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Popkultur

Die musikalische DNA von Tedeschi Trucks Band

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Ein Dutzend Menschen versammelt die Tedeschi Trucks Band auf der Bühne und ihr Sound weist mindestens so viele verschiedene Einflüsse auf. Blues Rock als Label zumindest wäre unzureichend bei dem dichten Sound, den die Band während ausgiebiger Konzerte auch mal ausufern lässt. Trotzdem: Ziellos wird es bei der Tedeschi Trucks Band nie, dafür sorgen ihre beiden Masterminds. »Ein Song muss schon ordentlich Speck haben, eine Bedeutung«, erklärt Sängerin und Gitarristin Susan Tedeschi. »Es kann nicht einfach nur der reine Flausch sein – das ist es mit dieser Band auch nicht.« Ihr Ehemann Derek Trucks übernimmt dabei so etwas wie die kreative Leitung, fordert von seiner Crew aber viel Selbsteinsatz: Jede Jam-Session kann schließlich noch verwertet werden!


Foto: Stuart Levine

Foto: Stuart Levine


Tedeschi und Trucks sind ein einzigartiges, um nicht zu sagen eigenartiges Paar. Beide waren sie noch ausgesprochen jung, als ihre jeweiligen Solo-Karrieren sie auf die größten Bühnen führten. Zusammengenommen haben sie mehr Grammys und Grammy-Nominierungen eingefahren, als manch große Popstars am Ende ihrer Karriere verbuchen können. Doch sind die beiden, die neben ihren jeweiligen sowie ihrer gemeinsamen Karriere auch noch als Eltern von zwei Kindern gut zu tun haben, umwerfend bescheiden geblieben: Allüren sind im gut geölten Mechanismus im Kern der Tedeschi Trucks Band nicht zu finden – dafür aber eine Menge musikalischer Einflüsse, die so vielleicht nicht zu erwarten wären. Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA der Tedeschi Trucks Band, diesem kleinen musikalischen Mikrokosmos!


Hört euch hier die musikalische DNA von Tedeschi Trucks Band in einer Playlist an und lest weiter:


01. »I’d Do Anything« (aus dem Musical »Oliver«)

Alle fangen irgendwann mal irgendwo an, kaum jemand aber so früh und am selben Ort wie Susan Tedeschi: »Meine Mutter erzählte mir, ich hätte bereits in der Wiege gesungen«, lachte sie in einem Interview. »Sie meinte, ich hätte mir damals selbst Songs ausgedacht.« Und das, bevor sie überhaupt sprechen konnte! Mutter Tedeschi bekräftigte das Kind in ihren Mühen, war sie doch selbst oft auf den Brettern zu finden, die die Welt bedeuten: »Anstatt uns in eine Krippe zu stecken, brachte uns meine Mutter in den Stücken unter, in welchen sie selbst zu sehen war«, erinnert sich Tedeschi an diese doch etwas ungewöhnliche Erziehung, die ihr im zartesten Alter den ersten Job auf dem Broadway einbrachte. »Da war ich also, sechs Jahre alt und am Vorsingen für das Musical Oliver. Sie war in der Show und mein Bruder und ich spielten Jungs aus dem Armenhaus.« Sogar einen Cockney-Akzent legte sich das Kind für die Oliver Twist-Adaption zu! Keine Frage: Von der Kleinen war noch Großes zu erwarten – wenngleich in einem anderen Bereich. »Als ich irgendwann das Schauspiel an den Nagel hängte, konzentrierte ich mich stärker auf das, was ich eigentlich machen wollte.« Der Erfolg sollte ihr recht geben.


02. Bonnie Raitt – Any Day Woman

Was aber Tedeschi letztlich zur Sängerin machte? Die biederen katholischen Chorstunden ihrer Jugend waren es zumindest nicht! Tatsächlich fühlte sich die Teenagerin vielmehr vom beseelten Gospel inspiriert und suchte lieber baptistische Kirchen in der schwarzen Community auf, um dort ihren Glauben mit der passenden Musik zu feiern. Als sie sich nach der High School am international renommierten Berklee College of Music einschrieb, wurde der dortige Gospel-Chor zum wichtigsten Punkt auf dem Lehrplan und das Wunderkind Dennis Montgomery III ihr einflussreichster Lehrer. »Er dirigierte einen Chor, als er gerade acht Jahre alt war. Er hat perfektes Gehör, spielt Klaiver und Orgel und dirigiert den Chor so ziemlich allein mit dem Kopf!«, schwärmt Tedeschi heute. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Gospel-Sound machte sich auch in ihrem Gesang bemerkbar: »Vorher klang ich wohl eher wie Linda Ronstadt«, sagte sie. »Dann aber kamen Leute zu mir und sagten: ‘Wow, du klingst wie Bonnie Raitt!’ und ich fragte ‘Wer ist das?’.« Das Unwissen hielt nicht lange an und schon bald fand Tedeschi in der Blues-Sängerin ein echtes Vorbild. Allein schon deshalb, weil Raitt in einer männerdominierten Industrie die Saiten selbst in die Hand nahm. Alles andere  als eine »Any Day Woman« – genauso wie Tedeschi nach ihr!


03. Otis Rush – I Can’t Quit You Baby

Raitt aber ist natürlich nicht die einzige, die Tedeschi in ihrem Spiel beeinflusst hat. Wieder aber musste sich die junge Musikerin selbst um Inspiration bemühen. »In Norwell dachte ich noch, die einzigen afro-amerikanischen Gitarristen seien Bobby King, John Lee Hooker, Chuck Berry und Jimi Hendrix«, erinnerte sie sich an ihre Kindheit im beschaulichen Massachusetts. Im College angekommen aber wühlte sie sich durch die Plattenläden und stieß auf Freddie King und Magic Sam. »Ich dachte, ‘Alter, wer hat die ganzen Leute nur vor mir versteckt?’ Sie wurden zu meinen Lieblingen und es machte mir schlagartig bewusst, wie wir kulturell voneinander getrennt werden und dadurch so viel Gutes verpassen.« Einen anderen Gitarristen nannte Tedeschi ebenso in der Reihe schwarzer Musiker: Otis Rush. Sein Song I Can’t Quit You Baby ist ein Gänsehautgarant einerseits und ein fantastisches Stück unterschätzter Blues-Geschichte andererseits. »Der Song kriegt mich jedes Mal«, gestand Tedeschi angesichts einer legendären Live-Aufnahme. »Es ist alle die rohe Schönheit des Blues in Form einer fünfminütigen Performance.« Dem lässt sich nichts hinzufügen!


04. Derek and the Dominos – Layla

Derweil seine spätere Gattin bereits in der Wiege sang, als er selbst noch nicht geboren war, so wurde Derek Trucks doch einiges an Talent in dieselbe gelegt. Sein Anfang 2017 verstorbener Onkel Butch Trucks war Gründungsmitglied der Allman Brothers Band, bei denen auch Derek die Gitarrenpflichten übernehmen sollte und der jüngere Bruder Duane ist ebenfalls ein verdienter Musiker. Ob’s vielleicht am Namen liegt? Den nämlich haben sich Trucks’ Eltern eventuell von Eric Clapton, genauer gesagt seiner Band Derek and the Dominos, geliehen. »Yeah, die Platte wurde im Haus rumgereicht, das Layla-Album«, gestand Trucks. »Meine Eltern waren Riesenfans von dieser Periode von Erics Kram. Ich denke schon, dass es etwas mit dem Namen, und sei’s nur der Schreibweise, zu tun hatte.« Wie der Nachwuchs wohl gehießen hätte, wäre es ein Mädchen geworden? Wir haben da einen Verdacht! So oder so: Schon bald wurde aus dem Namensgeber ein ebenbürtiger Partner. Nachdem Trucks nämlich im Alter von neun Jahren seine erste Gitarre auf einem Flohmarkt kaufte, seine erste bezahlte Performance im Alter von elf hinlegte und vor seinem zwanzigsten Geburtstag bereits die Bühne mit Bob Dylan und anderen Stars geteilt hatte, kollaborierte er 2006 mit Clapton und JJ Cale auf The Road to Escondido und begleitete die »Slowhand« im folgenden Jahr auf Tour. Als hätten’s die Eltern geahnt!


05. The Allman Brothers Band – Statesboro Blues (Live)

Moment – Trucks’ Bruder hieß Duane? Das erinnert doch auch an jemanden, sehr deutlich sogar: Duane Allman nämlich, der mit Trucks’ Onkel Butch in einer Band spielte. Na klar, bei den Allman Brothers! Außerdem? Außerdem war auch er auf Layla and Other Assorted Love Songs zu hören! Im Hause Trucks wohl wirklich eine wichtige Platte, ebenso wie auch der tragischer Weise im Alter von 24 Jahren verstorbene Duane einen maßgeblichen Einfluss auf Derek Trucks ausüben sollte, der bis zur endgültigen Auflösung der Band selbst bei den Allman Brothers die Gitarre schwang. Es blieb ja irgendwie schon in der Familie! Neben Elmore James nennt Trucks den Allman-Bruder als wichtigsten Einfluss auf sein markantes Slide-Gitarrenspiel. »Sein Sound war vielleicht der Grund, warum ich überhaupt mit der Gitarre anfing«, betonte er mit Nachdruck in einem Interview. Wie einzigartig dieser Sound war, zeigt allein ein Song wie »Statesboro Blues«, dessen erste Takte sich allein tief in die Musikgeschichte eingeschrieben haben. Wer von Allmans außergewöhnlichem Talent nicht überzeugt ist, kann vielleicht das isolierte Gitarrensolo von Layla auf sich wirken lasssen. Eric Clapton selbst gab zu, ohne Allman nie auf die Slide-Gitarre gekommen zu sein. Trucks hingegen? Der hat sie mittlerweile für sich gemeistert und gibt doch zu, dass er hin und wieder ganz im Geiste Duanes spielt.


06. Ravi Shankar – Ragas In Minor Scale

Das Zusammenspiel von ihrer großen Band und die Einflüsse, die Susan Tedeschi und Derek Trucks selbst mit einbringen, ergibt ein rundes Gesamtpaket. Es ist dermaßen rund, dass Ausflüge in überraschende Gefilde darin ganz organisch scheinen. Auf dem Debütalbum Revelator etwa integriert sich eine Sitar in einen beschwingten Midtempo-Rhythmus, während Tedeschi mit raunender Stimme darüber singt, wie eine Frau an verregneten Wochenenden immer noch der Liebe ihres Lebens nachtrauert. Wo der indische Hauch herkommt? Vor allem von Trucks’ Seite. »Er spornt sich selbst an und bringt uns ständig dazu, neue Dinge zu lernen und zu schreiben, um es für das Publikum und die MusikerInnen frisch zu halten«, schwärmte Tedeschi vom Arbeitsethos ihres Partners. Der holt sich seine Inspiration eben hin und wieder aus pakistanischer Qawwali-Musik oder der klassischen hinduistischen Musik, wie sie Nusrat Fateh Ali Khan (mit dessen Neffen Trucks auf dem Album Joyful Noise zusammenarbeitete) oder natürlich Ravi Shankar im Westen bekannt gemacht haben. Gerade Shankars Einfluss ist aus der Pop-Geschichte nicht wegzudenken: Die Byrds und insbesondere die Beatles hätten ohne seinen Einfluss ganz anders geklungen. »Sein Kram war kugelsicher, da kamst du nicht ran«, äußerte sich Trucks kurz nach Shankars Tod gegenüber dem Rolling Stone. »Aber er ist total mit der Erde verwurzelt. Nicht zu verkopft, obwohl es unglaublich komplexe Musik ist.«


07. Joe Cocker – With A Little Help From My Friends (Live)

Etwas komplexer noch als die Musik Ravi Shankars gestaltet sich das Verhältnis der Tedeschi Trucks Band zu Joe Cocker. Zur Gründung der Band schauten Trucks und Tedeschi die Dokumentation Mad Dogs & Englishmen über die legendäre US-Tour des Briten. »Wir meinten, ‘Hey, das sieht nach Spaß aus!’«, scherzte Trucks über die zum Teil mehr als beschwerliche und zugleich unvergleichlich erfolgreiche Tour. »Unsere Band basiert zu Teilen auf diesen Konzertmitschnitten!« Keine Frage, dass die Band ihrem Idol auch Tribut zollen wollte – und zwar gemeinsam! Doch Cocker zeigte ein »gesundes Maß an Skepsis«, wie Trucks im Nachhinein berichtete. Nur langsam ließ sich der Sänger zu einem gemeinsamen Auftritt auf dem Lockn’ Festival im Jahr 2014 erweichen – trat dann aber doch überrraschend zurück. Wieso, wurde im Dezember desselbe Jahres klar: Cocker war an Krebs erkrankt und verstarb. Aus der gemeinsamen Feier eines überlebensgroßen Albums wurde so 2015 auf dem Lockn’ der ausgiebige Abschied eines Ausnahmetalents, das seinem ganzen Schaffen gewidmet war. Mit dabei waren allerdings Teile der Original-Crew oder Stargäste wie Chris Robinson von den Black Crowes. Ein bisschen Hilfe aus dem Freundeskreis war Cocker ja noch nie abgeneigt, wie auch sein legendäres Beatles-Cover bewies.


08. Sly & The Family Stone – Sing A Simple Song

Mit allen Gospel- und Blues-Wassern gewaschen ist die Tedeschi Trucker Band, da ist der Soul natürlich nicht weit. Während Cockers exaltierte Performances und seine markante Reibeisenstimme definitiv viel Soul in sich aufgesogen haben, zollte die Gruppe natürlich auch den wichtigsten Stifterfiguren des Genres Tribut. Sly & The Family Stones Songs Sing A Simple Song und I Want To Take You Higher aus der Stand!-Ära der Band verblenden sie für gewöhnlich live zu einem Medley, welches auch mit der Pre-Order-Version vom Live-Album Everybody’s Talkin’ für Fans erhältlich gemacht wurde. Es sind bei Weitem nicht die einzigen Nummern von Sly & The Family Stone im Band-Repertoire. Der stolze schwarze Protest-Soul der Family Stone passt natürlich zu einer Band, die einen sehr bewussten Umgang mit den schwarzen Wurzeln ihrer Musik pflegt.


09. Herbie Hancock – Watermelon Man

Dazu gehört natürlich auch der Jazz mit dazu, ein leicht zu übersehender Einfluss auf die Band. Während Trucks insbesondere vom mysteriösen Kosmologen Sun Ra schwärmt, ist die Gattin vor allem Fan eines ganz anderen Rebells. »1999 hätte ich nie geglaubt, dass ich 2010 mit Herbie Hancock rumhängen würde«, lachte sie in einem Interview. 2000 war sie mit Trucks bei der Grammy-Verleihung, um ihrer ersten Nominierung entgegenzufiebern. »Die erste Person, auf die ich zulief, war Herbie! Ich glaube, ich rannte schnurstracks zu ihm und Aretha Franklin und sagte: ‘Hi, ich bin ein Fan!’« Das unschuldige Geständnis sollte den Grundstein für eine spätere Zeit im Studio legen. 2010 waren Tedeschi und Trucks auf dem Album The Imagine Project zu hören. »Wir hatten so einen Spaß mit ihm, er ist so ein fantastischer Mensch«, schwärmte Tedeschi über Hancock und die Aufnahmen des Songs Space Captain – im Übrigen wiederum die Coverversion eines Joe Cocker-Stücks! Der musikalische Kosmos der Tedeschi Trucks Band reicht zwar von den US-amerikanischen Südstaaten bis ins ferne Pakistan und weiter, darin aber ist alles verbunden. So wie etwa auch in Hancocks Werk, das mit Stücken wie »Watermelon Man« einen entscheidenden Brückenschlag zwischen Jazz-Traditionen und frischen Sounds vorlegte.


10. David Bowie – Lazarus

Der Kosmos der Tedeschi Trucks Band lebt, atmet und gedeiht. Er öffnet sich dabei auch in andere Richtungen. 2013 stieß mit Tim Lefebvre ein weiterer Hochkaräter zum Line-Up, der ab dort an am Bass aushalf. Bei weitem nicht die erste Band, bei der er in die tiefen Saiten griff, denn schon Elvis Costello und Sting setzten auf seine Qualitäten! Eine besondere Ehre kam ihm 2016 zuteil, als er für die Aufnahmen eines ganz besonderen Albums angefragt wurde: Blackstar von David Bowie. Das obwohl die Tedeschi Trucks Band doch selbst schon an der LP Let Me Get By arbeitete? Die Gruppe zeigte sich verständig und Lefebvre durfte bei einer der vielleicht wichtigsten Projekte seines Lebens mithelfen. Rekrutiert worden war er übrigens von Bowie persönlich, der eine CD Donny McCaslin zugesteckt bekommen hatte und die beiden kurz darauf live auftreten sah – »Ich hatte einen furchtbaren Abend«, lachte Lefebvre dazu in einem Interview aus dem Dezember 2015 – einen Monat vor Veröffentlichung der Platte, die Bowies letzte werden sollte: Zwei Tage später starb er.


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Wer hat’s gesagt? #3

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Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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