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Popkultur

Die musikalische DNA von Tears for Fears

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„Everybody wants to rule the world“, sangen Tears For Fears einst und für eine gewisse Zeit war ihnen genau das vergönnt. Zumindest herrschten sie über die Musikwelt. Drei Alben nur veröffentlichten Curt Smith und Roland Orzabal in den achtziger Jahren, bevor sie die Neunziger über getrennte Wege gingen und nur Orzabal unter dem gemeinsamen Namen weitermachte. „Everybody loves a happy ending“, lautete der augenzwinkernde Slogan, als sich die beiden 2004 für ein neues Album zusammen fanden. Die Welt wollen sie damit nicht mehr beherrschen. Tears For Fears gehören zu den seltenen Musikern, die einsehen, dass sie ihren kommerziellen Zenit überschritten haben. Was sie nicht daran hindert, musikalisch immer noch das Beste zu geben.


Hör dir hier die musikalische DNA von Tears for Fears als Playlist an und lies weiter:


Mit Shout und Everybody Wants To Rule The World von ihrem Album Songs From The Big Chair stieg das Duo prompt an die Spitze des Hypes um britischen Synth Pop auf. Die Themen der Platte standen in starkem Kontrast zum aufgeräumten Sounddesign der Platte. Statt futuristischer Visionen erzählte die Platte von den Abgründen des Seelenlebens. Tears For Fears trafen damit den Nerv der Zeit, ihr Sound war absolut einzigartig. Aber auch für ihn gibt es Vorbilder. Schauen wir uns also die musikalische DNA der beiden genau an, um herauszufinden, mit welchen Mitteln ausgestattet sich Tears For Fears Anfang der achtziger Jahre dazu aufmachten, die Welt im Sturm zu erobern!


1. Robert Wyatt – Shipbuilding

Lange bevor Tears For Fears ihren epischen Urschrei-Pop vom Pop-Olymp herunter donnern ließen und selbst bevor sie sich mit The Hurting und dem Überraschungserfolg Mad World etablieren konnten, waren Orzabal und Smith in erster Linie Jugendfreunde und Sessionmusiker. Ihr erstes gemeinsames Projekt nach der Arbeit für die Band Neon war ihr Debüt mit der Band Graduate im Jahr 1980.

Graduate legten nicht mehr als eine LP sowie eine Single hin, Elvis Should Play Ska. Gemeint war keineswegs der King Of Rock, sondern der Brite Elvis Costello. Warum der ausgerechnet Ska spielen sollte, ist heutzutage nicht mehr klar. Am liebsten scheinen die beiden ihren Costello sowieso in einem anderen Gewand oder gleich einer ganz anderen Version zu mögen: Robert Wyatts Cover von Costellos Shipbuilding dürfte auf den Plattentellern der beiden eingefleischten Wyatt-Fans noch häufiger rotieren als das Original. Wyatt widmeten sie sogar den Song I Believe von Songs From The Big Chair.


2. Talking Heads – Houses In Motion

Das ehemalige Soft Machine-Mitglied Wyatt ist nur einer der Käuze, zu denen sich Orzabal und Smith zeitlebens hingezogen fühlten. Während im heimischen England die New Wave-Szene florierte, reagierte die USA mit dem abgeklärten No Wave-Sound. Die Talking Heads um den charismatischen Ausnahmekünstler David Byrne brachten die schrille Ästhetik des No Wave-Universums in den Mainstream und begeisterten damit auch das junge britische Duo.

Smith nannte das Talking Heads-Album Remain In Light als eine maßgebliche Inspiration für den Sound des Tears For Fears-Debüts The Hurting. Byrne und seine Band hatten vorgemacht, dass sich mit den neuen technologischen Möglichkeiten der achtziger Jahre eine eigenwillige Musik schaffen ließ, die zugleich avantgardistisch klang und dennoch kommerziellen Erfolg nicht ausschloss. Genug Inspiration für zwei britische Querköpfe, die hoch hinaus wollten!


3. Brian Eno – By This River

Neben den Talking Heads war Byrne als waschechter Hans Dampf in allen Gassen unterwegs. Eine besonders enge Beziehung pflegte er zum ehemaligen Roxy Music-Keyboarder Brian Eno, der ab Ende der siebziger Jahre die Musikwelt revolutionierte. Waren Roxy Music noch für ihr schrilles Auftreten bekannt, fand Eno als Solokünstler auch in den sanften und leisen Tönen noch genug revolutionäres Potenzial.

Neben dem bahnbrechenden Album Ambient 1: Music For Airports, mit dem der Brite den Grundstein für ein ganzes Genre legte, widmete er sich etwa auf Before And After Science aus dem Jahr 1977 einem Pop-Entwurf, der bisweilen in zarten Tönen aufging. Stille Musik, die dennoch schräg klang – selbstverständlich waren Orzabal und Smith da ganz Ohr!


4. Peter Gabriel – Solsbury Hill

Die späten siebziger und frühen achtziger Jahre waren aufregende Zeiten für die Pop-Welt. Die Tage des Dinosaurier-Rocks waren um, Pop kam zurück und durfte sich mehr erlauben denn ja zuvor. Kaum eine Person personifiziert diesen Paradigmenwechsel dermaßen konequent wie Peter Gabriel. Als dieser 1975 die Prog Rock-Band Genesis verließ, debütierte er zwei Jahre darauf mit dem Stück Solsbury Hill, das von dem gleichnamigen Hügel in der englischen Stadt Bath erzählte, in der auch Tears For Fears aufwuchsen.

Gabriel bewies mit dem Stück, dass er auch ohne seine alte Band im Rücken Erfolg haben konnte und legte so die Grundlage für seine erfolgreiche Solokarriere. Seinen größten Erfolg feierte der Musiker aber wohl mit seinem dritten selbstbetitelten Album, das wie Remain In Light von den Talking Heads im Jahr 1980 erschien und damit Tears For Fears neue Wege aufzeigte.


5. David Bowie – Ashes To Ashes

„In nur einem Jahr erschien Peter Gabriels drittes Album, Remain In Light und Scary Monsters von David Bowie – drei tolle Platten und genau die drei Platten, die mich am meisten beeinflusst haben“, sagte Smith in einem Interview. „Sie zeigten mir, was du mit einer guten Produktion alles erreichen kannst und wie viel größer deine Musik klingen kann, wenn du ordentlich Zeit und Mühe investierst.“

Bowie war aber nicht allein in musikalischer Hinsicht ein wichtiger Vorreiter für das junge Duo. Mit seinem Gesang allein, vor allem aber seinem Auftritten unterlief er traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit. In den achtziger Jahren war es auch Männern möglich, ihr Inneres zum Ausdruck zu bringen. Niemand setzte das eindringlicher durch als Tears For Fears. Dass die beiden das Stück Ashes To Ashes von Bowie Scary Monsters-Album coverten, versteht sich da fast wie von selbst.


6. Frankie Goes To Hollywood – The Power Of Love

Eine andere Platte, die Smith als extrem inspirierend nannte und die 1984 frischen Wind in die Popwelt brachte, war Welcome To The Pleasuredome von Frankie Goes To Hollywood. Das kurzlebige Projekt war ganz nach dem Geschmack der beiden. Als Konzeptgruppe gestartet, feierte die Band ihren ersten Erfolg mit einem Song über homosexuellen Analsex, Relax, und brillierte zugleich mit einer bittersüßen Ballade über die Power Of Love. Was zuerst widersprüchlich wirkt, wurde mit Frankie Goes To Hollywood in ein kohärentes Ganzes integriert.

Insbesondere aber die innovativen Produktionstechniken von Mastermind Trevor Horn hatten es Smith angetan, wie er zugab. „Diese Tiefe war einfach irrsinnig“, schwärmte er über die Qualitäten des Produzenten, der nicht ohne Grund als „The Man Who Invented The Eighties“ tituliert wird. Schade eigentlich, dass die drei nie zusammengearbeitet haben – aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Auch diesseits der achtziger Jahre.


7. Japan – Ghosts

Tears For Fears’ Einflüsse vereinten avantgardistische Visionen mit Mainstream-kompatiblen Pop, ihnen selbst fiel es anfangs allerdings schwer, vergleichbare Erfolge zu erzielen. Nach The Hurting kündigte das Duo an, den „Planeten Sylvian“ in Richtung „Planet Rock“ zu verlassen. Damit spielten sie auf David Sylvian an, den Sänger der britischen Art Pop-Band Japan. Dabei hatten doch Japan bereits bewiesen, dass sich selbst mit absolut schräger Musik noch ein Charterfolg landen ließ.

Das Stück Ghosts vom Japan-Album vom Album Tin Drum wurde zu einem Überraschungserfolg, obwohl es auf kaum mehr als ein bisschen Synthie-Geblubber und gelegentlichen Marimba-Einsätzen basierte. Dagegen wirkt der Sound von Music From The Big Chair geradezu maximalistisch. Aber Tears For Fears hatten auch ein anderes Anliegen als der intellektuelle Sylvian.


8. Radiohead – Creep

Was Tears For Fears stets auszeichnete, war die emotionale Qualität ihrer Musik. Selbst wenn sie sich musikalischen Experimenten widmeten, sprach die Musik doch noch aus vollem Herzen. Über die Jahrzehnte haben sie sich als Band entzweit und wieder zusammengefunden, ihr Interesse an aufregenden Sounds hat allerdings nie nachgelassen. Radiohead waren ein direktes Resultat der aufregenden neuen Pop-Musik der achtziger Jahre und trieben das Programm der Art- und Synth-Pop-Bands seitdem nur noch weiter.

Der Einfluss der Band um Thom Yorke erstreckt sich allerdings auch auf die Helden von damals. Schon 1995 veröffentlichte Orzabal auf der B-Seite ihrer Single Raoul And The Kings Of Spain vom gleichnamigen Album eine Live-Version des Radiohead-Klassikers Creep aus dem Jahr 1992. Heutzutage singt das Duo die Außenseiterhymne immer noch auf Konzerten. Nur logisch, schließlich ist das Stück ebenso laut und eindringlich wie Tears For Fears in ihren besten Momenten.


9. Animal Collective – My Girls

Als sich Tears For Fears im August 2013 nach fast zehnjähriger Veröffentlichungsabstinenz zurückmeldeten, überraschten sie die Weltöffentlichkeit mit gleich drei Coverversionen. Neben Arcade Fires Ready To Start und Hot Chips Boy From School nahmen sie sich auch My Girls der US-amerikanischen Band Animal Collective an. Das Trio, das für den Song die ikonische Sequenz aus Frankie Knuckles’ und Jamie Principles unsterblicher House-Hymne Your Love nachgebaut hatte, muss Orzabal und Smith unweigerlich an ihre Anfangstage erinnert haben.

Angesiedelt zwischen tanzbarer elektronischer Musik und hymnischem Rock folgte My Girls schließlich dem Erfolgsrezept, das Tears For Fears zu einer der größten Bands der Achtziger gemacht hatte. Und dass der Originalsong mit seinen psychedelischen Gesangsharmonien den beiden Musikern viel Raum ließ, um ihre Qualitäten als Sänger zu beweisen, dürfte sie ebenfalls gereizt haben. Und wenn zwischendrin ein urschreiähnliches „Whoo!“ drin ist, umso mehr.


10. Gary Jules – Mad World

Einer der eindringlichsten Tears For Fears-Songs ist ohne Frage Mad World. Es war die erste Single des jungen Duos, das es in die britischen Charts schafft – ein echter Überraschungserfolg angesichts der mehr als deprimierenden Lyrics und der künstlerischen Freiheiten, welche sie die beiden in der Produktion des Stücks erlaubt hatten!

Mad World entwickelte ein spannendes Eigenleben, als es 2001 auf dem Soundtrack des Indie-Films Donnie Darko zu hören war. Die Coverversion von Gary Jules und Michael Andrews nahm das Tempo aus dem treibenden Synth Pop-Stück und verwandelte es in eine getragene Klavier-Ballade. Eine Version, die selbst Smith als im Vergleich mit dem Original „den Lyrics viel angemessener“ bezeichnete. „Es sagt viel über die englische Psyche aus, dass die Gary Jules-Version ein Weihnachtshit wurde“, spöttelte er.


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