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Popkultur

“Frank”: Das mutige, bittersüße und unerschrockene Debütalbum von Amy Winehouse

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Nur zwei Alben. Bei all der Hingabe, dem Schmerz, der Liebe und dem Kummer stellt Frank schon ungefähr die Hälfte des kompletten Lebenswerks von Amy Winehouse dar. Wir sollten es ausgiebig genießen.

von Ian McCann

Das ist zum Glück nicht schwierig: Es gibt viel, womit man sich beschäftigen kann. Viel Schönes, viel Schmerzhaftes, viel Liebenswertes und viel Trauriges. Von Anfang an, selbst im Alter von 19 Jahren, schürfte Amy tief und ging unter die Haut.


Hört gleich in Frank rein:

Zum ganzen Album geht’s über “Listen”.

Die ersten Töne, eine Jazzimprovisation, lassen die Welt wissen, dass dieses Album anders ist. Nicht, dass die Welt dafür wirklich bereit war. Frank erregte Aufmerksamkeit – unterschiedlicher Art –, aber es war bei seiner Veröffentlichung am 20. Oktober 2003 keine Sensation. Vier Monate dauerte es, bis es sich auf Platz 13 der britischen Albumcharts hochgearbeitet hatte und dann rutschte es wieder ab. Das sollte sich eines Tages ändern, allerdings aus einem tragischen Grund. Aber Frank zeigt nicht ganz die sagenumwobene Amy Winehouse; auch wenn sie uns mit emotionalen Themen, Herzschmerz, Unzufriedenheit und einer manchmal schockierend schonungslosen Weltsicht konfrontierte, ist Frank doch ein optimistisches und starkes Album: das Werk einer Frau, die wächst, nicht gequält von den Wunden eines schnell gelebte Lebens.

In Amys Kopf

Der Titel Frank (dt.: offen und ehrlich) sagt schon alles, was man wissen muss: Die Musik ist vielleicht süß und zart und schön anzuhören, aber Amy schont uns nicht mit ihrer Wahrheit. Wenn I Heard Love Is Blind der Opener gewesen wäre, hätten einige Hörer womöglich direkt abgeschaltet. Für Amy ist es ein romantischer Song mit Realitätssinn, aber wer außer ihr würde das Thema so angehen? So singt sie es auch in You Sent Me Flying, einer nüchternen Erzählung über männliche Gewalt: “message was brutal but the delivery was kind”. Und der leichte Samba von I Heard Love Is Blind, in den Amy ihre Stimme fließen lässt, kann einen leicht um den Finger wickeln, wenn man nicht aufpasst.

Zu dieser Zeit stand Amy noch mehr auf die Jazzmusik, mit der sie aufgewachsen war als auf die Musik der Girl Groups mit ihren gebrochenen Herzen und dem 60s Soul, für den sie sich bald begeistern würde. Darum findet sich auf dem Album neben einer Neubearbeitung von Moody’s Mood For Love auch eine ziemlich geradlinige Version von There Is No Greater Love, die an Dinah Washington und Billie Holiday erinnert. Das ist mutig und nicht unbedingt das, was man von einer jungen Nordlondonerin erwarten würde. Genau wie ihre Jazzidole, deren Texte allerdings meistens für sie geschrieben worden waren, drückte Amy ihre Enttäuschung über die romantische Liebe aus. Aber sie tat es auf moderne und sehr direkte Art. Es waren ihre eigenen Gefühle und ihre kompromisslose Sprache. Und es sind auch nicht nur ihre persönlichen Erlebnisse, die sie beschäftigen, wie man an F__k Me Pumps sieht. Die kreisende und bemerkenswert vollendete Struktur gibt einem das Gefühl, in Amys Kopf zu sein, während sie an der Bar sitzt und eine Frau beobachtet, über die sie sich schon lange eine Meinung gebildet hat.



Auch Hip-Hop und modernen R&B hört man auf Frank, was Amy mit textlichen Referenzen zu Outsidaz und Erykah Badu zusätzlich unterstreicht. Auf In My Bed schimpft sie auf einen Liebhaber, der wegen Sex emotional wird. Und sowohl das nüchterne Take The Box als auch das unnachgiebige und kühle What Is It About Men stehen den Meistern des US-Soul der 2000er Jahre in nichts nach. October Song verknüpft diese zwei musikalischen Fäden: Sie singt über gefallene Idole während hinter ihr leichte Breakbeats und jazzige Akkorde zu hören sind. Der Titel ist ein bewusster Verweis auf Kurt Weills September Song – ein Jazzstandard, den u. A. Frank Sinatra gesungen hat. Amys Vater hörte Sinatras Platten während ihrer Kindheit ständig und da verwundert es nicht, dass er auch eine der Inspirationen für den Albumtitel war.

Fokus auf die eigene Gefühlswelt

Help Yourself richtet sich an einen Mann, der hinter Amys Anforderungen zurückbleibt. Es ist eine weitere, elegante Mischung, aber hier ist das R&B-Element näher am Soul der 60er und 70er Jahre und der Beat gar nicht weit weg vom klassischen Motown Groove. Die träge Stimmung erinnert an den Timmy Thomas Klassiker Why Can’t We Live Together?. Diese beginnende Entwicklung hin zum Soul sollte sich bald massiv in ihrer Musik niederschlagen und Amy zu einem neuen Superstar machen.



Amy selbst war mit Frank nicht hundertprozentig zufrieden. Sie hatte das Gefühl, dass ihr der Entstehungsprozess und die Vermarktung entglitten waren. Vermutlich war das unvermeidlich, denn Winehouse war eine neue Künstlerin und neben ihr arbeiteten fünf weitere Produzenten an dem Album. Außerdem war ihr Sound noch gar nicht fertig entwickelt: Bei ihren Inspirationsquellen handelte es sich zumeist um Typen aus gescheiterten Romanzen, was vermutlich unangenehme Erinnerungen zurückbrachte, und ihre musikalischen Einflüsse wechselten ständig.

Auch wenn es kein Vergleich zu Back To Black ist, sagt Amys Debütalbum viel über sie aus und bietet faszinierende und sehr bewegende Momente in ihrer Gesellschaft. Die gnadenlose Konzentration auf ihre eigene Gefühlswelt, die mit Rehab voll durchbricht, ist jetzt schon spürbar (man höre sich nur mal das Flehen auf Amy Amy Amy an). Auch Amys Abneigung für alle, die mit ihr nicht umgehen können, ist schon präsent. Und dann diese Stimme: satt, warm, unglaublich persönlich – erzählt sie die intimsten Erlebnisse einer jungen Frau, geradeheraus und ohne Weichzeichner. Die Musik mag seidig sein, aber sie hat den kratzbürstigen Stolz einer Löwin.

Das Album ist nicht perfekt – aber Unzulänglichkeiten sind menschlich. Amy schämte sich ihrer Fehler nicht und zeigte sie in diesen Songs, zusammen mit ihren Hoffnungen und ironischen Kommentaren. Amys Debütalbum war eine Reflexion ihrer selbst – mutig, bittersüß, unerschrocken und vollkommen ehrlich.


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