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Popkultur

Die musikalische DNA von George Harrison

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Als der »stille Beatle« wird er gern bezeichnet. Obwohl George Harrison ein durchaus zurückhaltender Charakter war: Unfairer könnte diese Zuschreibung nicht sein! Zwar haben die Fab Four ihrem Gitarristen einige Hits wie While My Guitar Gently Weeps, Here Comes The Sun und Something sowie spannende neue Sounds wie etwa die Sitar-Klänge auf Norwegian Woood (This Bird Has Flown) zu verdanken haben, war Harrison bis zu seinem tragischen Tod im November 2001 keineswegs untätig. Seine Faszination für traditionelle indische Musik verließ ihn auch in den drei Jahrzehnten nach Ende der Beatles-Ära nicht und sein an Blues geschultes Spiel verfeinerte sich zunehmend.


Hört euch hier die musikalische DNA von George Harrison in einer Playlist an und lest weiter:


 

Zahlreiche Alben und etliche Hits schrieb Harrison, dessen Flirt mit fürs westliche Ohr dissonant klingenden Tönen vom Rolling Stone-Autoren Mikal Gilmore als »revolutionär« bezeichnet wurden – »und vielleicht von sich aus kreativer als die Avantgarde-Manierismen, die sich Lennon und McCartney von der Musik Karlheinz Stockhausens, Luciano Berio, Edgard Varèse und Igory Stravinsky geliehen haben.« Na, wenn das mal keine Ansage ist! Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA von George Harrison, um herauszufinden, woher dieser gar nicht so stille Gitarrist seine Einflüsse bezog – und für die er auch schon mal vor Gericht gezerrt wurde…


01. Shahid Parvez – Raag Bhairav

Bei manchen fängt die Begeisterung für Musik bereits in der Kindheit an zu wirken, andere erleben im Teenager-Alter ihre großen Erweckungsmomente. Anders George Harrison, der noch viel früher an eine lebenslange Passion herangeführt wurde. Wenn wir seinem Biografen Joshua Greene Glauben schenken dürfen, hörte Harrisons Mutter während der Schwangerschaft jeden Sonntagmorgen die Sendung Radio India. »Sie hoffte, die exotische Musik würde dem Kind im Mutterleib Friede und Ruhe bringen.« Vielleicht erklärt sich so seine versöhnliche Art! Was aber genau lief wohl damals durch den Äther? Während in Indien schon früh der Jazz ankam und in den vierziger Jahren bereits die ersten Fundamente des Bollywood-Sounds gelegt wurden, wird es sich wohl eher um klassische indische Musik, gespielt auf Sitars und Tablas, gehandelt haben. Deren Grundstrukturen heißen Raga (oder auch Raag), die jeweils bestimmte Klangfarben repräsentieren. Der Raag Bhairav ist ein hinduistischer Morgenraga und wird dementsprechend vielleicht auch an einem verschlafenen Sonntag in Liverpool erklungen sein. Wenngleich nicht in der Version des 1958 geborenen Shahid Parvez, der allerdings als ein Meister seiner Zunft gilt.


02. Ravi Shankar – Gat Kirwani (Portrait Of Genius, 1965)

Seinen eigenen Meister fand Harrison gut zwei Jahrzehnte später im Heimatland der Ragas. Ravi Shankar tourte Ende der fünfziger Jahre mit seiner Sitar durch die USA, wo er das Interesse von Richard Bock weckte, auf dessen Label World Pacific Records er im Folgenden einige Alben veröffentlichte. Es brauchte eine Party auf dem Anwesen von Zsa Zsa Gabor, ein paar LSD-Trips und Roger McGuinn von der Folk-Bands The Byrds, damit Harrison mit dem Werk des Sitar-Spielers vertraut wurde – erzählte zumindest McGuinn 2010 in einem Interview. »Ich habe George Harrison ein paar Ravi Shankar-Sounds gezeigt, die ich gehört hatte, weil wir auf demselben Label veröffentlichten«, erinnert er sich an eine offenbar denkwürdige Nacht. Nur ein Jahr später trafen sich Shankar und Harrison zuerst in London, bevor Harrison beim Inder in dessen Heimat für eine Weile in die Lehre ging. Der Beginn einer langen Freundschaft, die unter anderem in einem großen Benefizkonzert für die Geflüchteten des Banglesch-Befreiungskrieges, mehreren Alben und gemeinsamen Tourneen resultierte. »Er war die erste Person in meinem Leben, die mich beeindruckte«, erinnerte sich Harrison einst an den Weggefährten. »Und die einzige Person, die mich nicht zu beeindrucken versuchte.« Der Eindruck sollte dennoch ein nachhaltiger sein.


03. Elvis Presley – Heartbreak Hotel

Trotz prominenter Unterstützung durch einen weltbekannten Sitar-Meister blieb Harrison bescheiden. Nachdem er das Instrument zwei Jahre studiert hatte, soll ein Treffen mit Eric Clapton und Jimi Hendrix ihn zur Besinnung gebracht haben. »Mir ging auf, dass ich kein großartiger Sitar-Spieler werden würde«, erinnerte er sich. »Weil ich 15 Jahre eher hätte anfangen müssen!« Es blieb die Rückkehr zu seinem eigentlichen Instrument, der Gitarre. Der Sound des Rock’n’Roll hätte den damals 12-jährigen schließlich beim ersten Mal fast vom Fahrrad gefegt: Aus einem Haus heraus dröhnte Elvis Presleys Heartbreak Hotel, der im Januar 1956 erschienen war und den grauen Alltags Liverpools schlagartig ein wenig bunter schienen ließ. Seitdem war Harrison im Klassenraum in der letzten Reihe dabei zu beobachten, wie er Gitarren auf seine Schulbücher kritzelte. »Ich war total in Gitarren verschossen«, grinste er. Noch Ende desselben Jahres sollte sein Traum wahr werden: Sein Vater kaufte dem kleinen George eine Dutch Egmond-Akustikgitarre und er konnte sich bald selbst daran machen, auf Herzensbrechertour zu gehen.


04. Bill Justis – Raunchy

In nur zwei Jahren sollte sich George genug Fähigkeiten anlernen, um seinen Kumpel Paul mit seiner Interpretation von Bill Justis’ Instrumental Raunchy so sehr zu beeindrucken, dass dieser sofort seinem Bandkollegen John davon erzählte. Paul? Natürlich, McCartney! Und John hieß mit Nachnamen selbstverständlich Lennon. Die Band allerdings nannte sich damals noch The Quarrymen und spielte rotzigen Skiffle, als Harrison ihnen 1958 in einem Club ein Stück zur Probe vorspielte: den Guitar Boogie Shuffle von Arthur Smith. Lennon aber zeigte sich vor allem deshalb kritisch, weil der Gitarrist zweieinhalb Jahre jünger war als er selbst. Überzeugen konnte Harrison die Band erst mit seiner Performance von Raunchy, die er der Legende nach auf dem Oberdeck eines Busses vorbrachte! Seitdem half er hin und wieder an der Gitarre aus, bevor er still und heimlich zum Vollzeitmitglied und Leadgitarristen der Beatles wurde, wie sich die Quarrymen seit August 1960 offiziell nannten. Der Rest ist Geschichte.


05. Buddy Holly – Words Of Love

Schon der Name der Beatles enthielt eine recht offensichtliche Anspielung auf einen großen Gitarristen, dessen bluesgefärbtes Spiel auch Harrison nachhaltig beeinflussen sollte. Buddy Holly und seine Crickets stehen für eine der vielen Seiten des Beatles-Sound, wie er in ihren Anfangsjahren massiv von Harrison mitgeprägt wurde. Zugleich inspirierte ihn auch das Fingerpicking von Carl Perkins, seines Zeichens ein Idol von Elvis Presley. Dessen Country- und Rockabilly-Feeling floss so auch in die Musik der Beatles ein, vor allem aber hatte es Harrison das abenteuerliche Spiel eines Buddy Holly angetan. Der hatte in den nur 18 Monaten, in welchen er professionell Musik veröffentlichte, weit vorgelegt. »Holly hat die Rock-Band geradezu erfunden«, jubilierte einst der Rolling Stone. Die Beatles zumindest ließen sich von ihm so weit inspirieren, dass der Folk-Sänger John Mellencamp sich zu einer wagemutigen Aussage hinreißen ließ: »Nimm die Stimmen weg und du hast Buddy Holly!« Nun ja, so viel zumindest stimmt: Ihr Cover von Words Of Love hält sich treu an das unsterbliche Original. Und Harrison, der den Lead-Teil übernimmt? Spielte sogar die gleiche Gitarre wie sein Held!


06. Bob Dylan – It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

Es sollte allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis Harrison selbst ins Spotlight trat und 1968 mit seinem ersten Soloalbum die Welt verblüffte. Drei Jahre zuvor jedoch zeigte sich sein subtiler Einfluss auf die Band. Rubber Soul war zweifelsohne von Bob Dylans Folk-Rock geprägt. Ratet mal, wer dafür verantwortlich war! Harrison selbst gestand, dass die Platte sein Lieblingsalbum der Beatles war – ganz anders als etwa Sgt. Pepper: »Da mag ich rund die Hälfte der Song und die anderen kann ich nicht ausstehen.« Na sowas! Dylans Einfluss auf Harrison sollte sich spätestens mit dem Besuch des legendären Woodstock-Festivals 1968 nur vergrößern und resultierte schließlich im Jahr 1970 mit ersten gemeinsamen Aufnahmen für das Dylan-Album New Morning, der noch viele weitere folgen sollten – und die Traveling Wilburys, das gemeinsame Projekt der beiden mit Jeff Lynne, Tom Petty und Roy Orbison sei natürlich auch nicht zu vergessen! »Wenn George seine eigene Band gehabt und eigene Songs geschrieben hätte, wäre er genauso groß wie sonst jemand geworden«, vermutete Dylan einst. Dass er ihn aber mit Songs wie It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry ein paar wichtige Songwriter-Kniffe gelehrt hat, sollte dabei nicht unterschlagen werden. Harrison spielte 1971 ein Cover des Songs auf dem großen Bangladesch-Benefizkonzert.


07. Chiffons – He’s So Fine

Im selben Jahr handelte sich Harrison allerdings einigen Ärger ein! Nachdem er im November 1970 sein gigantisches Solo-Album All Things Must Pass veröffentlicht hatte, wurde er für seine persönliche Hymne an den Hindu-Gott Krishna verklagt! Der Vorwurf: Der Song My Sweet Lord solle ein Plagiat des Chiffons-Stücks He’s So Fine sein! »Warum habe ich das nicht selbst gemerkt?«, schrieb Harrison später reumütig in seiner Autobiografie I, Me, Mine, als ihn andere auf die offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Kompositionen hinwiesen. Zu spät: Der Fall ging vors Gericht und die Chiffons selbst ließen es sich nicht nehmen, eine Coverversion von My Sweet Lord aufzunehmen, um damit auf den Prozess aufmerksam zu machen, der sich ganze fünf (!) Jahre hinziehen sollte. Richter Richard Owen sah sich letzten Endes zu einem Urteil gezwungen, das ihm selbst nicht zu schmecken schien. »Hat Harrison absichtlich die Musik von He’s So Fine verwendet?«, fragte er in seinem Urteil. »Ich glaube nicht, dass er es mit Absicht tat. Trotzdem ist klar, dass My Sweet Lord derselbe Song wie He’s So Fine mit anderen Lyrics ist. Das ist rechtlich gesehen ein Verstoß gegen das Urheberrecht und bleibt das auch, wenn es unbewusst geschieht.« Die Wut über das von ihm als ungerecht empfundene Urteil verarbeitete Harrison noch im selben Jahr in This Song. Allein, es half alles nichts: Er wurde gehörig zur Kasse gebeten. Wie es ebenso ist – nicht alle Einflüsse sind wirklich bereichernd!


08. George Formby – Happy Go Lucky Me

Dabei tat Harrison doch sonst alles, damit die Vergessenen ins rechte Licht gerückt werden. George Formby etwa, der während der dreißiger und vierziger Jahre Weltruhm als Comedian, Schauspieler und Musiker Weltruhm erlangte und dessen Arbeit an der Ukulele von Harrison weiter gewürdigt wurde. Tatsächlich nämlich war der nicht allein Fan von indischer Musik und Sitars, sondern auch hawaiianischen Klängen. Angeblich soll er sogar stets mit zwei Ukulelen gereist sein, sollte er jemanden treffen, der das Instrument ebenfalls spielt! Laut Aussagen seines Sohns Dhani wurde seine Leidenschaft Ende der achtziger Jahre geweckt und hielt lange nach. »Ich glaube nicht, dass George Formby einen größeren Fan als George Harrison hatte«, sagte selbst der ehemalige Vorsitzende der George Formby Appreciation Society, Ray Bernard. Wieder soll es die Mutter gewesen sein, die ihn an die für ihn später so wichtige Musik geführt hatte. Zumindest meinte sich Harrison daran zu erinnern, ihr beim Mitsingen zugehört zu haben, wenn Formby-Songs im Radio liefen. Was er an Formby so verehrte? Es seien »lustige, sehr unbeschwerte« Stücke, ließ sich Harrison zitieren. Happy Go Lucky Me – der Titel eines Formby-Lieds spricht Bände!


09. The Monkees – Star Collector

Nicht aber allein mit Sitar und Ukulele begab sich Harrison auf neue musikalische Pfade. Schon früh begann er mit wilden Soundexperimenten, die erstmals 1968 auf seinem Album Wonderwall Music zu hören waren. Ein Höhepunkt von Harrisons Abenteuerlust ist zweifelsohne das 1969 veröffentlichte Electronic Sound. »Es ist nicht mehr als eine zusammengewürfelte, unverarbeitete Sammlung von Geräuschen und Effekten, die er auf seinem brandneuen Moog-Synthesizer eingespielt hat«, schäumte selbst Harrison-Biograf Ian Inglis in seinem Buch The Words and Music of George Harrison. Die Kritik empfand es ähnlich, am meisten aber fühlte sich ein gewisser Bernie Krause auf den Schlips getreten. Der nämlich hatte den Moog früh entdeckt und unter anderem in The Monkees’ Version von Star Collector eingebracht. Harrison lernte ihn während einer Aufnahmesession mit Jackie Lomax kennen und war sofort fasziniert von dem neuen Gerät. Er bat Krause um eine Einführung, die er sogleich mitschnitt und Krause zufolge als No Time or Space auf Electronic Sound veröffentlichte. Zu einer Klage kam es dieses Mal nicht, allerdings wurde Krause im Innensleeve genannt – neben den Katzen Harrisons. Das für ein Album, das Kritik wie Fans gleichermaßen verstörte? Hätte er sich vielleicht doch lieber an den Monkees orientiert, welche die verrückten Sounds des Moogs in mitreißenden Pop einbetten konnten!


10. Regina Spektor – While My Guitar Gently Weeps

Wie das Zusammenspiel von Pop und Pop-fremdem Instrumentarium funktioniert, hatte Harrison doch schließlich im Laufe seiner Karriere oft genug bewiesen. Dass Regina Spektor für ihre Coverversion des von Harrison geschriebenen Beatles-Klassikers While My Guitar Gently Weeps auf unter anderem klassische asiatische Instrumente zurückgriff, wird nicht allein dem Inhalt des Films Kubo And The Two Strings geschuldet sein, auf dessen Soundtrack ihr Cover zu finden ist. Vielmehr knüpft ihre Version ebenso an Harrisons Neugier für nicht-westliche Klänge an. »Ich bin ein gigantischer Beatles-Fan«, sagte sie dazu in einem Interview. »Aber dieser Song ist klanglich an die Welt des Films angepasst, und es ist im Grunde ein Samurai-Film.« Den Spirit der Beatles und insbesondere Harrisons wollte sie darin aber unbedingt wahren. Wie ginge das besser, als etwas über den Tellerrand hinauszuschauen? Denn das war auch das eigentliche Lebensprojekt des viel zu früh verstorbenen Ausnahmemusikers: Neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, um unsterbliche Musik zu schreiben. Wir meinen: Es ist ihm gelungen.


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Interview mit In Flames: „Sobald man ein paar Alben veröffentlicht hat, ist plötzlich alles voller Regeln“

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In Flames

Mit Foregone liefern In Flames das Album, auf das alle seit Reroute To Remain gewartet haben: Ein großes Melodic-Death-Metal-Album, das mehr als nur ein bisschen auf die legendären Neunziger schielt. Warum das nichts mit Nostalgie zu tun hat, wie die Schweden Fortschritt dosieren und was er gern an seinem 50. Geburtstag machen würde, verrät uns Sänger und Kappenträger Anders Fridén im Interview.

von Björn Springorum

Ihr habt schon vor Veröffentlichung des neuen Albums eine lange Europatournee gespielt. Was man so gehört hat, kam die ja wahnsinnig gut an. Wie war es, wieder unterwegs zu sein?

Ich weiß nicht, was, aber wir scheinen gerade irgendwas richtig zu machen. (lacht) Der Band geht es sehr gut und wir alle haben es genossen, endlich mal wieder eine richtige Tour zu spielen. Es war viel zu lang her.

Die Stimmung in In Flames ist derzeit also bestens?

Unsere Band verteilt sich ja mittlerweile auf Schweden und die USA, also waren wir wegen der Pandemie ewig nicht zusammen im selben Raum. Das war nicht einfach, hat unserer Beziehung aber gut getan. Wir konnten alle mal einen Schritt zurücktreten und in aller Ruhe betrachten, was wir uns da eigentlich aufgebaut haben. Als Band machst du ja nie Pause, du machst einfach immer so weiter, bis du ein wenig aus den Augen verlierst, was für ein gewaltiges Privileg das alles ist. Alle sind jetzt wieder so dermaßen hungrig auf die Band, alle ziehen an einem Strang. Außerdem sind alle in absoluter Topform. So eine hohe Qualität hatten wir bei In Flames noch nie.

Wie hast du die Pandemie überstanden?

Habe ich das? (lacht) Ja, wahrscheinlich schon. Es ging. Ich fühlte mich merkwürdig ruhig, als alles losging. Erstmals in meinem Leben gab es da ein Ereignis, das alle auf der Welt im gleichen Maße betraf. Ich fühlte mich allen anderen Menschen verbunden, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Das änderte sich dann auch bei mir irgendwann in Richtung Frustration, aber zumindest die erste Phase war durchaus inspirierend.

„Ich weiß, dass wir die Hoffnung nie verlieren sollten“

Deine Texte waren ja immer sehr introspektiv und persönlich. Hat die Pandemie sie universaler gemacht?

Die Texte sind persönlich wie immer, richtig. Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann sind sie tatsächlich mehr nach außen gerichtet. Ich beobachte mein Umfeld mehr.

Foregone sprüht nicht gerade vor Optimismus und Zuversicht. Wo findest du noch Hoffnung?

In meinem ersten Kaffee am Morgen? (grinst) Ansonsten ist es schwierig, das gebe ich zu. Ich sollte wahrscheinlich einfach aufhören, die Nachrichten zu lesen. Sicher, Hoffnung gibt es irgendwie immer, aber manchmal scheint es alles immer nur noch schlimmer zu werden. Es ist nicht einfach und sagt sich so leicht, aber ich weiß, dass wir die Hoffnung nie verlieren sollten. Für unser eigenes Seelenheil.

Foregone wurde aus Frustration und Angst geboren“

Auf der letzten Tour habt ihr die Songs der neuen Platte direkt mit sehr alten Songs gepaart. Zufall?

Ich finde, dass die neuen Songs sehr gut zu den eher älteren Sachen aus unserem Kanon passen. Irgendwas an ihnen transportiert diese Stimmung der Neunziger.

Hat das mit Nostalgie zu tun?

Ich weiß schon, dass einige der neuen Songs nach unseren ganz frühen Alben klingen, aber wir sehen das anders. Ich bin kein nostalgischer Mensch, ich schaue eigentlich nie zurück. Diese Elemente waren immer da und kommen jetzt einfach wieder ein wenig mehr zum Vorschein, denke ich. Foregone wurde aus Frustration und Angst geboren, diese beiden abgefuckten letzten Jahre sind in dieses Album geflossen.

„Man hört einem Song an, dass es ein In-Flames-Song ist“

Dann war es also keine bewusste Wurzelkunde?

Nein. Mit In Flames haben wir im Grunde nur ein Ziel: Wir wollen besser werden. Bessere Songwriter, bessere Musiker, bessere Menschen. Es ist ja nun mal so: Wir schreiben Songs, mit denen wir für immer leben müssen. Also haben wir keine andere Wahl als alles zu geben. Wer uns nicht mehr mag, kann einfach aufhören, uns zu hören, aber ich muss hinter diesen Songs stehen und sie Nacht für Nacht spielen.

Es kommt also nicht vor, dass ihr im Proberaum mal sagt: „Cooles Riff, klingt aber zu sehr nach Cloud Connected“?

Wir haben unseren Sound, von dem können und wollen wir uns auch gar nicht lösen. Manchmal klingt ein Riff also nach The Jester Race, manchmal nach Reroute To Remain. Man könnte natürlich auch sagen: Manchmal klingen In Flames nach In Flames (lacht). Wir versuchen, uns nicht zu wiederholen, aber auch unsere Gitarren haben nur diese Anzahl an Noten…

Und wie dosiert ihr dann Fortschritt?

Gute Frage. Es ist uns wichtig, uns immer weiterzuentwickeln. Aber wir wollen nie so weit gehen, dass man uns nicht mehr erkennt. Ich denke, das haben wir geschafft. Sicher gab es Änderungen und eine Menge Evolution, aber man darf nicht vergessen, dass wir mittlerweile sehr viele Jahre, sehr viele Tourneen und sehr viele Biere hinter uns haben. Doch unser Sound ist sofort erkennbar. Man hört einem Song an, dass es ein In-Flames-Song ist. Das liegt sicherlich an meiner Stimme, aber auch an der Art und Weise, wie wir Songs schreiben. Das können nur wir so.

„Jede neue Band ist voller Naivität und Aufbruchstimmung“

Wie ist Foregone entstanden?

Wir schreiben weder, wenn wir auf Tour sind, noch alleine für uns. Björn [Gelotte] und ich müssen im selben Raum sein, sonst gibt es keine Magie. Wir zehren voneinander, beflügeln uns gegenseitig. Was sich nie ändern wird: Wir schreiben Alben, keine Singles. Da werden wir für immer alte Schule bleiben.

Du wirst im März 50. Was macht das Älterwerden mit dir?

Es bringt mehr Ruhe. Privat wie musikalisch. Jede neue Band ist voller Naivität und Aufbruchstimmung. Und das ist ja auch das Schöne daran. Deswegen fand ich mein Zuhause in der Heavy-Metal-Szene: Es gab keine Regeln. Doch sobald man dann ein paar Alben veröffentlicht hat, ist plötzlich alles voller Regeln. Fremde sagen dir, was du tun darfst und was nicht und du wirst plötzlich unsicher und weißt nicht mehr, wo du stehst. Das ändert sich mit dem Älterwerden zum Glück wieder. Du wirst dein eigener Kompass und hörst auf deine innere Stimme. Ich mache das seit 1989, da bleibt schon bisschen was hängen.

Was darf man als Band nie verlieren?

Die Leidenschaft. Ich will auf die Bühne geben und das Gefühl haben, dass es auf der ganzen Welt nichts Besseres gibt. Wenn das mal nicht mehr da ist, höre ich auf. Warum sollte ich das sonst auf mich nehmen? Ich war 2022 fast pausenlos auf der ganzen Welt unterwegs…

Was wünschst du dir zum 50. Geburtstag?

Ein Urlaub auf einer einsamen Insel mit meiner Familie, weit weg von euch allen. (lacht)

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Zeitsprung: Am 3.9.2002 wagen In Flames etwas mit „Reroute To Remain“.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.2.2013 verliert Axl Rose den Prozess gegen „Guitar Hero III“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.2.2013.

von Christof Leim

2010 verklagte W. Axl Rose die Firma Activision, die das Computerspiel Guitar Hero III auf den Markt gebracht hatte, in dem auch Guns N’ Roses vorkommen. Der Sänger störte sich vor allem daran, dass beim Song Welcome To The Jungle Gitarrist Slash als spielbare Figur auftaucht. Nicht nur das: Sein alter Kollege ziert sogar die Verpackung. Mit seiner Beschwerde kommt Axl allerdings nicht durch…

Hört euch hier die Klassiker von Guns N’ Roses an und lest weiter:

Den Deal damals hatte Axl als Herrscher über das Guns-N’-Roses-Imperium abgesegnet. Dabei vereinbarte er mit der Firma, dass auf keinen Fall sein (damals) ungeliebter Ex-Kollege Slash zu sehen sein darf. Dass zudem einige Songs von dessen neuer Combo Velvet Revolver in der Bonussektion gespielt werden können, störte den Rotschopf ebenso. Nach Meinung von Axl habe die Firma ihn trotz entsprechender Versprechen damit schlicht hintergangen und sei vertragsbrüchig. Als Schadenersatzsumme warf seine anwaltliche Vertretung eine praktische runde Summe in den Ring: 20 Millionen Dollar.

Tauchen beide in Guitar Hero III auf: W. Axl Rose und Slash. Das geht gegen die Abmachung, fand Axl. Credit Foto rechts: Stefan Brending / via Wikimedia Commons.

Die Klage wird abgewiesen

Doch daraus wird nichts: Am 8. Februar 2013, wird die Klage mit Schwung abgewiesen. Hauptgrund: Das Spiel war schon 2007 erschienen, aber Team Axl hat sich drei Jahre Zeit mit der Klageerhebung gelassen – zu lange. Und das, obwohl der Agent des Künstlers schon viel früher eine Beschwerdemail an Activision geschrieben hatte. Rose hatte aber einen guten Grund zu warten, denn die Firma hatte ihm ein eigenes Spiel angeboten. Da wartet man doch gerne. Über die juristischen Details streiten sich in der Folge diverse Anwaltskanzleien.

Ganz schön viel Theater um Daddelei und Rockbands, könnte man meinen. Allerdings geht es um viel Geld und, vielleicht wichtiger, Außenwirkung. Immerhin ist Axl Rose damals mit einer ganz neuen Gunners-Besetzung unterwegs. Glücklicherweise hat sich das aber erledigt: Heute sind er und Slash wieder Freunde und touren höchst erfolgreich um die Welt. Ist auch besser so.

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Zeitsprung: Am 21.7.1985 spielen Guns N’ Roses auf einer Universitätsparty.

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Popkultur

Prince, Madonna und die Rolling Stones: Die besten Super-Bowl-Halbzeitshows aller Zeiten

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Prince
Foto: Jonathan Daniel/Getty Images

Ein Auftritt im Rahmen der Super-Bowl-Halbzeitshow gleicht einem popkulturellen Ritterschlag, nirgendwo ist das TV-Publikum größer. Vielen Sternchen wurde diese Ehre in den vergangenen Jahrzehnten bereits zuteil. Von U2 bis hin zu den Rolling Stones: Diese zehn Halbzeitshows finden wir besonders gelungen.

von Timon Menge

10. The Blues Brothers, ZZ Top, James Brown (1997)

Wenn der Super Bowl in einer Blues-Metropole wie New Orleans stattfindet, muss natürlich auch eine Blues-orientierte Halbzeitshow her. Mit Everybody Needs Somebody To Love und Soul Man gaben die Blues Brothers am 26. Januar 1997 zwar vor allem Soul-Klassiker zum Besten, genau wie James Brown im Anschluss; doch spätestens ZZ Top versorgten das Publikum mit reichlich Bluesrock. Eine coole Sonnenbrillen-Party zwischen zwei Halbzeiten!

9. U2 (2002)

Den Iren U2 wurde am 3. Februar 2002 eine ganz besondere Verantwortung zuteil. Die Terroranschläge von 11. September 2001 lagen noch kein halbes Jahr zurück, da sollten Bono und Co. bei der größten Unterhaltungsveranstaltung der Welt auftreten – übrigens erneut in New Orleans. Doch U2 wurden ihrem Auftrag gerecht, lieferten ein hervorragendes Set ab und gedachten auf einer riesigen Leinwand all jenen, die am 11. September ums Leben gekommen waren.

8. The Rolling Stones (2006)

Auf eine große Bombast-Show verzichteten die Rolling Stones bei ihrem Auftritt am 5. Februar 2006 in Detroit. Doch ganz ehrlich: Wenn Mick Jagger und seine jahrzehntelangen Weggefährten eine Bühne betreten, braucht es keine Schnörkel und kein Chichi. In wenigen Minuten rockten sich die Stones durch große Hits wie Start Me Up und (I Cant Get No) Satisfaction. Einen Luxus gönnten sich die Briten dann allerdings doch: eine Bühne in Form einer riesigen roten Zunge.

7. Katy Perry (2015)

Zugegeben, für hartgesottene Rocker*innen klingt der Sound von Katy Perry etwas ungewohnt. Doch mindestens zwei Dinge kann ihr keiner nehmen: hervorragende Popsongs und einen mehr als nur gelungenen Auftritt am 1. Februar 2015. In Sachen Show macht den größten Pop-Sternchen einfach niemand etwas vor, wie wir auch im weiteren Verlauf unserer Liste feststellen werden. Als Gäste durfte Perry Hip-Hop-Legende Missy Elliott und Gitarrengott Lenny Kravitz begrüßen.

6. Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar & 50 Cent (2022)

Diese Halbzeitshow ist noch nicht lange her, setzte am 13. Februar 2022 aber völlig neue Standards. Zum ersten Mal in der Geschichte des Super Bowl durfte sich die Hip-Hop-Welt nach Herzenslust präsentieren. Das Line-up des Abends liest sich wie ein Who‘s who: Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige, Kendrick Lamar … Sie alle waren dabei und setzten dem Sprechgesang ein etwa 15-minütiges Popkultur-Denkmal. Als Gaststars tauchten 50 Cent und Anderson .Paak auf.

5. Madonna (2012)

Wenn die „Queen Of Pop“ eine Halbzeitshow gestaltet, darf man einiges erwarten. Und wie so oft wurde Madonna den Erwartungen am 5. Februar 2012 vollständig gerecht. Als griechische Göttin verkleidet, ließ sie sich von ihren Spartaner-Tänzern über die Bühne tragen und manifestierte ihren Status als größte Popkünstlerin aller Zeiten. Unterstützung erhielt sie unter anderem von Cee Lo Green, Nicki Minaj, M.I.A. und LMFAO. Den Abschluss der Show markierte ein Gospelchor, mit dem Madonna Like A Prayer zum Beten … äh … zum Besten gab.

4. Lady Gaga (2017)

Als die Verantwortlichen der NFL den Vertrag mit Lady Gaga unterzeichneten, dürften ihnen durchaus ein paar Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben. Schließlich kann man bei der exzentrischen Künstlerin nie so genau wissen, mit welchen Show-Einlagen sie ihr Publikum überrascht. (Wir erinnern uns an das Rindfleischkleid von 2010.) Bei der Super-Bowl-Halbzeitshow am 5. Februar 2017 ging die Musikerin allerdings auf Nummer sicher und legte einen unfassbaren Auftritt hin. Die Performance ihrer LGBTQ-Hymne Born This Way ließ sich Gaga trotzdem nicht nehmen.

3. Michael Jackson (1993)

Zu den Eigenheiten der Super-Bowl-Halbzeitshow zählt unter anderem der enge Zeitplan. Selten stehen für die Performance mehr als 15 Minuten zur Verfügung; meist wird jede Sekunde davon genutzt. Michael Jackson ging das Ganze im Januar 1993 ein wenig anders an. Länger als eine Minute blieb er vor seiner fulminanten Show still auf der Bühne stehen, als sei er eine Statue – und wurde dafür auch noch bejubelt. Das sagt einiges über seinen damaligen Stand des „King Of Pop“ aus.

2. Beyoncé & Destiny’s Child (2013)

Die Super-Bowl-Halbzeitshow 2013 war in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Nicht nur, dass mit Beyoncé eine der hochkarätigsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts das Programm gestaltete. Nein, es kam auch zur lange erwarteten Reunion von Destiny’s Child, denn Kelly Rowland und Michelle Williams waren ebenfalls mit von der Partie. An jenem Abend dürften Beyoncé und ihre Kolleginnen viele Frauen und Mädchen sehr glücklich gemacht haben. Im Anschluss an ihren Auftritt fiel allerdings für mehr als eine halbe Stunde der Strom aus.

1. Prince (2007)

Der Auftritt von Prince im Rahmen der 41. Super-Bowl-Halbzeitshow ist nichts anderes als eine Lehrstunde in Sachen Rockstar-Perfektion. Scheinbar mühelos fegte der gerade einmal 1,57 Meter große Musiker am 4. Februar 2007 über die Bühne in Form seines Logos. Keine Sekunde verging, ohne dass er das Publikum fest im Griff hatte. Prince und eine Blaskapelle? Oh ja. Prince spielt Purple Rain im Regen? Absolut. Ein Abend für die Geschichtsbücher!

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„California Love“: Die musikalischen Höhepunkte der Super-Bowl-Halbzeitshow

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