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Popkultur

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

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Kurz vor dem Unglück: Nick Cave bei einem Konzert in Glasgow im April 2015. Foto: Ross Gilmore/Redferns via Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 14.7.2015.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Man kann schwer umschreiben, was Nick Cave und seiner Familie am 14. Juli 2015 widerfährt: Sein 15-jähriger Sohn Arthur stürzt im englischen Brighton versehentlich in den Tod. Cave erschüttert das, doch er entscheidet sich letztlich für die Flucht nach vorn. Kunst und schonungslose Ehrlichkeit dienen ihm als Werkzeug, das Erlebnis zu verarbeiten.

Hört hier Skeleton Tree, das während der Unglückszeit entstand: 

Als Nick Cave 2013 in einem Interview auf seine Vergangenheit zurückblickt, muss er lächeln: „Wir waren drogensüchtige, lustige Idioten“, urteilt er über die frühe Phase seiner Karriere. Seine Heroinabhängigkeit und die damit verbundenen Tiefpunkte kommentiert er beinahe humoristisch, denn mittlerweile hat er sein Leben nicht nur im Griff, sondern auf Links gekrempelt. Mit dem ehemaligen Model Susie Bick und den Zwillingen Arthur und Earl lebt der Australier im behüteten Brighton an der englischen Küste und gibt sich ganz der Musik hin.

Unglück in Brighton

Doch im Juli 2015 geschieht die Tragödie. Die Zwillinge zählen gerade einmal 15 Jahre, da recherchiert Arthur an einem Montagabend die Effekte von LSD im Internet. Wie lange spürt man das Halluzinogen wohl? Er liest Warnungen darüber, nicht zu viel auf einmal einzunehmen, doch gefährliche Nebeneffekte tauchen nicht auf den Seiten auf, die er besucht. Gekauft haben muss er die Droge schon vorher, denn bereits am nächsten Tag trifft er sich mit einem Freund, um die Substanz auszuprobieren.

Die Jungen nehmen die Pillen ein, beginnen zu halluzinieren und gehen dann scheinbar getrennte Wege. Eine Autofahrerin sieht Arthur noch über die Felder taumeln, die an die Klippen von Brighton grenzen, doch da ist es bereits zu spät: Als sie einen Jogger anhält und die beiden nach dem Jugendlichen sehen, finden sie seinen leblosen Körper am Fuß der Felsen. 

Aus der Trauer in die Wahrheit

„Am Dienstagabend verstarb unser Sohn Arthur. Er war unser wunderschöner, glücklicher, liebender Junge“, lässt das Ehepaar in einer Stellungnahme verlauten. Musikfans fühlen sich an eine ähnliche Nachricht erinnert, die 1991 beim Unfalltod von Eric Claptons Sohn um die Welt geht. Cave lässt – verständlicherweise – erst einmal die Rollläden runter.

Schon vor dem Unfall hatten er und seine Band, die Bad Seeds, jedoch mit der Produktion des Albums Skeleton Tree begonnen. Die Texte stehen größtenteils, und natürlich bekommt Cave alle Zeit, die er braucht, doch er will dieses Werk vollenden, will diesen womöglich schwersten aller Prozesse dokumentieren. Als im Februar 2016 die letzten Sessions passieren, lädt man den Filmemacher Andrew Dominik ein. Es entsteht die enorm berührende Dokumentation One More Time With Feeling, die neben den Mitschnitten der Aufnahmen auch Interviews mit Cave, seinem Kollegen Warren Ellis und Susie Bick. 

Noch einmal mit Gefühl

Der Film markiert den Beginn des Verarbeitens, doch wie man weiß, findet Heilung selten linear statt. Vor der Tour zu Skeleton Tree befällt ihn 2017 erneut eine tiefe Trauer: „Da ist dieses Ding, und du weißt nicht, wie du es navigieren sollst. Es ist einfach da und nimmt jeglichen Raum ein. Es erfüllt deinen gesamten Körper. Das gleicht einem physischen Objekt. Du kannst fühlen, wie es von innen gegen deine Finger drückt. Da ist dann kein Platz für den Luxus der Kreativität.“

Und doch kämpft er sich bereits während der Tour mit Text- und Musikfragmenten zurück, die 2019 das hochgelobte Album Ghosteen ergeben. „Ich muss sagen, ich fühle mich so nicht mehr. Ich bin über den Berg, und vor mir liegt eine weite und offene Landschaft.“ Der Musiker scheint in der Tragödie auch Wahrheiten gefunden zu haben. Diese teilt er nicht nur in einer Reihe Podiumsdiskussionen, die er In Conversation nennt, sondern auch im Internet: Auf seinem persönlichen Blog The Red Hand Files steht er Fans und anderen Gästen Rede und Antwort. Mal geht es um Musik, mal um das Leben, mal um den Tod.

Poesie & Kraft

Über die Trauer um seinen Sohn schreibt er dort: „Wir brauchten eine Weile, um zu begreifen, dass er nicht nur uns, sondern auch der Welt gehörte. Wir haben einen Zustand erreicht, abseits des Lärms der Welt, in dem wir gemeinsam und mit ihm unsere Trauer erleben. Ein bedeutsamer Zustand, in dem wir ihm zeigen können, dass wir ihn lieben und vermissen, und dass es uns leid tut.“ Cave hält also durch, indem er Poesie und Kraft in die Welt trägt. Bewundernswert.

Nick Cave über die Drogen: Hohe Höhen, tiefe Tiefen

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