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Popkultur

Die musikalische DNA von Tears for Fears

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„Everybody wants to rule the world“, sangen Tears For Fears einst und für eine gewisse Zeit war ihnen genau das vergönnt. Zumindest herrschten sie über die Musikwelt. Drei Alben nur veröffentlichten Curt Smith und Roland Orzabal in den achtziger Jahren, bevor sie die Neunziger über getrennte Wege gingen und nur Orzabal unter dem gemeinsamen Namen weitermachte. „Everybody loves a happy ending“, lautete der augenzwinkernde Slogan, als sich die beiden 2004 für ein neues Album zusammen fanden. Die Welt wollen sie damit nicht mehr beherrschen. Tears For Fears gehören zu den seltenen Musikern, die einsehen, dass sie ihren kommerziellen Zenit überschritten haben. Was sie nicht daran hindert, musikalisch immer noch das Beste zu geben.


Hör dir hier die musikalische DNA von Tears for Fears als Playlist an und lies weiter:


Mit Shout und Everybody Wants To Rule The World von ihrem Album Songs From The Big Chair stieg das Duo prompt an die Spitze des Hypes um britischen Synth Pop auf. Die Themen der Platte standen in starkem Kontrast zum aufgeräumten Sounddesign der Platte. Statt futuristischer Visionen erzählte die Platte von den Abgründen des Seelenlebens. Tears For Fears trafen damit den Nerv der Zeit, ihr Sound war absolut einzigartig. Aber auch für ihn gibt es Vorbilder. Schauen wir uns also die musikalische DNA der beiden genau an, um herauszufinden, mit welchen Mitteln ausgestattet sich Tears For Fears Anfang der achtziger Jahre dazu aufmachten, die Welt im Sturm zu erobern!


1. Robert Wyatt – Shipbuilding

Lange bevor Tears For Fears ihren epischen Urschrei-Pop vom Pop-Olymp herunter donnern ließen und selbst bevor sie sich mit The Hurting und dem Überraschungserfolg Mad World etablieren konnten, waren Orzabal und Smith in erster Linie Jugendfreunde und Sessionmusiker. Ihr erstes gemeinsames Projekt nach der Arbeit für die Band Neon war ihr Debüt mit der Band Graduate im Jahr 1980.

Graduate legten nicht mehr als eine LP sowie eine Single hin, Elvis Should Play Ska. Gemeint war keineswegs der King Of Rock, sondern der Brite Elvis Costello. Warum der ausgerechnet Ska spielen sollte, ist heutzutage nicht mehr klar. Am liebsten scheinen die beiden ihren Costello sowieso in einem anderen Gewand oder gleich einer ganz anderen Version zu mögen: Robert Wyatts Cover von Costellos Shipbuilding dürfte auf den Plattentellern der beiden eingefleischten Wyatt-Fans noch häufiger rotieren als das Original. Wyatt widmeten sie sogar den Song I Believe von Songs From The Big Chair.


2. Talking Heads – Houses In Motion

Das ehemalige Soft Machine-Mitglied Wyatt ist nur einer der Käuze, zu denen sich Orzabal und Smith zeitlebens hingezogen fühlten. Während im heimischen England die New Wave-Szene florierte, reagierte die USA mit dem abgeklärten No Wave-Sound. Die Talking Heads um den charismatischen Ausnahmekünstler David Byrne brachten die schrille Ästhetik des No Wave-Universums in den Mainstream und begeisterten damit auch das junge britische Duo.

Smith nannte das Talking Heads-Album Remain In Light als eine maßgebliche Inspiration für den Sound des Tears For Fears-Debüts The Hurting. Byrne und seine Band hatten vorgemacht, dass sich mit den neuen technologischen Möglichkeiten der achtziger Jahre eine eigenwillige Musik schaffen ließ, die zugleich avantgardistisch klang und dennoch kommerziellen Erfolg nicht ausschloss. Genug Inspiration für zwei britische Querköpfe, die hoch hinaus wollten!


3. Brian Eno – By This River

Neben den Talking Heads war Byrne als waschechter Hans Dampf in allen Gassen unterwegs. Eine besonders enge Beziehung pflegte er zum ehemaligen Roxy Music-Keyboarder Brian Eno, der ab Ende der siebziger Jahre die Musikwelt revolutionierte. Waren Roxy Music noch für ihr schrilles Auftreten bekannt, fand Eno als Solokünstler auch in den sanften und leisen Tönen noch genug revolutionäres Potenzial.

Neben dem bahnbrechenden Album Ambient 1: Music For Airports, mit dem der Brite den Grundstein für ein ganzes Genre legte, widmete er sich etwa auf Before And After Science aus dem Jahr 1977 einem Pop-Entwurf, der bisweilen in zarten Tönen aufging. Stille Musik, die dennoch schräg klang – selbstverständlich waren Orzabal und Smith da ganz Ohr!


4. Peter Gabriel – Solsbury Hill

Die späten siebziger und frühen achtziger Jahre waren aufregende Zeiten für die Pop-Welt. Die Tage des Dinosaurier-Rocks waren um, Pop kam zurück und durfte sich mehr erlauben denn ja zuvor. Kaum eine Person personifiziert diesen Paradigmenwechsel dermaßen konequent wie Peter Gabriel. Als dieser 1975 die Prog Rock-Band Genesis verließ, debütierte er zwei Jahre darauf mit dem Stück Solsbury Hill, das von dem gleichnamigen Hügel in der englischen Stadt Bath erzählte, in der auch Tears For Fears aufwuchsen.

Gabriel bewies mit dem Stück, dass er auch ohne seine alte Band im Rücken Erfolg haben konnte und legte so die Grundlage für seine erfolgreiche Solokarriere. Seinen größten Erfolg feierte der Musiker aber wohl mit seinem dritten selbstbetitelten Album, das wie Remain In Light von den Talking Heads im Jahr 1980 erschien und damit Tears For Fears neue Wege aufzeigte.


5. David Bowie – Ashes To Ashes

„In nur einem Jahr erschien Peter Gabriels drittes Album, Remain In Light und Scary Monsters von David Bowie – drei tolle Platten und genau die drei Platten, die mich am meisten beeinflusst haben“, sagte Smith in einem Interview. „Sie zeigten mir, was du mit einer guten Produktion alles erreichen kannst und wie viel größer deine Musik klingen kann, wenn du ordentlich Zeit und Mühe investierst.“

Bowie war aber nicht allein in musikalischer Hinsicht ein wichtiger Vorreiter für das junge Duo. Mit seinem Gesang allein, vor allem aber seinem Auftritten unterlief er traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit. In den achtziger Jahren war es auch Männern möglich, ihr Inneres zum Ausdruck zu bringen. Niemand setzte das eindringlicher durch als Tears For Fears. Dass die beiden das Stück Ashes To Ashes von Bowie Scary Monsters-Album coverten, versteht sich da fast wie von selbst.


6. Frankie Goes To Hollywood – The Power Of Love

Eine andere Platte, die Smith als extrem inspirierend nannte und die 1984 frischen Wind in die Popwelt brachte, war Welcome To The Pleasuredome von Frankie Goes To Hollywood. Das kurzlebige Projekt war ganz nach dem Geschmack der beiden. Als Konzeptgruppe gestartet, feierte die Band ihren ersten Erfolg mit einem Song über homosexuellen Analsex, Relax, und brillierte zugleich mit einer bittersüßen Ballade über die Power Of Love. Was zuerst widersprüchlich wirkt, wurde mit Frankie Goes To Hollywood in ein kohärentes Ganzes integriert.

Insbesondere aber die innovativen Produktionstechniken von Mastermind Trevor Horn hatten es Smith angetan, wie er zugab. „Diese Tiefe war einfach irrsinnig“, schwärmte er über die Qualitäten des Produzenten, der nicht ohne Grund als „The Man Who Invented The Eighties“ tituliert wird. Schade eigentlich, dass die drei nie zusammengearbeitet haben – aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Auch diesseits der achtziger Jahre.


7. Japan – Ghosts

Tears For Fears’ Einflüsse vereinten avantgardistische Visionen mit Mainstream-kompatiblen Pop, ihnen selbst fiel es anfangs allerdings schwer, vergleichbare Erfolge zu erzielen. Nach The Hurting kündigte das Duo an, den „Planeten Sylvian“ in Richtung „Planet Rock“ zu verlassen. Damit spielten sie auf David Sylvian an, den Sänger der britischen Art Pop-Band Japan. Dabei hatten doch Japan bereits bewiesen, dass sich selbst mit absolut schräger Musik noch ein Charterfolg landen ließ.

Das Stück Ghosts vom Japan-Album vom Album Tin Drum wurde zu einem Überraschungserfolg, obwohl es auf kaum mehr als ein bisschen Synthie-Geblubber und gelegentlichen Marimba-Einsätzen basierte. Dagegen wirkt der Sound von Music From The Big Chair geradezu maximalistisch. Aber Tears For Fears hatten auch ein anderes Anliegen als der intellektuelle Sylvian.


8. Radiohead – Creep

Was Tears For Fears stets auszeichnete, war die emotionale Qualität ihrer Musik. Selbst wenn sie sich musikalischen Experimenten widmeten, sprach die Musik doch noch aus vollem Herzen. Über die Jahrzehnte haben sie sich als Band entzweit und wieder zusammengefunden, ihr Interesse an aufregenden Sounds hat allerdings nie nachgelassen. Radiohead waren ein direktes Resultat der aufregenden neuen Pop-Musik der achtziger Jahre und trieben das Programm der Art- und Synth-Pop-Bands seitdem nur noch weiter.

Der Einfluss der Band um Thom Yorke erstreckt sich allerdings auch auf die Helden von damals. Schon 1995 veröffentlichte Orzabal auf der B-Seite ihrer Single Raoul And The Kings Of Spain vom gleichnamigen Album eine Live-Version des Radiohead-Klassikers Creep aus dem Jahr 1992. Heutzutage singt das Duo die Außenseiterhymne immer noch auf Konzerten. Nur logisch, schließlich ist das Stück ebenso laut und eindringlich wie Tears For Fears in ihren besten Momenten.


9. Animal Collective – My Girls

Als sich Tears For Fears im August 2013 nach fast zehnjähriger Veröffentlichungsabstinenz zurückmeldeten, überraschten sie die Weltöffentlichkeit mit gleich drei Coverversionen. Neben Arcade Fires Ready To Start und Hot Chips Boy From School nahmen sie sich auch My Girls der US-amerikanischen Band Animal Collective an. Das Trio, das für den Song die ikonische Sequenz aus Frankie Knuckles’ und Jamie Principles unsterblicher House-Hymne Your Love nachgebaut hatte, muss Orzabal und Smith unweigerlich an ihre Anfangstage erinnert haben.

Angesiedelt zwischen tanzbarer elektronischer Musik und hymnischem Rock folgte My Girls schließlich dem Erfolgsrezept, das Tears For Fears zu einer der größten Bands der Achtziger gemacht hatte. Und dass der Originalsong mit seinen psychedelischen Gesangsharmonien den beiden Musikern viel Raum ließ, um ihre Qualitäten als Sänger zu beweisen, dürfte sie ebenfalls gereizt haben. Und wenn zwischendrin ein urschreiähnliches „Whoo!“ drin ist, umso mehr.


10. Gary Jules – Mad World

Einer der eindringlichsten Tears For Fears-Songs ist ohne Frage Mad World. Es war die erste Single des jungen Duos, das es in die britischen Charts schafft – ein echter Überraschungserfolg angesichts der mehr als deprimierenden Lyrics und der künstlerischen Freiheiten, welche sie die beiden in der Produktion des Stücks erlaubt hatten!

Mad World entwickelte ein spannendes Eigenleben, als es 2001 auf dem Soundtrack des Indie-Films Donnie Darko zu hören war. Die Coverversion von Gary Jules und Michael Andrews nahm das Tempo aus dem treibenden Synth Pop-Stück und verwandelte es in eine getragene Klavier-Ballade. Eine Version, die selbst Smith als im Vergleich mit dem Original „den Lyrics viel angemessener“ bezeichnete. „Es sagt viel über die englische Psyche aus, dass die Gary Jules-Version ein Weihnachtshit wurde“, spöttelte er.


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Zeitsprung: Am 2.12.1969 nehmen die Rolling Stones drei Klassiker auf.

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Foto: Stroud/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.12.1969.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 02. Dezember 1969 verschlägt es die Rolling Stones auf ihrer US-Tour in die Muscle Shoals Sound Studios nach Alabama. Die drei Songs, die sie dort in nur drei Tagen aufnehmen, fangen nicht nur perfekt den Country-, Blues- und Roots-Vibe des amerikanischen Südens ein, sondern bilden auch den ersten Grundstock an künftigen Klassikern für das im April 1971 veröffentlichte Album Sticky Fingers

Hier könnt ihr euch Sticky Fingers anhören:

Dass die Stones ein ausgemachtes Faible für die musikalische Ursuppe der USA hegen und somit eine große Liebe zu (Rhythm and) Blues, Country und Soul verspüren, hatten sie bereits auf Platten wie Beggars Banquet  (1968) und Let It Bleed (1969) mit ihrer Adaption des Ami-Sounds eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Deshalb wäre es unverzeihlich gewesen, ein paar freie Tage während der US-Tour Ende 1969 nicht zu nutzen, um in den heiligen Hallen des Muscle Shoals Sound Studios Station zu machen.

Der Sound des Südens

Der Mythos des Örtchens Muscle Shoals geht bereits auf die frühen Sechziger zurück, als in den programmatisch benannten FAME Studios Stars wie Wilson Pickett, Percy Sledge, Etta James oder Aretha Franklin etliche Hits einspielen. Begleitet werden sie bei diesen Sessions von einer höchst patenten Backing-Band, der Muscle Shoals Rhythm Section, bestehend aus Keyboarder Barry Beckett (Keyboards), Schlagzeuger Roger Hawkins, Gitarrist Jimmy Johnson und Bassist David Hood (Vater des Drive-By Truckers-Bandleaders Patterson Hood). Diese Koryphäen sollten später auch als die Swampers bekannt und in Lynyrd Skynyrds Sweet Home Alabama mit den schönen Zeilen „Now Muscle Shoals has got the Swampers/And they’ve been known to pick a song or two“ bewundernd besungen werden. 1969 hatten sie just beschlossen, sich selbstständig zu machen und ihr eigenes Tonstudio zu gründen: die Muscle Shoals Sound Studios

Tradition verpflichtet

Als die Stones dort am 2. Dezember aufschlagen, fehlt von Produzent Jimmy Miller jede Spur, weshalb man kurzerhand Swamper Jimmy Johnson als Tontechniker vor Ort verpflichtet. Nachdem sich die Band warmgespielt hat, geht es ans Eingemachte: You Gotta Move, das Cover eines alten Spirituals, welches erst 1965 vom Blueser Mississippi Fred McDowell gecovert wurde, ist in dieser Umgebung natürlich Pflicht.

An den zwei darauffolgenden Tagen schließt sich die Kür an, zunächst in Form des kompositorisch hauptsächlich Mick Jagger zuzuschreibenden Brown Sugar, eine verschmitzt verschwitzte, funkige Ode an Heroin und die holde Weiblichkeit gleichermaßen. Für den finalen Abend der Aufnahmen glänzt Keith Richards mit einem weiteren künftigen Klassiker im Stones-Katalog – dem akustischen Wild Horses

Bis heute eine Reise wert

Während Wild Horses von Keith-Kumpel und Country-Rock-Vorreiter Gram Parsons und dessen Band, den Flying Burrito Brothers, bereits auf deren Album Burrito Deluxe (1970) unorthodoxerweise –  als bis dato unveröffentlichter Stones-Song gecovert wird, soll es noch bis zum April 1971 dauern, bis alle drei Stücke der Südstaaten-Session der Stones in voller Muscle-Shoals-Pracht auf dem Album Sticky Fingers erstrahlen. Nach den Stones machen in den Folgejahren unter anderen noch Rod Stewart, Bob Seger, Lynyrd Skynyrd und die Black Keys in den Studios halt. Und auch nach den Restaurationsarbeiten und der Wiedereröffnung 2017 nehmen in der Hausnummer 3614 Jackson Highway, die tagsüber zur Touristenattraktion und nachts abermals zum Tonstudio mutiert, heute wieder junge Rockhoffnungsträger wie jüngst die Rival Sons oder die Allman Betts Band auf.

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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Komplex, überraschend, mitreißend: „Octopus“ der Prog-Legenden Gentle Giant wird 50!

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Gentle Giant
Foto: Jorgen Angel/Getty Images

Am 1.12.1972 veröffentlichten Gentle Giant ihr Album „Octopus“ — ein grandioses Werk zwischen Komplexität, Überraschung und Eingängigkeit.

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch Octopus anhören:

Es gibt Alben, die schwere Geburten sind. Und es gibt Alben, bei denen von Anfang an alles rundzulaufen scheint — die Ideen, der Vibe, die Stimmung im Studio. Als Gentle Giant am 24. Juli 1972 ins Tonstudio gingen, um ihr viertes Album aufzunehmen, war zweiteres der Fall. „Ich erinnere mich, dass wir uns ziemlich sicher fühlten, als wir dieses Album aufnahmen”, erinnert sich  Gitarrist Gary Green in den Liner Notes der Neuauflage des Albums. „Wir hatten einen guten Haufen Melodien und unsere Studiotechnik (besonders die von Ray) wurde mit jeder Platte besser. Wir experimentierten weiter mit Instrumentenkombinationen, Sounds und Effekten und tauschten unsere Ideen mit dem Tontechniker Martin Rushent aus, der unsere verrückten Ideen voll und ganz unterstützte“.

Großes Selbstvertrauen, große Inspiration

Die Inspiration war so groß wie das Selbstvertrauen, die Band brauchte nicht lange, um dorthin zu kommen, wo sie hin wollte: Am 5. August 1972 waren die Aufnahmesessions schon wieder zu Ende. Herausgekommen ist in diesen wenigen, höchst kreativen Tagen dabei eines der komplexesten, vielschichtigsten und bemerkenswertesten Alben der Prog-Geschichte. Wohin die Reise auf Octopus gehen würde, macht bereits der Opener The Advent Of Purge klar. Extrem vielschichtig, vertrackt, überbordend vor Ideen und Richtungen. Octopus geht seinen eigensinnigen Weg zwischen Prog, Jazz und Klassik. Manchmal meint man auch, etwas Folk-Einflüsse durchzusehen. Es setzt auf Gesangsschichtungen, Kontrapunkte und überraschende  Wendungen, auf das Spiel mit Dissonanzen und Brüchen — nur um wenige Sekunden später wieder plötzlich völlig eingängig daherzukommen.

Literarische und philosophische Inspirationen

Natürlich musste das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Anspruch und einen roten Faden haben. So ließ man sich von literarischen und philosophischen Werken inspirieren — unter anderem von den französischen Schriftsteller François Rabelais und Albert Camus. Die Band selbst war zufrieden mit dem Ergebnis. „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht“, erklärte Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Ray Shulman einmal.

Zur Genese des Albums erzählt er: „Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“ Dass die Platte Octopus heißt, soll der Ehefrau von Shulmans Bruder und Bandkollegen Phil Shulman geschuldet sein. Die brachte Octopus als Anspielung auf die Zahl acht (die Anzahl der Tracks) und das Wort Opus ins Spiel.

Ein geniales gut gealtertes Werk

Oft ist es bei Alben, die zu jener Zeit als avantgardistisch gelten ja so, dass man Jahrzehnte später bemerkt, dass sie irgendwie schlechter gealtert sind oder anachronistisch klingen. Bei Octopus ist dies nicht der Fall — das kreative Wagnis von Garry Green, Kerry Minnear, Derek, Ray und Phil Shulman sowie John Weathers klingt heute sogar noch überraschend frisch. Octopus quillt nur so über voller musikalischer Abenteuerlust — und klingt bei aller Raffinesse und allem Intellekt nie verkopft. Im Gegenteil: Manchmal, wie in „Dog’s Life“ geht es textlich geradezu leichtfüßig zur Sache.

2015 hat sich Prog-Superstar Steven Wilson der Platte angenommen und den Mix überarbeitet — so erstrahlte Octopus in Wilsons Remix/Remaster noch besserer Soundqualität. Aber in welcher Version auch immer: Octopus ist ein mitreißendes Abenteuer, das im Plattenregal jedes Prog-Fans stehen sollte. Octopus zeigt auch den besonderen Status, den Gentle Giant in der Proggeschichte haben. Sie wurden keine Superstars wie andere ihrer Kollegen und Kolleginnen — leider! — aber gelten als wichtiger Einfluss für viele Bands, die danach kamen.

Eine großartige Platte und eine unbedingte Empfehlung!

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„Happy Xmas (War Is Over)“: Wie der Protestsong zu einem Weihnachtsklassiker wurde

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John Lennon und Yoko Ono

„And so this is Christmas“: Man könnte mit dem Zitieren des Textes hier aufhören und hätte seinem Gegenüber bereits einen Ohrwurm verpasst. Längst ist der Song aus der Feder von John Lennon und Yoko Ono ein Klassiker in Sachen Weihnachts- und Protestsong – normalerweise nicht unbedingt miteinander verwandte Genres.

von Markus Brandstetter

Dabei sah es zumindest bei der Erstveröffentlichung in den USA zunächst nicht danach aus, als hätte man es hier mit einem zukünftigen Klassiker zu tun. Denn als Happy Xmas (War Is Over) am 1. Dezember 1971 in den Vereinigten Staaten erschien, schaffte der Song zunächst nur mäßige Chartplatzierungen. Gut, der Platz drei bei den Billboard Christmas Singles Chart mal ausgenommen. Das hatte einerseits damit zu tun, dass man Weihnachtssongs, zumindest damals, für gewöhnlich mit etwas mehr zeitlichem Vorlauf veröffentlichen sollte, andererseits schien auch die PR-Abteilung nur wenig motiviert.

Erfolg in Großbritannien

In Lennons Heimat Großbritannien sah das schon besser aus. Allerdings dauerte es bis zum Release dort eine ganze Weile. Aufgrund von einem Streit um Publishing-Rechte mit Northern Songs erschien der Song dort erst am 24. November 1972. Happy Xmas (War Is Over)  schaffte es bis auf Platz vier der Single-Charts, die Platte musste bald nachgepresst werden. Zunächst erschien der Song nur als Single, auf einem Album landete er erst 1975 – auf der Compilation Shaved Fish.

Ewiger Klassiker

Aber was macht Happy Xmas (War Is Over) so bemerkenswert und erinnerungswürdig? Den Slogan ansich hatten Lennon und Ono nicht erfunden, der tauchte bereits in anderen Stücken auf – bei The Doors und John Ochs. Lennon und Ono waren zu dem Zeitpunkt bereits bekannte Aktivist*innen, hatten mit den Bed-Ins, bei denen sie im Bett vor Medienvertreter*innen für den Weltfrieden demonstrierten, bereits für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Lennon und Ono ließen in zwölf großen Städten Plakate mit den Worten „WAR IS OVER! If You Want It – Happy Christmas from John & Yoko“ errichten.

Bei dem Stück trifft eine eingängige, durchaus weihnachtstaugliche Melodie auf Sozialkritik. Diese kommt aber nicht von oben herab, sondern eher mit besorgt-freundlichem, sanft optimistischen Ton. Lennon wollte Kitsch vermeiden, aber die soziale Message in etwas Eingängiges packen. Es war Lennons und Onos Statement gegen den Vietnamkrieg, der noch bis 1975 wütete und viele Opfer fordern sollte. Man könnte sagen, der Song setzte dort an, wo Give Peace A Chance 1969 aufgehört hatte. „And so happy Christmas / For black and for white / For yellow and red ones / Let’s stop all the fights / A very merry Christmas / And a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / Without any fears“ heißt es darin. Unterstützt werden Lennon und Ono gesanglich vom Harlem Community Choir, den Lennon für die Aufnahmen leitete.

Eigenleben

Happy Xmas (War Is Over), produziert von Phil Spector, nahm über die Jahre ein Eigenleben an. Es kam immer wieder in die Charts – die höchste Platzierung erfuhr es nach der Ermordung Lennons 1980 mit Platz zwei der britischen Single-Charts (Platz eins ging damals an Imagine). Er wurde tausende Male gecovert – von Celine Dion und Neil Diamond, von Carly Simon und REO Speedwagon, von Laura Pausini und Miley Cyrus, von Jimmy Buffett, John Legend und Jessica Simpson.

Längst gehört Happy Xmas (War Is Over) in den Kanon der Weihnachtsklassiker – und jener der Protestsongs. Man kann den Fokus beim Hören legen wie man möchte. Happy Xmas (War Is Over) funktioniert als nachdenklicher, altruistischer Weihnachtssong, als Statement gegen Krieg – und als ewig gültige und stets nötige Hoffnung, dass sich die Welt vielleicht doch ein Stück bessert.

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