Idole hätte. Manche erheben sich sogar selbst zu welchen, wie etwa Samantha Fox. Die Achtziger-Heldin behauptete freimütig, die 1989 geborene Künstlerin mit ihrer Musik von Geburt an geprägt zu haben. Ob’s stimmt? Von Tays Seite zumindest gab es keinen Kommentar…

Eins zumindest wissen wir mit Sicherheit: Die Musik wurde Swift von ihrer Großmutter, einer Opernsängerin, quasi in die Wiege gelegt und obwohl ihre Karriere mit Alben wie Red und 1989 eine entscheidende Abzweigung nahm, so hat sie der Country-Welt nach wie vor einiges zu verdanken. Swifts Geschmack ist breit gefächert, wie sich zuletzt an ihrer Spotify-Playlist Songs Taylor Loves zeigte. Rock, Soul, Rap, Country, Pop, Folk – die Bandbreite ist enorm. Was Swift als Songwriterin, Sängerin und Mensch aber am meisten geprägt hat, verrät uns ein Blick auf ihre musikalische DNA.


1. “Aladdin”-Soundtrack – Arabian Nights

Es gibt für eine junge Künstlerin vermutlich keine prägendere Zeit als die Kindheit. Das gilt insbesondere für Swift, deren Leidenschaft für die Musik durch ihre Großmutter geweckt wurde, die unter anderem als Opernsängerin tourte und sonntags in der Kirche sang. Ein besonders eindrückliches Erweckungserlebnis erlebte sie aber im Kino, als sie etwa drei oder vier Jahre alt war. „Ich kam aus diesen Disney-Filmen raus und habe im Auto nach Hause jeden einzelnen Song mitgesungen“, erinnerte sich Swift. „Wort für Wort! Meine Eltern bemerkten, dass ich mir selbst Texte ausdachte, wenn mich nicht an die richtigen Worte erinnern konnte.“ Klarer Fall von Wunderkind, wie?

Wir hätten ja gerne gehört, wie die kleine Swift über etwa den Soundtrack zum 1992 veröffentlichten Film Aladdin improvisierte. Ihre Geschichte mit Disney war dort allerdings noch lange nicht zu Ende. Mit Gastrollen bei Hannah Montana und den Jonas Brothers stand sie selbst für Disney vor der Kamera und posierte 2013 sogar für die weltberühmte Fotografin Annie Leibovitz für die Disney Dream Portraits Series als Rapunzel.


2. Faith Hill – This Kiss

Nicht nur Disney-Helden, sondern auch die Country-Heroe Faith Hill entdeckte Swift im Fernsehen für sich. Nachdem sie eine Doku über die Songwriterin sah, war sie Feuer und Flamme für die mehr als zwei Jahrzehnte ältere Hill. „Alles was sie sagte, tat oder anzog, versuchte ich nachzuahmen“, gab Swift zu. Sogar ihren frühen Umzug in die „Music City“ Nashville im US-Bundesstaat Tennessee begründete Swift mit dem Einfluss der This Kiss-Sängerin auf ihre eigenen musikalischen Ambitionen.

2009 sollten die beiden genau dort zusammen auf der Bühne stehen. Bei einem Swift-Konzert kam Hill mit auf die Bühne, um das Stück The Way You Love Me der jüngeren Kollegin gemeinsam mit ihr zu performen. Auch dabei sollte es nicht bleiben: Ob nun Swift gemeinsam mit Mitgliedern der Band HAIM This Kiss in den Hals einer Gatorade-Flasche säuselte oder Hill gemeinsam mit ihrer Tochter im Auto zu Bad Blood mit trällerte: Immer wieder sendeten sich die beiden gegenseitig Komplimente.


3. Dixie Chicks – Cowboy Take Me Away

Während Hill als Grande Dame des modernen Country-Rock-Sounds gilt, stehen die Dixie Chicks für einen ungleich klassischeren Ansatz, der doch breite Crossover-Erfolge nach sich zog. Ihr Song Cowboy Take Me Away war der erste, den Swift auf der Gitarre lernte. Als sie mit nur elf Jahren das erste Mal in Nashville zu Besuch war, ging sie mit einem Tape kursieren, auf dem unter anderem Dixie Chicks-Coverversionen von ihr zu hören waren. Zwar hagelte es Absagen, davon ließ sich Swift jedoch nicht unterkriegen.

Denn auch das hatte sie von den Dixie Chicks mitgenommen: eine gehörige Portion Attitüde. Das Trio spielte nicht nur seine Instrumente komplett selbst, sondern ließ sich auch sonst in der männerdominierten Country-Szene nichts vorschreiben. Legendär sind ihre deutlichen Ansagen gegen den Irak-Krieg und den damaligen US-Präsidenten George Bush. Ob sie nicht befürchtet hätten, ihre zum Teil konservative Fanbase zu entfremden? Das Dixie Chick Martie Maguire verneinte. „Ich habe lieber einige wenige coole Fans, die uns verstehen und mit uns gemeinsam wachsen als solche, in deren CD-Wechselfach sich unsere Platten mit denen von Reba McEntire und Toby Keith abwechseln“, sagte sie. Klare Ansage! Mit Swift gesprochen: „Haters gonna hate!“


4. Loretta Lynn – Coal Miner’s Daughter

Faith Hill, die Dixie Chicks oder auch Ryan Adams, Patty Griffin oder Lori McKenna nennt Swift als Einflüsse für ihren modernen, Pop-gewandten Country-Sound, der sie über MySpace berühmt machte. Doch auch die ältere Generation gehört selbstverständlich zu der Riege von Künstlerinnen, von der sie sich früh in ihrer Karriere die notwendigen Songwriter-Kniffe abschaute. Dolly Parton, Tammy Wynette oder Patsy Cline gehören dazu selbstverständlich ebenso wie Loretta Lynn. Und das nicht nur, weil das Gerücht kurstiert, Swift und die 1932 geborene Sängerin seien über – Moment, wir zählen mal eben nach – ach, genau: 20 Ecken verwandt.

Anders als Swift hat Lynn ihre Karriere über kaum Kompromisse in Richtung Pop gemacht und wird der Welt immer als Coal Miner’s Daughter, so der Titel einer von ihr 1970 veröffentlichten Single, in Erinnerung bleiben. Auf Swifts stilistischen Kurswechsel angesprochen, feuerte die Legende die junge Sängerin an: „Schnapp sie dir, Taylor! Das ist das, was sie immer schon wollte“, lachte sie in einem Interview zu ihrem Comeback-Album Full Circle. „I am about as pop as cornbread“, witzelte sie selbst. Das hinderte die beiden nicht daran, sich zumindest in der Rock’n’Roll Hall of Fame einen gemeinsamen Platz in der Ausstellung Women Who Rock neben unter anderem auch Faith Hill zu sichern. Drei Generationen, endlich vereint.


5. Carly Simon – You’re So Vain

Rockende Frauen braucht die Welt. Umso mehr, weil rockende Frauen es in dieser Welt nicht immer leicht haben. Swift gehört zu einer neuen Generationen von Künstlerinnen, die sich offen zu ihren feministischen Überzeugungen bekennen. Was zwar einerseits bedeutet, dass sie sich umso mehr Kritik stellen muss, andererseits aber leider nicht sofort Gleichberechtigung nach sich zieht. „Die Leute sagen, ‚Och, die schreibt nur Songs über ihre Ex-Freunde’‘“, prangerte sie in einem Interview die Doppelmoral der Pop-Community an. „Ich finde, das ist ziemlich sexistisch. Niemand sagt das über Ed Sheeran. Niemand sagt das über Bruno Mars. Die schreiben auch über ihre Ex- und derzeitige Freundinnen, ihr Liebesleben und niemand regt sich darüber auf.“

Es gibt viele andere Fälle, in denen sich ganz ähnliche Muster zeigten. Als Carly Simon 1972 den Song You’re So Vain veröffentlichte, brodelte die Gerüchteküche sofort über: Wen meinte sie denn bloß? Und das, obwohl Simon zwar selbst zugab, beim Schreiben drei bestimmte Männer im Hinterkopf gehabt zu haben, eigentlich aber allgemein über das männliche Ego sinniert hatte. Der Text blieb für Swift nicht ohne Folge. „Ich war eine lyrikvernarrte Teenagerin, als ich diesen genialen Laufpass das erste Mal hörte: ‚Du bist so eingebildet, du denkst vermutlich, dieser Song handelt von dir.‘ Es war, als hätte jemand ein unerforschtes Gebiet für mich aufgeschlossen“, gab Swift zu Protokoll. Dasselbe lässt sich wohl auch hinsichtlich der Fans sagen: Natürlich meinen wir sofort zu wissen, wer mit einem Song wie Dear John gemeint ist. Vielleicht können wir ihn aber ganz allgemein als bittersüße Metapher auf enttäuschte junge Liebe lesen. Oder?


6. Fleetwood Mac – Rhiannon

Natürlich ist Swift nicht die einzige Künstlerin, an der konstant herum gemäkelt wird. Auch Stevie Nicks, vormals die Frontfrau von Fleetwood Mac, musste sich im Laufe ihrer langen Karriere schon einiges anhören. Als sie bei den 52. Grammy Awards im Jahr 2010 mit der jüngeren Kollegin die Bühne betrat, hatte die allerdings das Nachsehen. Nachdem Swift mit Fearless zugleich die Preise für „Album of the Year“ und „Best Country Album“ absahnte, verpatzte sie ihre Teile im gemeinsamen Duett mit Nicks, die sie als eine persönliche Heldin bezeichnet.

Immerhin Jon Caramanica von der New York Times fand versöhnliche Worte über Swifts Gesangsleistung, die mit Nicks zusammen den Fleetwod Mac-Klassiker Rhiannon sang. „Erfrischend zu sehen, dass jemand mit dermaßen viel Talent es mal verhaut“, schrieb er. Nicht das erste Mal, dass Swift auf der Bühne einer Award-Show ziemlich verloren aussah, denn noch im Vorjahr wurde sie beim Video Music Award rüde von Kanye West unterbrochen, als sie ihren Preis in Empfang nehmen wollte. Aber wenn das Leben ihr Zitronen gibt – so viel hat sie dann doch mit Beyconé gemein –, macht Swift Limonade draus. Ihr Song Mean aus dem Herbst 2010 antwortete mit direkten Worten auf die bösartigen Kommentare: „Drunken rumbling on about how I can’t sing / But all you are is mean / And a liar / And pathetic / And alone in life / And mean.“


7. Paul McCartney und die Beatles

Dass Taylor sich überhaupt in erster Linie als Songwriterin und nur in zweiter Instanz als Sängerin identifiziert, hatten wir schon erwähnt. Und wenn sie etwas kann, dann ist das verdammt noch mal tolle Songs zu schreiben. Mit einem ihrer größten Hits überhaupt konnte sie sogar einen der besten Songwriter aller Zeiten auf die Bühne locken, Sir Paul McCartney. Gemeinsam mit dem Ex-Beatle und dem Late-Night-Host Jimmy Fallon spielte sie auf der Geburtstagsfeier von Saturday Night Life eine punkige Version von Shake It Off, bei der McCartney am Bass aushalf, und ein Cover von der Beatles-Nummer I Saw Her Standing There.

Für Swift gehört McCartney zu einer Riege von Artists, zu denen sie auch die Rolling Stones, Brucespringsteen, Emmylou Harris und Kris Kristofferson zählt, die zu ihren unbedingten Vorbildern gehören. „Sie haben etwas gewagt, sind aber über ihre Karrieren hinweg dieselben geblieben“, schwärmte sie. McCartney insbesondere ließe sie fühlen „als hätte er mich in sein Herz und seinen Kopf gelassen… Jede Musikerin könnte von so einem Vermächtnis nur träumen!“ Und seit der Saturday Night Live-Party gehört zu eben jenem Vermächtnis auch ein legendär gewordener Auftritt mit Taylor Swift. Wenn das die Hater mal nicht zum Schweigen bringt!


8. Jimmy Eat World – The Middle

Die Wahl von der eher weniger bekannten Beatles-Nummer I Saw Her Standing There beweist, dass sich Swift bestens mit rumpelndem Rock arrangieren kann. Tatsächlich hörte sie zu Schulzeiten nicht nur Country, sondern auch Musik, die ihre Wurzeln im Punkrock hat. Derweil das Genre Emo noch nie einen sonderlich guten Ruf genossen hat, brachte es einige wichtige Bands hervor. Neben dem Folk-orientierten Schmusesound von Dashboard Confessional und den exaltierten Fall Out Boy machten Jimmy Eat World das Genre berühmt – wenn auch eher unweigerlich.

Mit ihrem Album Bleed American – der Titel wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schnell fallen gelassen – enterte die bescheidene Underground-Band quasi über Nacht den Mainstream. Vor allem die zweite Single The Middle war für den raketenhaften Aufstieg der Band verantwortlich. Was für eine Überraschung, dass eben dieser Song 2016 in einem Apple Music-Werbespot wieder auftauchte! In der Hauptrolle, na klar: Taylor Swift, die mit dem Song im Hintergrund vor dem Badezimmerspiegel tanzt. Wir hätten es aber kommen sehen, denn schon 2011 performte Swift gemeinsam mit Jimmy Eat World-Sänger Jim Adkins The Middle während eines ihrer Konzerte, wofür sich die Band zwei Jahre später prompt mit einem We Are Never Getting Back Together-Cover bedankte. „Sie ist zu 100% so großartig, wie ihr es annehmt“, schrieb Adkins über den Auftritt auf Instagram.


9. Britney Spears – Toxic

Die Musik ihrer Jugendzeit hat Swift also heute noch nicht vergessen. Dasselbe gilt für den Bubblegum-Pop der Hanson-Brüder oder Britney Spears, die sie beide bis heute in guter Erinnerung gehalten hat. Auch als sie vornehmlich als Country-Pop-Sängerin bekannt war, schrieb sie 2009 – damals noch auf MySpace – über ihre „unbeirrliche Hingabe“ gegenüber der nur acht Jahre älteren Spears. Nach einem Trip nach Los Angeles habe sie ihr Zimmer verändert vorgefunden. „Irgendwas störte mich… Wo war mein Britney Spears-Poster!? Nein, das kann doch nicht sein! Wo ist es!?“

Das Poster, schrieb Swift im selben Eintrag, wäre von der Mutter aber nur vom Badezimmer ins Schlafzimmer gebracht worden. „Was wiederum ein ziemliches Upgrade ist!“ Ob es heute noch dort hängt? Wir wissen es nicht, wohl aber können wir berichten, dass die Musik von Spears einen deutlichen Einfluss auf den neuen Pop-Sound von Swift hatte. Als diese im August 2017 ihren Song Look What You Made Me Do präsentierte, fielen Fans und der Kritik sofort die Parallen zu Spears’ 2004 veröffentlichten Hit-Single Toxic auf. Es dauerte nicht lange und der Produzent Andy Wu lud ein überzeugendes Mash-Up beider Tracks in Netz. Nur ein Duett der beiden wäre uns lieber…


10. Kanye West – Famous

Ob mit Faith Hill, Stevie Nicks, Paul McCartney oder Jimmy Eat World teilte sie Swift bereits die Bühne. Das lief mal besser und mal schlechter. Besonders schlecht aber lief es 2009, als Kanye West der verdutzten Sängerin in einem ikonischen Moment der Fernsehgeschichte das Mikro entriss, um Beyoncé Komplimente zu machen. Die hätte die Auszeichnung, so wirkte es zumindest, West zufolge eher verdient. Der Skandal war perfekt. Es ging aber noch weiter. West entschuldigte sich zwar, bot Swift aber in nicht gerade bescheidener Manier an, einen Song für sie zu schreiben. Die konterte mit den Zeilen “It’s okay, life is a tough crowd / 32 and still growin’ up now”.

Gerüchteweise musste Jay-Z zwischen den beiden schlichten und tatsächlich überreichte Swift im Jahr 2015 dem Kollegen während der MTV Video Music Awards sogar den Preis für sein Lebenswerk. Friede, Freude… Eierkuchen? Pustekuchen! „I feel like me and Taylor might still have sex / Why? I made that bitch famous (God damn) / I made that bitch famous“, rappt West auf dem Song Famous und räkelt sich mit Gattin Kim Kardashian im Video zum Stück neben einer Swift nachempfundenen Wachsfigur – unbekleidet, versteht sich. Angeblich soll Swift West die Erlaubnis gegeben haben, sie im Song zu erwähnen – behauptet aber steif und fest, über die rüde Wortwahl nicht informiert gewesen zu sein: Das Wort „bitch“ lässt West in einem von Kardashian geleakten Telefonat nämlich nicht fallen. Was der Fall West in jedem Fall beweist: Ob du sie liebst oder hasst – an Taylor Swift kommst du nicht vorbei!


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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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