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Popkultur

Vor 50 Jahren erfinden Hawkwind den Space Rock!

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Hawkwind
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Lemmy ist damals zwar noch nicht dabei, die Musen der Musik dafür schon: Vor 50 Jahren erscheint die erste, selbstbetitelte Hawkwind-Platte – live aufgenommen und befeuert von Chaos, Drogen und Erleuchtung. Am 14. August 1970 wird sie veröffentlicht. Und der Space Rock ist geboren.

von Björn Springorum

Hawkwind Is Space Rock. Mit diesen einfachen Worten bewirbt die Plattenfirma Liberty im Sommer 1970 das Debüt einer mehr oder weniger unbekannten Band. Wer sollte das denn bitteschön sein, Hawkwind? Und was sollte das für Musik sein, Space Rock? Die Welt würde es bald erfahren. Am 14. August 1970 erscheint Hawkwind, eins der allerersten Beispiele für dieses aufregende, Grenzen und Bewusstseinszustände transzendierende Genre Space Rock.

Ekstase und Improvisation

Spulen wir einige Monate zurück. Hawkwind finden im November 1969 zusammen. Dave Brock und Mick Slattery sind noch bei den Londoner Psychedelikern Famous Cure, doch als sie sich mal mit dem Bassisten John Harrison treffen, stellen sie fest, dass alle drei Bock auf was Neues haben. Normaler psychedelischer Rock reicht ihnen nicht mehr, alle sind Fans dieser neuartigen elektronischen Sounds, die damals immer öfter zu hören sind. Sie wollen die ausgetretenen Pfade des Pop-Formats verlassen, wollen Musik machen, wie sie noch nie zuvor gemacht wurde.

Als die Band komplettiert wird, geht’s los. Zunächst mal kommt das Publikum einer Talentshow in Notting Hill in den fraglichen Genuss dieser neuen Truppe, die damals nicht mal einen Namen hat. Songs haben sie übrigens auch nicht. Also nennen sich sich kurzerhand Group X und hauen aus Ermangelung eigenen Materials einfach mal einen ekstatischen 20-Minuten-Jam des Byrds-Songs Eight Miles High raus. Und weil man immer auch ein bisschen Glück braucht in diesem seltsamen Spiel, ist ausgerechnet der BBC-DJ John Peel im Publikum. Und ihm gefällt, was er da hört.

Science-Fiction und Psychedelik

Ihm ist ihr Plattenvertrag zu verdanken – und wenig später findet sich die Band schon in den Abbey Road Studios ein, um ein paar Demos aufzunehmen. Das Debüt wird aber woanders aufgenommen. Mit dem Pretty-Things-Gitarristen Dick Taylor als Produzent und jeder Menge Science-Fiction-Literatur im Kopf geht’s im März 1970 in die Londoner Trident Studios. Nicht die günstigste Adresse, also ist nicht allzu viel Zeit. Doch der Sound, den sich Hawkwind bei ihren Auftritten der letzten Wochen draufgeschafft haben, ist alles andere als studiotauglich. Progressiv, psychedelisch, asynchron, verzerrt, vielschichtig, außerirdisch. Taylor verzweifelt. „Ich tat alles, was ich konnte“, erinnerte er sich mal, „aber es gelang mir einfach nicht.“

 Also wird beschlossen, das Ding live aufzunehmen. Und auf einmal läuft es. „Wir verbrachten allein drei oder vier Tage mit dem Opener Hurry On Sundown“, so Taylor weiter. „Der Rest der Platte war dann in zwei Tagen fertig.“ Das Ergebnis ist ein einziger musikalischer Trip. Der Großteil des Albums besteht aus einer instrumentalen Improvisation, die sich immer wieder in den Vordergrund schlängelt. Songs werden abrupt abgebrochen, tauchen unter und an einer ganz anderen Stelle des Albums wieder auf. Und es wird mit Loops, Sounds und Flächen experimentiert, dass sich die Balken biegen. Und dann ist da natürlich noch das abschließende, bis heute zu gleichen Teilen bewegende wie berauschende Pink-Floyd-Cover Cymbaline.

Ein live aufgenommener Rausch

Vor 50 Jahren erscheint dieser live aufgenommene Rausch. Der Erfolg im Mainstream bleibt aus, doch in der britischen Underground-Szene werden Hawkwind sehr bald kultisch verehrt. Es werden in der Band aber mal wieder viel zu viele Drogen konsumiert. John Harrison fliegt raus, auch Gitarrist Huw Lloyd-Langton steigt nach einem schlechten LSD-Trip und einem Nervenzusammenbruch aus. Da ist es dann fast schon vorbei, das wilde Kommunenleben in Notting Hill. Dafür werden die Erfolge nach dem Chaos des ersten Jahres langsam größer. Erst mit dem Album In Search Of Space, 1972 dann mit mit dem Einstieg eines gewissen Lemmy Kilmister am Bass. „Wir wollen, dass die Menschen durch unsere Show high werden, nicht durch LSD“, brachte Nik Turner mal diese neue Ausrichtung auf den Punkt. Gehalten haben sich in der Band aber natürlich nicht alle dran.

Hawkwind gibt es bis heute. Insbesondere die ersten zwölf Monate im Leben dieser Band, die Ungezähmtheit und Wildheit, sind aber das, was den Engländern den Nimbus des Außergewöhnlichen, des Magischen verleiht. Man kann es natürlich auch kürzer sagen: Hawkwind is Space Rock.

Zeitsprung: Am 24.11.1972 erscheint „Doremi Fasol Latido“ von Hawkwind.

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