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Popkultur

Filmreif: Wenn Musiker*innen unter die Soundtrack-Komponisten gehen!

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Foto: Hector Mata/AFP via Getty Images

Neil Young, Nick Cave, Tom Petty, Eddie Vedder haben mehr gemeinsam als man denkt: Alle haben schon mindestens einen Soundtrack geschrieben – für Blockbuster, Indie-Perlen oder obskure Kultfilme. Vom Tonstudio ins Filmstudio, oder: Wenn Rocker die Filmbrache aufmischen.

von Björn Springorum

Viele Songs sind filmreif. Mindestens ebenso viele werden gern als Soundtracks verwendet. Die Balladen für Liebesfilme, die Kracher für gehörige Action mit Wumms, Explosionen und Tom Hardy. Ist nachvollziehbar, aber eben nicht die einzige Bande, die die Damen und Herren der musikalischen Zunft mit dem Sündenpfuhl Hollywood geknüpft haben. Von Eddie Vedder über Simon And Garfunkel bis hin zu Queen haben sich viele veritable Größen des Rock‘n‘Roll auch an filmmusikalischen Auftragsarbeiten versucht. Die Ergebnisse fallen natürlich sehr unterschiedlich aus. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Es ist überaus spannend, zu sehen, was ein solcher Job aus der Filmindustrie mit den einzelnen Künstler*innen angestellt hat.

Aussteiger in Alaska

Nehmen wir zum Beispiel mal Eddie Vedder. Der schrieb 2007, also in einer Zeit der emsigen Betriebsamkeit bei Pearl Jam, den Soundtrack für die Bestsellerverfilmung Into The Wild. Angelehnt an das naturgewaltige Aussteiger-Setting des Films, wählt Vedder eine meditative, folkige Herangehensweise, instrumentiert die Lagerfeuersongs sehr spärlich und setzt gänzlich auf Melancholie und seine markante Stimme. Rekrutiert auf persönlichen Wunsch des Regisseurs Sean Penn, reflektiert Vedders Arbeit die epochale Wildnis Alaskas und die unnachgiebige Kraft der Natur. Muss ihm auch selbst gefallen haben: Der Sänger stellt das Werk ausgiebig auf Tournee vor und setzt die archaische Stimmung aus Folk, Roots und Rock auch 2011 auf seinem zweiten Solowerk Ukulele Songs fort. Ach ja: Guaranteed gewann dann sogar noch den Golden Globe für den besten Filmsong.

Die Sache mit Mrs. Roosevelt

Fairerweise muss man sagen, dass Vedder schon ein bisschen Erfahrung hatte: Gemeinsam mit Nusrat Fateh Ali Khan steuert er schon 1995 zwei Songs zum Soundtrack von Dead Man Walking bei. Wie die Jungfrau zum Kind kommen 1967 hingegen Simon & Garfunkel. Deren Musik für The Graduate (Die Reifeprüfung) wurde zwar nicht gänzlich für den Film komponiert, ist aber auch so eine perfekte musikalische Repräsentation der turbulenten Liebesaffäre zwischen Benjamin Braddock und einer gewissen Mrs. Robinson – umso mehr, da der Film über weite Strecken ganz ohne Musik auskommt und die Songs des damals längst weltberühmten Duos umso effektiver einsetzt. Kernstück des Soundtracks ist natürlich Mrs. Robinson. Diese Nummer hieß eigentlich Mrs. Roosevelt und war ein Lied über die Präsidentengattin. Kurz umbenannt, zack, fertig ist der zukünftige Klassiker.

Wer will schon ewig Leben?

Bei Queen ist die Sachlage ein bisschen anders. Aber das ist sie ja irgendwie immer bei ihnen. Für Flash Gordon schöpfen Queen 1980 aus dem Vollen und bescheren dem Kult-Film einen Kult-Soundtrack. Theatralisch und melodramatisch wie man Queen kennt, garniert mit einer herrlich trashigen Science-Fiction-Aura und zahlreichen Dialogen und Sequenzen aus dem Film: Was anfangs nach einer gewagten Idee klingt, erweist sich als Glücksfall. Selbst wenn Freddie Mercury nur in zwei Songs zu hören ist. Anders sieht es da schon 1986 bei Highlander aus: Weil Marillion das Angebot ausschlagen, springen kurzerhand Queen in die Bresche, schreiben Songs wie Princes Of The Universe, A Kind Of Magic oder das übermächtige Who Wants To Live Forever direkt für den Fantasy-Klassiker.

Petty und Springsteen

Das Indie-Kino wäre ohne Songs von Tom Petty And The Heartbreakers irgendwie nur halb so schön. Wenn die Band also gleich ein ganzes Album für den Soundtrack eines Films beisteuert, darf man sich als Cineast wie auch als Musikfan ein Loch in den Bauch freuen. So geschehen bei Edward Burns‘ She‘s The One von 1996, einer Rom-Com mit Jennifer Aniston und Cameron Diaz. Benannt ist der Film nach dem Springsteen-Song, was Petty als engem Freund natürlich gefallen haben dürfte. Vielleicht ist es nicht das beste Album von ihm und seinen Heartbreakers; allein die Beteiligung von Lucinda Williams, Lindsey Buckingham oder Beck machen aus She‘s The One aber etwas Besonderes.

In fünf Sprachen zum Comeback

Sollen wir… nein, vielleicht besser nicht. Oder doch? Ja. Ach, wir sind uns einfach nicht sicher, ob wir über Tarzan und Phil Collins sprechen sollen oder nicht. Dann wiederum: You‘ll Be In My Heart räumt sowohl Oscar als auch Golden Globe ab. Dass Collins den Soundtrack auf englisch, italienisch, französisch, spanisch und deutsch einsingt, ist dann aber doch etwas zu viel des Guten. Äh, des Kitschigen. Dem Genesis-Sänger dürfte das dennoch sehr gelegen gekommen sein: Tarzan läutete 1999 sein Comeback ein. Und wenn wir schon bei Disney sind, können wir natürlich gleich noch auf Daft Punks vorzüglichen Retro-Futurismus für die Musik zu TRON: Legacy gratulieren. Ist auch ohne fünf Sprachfassungen richtig stark.

Dynamische Duos

Damit sollten wir den Bogen zu den richtigen Scores, also komponierten Werken, schlagen. Ganz vorn dabei: Trent Reznor und sein partner in crime, Atticus Ross. Ihr unheilvoller, prägnanter Score für The Social Network bringt ihnen den Oscar ein und verankert sie fest in der Top-Liga von Hollywoods Komponisten. Es folgen The Girl With The Dragon Tattoo, Gone Girl, Bird Box oder die Serie Watchmen. Ganz ähnlich, wenn auch in einer anderen, dunkleren Nische des Films unterwegs, sind Nick Cave und sein kauziger Kumpel Warren Ellis. 2005 schreiben sie die Musik für Proposition, zu dem Cave gleich auch das Drehbuch beisteuert. Es ist der Grundstein einer langen Partnerschaft, die bislang zu meditativen, elegischen und feingliedrig-bittersüßen Scores für The Assassination of Jesse James By The Coward Robert Ford oder The Road geführt hat. Alles kein leichter Tobak, ebenso wenig wie die Musik der beiden Schattengestalten der Filmmusik.

Wo sind die Frauen?

Beachten möchten wir auch diesen außergewöhnlichen Soundtrack eines außergewöhnlichen Films: Jim Jarmuschs monochrom-psychedelischer Western Dead Man wäre nur halb so soghaft ohne die Musik von Neil Young. Obwohl: Eigentlich ist der Soundtrack ein Hohelied auf Old Black, Youngs legendäre Gitarre, mit der er den Soundtrack aus Improvisationen zusammenfriemelte. So merkwürdig und rührend wie diese Halluzination eines Films auch.

Wer jetzt ganz richtig anmerkt, dass das hier aber eine arg weiße und männliche Liste ist, hat leider Recht. Wäre uns auch lieber, wenn es anders wäre, doch es scheint, dass es Musikerinnen auch in Hollywood deutlich schwerer haben als die Kollegen mit y-Chromosom. Wunderbare und wichtige Ausnahme: Die Isländerin Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir, die mit ihrer klaustrophobisch-fesselnden Musik für den Joker jedes fette Orchester an die Wand spielt und dafür vollkommen zurecht einen Oscar bekommen hat. Wollen wir hoffen, dass ihr Erfolg den Weg ebnet für mehr Frauen in der Filmmusik.

10 Songs, die im Kino berühmt wurden

 

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