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Popkultur

Zeitsprung: Am 10.3.1977 drehen die Sex Pistols bei Vertragsabschluss auf.

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Foto: Chalkie Davies/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 10.3.1977.

von Peter Hesse und Christof Leim

1977 stehen die Zeichen auf Veränderung – und die die Sex Pistols schlagen in die Musikwelt ein wie eine Bombe. Hinter Anarchy In The UK steckt mehr als ein Slogan, sondern vielmehr eine neue Stunde Null in der britischen Popkultur. Auch in geschäftlichen Dingen agieren die Band und insbesondere ihr Manager Malcolm McLaren sehr geschäftstüchtig. Sie kassieren von wechselnden Plattenfirmen viel Geld und halten sich nicht an Verträge. So dauert ihr Engagement beim Label A&M ganze sechs Tage, macht die Band um Johnny Rotten und Sid Vicious aber um 75.000 Pfund reicher. Am 10. März 1977 unterschreiben die Sex Pistols den Deal.

Hier könnt ihr euch viele Sex Pistols-Klassiker anhören: 

 Hackebreit bei der Pressekonferenz

Wie immer spielt dabei das inszenierte Chaos die Hauptrolle: „Den Plattenvertrag mit A&M haben wir direkt vor dem Buckingham-Palast zu Papier gebracht – und es war saukomisch“, schreibt Johnny Rotten in seiner 2014 erschienenen Autobiografie Anger Is An Enemy. „Danach haben wir hackebreit noch eine Pressekonferenz gegeben. Und Sid schmiss mit einer Sahnetorte.“

In ihren Büros hatte die Plattenfirma absolut nichts für die Sex Pistols und die anstehende Vertragsunterzeichnung vorbereitet, nicht mal ein paar Drinks. „Also bestanden wir darauf“, schreibt Rotten weiter, „dass sie jemanden zum Bierholen schicken. Diese Plattenfirmen wussten einfach nicht, wie man eine Willkommensparty gibt.“  Und die Pistols agieren dabei wie ein Sack Flöhe: Steve Jones ist völlig betrunken, Paul Cook verschwindet mit einer Praktikantin auf dem Damenklo, und Sid Vicious schreit eine Sekretärin mit den Worten an: „Gib mir ein Pflaster, du Nutte!“. Das braucht nämlich der Bassmann, denn er läuft barfuß in den A&M-Räume herum und ist kurz vorher in eine Glasscherbe getreten. 

God Save The Queen

Ursprünglich erscheint die Wahl, ausgerechnet bei A&M zu unterzeichnen, schon als etwas unorthodox. Denn das Label steht mehr für etablierte Mainstream-Akteure wie Supertramp oder Peter Frampton und wird als Familienkonzern mit Sitz in Los Angeles geführt. Chefs sind die Musikbusiness-Veteranen Herb Alpert (vor allem bekannt als Easy-Listening-Trompeter) und Jerry Moss; die beiden Anfangsbuchstaben der Nachnamen ergeben das Kürzel A&M. Die ersten Gespräche für diesen Deal führte Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren im Februar 1977 in Kalifornien, nach seiner Rückkehr in London spitzen sich die Dinge zu. Knackpunkt sind der Vorschuss für die Verlagsrechte und die Anzahl der Songs, die die Band in der Folgezeit liefern soll. Im Raum stehen 18 Stücke in zwei Jahren und ein Vorschuss von 75.000 britischen Pfund. Und mit God Save The Queen wird zudem die erste Single festgelegt.

Die Grafikabteilung erarbeitet Coverentwürfe, bei denen die Band zusammen mit Wachposten vor dem Buckingham Palast fotografiert werden. Doch schon hier entsteht Streit, weil Sid Vicious, Paul Cook und Steve Jones ihre Anträge auf Arbeitslosenunterstützung in die Kameras halten. Gefühlt 100 weitere Vorschläge landen später im Papierkorb, darunter Layouts mit stilisierten Sicherheitsnadeln oder Hakenkreuzen. 

„Eine Horde psychisch Kranker“

In kurzer Zeit verdichten sich die Spannungen, so dass die unsichere Verbindung zwischen A&M und den Pistols in den nächsten Tagen an eine hysterische Zwangsheirat erinnert. Die Plattenfirma nimmt die Band wahr wie „eine Horde psychisch Kranker mit einem satanischen Manager“. Als die Nachricht aus dem firmeneigenen Presswerk kommt, dass God Save The Queen in einer Auflage von 25.000 vorliegt, gerät die Firma in Panik. Denn auch der Text sorgt mit Zeilen wie „God save the Queen, the fascist regime, they made you a moron, a potential H-bomb“ für zusätzlichen Zündstoff.

Der britische Chef von A&M, ein Herr namens Derek Green, steht mit dem Rücken zur Wand, weil es täglichen zu neuen Spannungen kommt. Er zieht die Reißleine und entwirft ein knappes Statement: „Zwischen A&M und den Sex Pistols bestehen keinerlei geschäftliche Verbindungen mehr. Die Produktion ihrer Single God Save The Queen wird gestoppt.“ Am 16. März, nur sechs Tage nach Start der Kooperation, bestellt er Sex Pistols-Manager Malcolm McLaren zu den A&M Anwälten. Den Vorschuss kann die Band behalten, aber die 25.000 Exemplare der Single werden eingestampft.  Mit der Abfindung im Rücken unterschreibt die Band kurz darauf beim verhassten Hippie-Label Virgin Records, wo damals Tangerine Dream und Mike Oldfield unter Vertrag stehen. Nur wenige Wochen später erscheint am 27. Mai 1977 die Single God Save The Queen rechtzeitig zum silbernen Thronjubiläum der britischen Königin. 

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