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Popkultur

Junge Künstler, die den Blues mit neuem Leben füllen

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Jeder kennt die Legenden, die den Blues mitbegründet haben: Howlin’ Wolf, Muddy Waters und John Lee Hooker, aber wer sind die Neuen, wer hält die Tradition jetzt am Leben? Das Bluesrock-Revival der letzten Jahre wird von Bands wie den Black Keys, Alabama Shakes und den White Stripes angeführt und die Frage, ob jemand überhaupt das Recht hat, den Blues zu singen, stellt sich kaum noch. Diese Künstler mögen jung an Jahren sein, aber sie haben alte Seelen.


Hört euch hier unsere Playlist Blues für Anfänger an und lest weiter:

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1. The Marcus King Band

Wie viele andere der Blueskünstler auf dieser Liste wuchs auch Marcus King mit dem Blues auf und trat zunächst zusammen mit seinem Vater Marvin King in Greenville, South Carolina, auf. Als wichtigsten Einfluss nennt er den ebenfalls aus Carolina stammenden Frontmann von Gov’t Mule Warren Haynes. Der Gitarrenvirtuose arbeitete sogar mit seinem Idol, als Haynes sein selbstbetiteltes Album produzierte und auf einigen Tracks spielte. Und mit Derek Trucks von der Allman Brothers Band kann King seinen Referenzen eine weitere Bluesgröße hinzufügen: Er spielte auf dem Album seine unverkennbare Slide Guitar. Mit seinen 21 Jahren deutet alles darauf hin, dass King eines der prominentesten Gesichter der neuen Bluesszene wird – mit gefühlvollem Gesang, geschicktem Gitarrenspiel und bodenständigem Songwriting – einer Mischung, die er selbst als “Psychedelic Southern Rock mit Soul-Einfluss” beschreibt.


2. Kenny Wayne Shepherd

1995, im Alter von nur 18 Jahren, veröffentlichte Kenny Wayne Shepherd sein Debüt und sang darüber, dass “die Guten jung sterben”. Da ist es ein Glück, dass Shepherd nicht von einem tragischen Ende ereilt wurde und stattdessen bisher neun weitere, kraftvolle Bluesrock-Alben veröffentlicht hat. Der aus Louisiana stammende Autodidakt und fantastische Gitarrist war schon in jungen Jahren kommerziell sehr erfolgreich: Er hatte sieben Singles in den Billboard Top 10, gewann zwei Billboard Music Awards und war mittlerweile für fünf Grammys nominiert. Wie viele andere zollt auch er seinen Vorgängern Respekt und covert viele legendäre Künstler. Auf seinem neuen Album, Lay It On Down, befindet sich allerdings nur eigenes Material in Shepherds charakteristischen, leidenschaftlichem Rootsrock-Sound. Mittlerweile hat er sogar eine eigene Fender Stratocasters Serie. Irgendwas scheint er also richtig zu machen.


3. Chantel McGregor

Die Wiege des Blues mag im Mississippi Delta liegen, aber auch der Britische Blues hat eine lange Geschichte. Aus diesem reichen Erbe ist eine überraschende Bluespersönlichkeit hervorgegangen: die Singer-Songwriterin und britische Bluesrock-Gitarristin Chantel McGregor. Sie ist ein Wunderkind an der Gitarre und die jüngste Absolventin einer Rockschule in Großbritannien: Sie schloss ihr Studium beim renommierten Leeds College Of Music mit Topnoten ab. Seitdem hat sie zahlreiche British Blues Awards gewonnen und einen Track zu dem Bluessampler 100 Years Of The Blues beigesteuert. Mit ihrem kraftvollen Sopran und den im Kontrast dazu stehenden harten Gitarrenriffs bietet McGregor eine tolle Mischung.


4. Danny Bryant

Danny Bryant ist ebenfalls Brite und auch er fing sich den Blues-Virus schon früh ein. Als Teenager beeindruckte ihn die “Wildheit und Intensität” der Gitarrenlegende Walter Trout und der irische Gitarrenvirtuose Rory Gallagher. Später sollte Trout sein Mentor und Kollege werden. Wie Marcus King trat auch Bryant zunächst mit seinem Vater Ken Bryant und der Bluesrockband RedEyeBand auf, bevor er seinen eigenen Lizenzdeal mit Virgin/EMI Asia unterschrieb. Bryant ist eine feste Größe in der Bluesszene Europas. Mit Tausenden Club- und Festivalauftritten und gemeinsamen Performances mit Künstlern wie Joe Cocker und Carlos Santana hat er sich eine treue Fangemeinde erspielt. Auf seinem neuen Livealbum hören wir Bryant in seinem Element, wie er seine Fans mit seiner hervorragenden Technik und neuen, weißen Soulklassikern begeistert.


5. Tyler Bryant & The Shakedown

Tyler Bryant & The Shakedown ist einer der spannendsten Namen der Bluesrockszene. Sie versuchen nicht, die Meister nachzuahmen, sondern erschaffen einen neuen Sound, der die Seele des Blues mit der Energie des Hardrock verbindet. Auch Bryant wurde der Blues in die Wiege gelegt und mit 15 trat er bereits bei Eric Claptons Crossroads Festival auf und spielte als Support für Dwight Yoakam in seiner Heimat Texas. Auch von der Delta und Chicago Blues Szene, war der Singer-Songwriter begeistert. In der Gitarrenszene ist er schon allgemein bekannt und hat mit den ebenfalls aus Texas kommenden Legenden Stevie Ray Vaughn, ZZ Top und Gary Clark Jr. gespielt. Der 26-Jährige hat eine alte Seele und ist nicht zimperlich mit seiner Gitarre. Mit ihrem rauen Bluesrock hat die Band sich international eine Fangemeinde erarbeitet und ist zum Beispiel beim Ramblin’ Man Fair in Südengland aufgetreten.


Schaut euch das Interview unserer Kollegen mit Tyler an:


6. Colin James

Colin James ist so etwas wie der Dorfälteste in der zeitgenössischen Bluesszene. In seiner Heimat Kanada ist er eine lebende Legende und die Vereinigten Staaten eroberte er 1990 mit seinem Album Sudden Stop, welches ein internationaler Hit war. Außerdem war er der zweite Künstler, der einen Vertrag bei Virgin Records America unterschrieb (der erste war Iggy Pop). Nicht weniger als 18 Alben hat Colin James mittlerweile veröffentlicht und so ist er einer der wichtigsten Botschafter des Genres und auch eines seiner außergewöhnlichsten Talente. Er meidet den kantigen Bluessound der letzten Jahre und überzeugt stattdessen mit seinem feinen Gitarrenstil und sanften Gesang. Er ist vielfach ausgezeichnet und erhielt unter Anderem sechs Juno Awards und wurde 2013 in die Canadian Music Industry Hall Of Fame eingeführt.


7. Joe Bonamassa

Einer der etablierteren Blueskünstler auf dieser Liste ist der 40-jährige “Smoking Joe” Bonamassa. In der Blueswelt ist er damit natürlich immer noch ziemlich jung, aber sein Werdegang gehört mittlerweile trotzdem zur Geschichtsschreibung des Blues: Als er zwölf Jahre alt war, hatte BB King ihn während eines Konzerts auf die Bühne gezogen und mit 13 hatte er einen kurzen Auftritt mit John Lee Hooker. Er gilt als einer der besten lebenden Gitarristen und spielt im Stil von britischen Bluesrockstars der 1960er wie Eric Clapton, Jimmy Page und der amerikanischen Legende Stevie Ray Vaughan. Bonamassa ist der amtierende “Entertainer Of The Year” der Blues Music Awards. Er ist nicht nur ein virtuoser Gitarrist, sondern komponiert auch großartige Riffs und fühlt sich in jedem Genre wohl. Mit dem Blues hat er sich eingehend und hingebungsvoll beschäftigt. Sein Talent liegt in der Improvisation genauso wie in der Technik und sein Sound ist unverwechselbar.


8. Christone “Kingfish” Ingram

Das Wort “Wunderkind” wird oft und manchmal viel zu leichtfertig benutzt, aber im Fall des 18-jährigen Christone “Kingfish” Ingram ist es absolut gerechtfertigt. Geboren im Delta war Ingram vom ersten Tag an vom Blues umgeben. Mit sechs Jahren begann er, Schlagzeug zu spielen und mit 11 Bass. Danach wandte er sich der 6-String Gitarre zu. Ingram wuchs mit der Kirche auf und kombiniert in seiner Musik Gospel und Blues. Er verfeinerte seine Technik mit Hilfe von Daddy Rich und Bill Howl im Delta Blues Museum. Sein Aufstieg war wie geschaffen für das Internet. In viralen Videos faszinierte er das Publikum und die First Lady Michelle Obama mit seinem außergewöhnlichen Talent und beeindruckender Technik.


9. Jack White

Wenn man eine bestimmte Person für das neue Bluesrock-Revival verantwortlich machen will, dann wäre das Jack White, der frühere Frontmann der White Stripes und von Supergroups wie The Raconteurs und The Dead Weather. White trägt als Musiker und mit seinem Label und Presswerk Third Man seinen Teil dazu bei, den Blues gesund und munter zu halten. Dass er in dem Genre sehr bewandert ist, zeigt sich in seinem Stil als Komponist und Performer und auch in seiner Künstlerpersönlichkeit, um die er selbst einen Mythos gestrickt hat. Seine Platten hat er den Großen des Blues gewidmet und auf dem zweiten White Stripes Album De Stijl Künstler wie Son House und Blind Willie McTell gecovert. Wenn er nicht gerade Klassiker von Chess Records und andere alte Bluesplatten neu auflegt, arbeitet er an Dokumentationen wie zum Beispiel American Epic, um dem Blues zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen.


10. Shemekia Copeland

Die Bluessängerin Shemekia Copeland wuchs während der Blütezeit des Hip-Hop in Harlem auf. Sie sagt, dass ihr Vater, der aus Texas stammende Bluesmusiker Johnny Clyde Copeland, sie mit der Blueswelt in Kontakt brachte. Auf ihren ersten Alben hält sie sich an einen zeitgenössischen Bluessound, aber ihre aktuellen Veröffentlichungen offenbaren einen neuen Souleinfluss, was besonders an ihrer kraftvollen Stimme liegt. Noch vor ihrem 30. Geburtstag hatte die gefeierte Sängerin mehrere Blues Awards erhalten, war für einen Grammy nominiert und war im Vorprogramm der Rolling Stones, BB King und Taj Mahal aufgetreten. Auf ihrem Album Outskirts Of Love von 2015 geht Copeland noch weiter über die Genregrenzen hinaus und covert Künstler wie ZZ Top, Creedence Clearwater Revival und Solomon Burke. Das britische The Blues Magazine kürte es dafür zum Besten Album des Jahres.


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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Der Tod des Hippie-Traums: Die letzten Tage von Jimi Hendrix

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Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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