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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.2.1979 stirbt Sid Vicious von den Sex Pistols.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.2.1979.

von Christof Leim und Timon Menge

Obwohl Sid Vicious gar nicht Bass spielen kann, prägt er das Image der Sex Pistols und des Punk generell. In der Öffentlichkeit schockiert er, wo er nur kann, seine Verfehlungen handeln ihm Ärger mit dem Gesetz ein, und Heroin bereitet ihm große Probleme. Am 2. Februar 1979 stirbt er mit 21 Jahren an einer Überdosis.


Hört hier in das einzige Sex Pistols-Album rein:

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Los geht es am 10. Mai 1957 in London, wo Sid Vicious unter seinem bürgerlichen Namen Simon John Ritchie zur Welt kommt. Seine Mutter Anne hat die Schule früh verlassen und sich in den Dienst der Royal Air Force gestellt. Dort lernt sie auch Simons Vater kennen. Der wiederum arbeitet als Wache am Buckingham Palace und bewegt sich als Posaunist durch die Londoner Jazz-Szene. Doch die Beziehung verläuft sich. 1965 heiratet Anne ihren neuen Partner Christopher Beverley, der nur sechs Monate später einer Krebserkrankung erliegt. Seinen Nachnamen behält sie. Nach einigen weiteren Umzügen landen Mutter und ihr 14-jähriger Sohn 1971 wieder in London.

Aufregend und neu: die Sex Pistols zu Beginn der Punk-Ära.

Nach zwei Jahren in der Hauptstadt lernt Simon John Ritchie seinen zukünftigen Kollegen John Lydon kennen, besser bekannt unter dem Pseudonym Johnny Rotten. Die beiden ziehen durch die Londoner Musikwelt, wo sie zum Beispiel Pretenders-Gründerin Chrissie Hynde kennenlernen. Als Ritchie von Rottens Hamster in die Hand gebissen wird, ruft er: „Sid is really vicious!“ Der Vorfall verschafft ihm den legendären Spitznamen, den er bis zu seinem Tod trägt. Um an Geld zu kommen, betätigen sich die jungen Punks als Straßenmusiker und covern zum Beispiel Songs von Alice Cooper. Der Legende nach geben die Passanten den beiden vor allem deshalb Geld, damit sie aufhören zu spielen.

Englands Duo Infernale der Siebziger: Sid Vicious links, Johnny Rotten rechts. Im Hintergrund Gitarrist Steve Jones.

Die musikalische Betätigung verschafft Vicious erste Mitgliedschaften in unterschiedlichen Bands. So tritt er ab 1976 als Mitglied von The Flowers Of Romance in Erscheinung, wo er mit The Clash-Gründungsmitglied Keith Levene spielt. Bei Siouxsie & The Banshees betätigt er sich als Schlagzeuger. Sein erster Fehler unterläuft ihm, als er der neue Sänger von The Damned werden soll. Weil er nicht zum Casting auftaucht, entscheidet sich die Gruppe gegen ihn. Später wirft Vicious der Band vor, sie habe ihm absichtlich falsche Informationen gegeben, damit er unpünktlich erscheint. Der Konflikt artet aus: Vicious besucht ein Konzert von The Damned, völlig betrunken und auf Speed. In seiner Wut schmeißt er ein Glas auf die Bühne, dessen umherfliegende Scherben eine anwesende Zuschauerin teilweise erblinden lassen. Am nächsten Tag wird Vicious von der Polizei einkassiert und landet im Gefängnis.



Nach seiner Freilassung steigt Vicious Anfang 1977 bei den Sex Pistols ein. Gründungsmitglied und Bassist Glen Matlock hat gerade seinen Hut genommen, weil ihm die kreative Ausrichtung der Gruppe nicht mehr gefällt. Manager Malcolm McLaren findet damals die richtigen Worte für den Neuzugang: „Wenn Johnny Rotten die Stimme des Punk sein soll, ist Sid Vicious die Attitüde.“ Das erste gemeinsame Konzert findet am 3. April 1977 statt. Durch Zufall existiert sogar ein Videomitschnitt der Show, der im Film The Punk Rock Movie zu sehen ist. Was viele nicht wissen: Als Matlock die Band verlässt, stehen bereits zahlreiche Demos für das erste Sex Pistols-Album Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols (1977). Die Aufnahmen sind heute unter dem Titel Spunk erhältlich.

Vicious’ genaue Rolle in der Gruppe bleibt zunächst unklar. Als Bassist taugt er eigentlich gar nicht, sogar Motörhead-Krachgott Lemmy Kilmister versucht, Sid Vicious den Viersaiter näher zu bringen – vergeblich. Also spielt Gitarrist Steve Jones die Bassspuren für das Debüt ein. Lediglich für Bodies darf der Neuling ran, später spielt Jones allerdings auch für diesen Song Overdubs ein. Als dem glücklosen Neuzugang auch noch eine Hepatitisinfektion dazwischenpfuscht, nimmt er endgültig kaum noch an den Aufnahmen teil. Im Krankenhaus erhält er vor allem Besuch von Nancy Spungen, einem amerikanischen, heroinsüchtigen Groupie, das er gerade kennengelernt hat.



Nach einigen Konzerten in England fahren die Sex Pistols im Januar 1978 auf ihre erste US-Tour, die allerdings nur acht Shows umfasst. Das liegt einerseits daran, dass die Musiker untereinander streiten und keinen gemeinsamen roten Faden mehr verfolgen. Andererseits nimmt Vicious’ Heroinkonsum Überhand. Ihre letzte Show spielen die Sex Pistols am 14. Januar 1978 in San Francisco. Nach dem Ende schlägt Sid Vicious den Weg Richtung Solokarriere ein, Nancy Spungen versucht sich als seine Managerin. Während jener Zeit kollaboriert er mit Mick Jones von The Clash, seinem Vorgänger Glen Matlock, Rat Scabies von The Damned und Arthur Kane von den New York Dolls. Seine gut besuchten Auftritte finden hauptsächlich in Kansas City statt.



Schwere Anschuldigungen sieht sich Vicious im Oktober 1978 gegenüber, als er Nancy Spungen nach einer wilden Nacht tot im Badezimmer vorfindet, verblutet an einer Stichwunde in ihrem Bauch. Das Paar hatte in der vorherigen Nacht einiges an Drogen eingeworfen, Vicious kann sich an nichts erinnern. Er wird festgenommen und kommt kurze Zeit später auf Kaution frei, weil unter anderem Mick Jagger Geld beisteuert, ohne groß Aufhebens darum zu machen. Die ganze Geschichte des Mordprozesses haben wir in einem anderen Zeitsprung aufgeschrieben. Am 9. Dezember verhaftet die Polizei den Briten erneut, diesmal weil er Patti Smiths Bruder Todd bei einem Konzert angegriffen hat. Das Gericht verurteilt ihn, und er landet für genau 55 Tage im New Yorker Gefängnis Rikers Island, wo er gezwungenermaßen einen schmerzhaften Entzug durchläuft. Am 1. Februar 1979 kommt Vicious wieder auf freien Fuß.



Noch am selben Abend feiert er seine Freilassung und beschafft sich Heroin. Den ganzen Abend schmiedet Vicious Pläne, erzählt von zukünftigen Soloalben und davon, dass er seine Karriere wieder auf Vordermann bringen möchte. Gegen Mitternacht stirbt er an einer Überdosis, gefunden wird er am nächsten Morgen von seiner Mutter. Ob Vicious seinen eigenen Tod wollte, ob es sich um einen Unfall handelte oder ob seine ebenfalls drogenabhängige Mutter gar beteiligt war, bleibt bis heute ungeklärt. So behauptet Peter Gravelle, seines Zeichens Fotograf der Sex Pistols, in einem Interview mit dem Mirror: „Nicht nur, dass Anne ihm das Heroin gekauft hat. Sie hat es ihm auch verabreicht.“ Auch Autor und Journalist Alan Parker behauptet, Vicious’ Mutter habe ihm den Mord an ihrem Sohn gestanden. 1996 nimmt sich Anne Beverley das Leben.

Machen folgenreichen Krach: Sid Vicious, Steve Jones, Johnny Rotten und Paul Cook (v.l.)

Trotz seines beschränkten musikalischen Talents gilt er bis heute als prägende Figur des Punk. Seine eigentliche Funktion in der Gruppe verbirgt sich aber woanders: Immer wieder fällt Vicious auf, ob durch seinen Kleidungsstil, sein nihilistisches Verhalten oder die Wunden, die er sich selbst mit Rasierklingen zufügt. Wer ihn hingegen persönlich kennenlernt, wie zum Beispiel Joe Strummer von The Clash, findet ihn sympathisch und berichtet von seiner unprätentiösen Art. Fakt ist: Sid Vicious musste viel zu früh von uns gehen, seine Biografie bleibt bis heute eine der tragischsten in der Geschichte der Rockmusik. Rest in peace, Sid!



Teaserbild: Richard E. Aaron/Redferns

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