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Popkultur

Die musikalische DNA von The Band

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1968 war noch einiges möglich. Unter anderem konnte sich eine vormalige Backing Back zu einer der visionärsten Rock-Gruppen ihrer Zeit aufschwingen, und das quasi über Nacht und mit einem – aus heutiger Sicht gesprochen – eher ungünstigen Namen. Würden Rick Danko, Garth Hudson, Richard Manuel, Robbie Robertson und Levon Helm heute dasselbe versuchen, sie dürften wohl kaum mehr als ein müdes Lächeln ernten.

Damals aber gelang The Band mit Music From Big Pink ein unvergleichlicher Streich: Nachdem sie zuerst im Schatten von Ronnie Hawkins und später bei Bob Dylan Musik machten, betraten sie selbstbewusst das Rampenlicht. Acht Jahre später hieß es für die Gruppe aber wieder (vorerst) Abschied zu nehmen. Das taten sie aber nicht ohne Weiteres. Am 25. November 1976 tischte die Band im Winterland Ballroom zuerst ein Thanksgiving-Gelage für 5000 Menschen auf und spielte dann ein Konzert, das von Martin Scorsese im Film The Last Waltz festgehalten wurde. Diese Band namens The Band war offenkundig über sich hinausgewachsen.

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Hört hier in die musikalische DNA von The Band rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Doch der kometenhafte Aufstieg hatte seine Schattenseiten. Nach ihrer Auflösung veröffentlichte The Band noch das Album Islands, um sich aus dem Vertrag mit Capitol freizukaufen, und führte die Arbeit an The Last Waltz mit einigen zusätzlichen Performances weiter. Das Aufhören schien ihnen nicht so leicht zu fallen, oder zumindest nur einem von ihnen – Helm schrieb in seiner Autobiografie, dass Robertson die Band dazu gezwungen hätte, das Handtuch zu werfen. Die neuen Besetzungen, die sich in den achtziger und neunziger Jahren zusammen taten, kamen dementsprechend ohne ihn aus.

Heute sind die meisten der Gründungsmitglieder verstorben – The Band ist Geschichte. Aber was für eine Geschichte das war! Ein Blick auf die musikalische von The Band bringt uns näher, was ihren einzigartigen Sound ausmachte.


1. Ronnie Hawkins – Who Do You Love

Aller Anfang ist schwer, nur im Falle von The Band gestaltet er sich einfach. Jedenfalls für uns, die wir die musikalische DNA der Gruppe aufrollen wollen. Denn natürlich geht alles mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins los, der zwischen 1958 und 1963 die späteren Gründungsmitglieder von The Band rekrutierte, und zwar einen nach dem anderen, angefangen mit Helm, der den US-Amerikaner schon seit dessen Zeit in Arkansas begleitete. Nur der Saxofonist und Organist Hudson war schwer zu überzeugen, denn der hatte mit seinem Leben anderes vor. Aber das Geld stimmte ihn um. Zum Glück!

In der Szene der kanadischen Stadt Toronto erspielte sich die Band schnell einen Ruf als exzellente Live-Band und veröffentlichte einige Singles, trennte sich aber bald von Hawkins, der mit ihnen hart ins Gericht ging und ihnen nicht genug kreativen Freiraum zusprach. Sein Pech. „Er hat sich ins eigene Fleisch geschnitten“, erklärte Robertson viel später. „Er hat aus uns eine dermaßen Kanonenband gemacht, dass wir einfach die Welt erobern mussten.“ Ehrensache aber, dass Hawkins gemeinsam mit The Band zum letzten Walzer aufspielte. Bei ihrem Abschiedskonzert performte er gemeinsam mit seiner ehemaligen Backing Band das Stück Who Do You Love.


2. Sonny Boy Williamson II – Dust My Broom

Wie es weiterging? Unter dem Namen Levon Helm Sextet – Jerry Penfound war zwischenzeitlich dazu gestoßen – und dann als Levon and the Hawks, nachdem Penfound wieder gegangen war. Den Namenswechsel in Canadian Squires machte die Band auch schnell wieder rückgängig und fing wieder an, als Levon and the Hawks Musik aufzunehmen. Die Jahre 1964 und 1965 waren wie verhext. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Genau, solange nämlich bis die Band auf wen trafen…?

Nein, nicht Bob Dylan. Zuerst fanden sie den Blues-Sänger und Mundharmonika-Spieler Sonny Boy Williamson, der unter anderem mit den Yardbirds auf Tour gewesen war. Die Band wollte Williamson, übrigens nicht zu verwechseln mit einem anderen Musiker desselben Namens aus Chicago, dazu überreden, sie anzuheuern. Doch im Mai starb der gerade mal 54-jährige Musiker plötzlich, die Band stand wieder allein da. Nach Rockabilly und dem Blues waren sie nun aber bereit, sich anderer Musik zu widmen: dem Folk. Oder zumindest seiner elektrischen Version. Genau, wir kommen nun zu Bob Dylan.


3. Bob Dylan – One Too Many Mornings

Dylan und die Band – wo anfangen, wo aufhören? Wir können versuchen, es von hinten aufzugehen: Der letzte von The Band aufgenommene Song war ein altes Dylan-Stück. One Too Many Mornings erschien 1964 auf The Times They Are A-Changin‘. Die Gruppe spielte ihn 1999 für den Tribut-Sampler Tangled Up In Blues ein, bevor Rick Danko im Dezember desselben Jahres verstarb und die endgültige Auflösung besiegelt war. Das Stück gehörte schon lange zum Repertoire der Band, auf den berühmten Basement Tapes findet sich auch eine gemeinsame Version von Dylan und ihnen.

Wer hätte all das ahnen können, als Dylan sie 1965 – dieses verhexte Jahr, das doch mit einer glücklichen Kehrtwende aufwarten sollte – für eine US-Tour anheuerte und kurz darauf mit ihnen um den Globus schipperte? Dass zwischen der Welt-Tour und Music From Big Pink die Basement Tapes lagen, erklärt umso mehr den Werdegang der Band, die vom Rockabilly über den Blues hin zum elektrischen Folk schließlich während der legendären Aufnahmesessions finden konnten ihren ganz eigenen Ton. Dylans elektrischer Phase sei Dank! Die hätte nämlich doch ihr Gutes… Dylan und die Mitglieder blieben natürlich freundschaftlich verbunden und teilten sich immer wieder die Bühne und das Studio. Bei The Last Waltz natürlich ebenso.


4. Crosby, Stills, Nash & Young – Helpless

Überhaupt: Was war das für ein Abschiedsgelage, das The Band sich an diesem Novembertag 1976 bereitete! Neben ihren beiden ehemaligen Bandleadern Hawkins und Dylan waren noch ganz andere Superstars der Rockwelt dabei. Beispielsweise Neil Young, mit dem sie gemeinsam das Stück Helpless spielten, das auf dem Crosby, Stills, Nash & Young-Album Déjà Vu erschienen war. Die gemeinsame Version ist heutzutage noch um einiges bekannter als das Original.

„Als Neil Young auf die Bühne kam, wusste ich sofort, dass sich niemand im Winterland Ballroom besser fühlte als er“, erinnerte sich Robertson an den Auftritt. Klingt gut? Nicht so ganz – vielmehr soll der kanadischen Songwriter-Ikone ein Klumpen Koks aus der Nase gehangen sein, der aufwändig aus dem fertigen Film heraus editiert werden musste. „Das teuerste Koks, das ich jemals gekauft habe“, frotzelte Young. Na dann… Sei’s drum! Wichtig ist: Als kanadischer Künstler stand Young der Band nicht nur geografisch, sondern auch in Sachen Haltung nah.


5. Joni Mitchell – Coyote

Moment, werden Fans entrüstet aufschreien: Ihr habt wen vergessen! Ja, haben wir – aber nicht mit Absicht. Joni Mitchell hat ein ganzes Kapitel für sich verdient, oder? Eben! Sie stand auch auf der Bühne, als die Band mit Young Helpless spielte. Okay, nicht wirklich auf der Bühne, immerhin aber wie sie zu hören. Die Kanadierin, Young und die Band – das passte nur eben perfekt zusammen. Von wegen, nur in den USA wird gute Rock-Musik gemacht! Hier zeigte sich Kanada in seiner vollen Pracht.

Wie Young mit seinen Kollegen und die Band stand Mitchell für eine neue Generation von Musiker*innen, die um das legendäre Woodstock-Festival herum die Konventionen des Genres aufrüttelten. Wie Hudson beispielsweise interessierte sich die Songwriterin auch für Jazz, wie ihre Kollaborationen mit Charles Mingus und anderen bewiesen. Auch bei The Last Waltz ließ sie Songs von sich hören, die sich stilistisch aus dem Fenster lehnten. Nachdem Young nach Helpless noch Four Strong Winds gespielt hatte, gab sie Coyote, Shadows and Light und Furry Sings the Blues zum Besten. Ein passendes Geleit zum Abschied ihrer Landsmänner.


6. The Impressions – People Get Ready

So wie sich Hudson für Jazz interessierte, so schwärmte die Band und insbesondere Robertson vor allem für Soul. Die Staple Singers gehörten zu den Artists, die nachträglich für eine Aufnahme für The Last Waltz mit der Band auf die Bühne gehen durften, andere aber waren genauso wichtig – oder sogar noch mehr. 1973 interpretierte die Gruppe beispielsweise Sam Cookes A Change Is Gonna Come auf ihrem Cover-Album Moondog Matinee neu, auf ihrem ersten Live-Album Rock of Ages war Marvin Gayes Baby Don’t Do It an der Reihe gewesen.

Der frühste Hinweis auf die Soul-Leidenschaft von Robertson und seinen Mannen jedoch findet sich erneut in den Basement Tapes. 1967 spielten sie eine Version von People Get Ready von den Impressions ein, der Band von Curtis Mayfield. Der charismatische Sänger kann wohl ohne Umstände zu einem der Haupteinflüsse für Music From Big Pink gezählt werden, wie auch Robertson im Interview bestätigte. „Wenn Musiker aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen zusammen kommen, orientieren sie sich an ihren Einflüssen“, erklärte er. „Damals experimentierten wir mit Harmonien und Curtis Mayfield und die Impressions hatten einige sehr beeindruckende Harmonien! Mir gefiel auch sein Gitarrenspiel.“


7. Muddy Waters – Mannish Boy

Das Interesse für Soul an war auch ein politisches: Das Musik des Souls war Sprachrohr der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Die Band legte ihre Verbindungen zu den schwarzen Wurzeln ihres Rock-Sounds immer offen. Nicht nur musikalisch, sondern auch natürlich bei The Last Waltz. Mit Muddy Waters luden sich die fünf einen wahren Pionier des modernen, elektrischen Blues ins Haus. Doch wusstet ihr, dass die gemeinsame Version von Mannish Boy es beinahe nicht in den fertigen Film geschafft, ja fast nie aufgenommen worden wäre? Das Problem lag halb beim Regisseur, halb bei der Technik – letztlich war es aber ein musikhistorisches.

Anfangs war es gar nicht geplant, Mannish Boy aufzunehmen, denn die revolutionäre Verwendung von 35mm-Film brachte es mit sich, dass die Rollen alle zehn Minuten gewechselt werden mussten – weshalb meistens nur jeder zweite Song aufgenommen wurde. Regisseur Martin Scorsese entschied sich für Caldonia, nicht aber den zweiten Waters-Song – weil er das Stück unter einem anderen Titel kannte. „Als dieser großartige, kräftige Rhythmus von Mannish Boy anfing, wurde ich panisch“, erklärte er in einem Brief an den britischen Guardian. „Ich kannte den alternativen Titel nicht: Wie viele andere Menschen meines Alters lernte ich den Blues nur Stück für Stück über den Rock’n‘Roll kennen.“ Zum Glück hielt sein Kameramann unbeirrt drauf…


8. Allen Toussaint – Holy Cow

Tatsächlich wäre Waters beinahe von der Veranstaltung ausgeladen worden, weil befürchtet wurde, das Konzert könnte sonst zu lang werden. Als Helm davon erfuhr, drohte er, „den verdammten letzten Walzer stattdessen in New York zu drehen, Muddy und ich gemeinsam!“ Er soll dem Überbringer der Botschaft sogar fast eine ordentliche Abreibung verpasst haben. Nein, das hätte auch nicht zu The Band gepasst: Einfach so ihre Idole und Helfer aus der Show zu schmeißen! Wer einmal mit an Bord war, der wurde nie mehr im Stich gelassen.

Ähnlich verhält es sich mit Allen Toussaint, der in den siebziger Jahren während der Studioarbeit zum integralen Teil der Band werden sollte. Der Komponist und Produzent beteiligte sich erstmals an der LP Cahoots im Jahr 1971 mit einem Bläserarrangement, bevor er im Folgejahr einen entscheidenden Teil zum Gelingen von Rock of Ages bei, dem ersten Live-Album der Band. Wie genau? Er schrieb auch dafür Bläsersätze – und das sogar zwei Mal, nachdem die ersten Noten bei einem Flug verloren gingen. Die Band bedankte sich mit zwei Coverversionen bei ihm, You See Me auf Jubilation und Holy Cow auf Moondog Matinee.


9. Bruce Springsteen – Atlantic City

Viel wurde bisher an dieser Stelle über The Last Waltz gesprochen, dabei ging es damit doch noch lange nicht zu Ende. In den achtziger Jahren reformierten sich The Band für sechs Jahre, Robertson war bei den Tourneen aber nicht dabei und wurde von anderen Musikern ersetzt. So auch später Manuel, der sich im März 1986 nach jahrelangem Kampf mit Alkoholismus und Drogenmissbrauch das Leben nahm. 1989 löste sich die Band wieder auf und trat erst drei Jahr später zum 30. Bühnenjubiläum von Bob Dylan wieder ins Rampenlicht – erneut ohne Robertson allerdings.

Trotzdem veröffentlichte The Band mit Jericho 1993 ein neues Album, ihr erstes seit über anderthalb Jahrzehnten. Doch was für eins! Einige der Kompositionen stammten von anderen, viele Cover-Versionen fanden sich unter den zwölf Stücken. Eine kreative Bankrotterklärung! Immerhin konnte die Band beweisen, dass sie zwischendurch mit wachen Ohren durchs Leben gelaufen war. Mit Atlantic City spielten sie ein Stück von Bruce Springsteen neu ein, der mit seinem erdigen Heartland Rock genau dort anknüpfte, wo The Band einst aufgehört hatten. Der Staffelstab war weitergereicht worden, doch die dezimierte und schicksalsgebeutelte Gruppe konnte auch das wohlwollend anerkennen.


10. Johnny Cash – The Night They Drove Old Dixie Down

Springsteen ist nicht der einzige Musiker, der sich von The Band inspirieren ließ. Eric Clapton sagte legendärer Weise, dass Music From Big Pink sein „Leben verändert“ hätte und nennt die Platte als Anlass dafür, einst Cream verlassen zu haben. Bands wie Blue Rodeo galten als Vertreter der zweiten Generation von der Country Rock-Blaupause, die The Band etabliert hatten. Doch blieben The Band immer so etwas wie die Lieblingsband deiner Lieblingsband: Viel von ihrem Schaffen geriet in Vergessenheit, manche Epigonen sogar konnten die Vorreiter in kommerzieller Hinsicht überflügeln. Schönen Gruß an die Eagles an dieser Stelle!

Wie aber ihre Fans selbst zu Idolen wurden, so wurden die Idole von früher zu glühenden Fans von The Band. Einer der bekanntesten Band-Songs ist sicherlich The Night They Drove Old Dixie Down, eine Komposition Robertsons. Joan Baez veröffentlichte eine Version, aber auch einer der ganz großen Helden der Band. Genau, wir reden von der Country-Legende schlechthin, Johnny Cash. Der spielte 1975 seine eigene Interpretation des Stücks ein. Das von Dixieland Jazz beeinflusste Stücke gefällt uns wesentlich besser als die deutschsprachige Version von Juliane Werding. Wie bitte? Richtig! Am Tag, als Conny Kramer starb ist eigentlich ein Song von The Band – The Night They Drove Old Dixie Down…


Header-Bild © Elliott Landy


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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Popkultur

„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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