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Popkultur

Zeitsprung: Am 3.6.1970 reist Ray Davies zwischen NYC und London – wegen eines Wortes.

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Das Cover der deutschen Single von „Lola“

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.6.1970.

von Christof Leim

Man hätte ja befürchten können, dass sich die Moralwacht im Großbritannien der beginnenden Siebziger daran stört, dass es im Hitsong Lola von The Kinks um ein Rendezvous mit einem Transvestiten geht. Doch es gibt ein anderes Problem, und zwar mit einem einzigen Wort. Und wegen dieses einen Wortes muss Sänger Ray Davies Anfang Juni 1970 zwischen New York City und London hin- und herfliegen. Mehrfach.

Hier gibt es dazugehörige Kinks-Album Lola Versus Powerman

„Where you drink champagne and it tastes just like Coca-Cola“. Das singt Ray Davies in der ersten Strophe von Lola, einer Hitsingle seiner Band The Kinks. Das geht für die altehrwürdige BBC natürlich nicht, Markennamen gehören nicht in ins Programm. Dummerweise geht im Vereinigten Königreich an dieser öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Sachen Radio und TV nichts vorbei. Wenn die BBC eine Single nicht spielt, dann wird sie signifikant weniger gehört und signifikant weniger gekauft. Für die Charts hat das Folgen. Aber Kinks-Chef Ray Davies will einen Hit.

Das muss ein Hit werden

So hat er Lola auch komponiert: „Ich wollte etwas, dass die Leute in den ersten fünf Sekunden erkennen“, schreibt er später in seiner Autobiografie. „Sogar meine zweijährige Tochter hat mir den Chorus vorgesungen. Mir war klar, dass das einschlagen muss.“ Eine Sperre des Liedes bei der BBC kann der damals 25-Jährige also nicht akzeptieren. Am 12. Juni 1970 soll die Single erscheinen, erst kurz davor wird die Band über die Problematik informiert. Blöd, dass die Kinks gerade durch die USA touren und sich die Masterbänder in London befinden.

The Kinks in den Siebzigern. Der zweite von rechts muss oft ins Flugzeug. – Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Als muss Ray Davies zurück auf die Insel fliegen, um den Text an dieser einen Stelle zu ändern. Aus „Coca-Cola“ wird „Cherry-Cola“. Nach einer Show in Minnesota am 23. Mai setzt sich der Sänger also ins Flugzeug, singt was Schönes und reist – angeblich umgehend – zurück für den nächsten Gig in Chicago. Das ergibt natürlich eine wunderbare Geschichte für die Musikmagazine und Zeitungen, zumal das alles in wenig mehr als 24 Stunden passiert sein soll. Wenn die im Netz zu findenden Tourdaten (hier und hier) stimmen, dann hat unser Mann aber ein paar Tage Zeit, denn in Chicago geht es erst am 29. Mai weiter. Trotzdem: Zwei Mal 6000 Kilometer für ein Wort. Autsch.

Reise, Reise

Aber damit ist die Sache nicht erledigt: Der Chef zeigt sich nämlich mit dem Ergebnis nicht zufrieden, wie Thomas M. Kitts im Buch Ray Davies: Not Like Everybody Else schreibt. Deshalb reist Davies am 3. Juni 1970 ein zweites Mal aus den Vereinigten Staaten nach London, um eine Version seines Liedes fertigzustellen, die sowohl seinen Ansprüchen als auch denen BBC genügen. Manche Quellen gehen hingegen davon aus, dass Davies am 3. Juni 1970 zurückfliegt, um mit seiner Kapelle in New York City aufzutreten. So oder so: Das eine Wörtchen „Coca“ zu „Cola“ verursacht vier Flüge zu je 6000 Kilometer. Doppelautsch. Aber es lohnt sich offensichtlich: Lola in der korrigierten Single-Version (in Mono) erreicht Platz zwei in Großbritannien, Platz neun in den USA und gehört zu den beliebtesten Stücken der Kinks (nach dem, ähüm, Van-Halen-Cover You Really Got Me).

Die Variante mit „Coca-Cola“ gibt es übrigens auch, sie erscheint (in Stereo) auf dem dazugehörigen Album Lola Versus Powerman And The Moneygoround, Part One im November des Jahres. Und was hat es nun mit dem mysteriösen Champagner auf sich, der wie Cola (welche auch immer) schmeckt? Den gibt es wirklich, behauptet Davies gegen über dem Magazin Q: „Ich habe mal kalifornischen Champagner getrunken, der genau so schmeckte, irgendwo in einer Touristenfalle in L.A.“

Zeitsprung: Am 4.8.1964 veröffentlichen The Kinks „You Really Got Me“.

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