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Popkultur

Die musikalische DNA von Volbeat

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Gäbe es so etwas wie den Postillon für Rock und Metal, folgende Schlagzeile wäre am ehesten dort zu erwarten: „Dänische Band erlangt Weltruhm mit Mischung aus Rockabilly-Ästhetik und modernem Metal-Sound“. Denn seien wir doch ehrlich: Wer außer Metallicas giftzwergigem Drummer Lars Ulrich fällt Metalheads schon ein, wenn sie an das Land der Pølser und Bungalowsiedlungen denken? Na, Volbeat natürlich! Deren Geschichte klingt eigentlich zu schön, um wahr zu sein und ist doch genau das: Das ganz wirkliche und wahre Resultat von viel Schweiß und Herzblut.


Höre dir hier die musikalische DNA von Volbeat in einer Playlist an und lies weiter:

 


Es gibt viele Erklärungen für den unvergleichlichen Erfolg von Volbeat. Die einfachste aber ist: Sie machen geile Musik. Musik, die mit viel Groove die Tür eintritt und Whiskeygläser an die Wand schmeißt. Musik, die unter all der harten Schale auch einen weichen Kern hat. Musik, die Stories wie die der Ness Family über mehrere Alben hinweg weitererzählt und trotzdem für sich genommen begeistert. Volbeat machen eben mehr als nur „Elvis-Metal“, wie ihr Stil gerne scherzhaft bezeichnet wird. Stattdessen machen sie ihr eigenes Ding. Ein Blick auf die musikalische DNA der Band zeigt uns, woher ihre Einflüsse kommen und lässt uns verstehen, was diese Band so besonders macht. Fake News sehen anders aus!


1. Death Zombie Ritual

Fangen wir ganz am Anfang an: Was kam vor Volbeat? Sänger Michael Poulsen war bis zur Jahrtausendwende in der dänischen Death Metal-Szene aktiv und trug das Erbe von Death weiter, die das Genre mit ihrem Album Scream Bloody Gore maßgeblich mitgeprägt hatten. Mit 17 Jahren zog er aus der verschlafenen Kleinstadt Ringsted ins kosmopolitische Kopenhagen und gründete dort seine eigene Band, für die Death-Mastermind Chuck Schuldiner als größte Inspiration diente. Dominus veröffentlichten zwischen den Jahren 1994 bis 2000 vier Alben, die aber nur mäßigen Erfolg einfahren konnten. Im Jahr 2000 beendete Poulsen die Band und widmete sich einem neuen Stil, da ihm die Death Metal-Szene schon lange nicht mehr schmeckte. „Es wäre doch bescheuert, mit meiner neuen Band genauso wie Dominus zu klingen“, sagte er in einem Interview über die Gründung von Volbeat. „Nun war ich frei, das zu tun, was ich wollte: harte Rock’n‘ Roll-Musik unter einem neuen Namen.“ Den allerdings nahm er von der Vorgängerband mit: Seine neue Band benannte Poulsen nach dem dritten Dominus-Album Vol.Beat.


2. Elvis Presley – You’ve Lost That Loving Feeling (Live)

Obwohl es unfair ist, Volbeat in die Schublade des Elvis-Metals zu stecken: Dass es sich insbesondere bei Poulsen um einen glühenden Fan handelt, davon zeugt nicht nur sein Tattoo mit dem Namen des Kings. Selbst in den Linernotes von Volbeats erstem Album ist der Name Elvis Presleys zu lesen: Die Lyrics von Caroline #1 bestehen aus Songtiteln großer Elvis-Hits! Auf dessen Musik hatten Poulsens Eltern ihn gebracht, insbesondere der Vater des Frontmanns war ein glühender Verehrer des Rock-Stars. Während seiner Beerdigung kämmte der Sohn zärtlich den Bart des Vaters mit einem Kamm, den er bei einem Besuch auf dem ehemaligen Elvis-Anwesen Graceland auf dessen Grab legte. Nicht Poulsens einziger Besuch an der beliebten Pilgerstätte: 2010 heiratete er dort seine damalige Freundin Lina. Allein, es half nichts: Die beiden haben sich mittlerweile scheiden lassen. Wer wohl wem zuerst gesagt hat: You’ve Lost That Loving Feeling?


3. Hank Williams – I’m So Lonesome I Could Cry

An tröstender Musik zumindest dürfte es nach der Scheidung nicht gefehlt haben, denn auch Country ist fest in die musikalische DNA von Volbeat eingewoben. Und was wäre ein besserer Begleiter durch schwere Tage als die Musik von Hank Williams, Johnny Cash und Co.? Eben. Ein Dauerspender des Mitgefühls ist ohne Frage I’m So Lonesome I Could Cry, den Volbeat auf Guitar Gangsters & Cadillac Blood coverten, ihrem dritten Album. Es ist eine Version von tausenden, dafür aber eine ganz besondere: Mit seinem brüchig klingenden Akustikkauftakt bereit die Volbeat-Interpretation auf eine faustdicke Überraschung vor. So haben wir das Stück zweifellos noch nie gehört! Ob es Hank Williams gefallen hätte? Der ist nämlich dessen eigentlicher Songwriter und veröffentlichte es erstmals im Jahr 1949 als Single. So oder so: Kein Wunder, dass Poulsen einen Song covern würde, den Elvis auf einem Konzert als den „traurigsten aller Zeiten“ ankündigte. Harte Schale, weicher Kern – wir erwähnten es bereits.


4. Dusty Springfield – Son Of A Preacher Man

Das erzählerische Universum von Volbeat ist voll von Schurken, abgehalfterten Halunken und grimmigen Gangstern. Eine reine Würstchenparty also? Keineswegs, denn was wäre so ein echtes Rockabilly-Kabinett ohne seine Frauen! Eine der liebsten Shady Ladies der Band ist ohne Zweifel Dusty Springfield. Deren zeitloser Klassiker I Only Want To Be With You aus dem Jahr 1963 erhielt ein ähnliches rigides Update wie I’m So Lonesome I Could Cry: Statt bittersüßer Streicher gab es harte Gitarrenriffs und fette Double-Bass-Einlagen zu hören! Aber so sehen zärtliche Huldigungen im Volbeat-Universum eben aus. Auf Konzerten widmete Poulsen den Song schließlich seiner (Ex-)Gattin. Springfields Einfluss auf die Band äußert sich vielleicht auch subtil in den Kollaborationen, die Volbeat im Laufe ihrer Karriere eingegangen sind: Den Harlem Gospel Chor für das Stück Goodbye Forever einzuladen, darauf wäre doch nur ein echter Son A Of A Preacher Man gekommen, oder?


5. Misfits – Angelfuck

Okay, okay, okay, Moment mal! Volbeat – Chorknaben? Auf keinen Fall. Zwar gibt Poulsen zu, sich für die spirituellen Aspekte des Lebens zu interessieren, ist jedoch in erster Linie von deren düsteren Seiten fasziniert. „Ich schätze, das ist einfach etwas, für das sich viele Leute aus der Metal- und Rock-Szene interessieren“, zuckte er in einem Interview mit den Schultern. „Ich erinnere mich nur daran, als Teenager viele Horror-Filme gesehen zu haben und tue das immer noch.“ Kein Wunder also, dass bei seiner Band die von der trashigen B-Movie-Ästhetik früher Horrorfilme geprägten Misfits hoch im Kurs stehen. Sogar der Gesang von Poulsen erinnert nicht allein an Elvis Presley, sondern in vielen Momenten an den der ehemaligen Misfits-Frontröhre Glenn Danzig oder an dessen Nachfolger, Jerry Only. Mit Only stand die Band sogar schon selbst auf der Bühne, um den Misfits-Klassiker Angelfuck zu performen! Wer aber nun der bessere Misfits-Sänger ist, Danzig oder Only, das ist eine Diskussion ganz für sich. Eins zumindest ist klar: Deren Texte hätten der braven Dusty Springfield vermutlich den Hut vom Scheitel gefegt!


6. Social Distortion – Making Believe

Ob nun aber Glenn Danzig oder Jerry Only – beide Misfits-Sänger brachten eine gehörige Portion Rockabilly-Feeling in den rohen Sound der Band ein. Auch andere Punk-Bands, die Volbeat als Vorbild dienten, wagten sich über die engen Genregrenzen hinaus. Social Distortion etwa gründeten sich 1979 und damit drei Jahre nach den Misfits, erweiterten aber die damals schon verglühende Punk-Explosion um Einflüsse aus dem Blues, Rock’n’Roll oder sogar Country. Ihr Cover von Jimmy Works Country-Song Making Believe diente als Vorlage für die Volbeat-Version des Stücks, welche auf Guitar Gangsters & Cadillac Blood zu hören war. Aus seiner Verehrung für die Band um Mike Ness macht Poulsen ebenfalls keinen Hehl: In fetten Lettern prangt ihr Name auf seinem rechten Unterarm! „Eine Tour mit Social Distortion oder Motörhead wäre natürlich ein Traum!“, schwärmte noch 2007 in einem Interview. Zumindest mit Lemmy Kilmister durfte er noch vor dessen Ableben die Bühne teilen: Beide Bands waren gemeinsam mit Lacuna Coil 2012 im Vorprogramm von Megadeth unterwegs. Da wird das mit Social Distortion schon auch noch klappen!


7. Metallica – Master Of Puppets

À propos Megadeth: Der Sound der Big Four des Thrash Metal steckt natürlich auch in der DNA von Volbeat. Neben Anthrax waren vor allem immer Metallica ein wichtiger Fixpunkt im Universum der Band. Unter anderem deshalb, weil die dänische Herkunft von Drummer Lars Ulrich eine Verbindung zwischen beiden Bands herstellte. Ulrich war es auch, der die Band für ein Festival in Arhus ins Vorprogramm der Four Horsemen einlud. „Lars Ulrich fragte den Promoter: ‚Wer ist derzeit das heißeste Eisen in Dänemark?‘, und er schlug uns vor“, erinnerte sich Poulsen in einem Interview an den denkwürdigen Gig. Obwohl es bei weitem nicht der letzte sein sollte, den beide Bands gemeinsam bestritten, so war es doch ein ganz besonderer. Freudig schwelgt Poulsen in Erinnerungen daran, wie Hetfield bei diesem Konzert am Bühnenrand zum Beat mitnickte und nach der Show mit ihm über Gott und die Welt fachsimpelte. „Du musst wissen, dass er für mich schon immer das große Vorbild war“, verriet Poulsen. „Auch die Art zu singen habe ich mir verinnerlicht.” Wir hören’s!


8. Anthrax – In The End

Viererkonstallationen wie im Thrash Metal sind im Genre bei Weitem keine Seltenheit. Wer im Metal zu dritt ist, dem fehlt scheinbar etwas. So auch bei Volbeat, die zwischen 2011 bis 2013 nach dem Ausstieg ihres Gitarristen Thomas Bredahl nach Ersatz suchten. Nachdem kurzzeitig Hank Shermann von Mercyful Fate aushalf, fand die Band in Rob Caggiano ihr fehlendes Puzzlestück. „Im Grunde gingen wir als Trio ins Studio und kamen als ganze Band wieder heraus“, ließ sich Poulsen über die gemeinsame Arbeit am Album Outlaw Gentlemen & Shady Ladies mit dem ehemaligen Anthrax-Gitarristen zitieren. „Die Zusammenarbeit war so inspirierend und spaßig, dass wir ihn kurzerhand behielten!“ Obwohl Caggiano von einer der langlebigsten Metal-Bands überhaupt zu Volbeat herüberwechselte, ist der 1976 geborene US-Amerikaner das jüngste Mitglied der dänischen Kombo. Zu Anthrax stieß er nämlich erstmals im Jahr 2001. Ob aber bei seinem Ausstieg im Januar 2013 alles bei rechten Dingen zu ging? Nur einen Monat nach seiner „extrem schwierigen und emotionalen Entscheidung“ nämlich begrüßte ihn die Band offiziell als neues Mitglied. Böses Blut scheint es zumindest keins zu geben: 2015 gingen Volbeat gemeinsam mit Anthrax und Crobot auf Tour.


9. Napalm Death – You Suffer

Nicht nur der klassische Metal aber gereichte Volbeat immer wieder zur Inspiration. Nein, auch eine Band wie die Grindcore-Pioniere von Napalm Death hatten ihren Einfluss auf den Sound des mittlerweile internationalen Quartetts. Auf Beyond Heaven / Above Hell ließ sich sogar Mark „Barney“ Greenway, Frontgrunzer der britischen Höchstgeschwindigkeitskombo, für den Song Evelyn für ein paar kehlige Death Grunts einladen. Die Band mit der bis dato kürzesten Single der Welt – You Suffer ist kaum mehr als eine Sekunde lang – faszinierte Poulsen bereits, als er sich damals seine allererste Gitarre kaufte. „Jemanden wie Barney von Napalm Death auf unserer Platte zu haben war eine echte Leistung“, berichtete er stolz vor Release von Beyond Heaven / Above Hell. „Es ist toll zu sehen, dass Träume in Erfüllung gehen können.“ Das Feature war aber auch als Statement zu verstehen: Poulsen ist es wichtig, dass seine Band nicht nur auf ihre Einflüsse aus den fünfziger Jahren reduziert wird. Wie falsch das wäre, daran dürfte spätestens seit Evelyn niemand mehr einen Zweifel haben!


10. Dubstar – Stars

Und falls noch jemand Nachhilfe braucht: Volbeat schaffen es selbst, mit einer Psychobilly-Sängerin gemeinsam einen Country-Song zu einem beswingten Stück Rock-Musik zu verwandeln. Der Song Lonesome Rider auf Guitar Gangsters & Blood Cadillac featuret Sarah Blackwood – und zwar nicht wie oft fälschlich angenommen die britische Trip-Hop-Sängerin von Dubstar, sondern die kanadische Künstlerin, die auch als Mitglied von Walk Off The Earth bekannt ist.  „I AM NOT THE GIRL FROM DUBSTAR“, heißt es wohl nicht ohne Grund auf ihrer offiziellen Facebook-Seite: Der Fehler findet sich sogar auf Wikipedia! Obwohl wir zumindest uns gut vorstellen könnten, wie Volbeat aus einem verträumten Dream-Pop-Stück wie Stars eine kantige Rock-Nummer zaubern könnten. Und vielleicht laden sie dazu gleich beide Sarahs ins Studio ein…?


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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.1.2007 singt Jim Morrison posthum gegen die Erderwärmung

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.1.2007.

von Timon Menge und Christof Leim

Unter dem Motto „Save The Planet“ finden am 30. Januar 2007 zwei Pressekonferenzen in Los Angeles und London statt. Dort stellen Perry Farrell von Jane’s Addiction, Doors-Schlagzeuger John Densmore und Schauspieler Josh Hartnett die Kampagne Global Cool vor, ein Projekt gegen die Erderwärmung — und verwenden dafür unveröffentlichte Gesangsspuren von Jim Morrison.

Hier könnt ihr euch Woman In The Window anhören:

Die globale Erwärmung schreitet voran, zahlreiche Kunstschaffende aller Couleur und weltweit engagieren sich dagegen. Als Sprachrohre der britischen Kampagne Global Cool möchten Farrell, Densmore und Hartnett es „uncool machen, nicht grün zu sein“.

Kleine Schritte, große Wirkung

Dafür erhalten die drei eine Menge prominenter Unterstützung, zum Beispiel von Kasabian, The Killers, KT Tunstall und den Scissor Sisters. Auch Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und Dave Grohl helfen mit. Die Mission der Kampagne: Menschen sollen dazu motiviert werden, ihre CO²-Emissionen über einen Zeitraum von zehn Jahren um zehn Milliarden Tonnen zu reduzieren.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen zum Beispiel das Abschalten des Lichts, das Ausstecken von Smartphone-Netzteilen, das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf Urlaubsflüge und das Herunterschalten der Heizung um eine Stufe. „Wenn viele Menschen kleine Dinge in die Tat umsetzen, wird daraus am Ende eine verdammt große Sache“, stellt Global-Cool-CEO Julian Knight fest. Alles gute Vorschläge. Für Musikfreaks wird die Aktion zusätzlich interessant.

Jim Morrison hilft auch. Quasi.

Um dem Projekt zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, greift Doors-Drummer Densmore in die Trickkiste und stellt eine bis dato unveröffentlichte Gesangsspur von Jim Morrison zur Verfügung. Der Titel der Nummer: Woman In The Window. Das Stück basiert auf einem Gedicht von Morrison, das der kurz vor seinem Tod vertont hat. Die Jahrzehnte später eingespielte Musik stammt von Farrells Band Satellite Party.

Densmore und Farrell bei der Pressekonferenz in Los Angeles – Pic: Hector Mata/AFP via Getty Images

Sein Debüt feiert der Song bei den Pressekonferenzen am 30. Januar 2007. „Wir freuen uns darüber, dass Woman In The Window die Titelmelodie eines so tollen Projektes wird“, erklärt Farrell im Interview mit dem NME. „Jim hat all das Übel in der Welt gesehen, wusste aber auch, dass wir für unser Schicksal verantwortlich sind. Und genau das tun wir. Niemand wird uns davon abhalten können, Energie und Geld zu sparen und dabei den Planeten zu retten.“ Das klang schon 2007 vernünftig.

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

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