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Popkultur

Die musikalische DNA von The Police

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„Keine Zukunft!“, lautete der Schlachtruf der Punk-Generation und ironischer Weise leitete genau das eine neue Zeitrechnung der Pop- und Rock-Musik ein. Alles wurde auf null gesetzt, alles war erlaubt und die Grenzen waren wieder zum Überschreiten gedacht. Als Post-Punk oder auch New Wave wurde die Musik bezeichnet, die aus dem Geiste von Punk etwas gänzlich Neues schaffte. Wie das Gros der Bands, die in dieser Zeit federführend wurden, kamen auch The Police aus Großbritannien. Sie hatten die Punk-Revolution miterlebt, konnten aber auch mit einer soliden Grundausbildung in Sachen Blues Rock, Soul und sogar Jazz aufwarten. Selbst vor Reggae, der mit der sogenannten „Windrush generation“ seinen Weg von Jamaika nach England gefunden hatte, stand bei ihnen auf dem Programm.


Hört hier in die musikalische DNA von The Police rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Das sind ganz schön viele Einflüsse für eine Band, die für die meiste Zeit aus lediglich drei Mitgliedern bestand: Bassist und Sänger Sting, Stewart Copeland und Andy Summers, der bereits im August 1977 den ursprünglichen Gitarristen Henri Padovani ersetzt hatte. Ganz schön groß waren auch die Erfolge der Band, die zwischen 1978 und 1981 fünf Alben veröffentlichten. Schon mit Roxanne von ihrem Debüt Outlandos d’Amour lieferten sie einen ikonischen Crossover-Hit ab, der Reggae mit Punk und viel Pop-Appeal zusammenbrachte. Das schmeckte dem Underground nicht wirklich, aber The Police scherten sich wenig drum. Was sie vor allem auseinander trieb, waren interne künstlerische und persönliche Differenzen sowie Probleme im Privatleben. Einen gebührenden Abschluss für ihre Karriere legten sie dann mit einer großen Tour von 2007 bis 2008 hin. Ob‘s das wirklich für immer gewesen war? Wer weiß.

Was wir mit Sicherheit sagen können: The Police gehörten zu den wenigen Bands, die Rock-Musik nach den siebziger Jahren unbeschadet ins nächste Jahrzehnt hinüberretten konnten. Welche Klänge sie bei dieser Mammutaufgabe beeinflussten, erfahren wir mit Blick auf ihre musikalische DNA.


1. Jimi Hendrix – Gypsy Eyes

Wie weit wir ausholen müssen, um die Inspiration von The Police einzukreisen, das zeigt schon ihre Gründung an. Im November 1976 traf Steward Copeland auf den ehemaligen Lehrer Gordon Sumner, den all wegen seines schwarz-gelben Bienenlooks nur „Sting“ nannten. Der US-Amerikaner Copeland war der Sohn eines CIA-Agenten und einer Archäologin hätte wohl eigentlich der nächste Indiana Jones sein sollen. Doch er entschied sich mit zwölf Jahren, dafür, auf dem Schlagzeugschemel Platz zu nehmen. Nachdem seine Familie unter anderem in Kairo und Beirut gelebt hatte, fand er in England sein Zuhause, studierte in Kalifornien und kehrte dann ins UK zurück.

Zuerst als Road Manager und später als Drummer heuerte er bei der Band Curved Air an, die sich nach Terry Rileys Komposition A Rainbow in Curved Air benannt hatte. Die von indischer Musik beeinflusste Minimal Music Rileys sowie die klassischen Rhythmen aus unter anderem dem Libanon sowie zuletzt der in Großbritannien sich entfaltende Prog Rock – all das inspirierte Copeland nachhaltig. „Als ich aber noch ein Baby-Drummer war und Drum-Soli hören wollte“, erinnerte er sich, „waren das Sandy Nelson, Ginger Baker und Mitch Mitchell.“ Baker und Mitchell brachten ihm wohl auch bei, wie sich hinterm Kit ein Trio zusammen halten ließ: Mitchell etwa nahm gemeinsam mit Jimi Hendrix und Noel Redding das Electric Ladyland-Album auf. Vom Song Gypsy Eyes angeblich sogar 50 verschiedene Takes…


2. Cream – Sunshine of Your Love

Ginger Baker war Teil einer anderen Band, die für die Entwicklung von The Police nicht minder wichtig war – und nebenbei noch bewies, dass ein Trio bestens funktionieren kann. Eric Clapton, Jack Bruce und Baker bildeten Cream, die Supergroup der Blues Rock-Szene Englands und nebenbei die vielleicht zu dieser Zeit lauteste Band der Welt. Sting war schon seit Schulzeiten ein Fan Claptons, der etwas ältere Gitarrist Summers allerdings kannte sowohl Hendrix als auch die „Slowhand“ noch viel länger. „Ich hab ihm seine erste Les Paul verkauft, mit der er Fresh Cream aufnahm“, verriet er in einem Interview.

Trotzdem spielte sich Summers nie als Mentor des kongenialen Gitarristen auf, der wie The Police – allerdings viel später – Reggae für sich entdeckte und massentauglich machte. Vielmehr zollte Summers der Band Cream durchaus den Respekt, den diese verdient hatten. Wusstet ihr, dass The Police bei ihrer Synchronicity-Tour im Jahr 1984 bei Soundchecks gerne mal Klassiker der sechziger Jahre wie The Kinks‘ You Really Got Me oder eben Creams Sunshine of Your Love spielten, um sich aufzuwärmen? Inklusive messerscharfer Gitarrenlicks natürlich. Summers hat Clapton vielleicht sein Arbeitsgerät verkauft, das Handwerk aber hat er sich von ihm ebenso geliehen…


3. Agustín Barrios – Cordoba

Summers war zehn Jahre älter als Copeland und Summers, als sie zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne standen und brachte dementsprechend nicht nur ein paar gute Anekdoten, sondern auch einen reichhaltigen Erfahrungsschatz mit. Das Gong-Mitglied Mike Howlett hatte zuerst Sting dazu eingeladen, ihm bei Strontium 90 Gesellschaft zu leisten und holte Copeland mit an Bord, nachdem ihm Schlagzeuger Chris Cutler abgesagt hatte. Summers komplettierte die Band, deren Demos erst in den neunziger Jahren unter dem Titel Strontium 90: Police Academy erschienen – was ein Kalauer!

Seine Qualitäten als Gitarrist hatte Summers vor allem mit Eric Burdon und dessen Bands The Animals unter Beweis gestellt. Das Cover von Traffics Coloured Rain auf dem Animals-Album Love Is enthält ein gar 4 ½-minütiges Gitarrensolo des damals 26-jährigen Gitarristen – der zu dieser Zeit allerdings schon ein gutes Jahrzehnt im Geschäft war. Der Wahnsinn! Das Wissen, das Summers in seine Bands mit einbrachte, war aber auch ein klassisches und erstreckte sich nicht auf Rock-Musik allein. Als einen seiner großen Helden nannte er zum Beispiel Agustín Barrios, einen paraguayischen Gitarrenvirtuoso, der zwischen 1885 und 1944 lebte.


4. The Clash – London‘s Burning

Von Copeland vielfältigen Einflüssen hin zu Summers klassischer Ausbildung in allen Bereichen der Saitenkunst und natürlich Stings bestens dokumentiertem Faible für Jazz tut sich in den Einflüssen von The Police eine ungemeine Virtuosität auf, die zuerst verblüfft. Denn warum ist die Musik dieser drei Typen so verdammt einfach, wenn sie bisweilen so komplexe Musik hören? Die Antwort findet sich im Gründungsdatum der Gruppe. 1977 steht Punk auf dem Zenit. Bands wie die schon wieder im Verglühen begriffenen Sex Pistols sowie The Clash bewiesen: Auch das Einfache kann eine ungemeine Wirkung haben.

The Police mussten sich selbst am Anfang ihrer Karriere oft anhören, dass sie Poser seien. Der Musikjournalist Christopher Gable schrieb etwa: „Die Wahrheit ist, dass die Band sich lediglich mit den Klischees des britischer Siebziger-Punks schmückte. […] Tatsächlich wurden sie von anderen Punk-Bands dafür kritisiert, nicht authentisch zu sein und keine ‚Street Cred‘ zu haben.“ Die Wahrheit war indes, dass sich The Police nicht sonderlich viel um ihre Street Cred kümmerten. Sie hatten Größeres vor. Aus der Punk-Szene holten sie sich allerdings durchaus Inspiration, insbesondere von The Clash. Die nämlich machten schon vor ihnen vor, dass Punk erstaunlich gut mit Reggae harmonieren konnte. Schon auf dem Debütalbum The Clash deutete sich das rhythmisch in Songs wie London’s Burning an.


5. The Who – My Generation

Der minimalistische Ansatz von Punk – „hier ist ein Akkord, dort ein zweiter und hier ein dritter, jetzt gründ‘ ‘ne Band“, frotzelte 1977 ein Karikaturist im US-amerikanischen Fanzine Sideburns (und nicht, wie häufig fälschlich behauptet, in Sniffin‘ Glue) – hatte auf beiden Seiten des Atlantiks seine Vorreiter. The Stooges etwa in den USA oder sogar MC5 oder The Velvet Underground werden als Pioniere genannt. In Großbritannien aber orientierten sich viele Bands an dem, was The Who einst mit Hits wie My Generation aus dem Jahr 1965 losgetreten hatten. Das ging auch an der ansonsten transatlantisch aufgestellten jungen Band nicht vorbei.

Vor allem für ein Mitglied wurden The Who wichtig. Sting debütierte 1979 als Schauspieler in der Rock-Oper Quadrophenia von The Who als Ace Face und legte eine denkwürdige Leistung hin. Der Beginn einer lukrativen Zweitkarriere, die sich negativ auf das Schaffen seiner Band auswirken sollte. Denn als Hauptsongwriter und Sänger stand er schon auf der Bühne ganz vorne, nun allerdings konnte er auch noch anderswo punkten – während seine Kollegen weitgehend in die Röhre schauten. Buchstäblich gesprochen natürlich, denn ab den frühen Achtzigern verbrachte Sting bisweilen mehr Zeit auf der Leinwand als im Studio… Nicht jeder Einfluss ist für die Gesamtheit einer Band ein positiver.


6. Eberhard Schoener – Why Don’t You Answer

Doch wusstet ihr auch, dass sich The Police schon früh und quasi nebenbei einem deutschen Publikum empfahlen? Allgemein wissen bis auf echte Police-Fans nur wenige, dass Sting und Summers sowie zeitweise auch Copeland ab Ende 1977 mit dem Komponisten Eberhard Schoener aus der Kraut- und Art Rock-Szene kollaborierten. Drei Alben kamen dabei zustande, die bisweilen in Richtung Fusion Jazz und Electronica vorstießen. Tracks wie Why Don’t You Answer vom 1978 erschienenen Album Flashback beispielsweise erinnern deutlich an das Schaffen von Bands wie Kraftwerk. Durch Live-Auftritte wurde das Publikum hierzulande mit Stings ungewöhnlicher Stimme vertraut.

Sting erinnerte sich: „Andy brachte Stewart Copeland und mich 1977 nach München, um dort mit dem ungewöhnlichen Dirigenten zusammenzuarbeiten. Wir hatten erst vor Kurzem The Police gegründet und brauchten dringend Geld, um unsere verwegenen Träume vom Ruhm aufrechtzuerhalten.“ Nicht allein die gute Bezahlung, sondern auch das ambitionierte Rundumkonzept Schoeners lockte die Band. Summers beschrieb es als „Multimedia-Komposition aus Laser, Zirkus, Rock, klassischer und elektronischer Musik mit Balletttänzern und einem Pantomimen“. Ein gutes Training für die späteren The Police, deren Bühnenperformances sich immer größeren Konzertsälen anpassen mussten.


7. Thelonious Monk – ‚Round Midnight

Was The Police im Kern ausmacht, ging immer schon über die Musik von The Police hinaus. Als Sting seine erste Solo-LP The Dream of the Blue Turtles im Jahr 1985 veröffentlichte, überraschte das Eingeweihte keinesfalls: Er war eben im Herzen auch ein Jazzer, was sich auf den Sound der Platte niederschlug. Copeland derweil nahm einen Film auf, Summers ging mit dem Experimentalmusiker Robert Fripp ins Studio. Auch nach der Trennung von The Police fanden sie so immer wieder für ungewöhnliche Projekte zusammen, darunter beispielsweise für Summers‘ Version des Jazz-Klassikers ‘Round Midnight, auf dem auch Sting als Sänger zu hören war.

Das Cover war als Huldigung des genialen und mehr als kauzigen Pianisten Thelonious Monk gedacht und erschien auf Summers‘ LP Green Chimneys im Jahr 1999, einer Sammlung von Monk-Interpretationen. Ebenso wie der Bassist Sting und der Drummer Copeland hatte eben auch der Gitarrist der Band ein besonderes Faible für den Jazz. Das erklärt letztlich auch, was The Police von vielen Rock-Gruppen ihrer Zeit unterschied: Aus dem Jazz hatten sie gelernt, dass eine Band mehr als nur die Summe ihre Einzelteile (oder gar: Egos!) sein musste. Nicht, dass es nicht trotzdem zu Zerwürfnissen gekommen wäre. Aber auf der Bühne ging alles fein säuberlich ineinander über…


8. Bob Marley & The Wailers – Exodus

…was neben den einzelnen Instrumenten und Stimmen auch verschiedene Genres mit einschloss. The Police wurden vor allem für den Reggae-Einfluss in ihrer Musik berühmt und obwohl das auf den ersten Blick verblüffen mag, so hat es doch seine geschichtlichen Gründe. Nicht alle von ihnen sind schön – der britische Kolonialismus steht schließlich an ihrem Anfang. Für Sting bedeuteten die Migrationsbewegungen nach England allerdings, dass er mit Stilen wie Calypso und Ska oder Plattenlabels wie Bluebeat aufwuchs. Eine Person sollte ihn besonders prägen: „Als Bob Marley nach England kam, war das revolutionär. Er hat Rock auf den Kopf gestellt, angefangen von der Wichtigkeit des Bass hin zu den Drums, die ganz anders gespielt werden.“ Nicht zuletzt fühlte sich der stets auch sozialpolitisch aktive Sting von Marleys Engagement abseits der Bühne inspiriert.

Nicht allen gefiel aber, wie The Police den Reggae-Einfluss in ihrer Musik spiegelten. Der Rolling Stone-Autor Tom Carson beispielsweise nannte ihr Debüt damals „wirklich widerlich in dem Minstrel-Show-Natty-Dread-Akzent, den Sting für die Reggae-Nummern aufsetzt.“ Minstrel-Shows waren bekanntlich im 19. Jahrhunderts rassistische Aufführungen, bei denen sich weiße Musiker das Gesicht bemalten und Schwarze imitierten, Natty Dread ist einerseits das Album eines Bob Marley-Albums, bezeichnet aber vor allem ein Mitglied der Rastafari-Gemeinschaft. Ein harter Vorwurf, auf den die Band zuerst mit Albumtitel Reggatta de Blanc – eine Verballhornung von „weißer Reggae“ – reagierte. Heute ist Sting etwas kleinlauter und spricht davon, dass er seine Musik immer als Hommage verstanden hat.


9. Grace Jones – Demolition Man

Tatsächlich scheint seine Band aber durchaus hin und wieder etwas größenwahnsinnig gewesen zu sein, wenn es um den Umgang mit Ausgangsmaterial anderer ging. Als Grace Jones ihr Album Nightclubbing und den darauf enthaltenen, deutlich von Reggae und Punk inspirierten Song Demolition Man veröffentlichte, wollten sie sofort eins draufsetzen und legten ihre eigene Version nur wenige Monate später auf dem Album Ghost in the Machine nach. Lässt sich das noch als Hommage entschuldigen? Nun ja: Geschrieben hatte das Stück doch ein Police-Mitglied…

…nämlich Sting! Der besuchte zu dieser Zeit seinen Kumpel Peter O‘Toole in Irland, wo dieser mit seiner damaligen Freundin Trudie Styler lebte. Genau, dieselbe Styler, die Sting ein gutes Jahrzehnt später heiratete. Keine Frage also, wer der Demolition Man in diesem Dreieck war! Aber Spaß beiseite, tatsächlich wollten The Police mit ihrer Version ihr Revier markieren. „Grace Jones hatte ihn zuerst aufgenommen, aber wir nahmen daran Anstoß, dass jemand anderes einen Hit damit hatte“, gab Sting in einem Interview zu. Die jazz-funkige Version seiner Band konnte dem Jones-Stück in Sachen Erfolg jedoch kaum das Wasser reichen. Wie ironisch!


10. Puffy Daddy – I’ll Be Missing You (feat. Faith Evans & 112)

Genauso ironisch wie „die größte Abzocke aller Zeiten“, wie Summers es einmal wutschäumend nannte. Worum es geht? Natürlich um I’ll Be Missing You von Puff Daddy und Faith Evans & 112, in dem der Rapper seinem Freund Notorious B.I.G. Lebewohl sagt und zwar auf Summers‘ ikonischer Gitarrenmelodie aus Every Breath You Take. Das Lick komplettierte eine bis dahin noch unvollständige Komposition Stings, inspiriert übrigens ist es von der Musik des ungarischen Komponisten Béla Bartók. Gesampelt wurde es ohne Erlaubnis. „Mein Sohn, der zu der Zeit zehn Jahre alt war, sagte mir: ‚Hey Dad, da spielt irgendein Mädchen euren Song im Radio! Ich kam in sein Zimmer, hörte dem Radio zu und stotterte nur: ‚Das bin ich, aber was zur Hölle ist das?‘“

Eben: Die größte Abzocke aller Zeiten: Da Every Breath You take von Sting geschrieben wurde, gehören ihm die Rechte daran und weil Puff Daddy das Sample ohne Genehmigung verwendete und Sting ihn dafür verklagte, bekommt er zusätzlich zu den Erlösen aus dem Original auch die von I’ll Be Missing You zu 100% ausgezahlt. Zwischenzeitlich wurde berichtet, dass Sting somit auf etwa 2000$ pro Tag käme. Summers aber? 0$. Böses Blut gab es deswegen wohl nicht. Als Copeland Summers 2000 in einem Interview dazu aufforderte, sein „Puff Daddy-Geld“ einzufsordern, schmiss Sting ein bisschen Kleingeld auf den Tisch. „Sorry, den Rest habe ich schon ausgegeben.“ Derbe Scherze geben intern wohl den Ton an…


Headerbild Credit: Fin Costello/Redferns/Getty Images

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Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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