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Popkultur

Interview: Ian Gillan von Deep Purple: „Ein neues Album? Wer sagt denn sowas?“

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Vor 50 Jahren sind Deep Purple zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. 1969 war Ian Gillan gerade als Sänger eingestiegen und sollte schon bald mit Songs wie Smoke On The Water weltweit Musikgeschichte schreiben. Unzählige Male ist der Engländer seitdem zurückgekehrt, gerade hat er eine Konzerttour mit „Rock meets Classic“ beendet, wo er zum vierten Mal als Stargast dabei war. Mit uDiscover hat Ian Gillan über seine Anfangszeit bei Deep Purple, Touren durch Deutschland und Gerüchte über ein neues Album gesprochen.

von Andrea Hömke

Hört hier in die besten Songs von Deep Purple rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Mr. Gillan, Sie haben schon viele Male in Deutschland gespielt und das Land zu ganz unterschiedlichen Zeiten bereist. Wie sehr hat es sich seit dieser ersten Tour Ende der Sechziger verändert?

Ian Gillan: Damals hat zum Beispiel Berlin schon gebrodelt und brodelt ja auch heute noch sehr. Aber Deutschland an sich ist eher ein konservatives Land. Das meine ich nicht politisch, sondern kulturell. Die Deutschen sind beständig und loyal. Deutschland war eins der ersten Länder, in denen europäische Rockmusik Fuß fassen konnte, nicht nur amerikanische. In England gab es natürlich Musikclubs, dort konnten die Bands aber nur eine Show an einem Abend spielen. In Deutschland lief das ganz anders: Da stand man die gesamte Woche mehrmals am Abend auf der Bühne. Wir haben nur noch Musik gemacht und nicht geschlafen. Es war großartig!

Damals war der zweite Weltkrieg gerade einmal 20 oder 25 Jahre vorbei…

Genau, historisch gesehen eine sehr kurze Zeit. Meine Freunde meinten nur: ‚Oh, wow! Du fährst nach Deutschland. Wie wird es da wohl sein?’ Ich kann nur sagen, dass ich in diesen ersten Jahren meine engsten Freundschaften geschlossen habe. Es herrschte eine so wunderbare Atmosphäre, und Musik war unser aller Bindeglied. Zudem erwies sich diese Ära als sehr lehrreich: Sie hat mir gezeigt, dass wir alle ähnliche Wünsche, Nöte und Ängste haben. Es war eine wunderbare Erfahrung, damals in Deutschland zu sein, ich habe dort großartige Freundschaften geschlossen, die zum Teil seit 30 oder 40 Jahren bestehen.

Ein paar Jahre später habe ich dann Child In Time geschrieben. Als wir mit der Band irgendwann in Russland waren, Putin hatte zu der Zeit gerade eine Auszeit genommen, erzählte mir Präsident Dmitri Medwedew, dass er durch unsere Musik Englisch gelernt hat. Eigentlich war es dort damals verboten, Deep Purple zu hören, doch es gab unsere Platten in den Schulen. Sie waren allerdings weggeschlossen, nur die Lehrer durften sie herausnehmen und mit der Klasse die Texte und Melodien analysieren. Natürlich sollte es den Schülern keinen Spaß machen. Doch Medwedew erzählte mir, dass er durch Lieder wie Child In Time zum ersten Mal verstanden hat, dass es außerhalb des eisernen Vorhangs Jugendliche gab, die waren wie er selbst.



Sie sind ständig unterwegs, besitzen ein Haus in Portugal, eins in England. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Gute Frage. Ich sage immer, der Mensch braucht zwei Dinge in seinem Leben: das Gefühl, irgendwo hinzugehören, und einen Sinn im Leben. Ein Zuhause muss allerdings kein physischer Ort sein. Es kann zum Beispiel auch ein Seelenverwandter sein. Als Jon Lord (Deep Purple-Organist – Anm.d.Red.) starb, habe ich die Zeile geschrieben: „Souls having touched are forever entwined“ (Seelen die sich berühren, sind für immer miteinander verbunden). Und ich glaube an diese Verbundenheit. Wenn Menschen früher wissen wollten, was meine Wahlheimat ist, habe ich immer Deutschland gesagt, später Polen und Frankreich, weil ich dort für einige Zeit gelebt habe. Heute gibt es viele Orte, die ich mein Zuhause nenne.

Deep Purple im legendären Mark II-Line-up von 1969-1973: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice (v.l.)

Werden Sie überall erkannt?

Es ist unmöglich, ein normales Leben zu leben, wenn man berühmt ist. Man muss da differenzieren zwischen dem professionellen Teil und dem privaten. Ich habe vor vielen Jahren schon einen Trick gelernt: Wenn ich zu Hause bin in England oder Portugal, verkrieche ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich kaufe im Supermarkt ein, gehe in die Bar um die Ecke, grüße alle, trinke mit den Nachbarn ein Bier. Deshalb war es irgendwann nichts Besonderes mehr, wenn ich mal gesehen wurde. Ich gehöre einfach ganz normal dazu.

Haben Sie viele Freunde im Showbiz?

Nein, nur sehr wenige. Die meisten meiner Freunde sind ganz normale Menschen: Klempner, Elektriker, Kneipenwirte und zwei ehemalige Polizisten, mit denen ich früher Fußball gespielt habe. Der Erfolg macht mich demütig, dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich führe außerhalb des Musikgeschäfts ein sehr normales Leben.

Mit über 70 weiter auf Tour: Ian Gillan 2017 in Hamburg – Pic: Frank Schwichtenberg/Wiki Commons

Obwohl Deep Purple bereits ihre The Long Goodbye-Tour gespielt haben, die viele für einen Abschied hielten, heißt es nun, dass die Band noch ein neues Album aufnehmen und vielleicht auch wieder touren will. Stimmt das?

Wer sagt denn sowas?

Ihr Gitarrist Steve Morse.

Ach, der hat doch keine Ahnung. (lächelt)

Also wird es keine neue Platte geben?

Naja, lasst es mich so formulieren: Wir versuchen, ein neues Album zu machen. Aber wir haben es noch nicht getan. Ich rede eigentlich nicht über Dinge, bevor sie nicht fertig sind, weil immer etwas schief gehen kann. Alle wollen wissen, was morgen passiert, aber mir ist es lieber zu erzählen, was gestern geschehen ist. Dann kann ich von Fakten sprechen und muss nicht spekulieren. Die Long Goodbye-Tour war vor allem eins, sie war lang. Weil wir alle nicht wirklich gesund waren: Ian Paice hatte einen Schlaganfall, mir ging es schlecht, Steve hatte ein Problem mit seiner Hand, Roger mit der Schulter, alle waren krank. Also dachten wir uns, dass es Zeit wäre aufzuhören. Aber nun geht es uns wirklich viel besser. Insofern machen wir vielleicht noch ein neues Album und vielleicht noch eine neue Tour. Wir werden sehen.

Deep Purple 2019: Ian Gillan, Steve Morse, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey (v.l.)

Sie haben Hunderte Songs geschrieben und, wie sie einmal selbst sagten, immer jede Menge Ideen im Kopf. Wird es mit der Zeit leichter oder schwerer, neue Lieder zu schreiben?

Nein, es ist heute viel leichter. Man spricht täglich mit Menschen, und aus der Unterhaltung kann ein Lied entstehen. Es muss ja nicht immer von etwas Greifbaren handeln. Und man muss Spaß an Worten haben, weil man damit Gefühle vermittelt. Songs sind auch nur eine andere Art der Kommunikation zwischen zwei Menschen.

Ian Gillan singt bei „Rock Meets Classic“ mit Sinfonieorchester – Pic: Rock & Royalty

Gerade haben Sie die vierte Tour mit „Rock Meets Classic“ beendet. Niemand war bei diesem Projekt häufiger Stargast als Sie. Was gefällt Ihnen so an dieser Show?

Ich mag es, Dinge ein wenig anders zu machen. Vor allem mag ich diese „Package“-Touren“ mit mehreren Künstlern. So habe ich früher Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis und Buddy Holly gesehen. Das Konzept unterscheidet sich von normalen Konzerten einer Band. Bei Rock Meets Classic werden die großen Hits von etlichen Interpreten gespielt, und das Publikum hat viel Spaß. Zusätzlich gibt das Orchester den Songs eine ganz eigene Dynamik, und visuell ist es natürlich dank der vielen Musiker auf der Bühne etwas Besonderes. Für mich fühlt es sich immer ein wenig wie Urlaub an.



Titelfoto: Ernesto Ruscio/Redferns via Getty Images

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