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Popkultur

Rise Against im Interview: „Wir malen Bilder von dieser kaputten Welt“

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Rise Against
Foto: Wyatt Troll

Mit Nowhere Generation veröffentlichen Rise Against ihr neuntes Studioalbum. Wir sprachen mit dem Sänger und Songschreiber der Band, Tim McIlrath.

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 von Markus Brandstetter

We are the nowhere generation / We are the kids that no one wants / We are a credible threat to the rules you set / A cause to be alarmed“, singt Tim McIlrath auf dem Titelsong des neuen Rise-Against-Albums Nowhere Generation. Darauf versetzt sich der 41-Jährige in die Lage einer jungen Generation, die den „American Dream“ als leere Versprechung erfährt, als längst vergangene Erinnerungen an heute nicht mehr umsetzbare soziale Sicherheiten, die – so macht es den Anschein – vorherigen Generationen vorbehalten zu waren. Eine Generation, die in einer immer mehr aus dem Ruder laufenden Welt groß wird.

Hier könnt ihr Nowhere Generation hören:

Gründe und Anlass für Wut und Verzweiflung gehen Rise Against auch im dreiundzwanzigsten Bandjahr nicht aus – aber es ist längst nicht alles Doom & Gloom. Schließlich gilt es, politische Songs zu schreiben, die ihre Hörer*innen nicht niedergeschlagen und resignativ zurücklassen, sondern auch das Ziel in Aussicht stellen, für das es sich zu kämpfen gilt. Darüber sprachen wir mit Tim McIlrath. 

Tim, lass uns zunächst über die Bedeutung des Albumtitels Nowhere Generation sprechen.

Auf den Titel Nowhere Generation kam ich durch etliche Gespräche mit jungen Fans. Die Leute, die unsere Band hören, sind ja in der Regel etwas jünger als ich selbst — nicht alle, aber doch viele. Sie haben mir beschrieben, was sie durchmachen. Sie haben das Gefühl, nicht weiterzukommen. Ein Teil von mir dachte anfangs noch, das sind doch genau die Probleme, die wir alle irgendwann mal durchgemacht haben, eben das Erwachsenwerden. Aber irgendwann realisierte ich, dass diese Generation sich tatsächlich in einer anderen, ganz eigenen Lage befindet. Dass sie ganz eigene Hindernisse zu überwinden hat als meine Generation.


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Welche Hürden sind das genau?

Ich wuchs in einer politisch wie wirtschaftlich relativ stabilen Zeit auf. Heute erleben wir den Aufstieg des Einen Prozents. Noch nie war Reichtum so konzentriert, noch nie wurden Menschen so beim Weiterkommen blockiert. Genau damit haben junge Leute heutzutage zu kämpfen: Sie schwimmen stromaufwärts, sie kämpfen gegen diese Strömung, aber sie scheinen sie nicht überwinden zu können. Das ist die „Nowhere Generation“: eine Generation, die versucht, voranzukommen, während jemand die Ziellinie immer weiter verschiebt.

Wie würde man selbst darauf reagieren, wenn man sein Bestes gibt, um weiterzukommen, und dann ändert jemand ständig die Ziellinie? Man würde schlussendlich das Handtuch werfen, man würde aufhören, an das System zu glauben, von dem man ein Teil ist. Man würde aufhören, an die Institutionen um einen herum zu glauben, daran, dass sie nur das Beste für einen im Sinn haben. Man würde diese Dinge mehr und mehr ablehnen. Diese Generation hat genau das getan: Sie hat aufgehört daran zu glauben. In dieser Ablehnungsspirale hat man ein paar Möglichkeiten. Man kann seinen eigenen Weg gehen. Oder man landet an wirklich gefährlichen, dunklen Orten, weil man nicht glaubt, dass es eine Zukunft gibt. Wenn man nicht weiß, wie das Morgen aussieht, tut man verrückte Dinge, man löst sich von einer Welt, in der man sich selbst nicht sehen kann.

Du selbst bist ja in den 1980ern aufgewachsen – der Zeit der Reaganomics. Siehst du da auch Ähnlichkeiten zur heutigen Situation? Unter Reagan gab es ja auch jede Menge Steuererleichterungen für große Konzerne, während es der Unter- und Mittelschicht schwer bis unmöglich gemacht wurde, nicht unähnlich zur heutigen Situation.

Ich glaube, das begann alles in den 1980er Jahren. Da gab es plötzlich diese Verschiebung in der Wahrnehmung. Man glaubte plötzlich, dass die Regierung schlecht sei, aber Unternehmen gut. Der Reaganismus und der Thatcherismus erklärten uns, dass die Regierungen nur dem freien Markt im Weg stünden und dass der freie Markt in Ruhe gelassen werden sollte, damit er sein eigenes Ding machen kann. Sie redeten uns ein, dass wir uns alle an unseren eigenen Stiefelschlaufen hochziehen können. Dass es eine Leistungsgesellschaft gibt, die einen für harte Arbeit belohnt. Und die Reaganomics haben einen großartigen Job gemacht, die Leute von dieser Trickle-Down-Theorie zu überzeugen. Man ließ sie glauben, dass man, wenn man gigantische Unternehmen mit riesigen Steuererleichterungen belohnt, sie ihre Gewinne steigern und der kleine Arbeiter schlussendlich davon profitieren wird.

Es hat sich aber immer wieder gezeigt, dass das nicht stimmt, sondern dass, wenn man den Konzernen Steuererleichterungen und mehr Gewinne gibt, sie diese Gewinne einfach auf die Cayman Islands schicken, auf irgendein Offshore-Bankkonto. Sie stellen nicht mehr Leute ein, nur weil sie mehr Gewinne gemacht haben.  Wenn man sie mit diesen riesigen Steuererleichterungen belohnt, nimmt man nur Geld aus der Tasche der Steuerzahler*innen und gibt das Geld nur dem Einen Prozent, das dieses Geld einfach hortet und es zum größten Teil eben nicht in die Wirtschaft zurück steckt.

Genau das ist der Grund, warum wir jetzt diesen Aufstieg des Einen Prozents sehen. Die Einkommensungleichheit wird zu einem der größten Probleme, die wir in der Welt haben. Es ist beängstigend. Es höhlt die Mittelschicht aus, es macht es schwieriger für die Menschen, mit dem gleichen Lebensstandard wie ihre Eltern zu leben. In dem Amerika, in dem ich aufgewachsen bin,  konnte eine Familie mit nur einem Einkommen einen Mittelklasse-Lebensstil führen. Heutzutage geht das nur noch, wenn beide Elternteile arbeiten. Das ist eine Gesellschaft, die in die falsche Richtung geht.

Glaubst du, dass die Nowhere Generation ausreichend dagegen rebelliert, sich organisiert?

Man könnte immer mehr machen. Aber es gibt einige wirklich spannende Dinge, die da draußen passieren. Man sieht, dass die Leute wirklich anfangen, sich zu kümmern. Dass sie erkennen, dass, wenn sie nicht ihre Hände auf das Steuerrad der Geschichte legen, sie nicht in die Richtung gehen wird, in der man sie haben will. Aber man sieht auch immer noch eine Menge Gleichgültigkeit, viele Leute, die sich einfach nicht an dem ganzen Prozess beteiligen wollen. Es ist schwer, ihnen die Schuld dafür zu geben, dass die Welt sie nicht mehr als Teil der Zukunft betrachtet. Aber ich merke, dass immer mehr darüber gesprochen wird. Über Gleichheit und Diskriminierung, Rassismus. Und es ist großartig, dass wir mehr darüber sprechen.

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War das von Anfang an der konzeptionelle rote Faden? Oder mit welcher thematischen Haltung bist du in den Schreibprozess gegangen?

Zunächst war es einfach nur ein leeres Blatt. Ich habe einfach angefangen, Songs zu schreiben, wie sie mir einfielen. Erst danach trat ich einen Schritt zurück und betrachtete das große Ganze. Dann  wurde mir klar, dass es genau das ist, worüber ich geschrieben habe. Das war nicht meine Absicht. Ich hatte kein definitiertes Ziel oder einen Plan. Aber als ich eben diesen Schritt zurücktrat, um eine andere Perspektive zu bekommen, sah ich, dass dieses Motiv immer wieder in vielen Songs auftauchte, in denen es einfach darum geht, wie sich die Leute heute fühlen und warum sie sich so fühlen. Warum wir in einer Welt aufwachen, in der wir so viel Angst vor der Zukunft haben — und dass, wenn man Angst vor der Zukunft hat, es wahrscheinlich wirklich gute Gründe dafür gibt. Darüber müssen wir reden, darüber müssen wir singen.

Ihr habt mit den Arbeiten vor der Covid-19-Pandemie begonnen, richtig?

Ja, das stimmt. Eine Menge von dieser Platte passierte vor Corona, vor dem Aufkommen der Black-Lives-Matter-Bewegung, vor den Unruhen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt. Wir haben die Songs fertiggestellt — und dann wurde die Welt erst richtig „interessant“. Das brachte mich dazu, über die Perspektive der Platte nachzudenken und sie umzuschreiben, neue Songs zu schreiben, Dinge zu verändern. Aber was passierte, war, dass viele der Songs, glaube ich, sogar noch relevanter wurden.

Bei Rise Against geht es ja immer darum zu erklären, wie die Welt aussehen würde, wenn wir so weitermachen. Und warum wir sie genau deshalb ändern sollten, warum wir uns gegen diese Dystopie erheben müssen. Wir malen Bilder von dieser kaputten Welt und wollen die Leute dazu inspirieren, etwas dagegen zu unternehmen.In gewisser Weise klingen die Songs also so, als wären sie mitten in diesem Chaos geschrieben worden. Und manchmal werden diese Bilder, die wir zeichnen, auch wahr – das sahen wir während der Pandemie, während der Hochzeit der Trump-Administration. Viele Dinge in der Gesellschaft, vor allem in den USA, wurden aus den Fugen gerissen. Und die Songs waren immer noch relevant, weil sie genau darüber sprachen.

Auch die Klima-Krise ist ein Thema auf Nowhere Generation.

Ja, auch darauf kommt diese Platte zu sprechen. Die Dringlichkeit dieser Probleme, mit denen wir konfrontiert sind. Das sind nicht Dinge, über die wir ewig nachdenken können — der Klimawandel wird nicht mit dem Destabilisieren des Planeten warten, bis wir fertig nachgedacht haben. Der Klimawandel kümmert sich nicht um unsere Gespräche oder um unsere wohlwollenden Bekundungen. Es geht nur um echte Veränderungen. Das kann man auf viele Dinge anwenden, auf Rassismus, Sexismus, vieles anderes. Wir dürfen nicht nur darüber sprechen, wir müssen etwas dagegen unternehmen.

Du bist Vater zweier Töchter. Würdest du sagen, dass deine Kinder deinen politischen Horizont verändert haben?

Absolut. Ich habe zwei Töchter im Teenager-Alter. Ich versuche, die Welt ein wenig durch ihre Augen zu sehen und ich vergleiche sie mit der Welt, die ich in ihrem Alter erlebt habe. Dann gibt es Zeiten, in denen ich feststellen muss, dass sich die Welt so sehr verändert hat, dass mein Rat veraltet ist. Meine Ratschläge brauchen ein Software-Update, sie sind sozusagen veraltete Technologie. Und so gibt es Zeiten, in denen ich merke, dass ich einfach auf sie hören muss. Und sie mir sagen lassen, wie ihre Welt aussieht, was sie wollen und wie sie ein Teil davon sein wollen, weil sie sich so sehr verändert hat.

Ja, wenn man Kinder hat, denkt man viel darüber nach. Dann werden diese Fragen immer dringlicher, weil man nicht will, dass sie in einer destabilisierten Gesellschaft leben, in der die Dinge wirklich gefährlich sind. Wenn man selbst behütet aufgewachsen ist und gute Erfahrungen gemacht hat, möchte man, dass seine Kinder diese guten Erfahrungen auch machen können. Man möchte sie dabei unterstützen, ihr Glück zu finden.

Es ist auf Nowhere Generation aber längst nicht alles dystopisch, es gibt auch stets etwas Optimistisches in den Stücken, sehe ich das richtig?

Ich denke, es gibt immer einen Silberstreif am Horizont, und es gibt immer Hoffnung, die in jedem Rise-Against-Song enthalten ist. Das ist einfach das, was wir als Band sind. So bin ich auch als Songwriter. Ich bin ein ewiger Optimist. Ich glaube an die jungen Leute, die erwachsenwerden und die Zügel der Welt in die Hand nehmen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass es gute Dinge gibt, die in der Welt passieren. Ich denke, als Songwriter muss ich die Hörer*innen immer mit diesem Gefühl zurücklassen. Ich denke nicht, dass es immer nur düster sein darf, denn ich glaube auch nicht, dass letztendlich alles düster ist. Ich möchte die Hörer*innen in diesen dunklen Wald mitnehmen. Aber ich möchte eine Spur von Brotkrumen hinterlassen, damit man wieder herauskommt.

Möglicherweise ist das ja, was einen guten politischen Song ausmacht: der Silberstreif am Horizont, der „Call to Action“. Wenn alles dem Untergang geweiht wäre, wäre es schwer, jemanden zum Aufstehen zu motivieren.

Ich glaube, du hast damit absolut recht. Es ist wichtig, über Probleme zu sprechen, aber man will nicht für immer an diesen dunklen Orten bleiben. Man will auch mal raus an die Sonne. Es ist nicht mein Ziel, die Hörer*innen bis zur Untätigkeit zu deprimieren. Mein Ziel ist es, Licht ins Dunkel zu bringen und sie dazu inspirieren, etwas zu tun und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Um das zu erreichen, darf man nicht nur immer Bilder davon malen, wie schlimm es werden könnte, sondern auch thematisieren, wie es auch gut enden kann.

Du hast mal erwähnt, dass du im Lockdown wieder zu studieren angefangen hast. Wie läuft’s damit?

Es läuft gut, ich mache es immer noch. Ich bin für mehrere Klassen eingeschrieben. Das ist etwas, was ich immer schon machen wollte: wieder zur Schule zu gehen. Nachdem letztes Jahr klar wurde, dass wir nicht touren würden, dachte ich, dass ich vielleicht mal weniger reden und mehr zuhören sollte. Das führte dazu, dass ich mich zum Studium anmeldete und Kurse belegte. Das wurde zu einem wirklich intensiven Herbst für mich, in dem ich viel arbeitete, viel recherchierte, viele Arbeiten schrieb und versuchte, mit den vielen Kursen, für die ich mich angemeldet hatte, Schritt zu halten. Was manchmal wirklich schwierig war, aber es war wirklich lohnend. Ich belegte Fächer wie Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften. Das sind sozusagen die Wurzeln der Menschheit, die Wurzeln dessen, wer wir als Menschen sind. Es war tröstlich, sich während der Wahl in den USA damit zu befassen. Zu wissen, dass die Menschheit solche instabilen Zeiten bereits durchlebt hat. Es war manchmal wirklich ein Trost, seine Nase in einem Buch über die Zivilisation zu vergraben.

Also quasi eine Perspektive zu bekommen, dass chaotische Zeiten nichts neues sind?

Ja genau. Man merkt gewissermaßen, dass es offensichtlich war, dass es soweit kommen würde. Wir müssen eben rausfinden, wie man aus so einer Situation wieder rauskommt. Aber wir haben das in der Vergangenheit schon geschafft und können es wieder tun.

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