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Popkultur

Interview: Ian Gillan von Deep Purple: „Ein neues Album? Wer sagt denn sowas?“

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Ernesto Ruscio/Redferns via Getty Images

"Vor 50 Jahren sind Deep Purple zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. 1969 war Ian Gillan gerade als Sänger eingestiegen und sollte schon bald mit Songs wie Smoke On The Water weltweit Musikgeschichte schreiben. Unzählige Male ist der Engländer seitdem zurückgekehrt, im März hat er eine Konzerttour mit „Rock meets Classic“ beendet, wo er zum vierten Mal als Stargast dabei war. Mit uDiscover hat Ian Gillan über seine Anfangszeit bei Deep Purple, Touren durch Deutschland und Gerüchte über ein neues Album gesprochen.

von Andrea Hömke

Mr. Gillan, Sie haben schon viele Male in Deutschland gespielt und das Land zu ganz unterschiedlichen Zeiten bereist. Wie sehr hat es sich seit dieser ersten Tour Ende der Sechziger verändert?

Ian Gillan: Damals hat zum Beispiel Berlin schon gebrodelt und brodelt ja auch heute noch sehr. Aber Deutschland an sich ist eher ein konservatives Land. Das meine ich nicht politisch, sondern kulturell. Die Deutschen sind beständig und loyal. Deutschland war eins der ersten Länder, in denen europäische Rockmusik Fuß fassen konnte, nicht nur amerikanische. In England gab es natürlich Musikclubs, dort konnten die Bands aber nur eine Show an einem Abend spielen. In Deutschland lief das ganz anders: Da stand man die gesamte Woche mehrmals am Abend auf der Bühne. Wir haben nur noch Musik gemacht und nicht geschlafen. Es war großartig!

Hört hier die besten Songs von Deep Purple während ihr weiter lest:

Damals war der zweite Weltkrieg gerade einmal 20 oder 25 Jahre vorbei…

Genau, historisch gesehen eine sehr kurze Zeit. Meine Freunde meinten nur: ‚Oh, wow! Du fährst nach Deutschland. Wie wird es da wohl sein?’ Ich kann nur sagen, dass ich in diesen ersten Jahren meine engsten Freundschaften geschlossen habe. Es herrschte eine so wunderbare Atmosphäre, und Musik war unser aller Bindeglied. Zudem erwies sich diese Ära als sehr lehrreich: Sie hat mir gezeigt, dass wir alle ähnliche Wünsche, Nöte und Ängste haben. Es war eine wunderbare Erfahrung, damals in Deutschland zu sein, ich habe dort großartige Freundschaften geschlossen, die zum Teil seit 30 oder 40 Jahren bestehen.

Ein paar Jahre später habe ich dann Child In Time geschrieben. Als wir mit der Band irgendwann in Russland waren, Putin hatte zu der Zeit gerade eine Auszeit genommen, erzählte mir Präsident Dmitri Medwedew, dass er durch unsere Musik Englisch gelernt hat. Eigentlich war es dort damals verboten, Deep Purple zu hören, doch es gab unsere Platten in den Schulen. Sie waren allerdings weggeschlossen, nur die Lehrer durften sie herausnehmen und mit der Klasse die Texte und Melodien analysieren. Natürlich sollte es den Schülern keinen Spaß machen. Doch Medwedew erzählte mir, dass er durch Lieder wie Child In Time zum ersten Mal verstanden hat, dass es außerhalb des eisernen Vorhangs Jugendliche gab, die waren wie er selbst.

Sie sind ständig unterwegs, besitzen ein Haus in Portugal, eins in England. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Gute Frage. Ich sage immer, der Mensch braucht zwei Dinge in seinem Leben: das Gefühl, irgendwo hinzugehören, und einen Sinn im Leben. Ein Zuhause muss allerdings kein physischer Ort sein. Es kann zum Beispiel auch ein Seelenverwandter sein. Als Jon Lord (Deep Purple-Organist – Anm.d.Red.) starb, habe ich die Zeile geschrieben: „Souls having touched are forever entwined“ (Seelen die sich berühren, sind für immer miteinander verbunden). Und ich glaube an diese Verbundenheit. Wenn Menschen früher wissen wollten, was meine Wahlheimat ist, habe ich immer Deutschland gesagt, später Polen und Frankreich, weil ich dort für einige Zeit gelebt habe. Heute gibt es viele Orte, die ich mein Zuhause nenne.

Deep Purple im legendären Mark II-Line-up von 1969-1973: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice (v.l.)

Werden Sie überall erkannt?

Es ist unmöglich, ein normales Leben zu leben, wenn man berühmt ist. Man muss da differenzieren zwischen dem professionellen Teil und dem privaten. Ich habe vor vielen Jahren schon einen Trick gelernt: Wenn ich zu Hause bin in England oder Portugal, verkrieche ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich kaufe im Supermarkt ein, gehe in die Bar um die Ecke, grüße alle, trinke mit den Nachbarn ein Bier. Deshalb war es irgendwann nichts Besonderes mehr, wenn ich mal gesehen wurde. Ich gehöre einfach ganz normal dazu.

Haben Sie viele Freunde im Showbiz?

Nein, nur sehr wenige. Die meisten meiner Freunde sind ganz normale Menschen: Klempner, Elektriker, Kneipenwirte und zwei ehemalige Polizisten, mit denen ich früher Fußball gespielt habe. Der Erfolg macht mich demütig, dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich führe außerhalb des Musikgeschäfts ein sehr normales Leben.

Mit über 70 weiter auf Tour: Ian Gillan 2017 in Hamburg – Pic: Frank Schwichtenberg/Wiki Commons

Obwohl Deep Purple bereits ihre The Long Goodbye-Tour gespielt haben, die viele für einen Abschied hielten, heißt es nun, dass die Band noch ein neues Album aufnehmen und vielleicht auch wieder touren will. Stimmt das?

Wer sagt denn sowas?

Ihr Gitarrist Steve Morse.

Ach, der hat doch keine Ahnung. (lächelt)

Also wird es keine neue Platte geben?

Naja, lasst es mich so formulieren: Wir versuchen, ein neues Album zu machen. Aber wir haben es noch nicht getan. Ich rede eigentlich nicht über Dinge, bevor sie nicht fertig sind, weil immer etwas schief gehen kann. Alle wollen wissen, was morgen passiert, aber mir ist es lieber zu erzählen, was gestern geschehen ist. Dann kann ich von Fakten sprechen und muss nicht spekulieren. Die Long Goodbye-Tour war vor allem eins, sie war lang. Weil wir alle nicht wirklich gesund waren: Ian Paice hatte einen Schlaganfall, mir ging es schlecht, Steve hatte ein Problem mit seiner Hand, Roger mit der Schulter, alle waren krank. Also dachten wir uns, dass es Zeit wäre aufzuhören. Aber nun geht es uns wirklich viel besser. Insofern machen wir vielleicht noch ein neues Album und vielleicht noch eine neue Tour. Wir werden sehen.

Deep Purple 2019: Ian Gillan, Steve Morse, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey (v.l.)

Sie haben Hunderte Songs geschrieben und, wie sie einmal selbst sagten, immer jede Menge Ideen im Kopf. Wird es mit der Zeit leichter oder schwerer, neue Lieder zu schreiben?

Nein, es ist heute viel leichter. Man spricht täglich mit Menschen, und aus der Unterhaltung kann ein Lied entstehen. Es muss ja nicht immer von etwas Greifbaren handeln. Und man muss Spaß an Worten haben, weil man damit Gefühle vermittelt. Songs sind auch nur eine andere Art der Kommunikation zwischen zwei Menschen.

Ian Gillan singt bei „Rock Meets Classic“ mit Sinfonieorchester – Pic: Rock & Royalty

Gerade haben Sie die vierte Tour mit „Rock Meets Classic“ beendet. Niemand war bei diesem Projekt häufiger Stargast als Sie. Was gefällt Ihnen so an dieser Show?

Ich mag es, Dinge ein wenig anders zu machen. Vor allem mag ich diese „Package“-Touren“ mit mehreren Künstlern. So habe ich früher Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis und Buddy Holly gesehen. Das Konzept unterscheidet sich von normalen Konzerten einer Band. Bei Rock Meets Classic werden die großen Hits von etlichen Interpreten gespielt, und das Publikum hat viel Spaß. Zusätzlich gibt das Orchester den Songs eine ganz eigene Dynamik, und visuell ist es natürlich dank der vielen Musiker auf der Bühne etwas Besonderes. Für mich fühlt es sich immer ein wenig wie Urlaub an.


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Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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