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Popkultur

Die musikalische DNA von The Band

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1968 war noch einiges möglich. Unter anderem konnte sich eine vormalige Backing Back zu einer der visionärsten Rock-Gruppen ihrer Zeit aufschwingen, und das quasi über Nacht und mit einem – aus heutiger Sicht gesprochen – eher ungünstigen Namen. Würden Rick Danko, Garth Hudson, Richard Manuel, Robbie Robertson und Levon Helm heute dasselbe versuchen, sie dürften wohl kaum mehr als ein müdes Lächeln ernten.

Damals aber gelang The Band mit Music From Big Pink ein unvergleichlicher Streich: Nachdem sie zuerst im Schatten von Ronnie Hawkins und später bei Bob Dylan Musik machten, betraten sie selbstbewusst das Rampenlicht. Acht Jahre später hieß es für die Gruppe aber wieder (vorerst) Abschied zu nehmen. Das taten sie aber nicht ohne Weiteres. Am 25. November 1976 tischte die Band im Winterland Ballroom zuerst ein Thanksgiving-Gelage für 5000 Menschen auf und spielte dann ein Konzert, das von Martin Scorsese im Film The Last Waltz festgehalten wurde. Diese Band namens The Band war offenkundig über sich hinausgewachsen.


Hört hier in die musikalische DNA von The Band rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Doch der kometenhafte Aufstieg hatte seine Schattenseiten. Nach ihrer Auflösung veröffentlichte The Band noch das Album Islands, um sich aus dem Vertrag mit Capitol freizukaufen, und führte die Arbeit an The Last Waltz mit einigen zusätzlichen Performances weiter. Das Aufhören schien ihnen nicht so leicht zu fallen, oder zumindest nur einem von ihnen – Helm schrieb in seiner Autobiografie, dass Robertson die Band dazu gezwungen hätte, das Handtuch zu werfen. Die neuen Besetzungen, die sich in den achtziger und neunziger Jahren zusammen taten, kamen dementsprechend ohne ihn aus.

Heute sind die meisten der Gründungsmitglieder verstorben – The Band ist Geschichte. Aber was für eine Geschichte das war! Ein Blick auf die musikalische von The Band bringt uns näher, was ihren einzigartigen Sound ausmachte.


1. Ronnie Hawkins – Who Do You Love

Aller Anfang ist schwer, nur im Falle von The Band gestaltet er sich einfach. Jedenfalls für uns, die wir die musikalische DNA der Gruppe aufrollen wollen. Denn natürlich geht alles mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins los, der zwischen 1958 und 1963 die späteren Gründungsmitglieder von The Band rekrutierte, und zwar einen nach dem anderen, angefangen mit Helm, der den US-Amerikaner schon seit dessen Zeit in Arkansas begleitete. Nur der Saxofonist und Organist Hudson war schwer zu überzeugen, denn der hatte mit seinem Leben anderes vor. Aber das Geld stimmte ihn um. Zum Glück!

In der Szene der kanadischen Stadt Toronto erspielte sich die Band schnell einen Ruf als exzellente Live-Band und veröffentlichte einige Singles, trennte sich aber bald von Hawkins, der mit ihnen hart ins Gericht ging und ihnen nicht genug kreativen Freiraum zusprach. Sein Pech. „Er hat sich ins eigene Fleisch geschnitten“, erklärte Robertson viel später. „Er hat aus uns eine dermaßen Kanonenband gemacht, dass wir einfach die Welt erobern mussten.“ Ehrensache aber, dass Hawkins gemeinsam mit The Band zum letzten Walzer aufspielte. Bei ihrem Abschiedskonzert performte er gemeinsam mit seiner ehemaligen Backing Band das Stück Who Do You Love.


2. Sonny Boy Williamson II – Dust My Broom

Wie es weiterging? Unter dem Namen Levon Helm Sextet – Jerry Penfound war zwischenzeitlich dazu gestoßen – und dann als Levon and the Hawks, nachdem Penfound wieder gegangen war. Den Namenswechsel in Canadian Squires machte die Band auch schnell wieder rückgängig und fing wieder an, als Levon and the Hawks Musik aufzunehmen. Die Jahre 1964 und 1965 waren wie verhext. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Genau, solange nämlich bis die Band auf wen trafen…?

Nein, nicht Bob Dylan. Zuerst fanden sie den Blues-Sänger und Mundharmonika-Spieler Sonny Boy Williamson, der unter anderem mit den Yardbirds auf Tour gewesen war. Die Band wollte Williamson, übrigens nicht zu verwechseln mit einem anderen Musiker desselben Namens aus Chicago, dazu überreden, sie anzuheuern. Doch im Mai starb der gerade mal 54-jährige Musiker plötzlich, die Band stand wieder allein da. Nach Rockabilly und dem Blues waren sie nun aber bereit, sich anderer Musik zu widmen: dem Folk. Oder zumindest seiner elektrischen Version. Genau, wir kommen nun zu Bob Dylan.


3. Bob Dylan – One Too Many Mornings

Dylan und die Band – wo anfangen, wo aufhören? Wir können versuchen, es von hinten aufzugehen: Der letzte von The Band aufgenommene Song war ein altes Dylan-Stück. One Too Many Mornings erschien 1964 auf The Times They Are A-Changin‘. Die Gruppe spielte ihn 1999 für den Tribut-Sampler Tangled Up In Blues ein, bevor Rick Danko im Dezember desselben Jahres verstarb und die endgültige Auflösung besiegelt war. Das Stück gehörte schon lange zum Repertoire der Band, auf den berühmten Basement Tapes findet sich auch eine gemeinsame Version von Dylan und ihnen.

Wer hätte all das ahnen können, als Dylan sie 1965 – dieses verhexte Jahr, das doch mit einer glücklichen Kehrtwende aufwarten sollte – für eine US-Tour anheuerte und kurz darauf mit ihnen um den Globus schipperte? Dass zwischen der Welt-Tour und Music From Big Pink die Basement Tapes lagen, erklärt umso mehr den Werdegang der Band, die vom Rockabilly über den Blues hin zum elektrischen Folk schließlich während der legendären Aufnahmesessions finden konnten ihren ganz eigenen Ton. Dylans elektrischer Phase sei Dank! Die hätte nämlich doch ihr Gutes… Dylan und die Mitglieder blieben natürlich freundschaftlich verbunden und teilten sich immer wieder die Bühne und das Studio. Bei The Last Waltz natürlich ebenso.


4. Crosby, Stills, Nash & Young – Helpless

Überhaupt: Was war das für ein Abschiedsgelage, das The Band sich an diesem Novembertag 1976 bereitete! Neben ihren beiden ehemaligen Bandleadern Hawkins und Dylan waren noch ganz andere Superstars der Rockwelt dabei. Beispielsweise Neil Young, mit dem sie gemeinsam das Stück Helpless spielten, das auf dem Crosby, Stills, Nash & Young-Album Déjà Vu erschienen war. Die gemeinsame Version ist heutzutage noch um einiges bekannter als das Original.

„Als Neil Young auf die Bühne kam, wusste ich sofort, dass sich niemand im Winterland Ballroom besser fühlte als er“, erinnerte sich Robertson an den Auftritt. Klingt gut? Nicht so ganz – vielmehr soll der kanadischen Songwriter-Ikone ein Klumpen Koks aus der Nase gehangen sein, der aufwändig aus dem fertigen Film heraus editiert werden musste. „Das teuerste Koks, das ich jemals gekauft habe“, frotzelte Young. Na dann… Sei’s drum! Wichtig ist: Als kanadischer Künstler stand Young der Band nicht nur geografisch, sondern auch in Sachen Haltung nah.


5. Joni Mitchell – Coyote

Moment, werden Fans entrüstet aufschreien: Ihr habt wen vergessen! Ja, haben wir – aber nicht mit Absicht. Joni Mitchell hat ein ganzes Kapitel für sich verdient, oder? Eben! Sie stand auch auf der Bühne, als die Band mit Young Helpless spielte. Okay, nicht wirklich auf der Bühne, immerhin aber wie sie zu hören. Die Kanadierin, Young und die Band – das passte nur eben perfekt zusammen. Von wegen, nur in den USA wird gute Rock-Musik gemacht! Hier zeigte sich Kanada in seiner vollen Pracht.

Wie Young mit seinen Kollegen und die Band stand Mitchell für eine neue Generation von Musiker*innen, die um das legendäre Woodstock-Festival herum die Konventionen des Genres aufrüttelten. Wie Hudson beispielsweise interessierte sich die Songwriterin auch für Jazz, wie ihre Kollaborationen mit Charles Mingus und anderen bewiesen. Auch bei The Last Waltz ließ sie Songs von sich hören, die sich stilistisch aus dem Fenster lehnten. Nachdem Young nach Helpless noch Four Strong Winds gespielt hatte, gab sie Coyote, Shadows and Light und Furry Sings the Blues zum Besten. Ein passendes Geleit zum Abschied ihrer Landsmänner.


6. The Impressions – People Get Ready

So wie sich Hudson für Jazz interessierte, so schwärmte die Band und insbesondere Robertson vor allem für Soul. Die Staple Singers gehörten zu den Artists, die nachträglich für eine Aufnahme für The Last Waltz mit der Band auf die Bühne gehen durften, andere aber waren genauso wichtig – oder sogar noch mehr. 1973 interpretierte die Gruppe beispielsweise Sam Cookes A Change Is Gonna Come auf ihrem Cover-Album Moondog Matinee neu, auf ihrem ersten Live-Album Rock of Ages war Marvin Gayes Baby Don’t Do It an der Reihe gewesen.

Der frühste Hinweis auf die Soul-Leidenschaft von Robertson und seinen Mannen jedoch findet sich erneut in den Basement Tapes. 1967 spielten sie eine Version von People Get Ready von den Impressions ein, der Band von Curtis Mayfield. Der charismatische Sänger kann wohl ohne Umstände zu einem der Haupteinflüsse für Music From Big Pink gezählt werden, wie auch Robertson im Interview bestätigte. „Wenn Musiker aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen zusammen kommen, orientieren sie sich an ihren Einflüssen“, erklärte er. „Damals experimentierten wir mit Harmonien und Curtis Mayfield und die Impressions hatten einige sehr beeindruckende Harmonien! Mir gefiel auch sein Gitarrenspiel.“


7. Muddy Waters – Mannish Boy

Das Interesse für Soul an war auch ein politisches: Das Musik des Souls war Sprachrohr der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Die Band legte ihre Verbindungen zu den schwarzen Wurzeln ihres Rock-Sounds immer offen. Nicht nur musikalisch, sondern auch natürlich bei The Last Waltz. Mit Muddy Waters luden sich die fünf einen wahren Pionier des modernen, elektrischen Blues ins Haus. Doch wusstet ihr, dass die gemeinsame Version von Mannish Boy es beinahe nicht in den fertigen Film geschafft, ja fast nie aufgenommen worden wäre? Das Problem lag halb beim Regisseur, halb bei der Technik – letztlich war es aber ein musikhistorisches.

Anfangs war es gar nicht geplant, Mannish Boy aufzunehmen, denn die revolutionäre Verwendung von 35mm-Film brachte es mit sich, dass die Rollen alle zehn Minuten gewechselt werden mussten – weshalb meistens nur jeder zweite Song aufgenommen wurde. Regisseur Martin Scorsese entschied sich für Caldonia, nicht aber den zweiten Waters-Song – weil er das Stück unter einem anderen Titel kannte. „Als dieser großartige, kräftige Rhythmus von Mannish Boy anfing, wurde ich panisch“, erklärte er in einem Brief an den britischen Guardian. „Ich kannte den alternativen Titel nicht: Wie viele andere Menschen meines Alters lernte ich den Blues nur Stück für Stück über den Rock’n‘Roll kennen.“ Zum Glück hielt sein Kameramann unbeirrt drauf…


8. Allen Toussaint – Holy Cow

Tatsächlich wäre Waters beinahe von der Veranstaltung ausgeladen worden, weil befürchtet wurde, das Konzert könnte sonst zu lang werden. Als Helm davon erfuhr, drohte er, „den verdammten letzten Walzer stattdessen in New York zu drehen, Muddy und ich gemeinsam!“ Er soll dem Überbringer der Botschaft sogar fast eine ordentliche Abreibung verpasst haben. Nein, das hätte auch nicht zu The Band gepasst: Einfach so ihre Idole und Helfer aus der Show zu schmeißen! Wer einmal mit an Bord war, der wurde nie mehr im Stich gelassen.

Ähnlich verhält es sich mit Allen Toussaint, der in den siebziger Jahren während der Studioarbeit zum integralen Teil der Band werden sollte. Der Komponist und Produzent beteiligte sich erstmals an der LP Cahoots im Jahr 1971 mit einem Bläserarrangement, bevor er im Folgejahr einen entscheidenden Teil zum Gelingen von Rock of Ages bei, dem ersten Live-Album der Band. Wie genau? Er schrieb auch dafür Bläsersätze – und das sogar zwei Mal, nachdem die ersten Noten bei einem Flug verloren gingen. Die Band bedankte sich mit zwei Coverversionen bei ihm, You See Me auf Jubilation und Holy Cow auf Moondog Matinee.


9. Bruce Springsteen – Atlantic City

Viel wurde bisher an dieser Stelle über The Last Waltz gesprochen, dabei ging es damit doch noch lange nicht zu Ende. In den achtziger Jahren reformierten sich The Band für sechs Jahre, Robertson war bei den Tourneen aber nicht dabei und wurde von anderen Musikern ersetzt. So auch später Manuel, der sich im März 1986 nach jahrelangem Kampf mit Alkoholismus und Drogenmissbrauch das Leben nahm. 1989 löste sich die Band wieder auf und trat erst drei Jahr später zum 30. Bühnenjubiläum von Bob Dylan wieder ins Rampenlicht – erneut ohne Robertson allerdings.

Trotzdem veröffentlichte The Band mit Jericho 1993 ein neues Album, ihr erstes seit über anderthalb Jahrzehnten. Doch was für eins! Einige der Kompositionen stammten von anderen, viele Cover-Versionen fanden sich unter den zwölf Stücken. Eine kreative Bankrotterklärung! Immerhin konnte die Band beweisen, dass sie zwischendurch mit wachen Ohren durchs Leben gelaufen war. Mit Atlantic City spielten sie ein Stück von Bruce Springsteen neu ein, der mit seinem erdigen Heartland Rock genau dort anknüpfte, wo The Band einst aufgehört hatten. Der Staffelstab war weitergereicht worden, doch die dezimierte und schicksalsgebeutelte Gruppe konnte auch das wohlwollend anerkennen.


10. Johnny Cash – The Night They Drove Old Dixie Down

Springsteen ist nicht der einzige Musiker, der sich von The Band inspirieren ließ. Eric Clapton sagte legendärer Weise, dass Music From Big Pink sein „Leben verändert“ hätte und nennt die Platte als Anlass dafür, einst Cream verlassen zu haben. Bands wie Blue Rodeo galten als Vertreter der zweiten Generation von der Country Rock-Blaupause, die The Band etabliert hatten. Doch blieben The Band immer so etwas wie die Lieblingsband deiner Lieblingsband: Viel von ihrem Schaffen geriet in Vergessenheit, manche Epigonen sogar konnten die Vorreiter in kommerzieller Hinsicht überflügeln. Schönen Gruß an die Eagles an dieser Stelle!

Wie aber ihre Fans selbst zu Idolen wurden, so wurden die Idole von früher zu glühenden Fans von The Band. Einer der bekanntesten Band-Songs ist sicherlich The Night They Drove Old Dixie Down, eine Komposition Robertsons. Joan Baez veröffentlichte eine Version, aber auch einer der ganz großen Helden der Band. Genau, wir reden von der Country-Legende schlechthin, Johnny Cash. Der spielte 1975 seine eigene Interpretation des Stücks ein. Das von Dixieland Jazz beeinflusste Stücke gefällt uns wesentlich besser als die deutschsprachige Version von Juliane Werding. Wie bitte? Richtig! Am Tag, als Conny Kramer starb ist eigentlich ein Song von The Band – The Night They Drove Old Dixie Down…


Header-Bild © Elliott Landy


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„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Die besten letzten Platten aller Zeiten

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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