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Popkultur

Die musikalische DNA von George Harrison

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Als der »stille Beatle« wird er gern bezeichnet. Obwohl George Harrison ein durchaus zurückhaltender Charakter war: Unfairer könnte diese Zuschreibung nicht sein! Zwar haben die Fab Four ihrem Gitarristen einige Hits wie While My Guitar Gently Weeps, Here Comes The Sun und Something sowie spannende neue Sounds wie etwa die Sitar-Klänge auf Norwegian Woood (This Bird Has Flown) zu verdanken haben, war Harrison bis zu seinem tragischen Tod im November 2001 keineswegs untätig. Seine Faszination für traditionelle indische Musik verließ ihn auch in den drei Jahrzehnten nach Ende der Beatles-Ära nicht und sein an Blues geschultes Spiel verfeinerte sich zunehmend.


Hört euch hier die musikalische DNA von George Harrison in einer Playlist an und lest weiter:

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Zahlreiche Alben und etliche Hits schrieb Harrison, dessen Flirt mit fürs westliche Ohr dissonant klingenden Tönen vom Rolling Stone-Autoren Mikal Gilmore als »revolutionär« bezeichnet wurden – »und vielleicht von sich aus kreativer als die Avantgarde-Manierismen, die sich Lennon und McCartney von der Musik Karlheinz Stockhausens, Luciano Berio, Edgard Varèse und Igory Stravinsky geliehen haben.« Na, wenn das mal keine Ansage ist! Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA von George Harrison, um herauszufinden, woher dieser gar nicht so stille Gitarrist seine Einflüsse bezog – und für die er auch schon mal vor Gericht gezerrt wurde…


01. Shahid Parvez – Raag Bhairav

Bei manchen fängt die Begeisterung für Musik bereits in der Kindheit an zu wirken, andere erleben im Teenager-Alter ihre großen Erweckungsmomente. Anders George Harrison, der noch viel früher an eine lebenslange Passion herangeführt wurde. Wenn wir seinem Biografen Joshua Greene Glauben schenken dürfen, hörte Harrisons Mutter während der Schwangerschaft jeden Sonntagmorgen die Sendung Radio India. »Sie hoffte, die exotische Musik würde dem Kind im Mutterleib Friede und Ruhe bringen.« Vielleicht erklärt sich so seine versöhnliche Art! Was aber genau lief wohl damals durch den Äther? Während in Indien schon früh der Jazz ankam und in den vierziger Jahren bereits die ersten Fundamente des Bollywood-Sounds gelegt wurden, wird es sich wohl eher um klassische indische Musik, gespielt auf Sitars und Tablas, gehandelt haben. Deren Grundstrukturen heißen Raga (oder auch Raag), die jeweils bestimmte Klangfarben repräsentieren. Der Raag Bhairav ist ein hinduistischer Morgenraga und wird dementsprechend vielleicht auch an einem verschlafenen Sonntag in Liverpool erklungen sein. Wenngleich nicht in der Version des 1958 geborenen Shahid Parvez, der allerdings als ein Meister seiner Zunft gilt.


02. Ravi Shankar – Gat Kirwani (Portrait Of Genius, 1965)

Seinen eigenen Meister fand Harrison gut zwei Jahrzehnte später im Heimatland der Ragas. Ravi Shankar tourte Ende der fünfziger Jahre mit seiner Sitar durch die USA, wo er das Interesse von Richard Bock weckte, auf dessen Label World Pacific Records er im Folgenden einige Alben veröffentlichte. Es brauchte eine Party auf dem Anwesen von Zsa Zsa Gabor, ein paar LSD-Trips und Roger McGuinn von der Folk-Bands The Byrds, damit Harrison mit dem Werk des Sitar-Spielers vertraut wurde – erzählte zumindest McGuinn 2010 in einem Interview. »Ich habe George Harrison ein paar Ravi Shankar-Sounds gezeigt, die ich gehört hatte, weil wir auf demselben Label veröffentlichten«, erinnert er sich an eine offenbar denkwürdige Nacht. Nur ein Jahr später trafen sich Shankar und Harrison zuerst in London, bevor Harrison beim Inder in dessen Heimat für eine Weile in die Lehre ging. Der Beginn einer langen Freundschaft, die unter anderem in einem großen Benefizkonzert für die Geflüchteten des Banglesch-Befreiungskrieges, mehreren Alben und gemeinsamen Tourneen resultierte. »Er war die erste Person in meinem Leben, die mich beeindruckte«, erinnerte sich Harrison einst an den Weggefährten. »Und die einzige Person, die mich nicht zu beeindrucken versuchte.« Der Eindruck sollte dennoch ein nachhaltiger sein.


03. Elvis Presley – Heartbreak Hotel

Trotz prominenter Unterstützung durch einen weltbekannten Sitar-Meister blieb Harrison bescheiden. Nachdem er das Instrument zwei Jahre studiert hatte, soll ein Treffen mit Eric Clapton und Jimi Hendrix ihn zur Besinnung gebracht haben. »Mir ging auf, dass ich kein großartiger Sitar-Spieler werden würde«, erinnerte er sich. »Weil ich 15 Jahre eher hätte anfangen müssen!« Es blieb die Rückkehr zu seinem eigentlichen Instrument, der Gitarre. Der Sound des Rock’n’Roll hätte den damals 12-jährigen schließlich beim ersten Mal fast vom Fahrrad gefegt: Aus einem Haus heraus dröhnte Elvis Presleys Heartbreak Hotel, der im Januar 1956 erschienen war und den grauen Alltags Liverpools schlagartig ein wenig bunter schienen ließ. Seitdem war Harrison im Klassenraum in der letzten Reihe dabei zu beobachten, wie er Gitarren auf seine Schulbücher kritzelte. »Ich war total in Gitarren verschossen«, grinste er. Noch Ende desselben Jahres sollte sein Traum wahr werden: Sein Vater kaufte dem kleinen George eine Dutch Egmond-Akustikgitarre und er konnte sich bald selbst daran machen, auf Herzensbrechertour zu gehen.


04. Bill Justis – Raunchy

In nur zwei Jahren sollte sich George genug Fähigkeiten anlernen, um seinen Kumpel Paul mit seiner Interpretation von Bill Justis’ Instrumental Raunchy so sehr zu beeindrucken, dass dieser sofort seinem Bandkollegen John davon erzählte. Paul? Natürlich, McCartney! Und John hieß mit Nachnamen selbstverständlich Lennon. Die Band allerdings nannte sich damals noch The Quarrymen und spielte rotzigen Skiffle, als Harrison ihnen 1958 in einem Club ein Stück zur Probe vorspielte: den Guitar Boogie Shuffle von Arthur Smith. Lennon aber zeigte sich vor allem deshalb kritisch, weil der Gitarrist zweieinhalb Jahre jünger war als er selbst. Überzeugen konnte Harrison die Band erst mit seiner Performance von Raunchy, die er der Legende nach auf dem Oberdeck eines Busses vorbrachte! Seitdem half er hin und wieder an der Gitarre aus, bevor er still und heimlich zum Vollzeitmitglied und Leadgitarristen der Beatles wurde, wie sich die Quarrymen seit August 1960 offiziell nannten. Der Rest ist Geschichte.


05. Buddy Holly – Words Of Love

Schon der Name der Beatles enthielt eine recht offensichtliche Anspielung auf einen großen Gitarristen, dessen bluesgefärbtes Spiel auch Harrison nachhaltig beeinflussen sollte. Buddy Holly und seine Crickets stehen für eine der vielen Seiten des Beatles-Sound, wie er in ihren Anfangsjahren massiv von Harrison mitgeprägt wurde. Zugleich inspirierte ihn auch das Fingerpicking von Carl Perkins, seines Zeichens ein Idol von Elvis Presley. Dessen Country- und Rockabilly-Feeling floss so auch in die Musik der Beatles ein, vor allem aber hatte es Harrison das abenteuerliche Spiel eines Buddy Holly angetan. Der hatte in den nur 18 Monaten, in welchen er professionell Musik veröffentlichte, weit vorgelegt. »Holly hat die Rock-Band geradezu erfunden«, jubilierte einst der Rolling Stone. Die Beatles zumindest ließen sich von ihm so weit inspirieren, dass der Folk-Sänger John Mellencamp sich zu einer wagemutigen Aussage hinreißen ließ: »Nimm die Stimmen weg und du hast Buddy Holly!« Nun ja, so viel zumindest stimmt: Ihr Cover von Words Of Love hält sich treu an das unsterbliche Original. Und Harrison, der den Lead-Teil übernimmt? Spielte sogar die gleiche Gitarre wie sein Held!


06. Bob Dylan – It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

Es sollte allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis Harrison selbst ins Spotlight trat und 1968 mit seinem ersten Soloalbum die Welt verblüffte. Drei Jahre zuvor jedoch zeigte sich sein subtiler Einfluss auf die Band. Rubber Soul war zweifelsohne von Bob Dylans Folk-Rock geprägt. Ratet mal, wer dafür verantwortlich war! Harrison selbst gestand, dass die Platte sein Lieblingsalbum der Beatles war – ganz anders als etwa Sgt. Pepper: »Da mag ich rund die Hälfte der Song und die anderen kann ich nicht ausstehen.« Na sowas! Dylans Einfluss auf Harrison sollte sich spätestens mit dem Besuch des legendären Woodstock-Festivals 1968 nur vergrößern und resultierte schließlich im Jahr 1970 mit ersten gemeinsamen Aufnahmen für das Dylan-Album New Morning, der noch viele weitere folgen sollten – und die Traveling Wilburys, das gemeinsame Projekt der beiden mit Jeff Lynne, Tom Petty und Roy Orbison sei natürlich auch nicht zu vergessen! »Wenn George seine eigene Band gehabt und eigene Songs geschrieben hätte, wäre er genauso groß wie sonst jemand geworden«, vermutete Dylan einst. Dass er ihn aber mit Songs wie It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry ein paar wichtige Songwriter-Kniffe gelehrt hat, sollte dabei nicht unterschlagen werden. Harrison spielte 1971 ein Cover des Songs auf dem großen Bangladesch-Benefizkonzert.


07. Chiffons – He’s So Fine

Im selben Jahr handelte sich Harrison allerdings einigen Ärger ein! Nachdem er im November 1970 sein gigantisches Solo-Album All Things Must Pass veröffentlicht hatte, wurde er für seine persönliche Hymne an den Hindu-Gott Krishna verklagt! Der Vorwurf: Der Song My Sweet Lord solle ein Plagiat des Chiffons-Stücks He’s So Fine sein! »Warum habe ich das nicht selbst gemerkt?«, schrieb Harrison später reumütig in seiner Autobiografie I, Me, Mine, als ihn andere auf die offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Kompositionen hinwiesen. Zu spät: Der Fall ging vors Gericht und die Chiffons selbst ließen es sich nicht nehmen, eine Coverversion von My Sweet Lord aufzunehmen, um damit auf den Prozess aufmerksam zu machen, der sich ganze fünf (!) Jahre hinziehen sollte. Richter Richard Owen sah sich letzten Endes zu einem Urteil gezwungen, das ihm selbst nicht zu schmecken schien. »Hat Harrison absichtlich die Musik von He’s So Fine verwendet?«, fragte er in seinem Urteil. »Ich glaube nicht, dass er es mit Absicht tat. Trotzdem ist klar, dass My Sweet Lord derselbe Song wie He’s So Fine mit anderen Lyrics ist. Das ist rechtlich gesehen ein Verstoß gegen das Urheberrecht und bleibt das auch, wenn es unbewusst geschieht.« Die Wut über das von ihm als ungerecht empfundene Urteil verarbeitete Harrison noch im selben Jahr in This Song. Allein, es half alles nichts: Er wurde gehörig zur Kasse gebeten. Wie es ebenso ist – nicht alle Einflüsse sind wirklich bereichernd!


08. George Formby – Happy Go Lucky Me

Dabei tat Harrison doch sonst alles, damit die Vergessenen ins rechte Licht gerückt werden. George Formby etwa, der während der dreißiger und vierziger Jahre Weltruhm als Comedian, Schauspieler und Musiker Weltruhm erlangte und dessen Arbeit an der Ukulele von Harrison weiter gewürdigt wurde. Tatsächlich nämlich war der nicht allein Fan von indischer Musik und Sitars, sondern auch hawaiianischen Klängen. Angeblich soll er sogar stets mit zwei Ukulelen gereist sein, sollte er jemanden treffen, der das Instrument ebenfalls spielt! Laut Aussagen seines Sohns Dhani wurde seine Leidenschaft Ende der achtziger Jahre geweckt und hielt lange nach. »Ich glaube nicht, dass George Formby einen größeren Fan als George Harrison hatte«, sagte selbst der ehemalige Vorsitzende der George Formby Appreciation Society, Ray Bernard. Wieder soll es die Mutter gewesen sein, die ihn an die für ihn später so wichtige Musik geführt hatte. Zumindest meinte sich Harrison daran zu erinnern, ihr beim Mitsingen zugehört zu haben, wenn Formby-Songs im Radio liefen. Was er an Formby so verehrte? Es seien »lustige, sehr unbeschwerte« Stücke, ließ sich Harrison zitieren. Happy Go Lucky Me – der Titel eines Formby-Lieds spricht Bände!


09. The Monkees – Star Collector

Nicht aber allein mit Sitar und Ukulele begab sich Harrison auf neue musikalische Pfade. Schon früh begann er mit wilden Soundexperimenten, die erstmals 1968 auf seinem Album Wonderwall Music zu hören waren. Ein Höhepunkt von Harrisons Abenteuerlust ist zweifelsohne das 1969 veröffentlichte Electronic Sound. »Es ist nicht mehr als eine zusammengewürfelte, unverarbeitete Sammlung von Geräuschen und Effekten, die er auf seinem brandneuen Moog-Synthesizer eingespielt hat«, schäumte selbst Harrison-Biograf Ian Inglis in seinem Buch The Words and Music of George Harrison. Die Kritik empfand es ähnlich, am meisten aber fühlte sich ein gewisser Bernie Krause auf den Schlips getreten. Der nämlich hatte den Moog früh entdeckt und unter anderem in The Monkees’ Version von Star Collector eingebracht. Harrison lernte ihn während einer Aufnahmesession mit Jackie Lomax kennen und war sofort fasziniert von dem neuen Gerät. Er bat Krause um eine Einführung, die er sogleich mitschnitt und Krause zufolge als No Time or Space auf Electronic Sound veröffentlichte. Zu einer Klage kam es dieses Mal nicht, allerdings wurde Krause im Innensleeve genannt – neben den Katzen Harrisons. Das für ein Album, das Kritik wie Fans gleichermaßen verstörte? Hätte er sich vielleicht doch lieber an den Monkees orientiert, welche die verrückten Sounds des Moogs in mitreißenden Pop einbetten konnten!


10. Regina Spektor – While My Guitar Gently Weeps

Wie das Zusammenspiel von Pop und Pop-fremdem Instrumentarium funktioniert, hatte Harrison doch schließlich im Laufe seiner Karriere oft genug bewiesen. Dass Regina Spektor für ihre Coverversion des von Harrison geschriebenen Beatles-Klassikers While My Guitar Gently Weeps auf unter anderem klassische asiatische Instrumente zurückgriff, wird nicht allein dem Inhalt des Films Kubo And The Two Strings geschuldet sein, auf dessen Soundtrack ihr Cover zu finden ist. Vielmehr knüpft ihre Version ebenso an Harrisons Neugier für nicht-westliche Klänge an. »Ich bin ein gigantischer Beatles-Fan«, sagte sie dazu in einem Interview. »Aber dieser Song ist klanglich an die Welt des Films angepasst, und es ist im Grunde ein Samurai-Film.« Den Spirit der Beatles und insbesondere Harrisons wollte sie darin aber unbedingt wahren. Wie ginge das besser, als etwas über den Tellerrand hinauszuschauen? Denn das war auch das eigentliche Lebensprojekt des viel zu früh verstorbenen Ausnahmemusikers: Neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, um unsterbliche Musik zu schreiben. Wir meinen: Es ist ihm gelungen.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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