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Things have(n’t) changed: Bob Dylan begeistert in Berlin

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Das Regelwerk ist längst abgesteckt: Die Bühne ist spartanisch mit großen Scheinwerfern ausgeleuchtet, die aus einem Filmstudio der 1960er-Jahre stammen könnten. Sie werfen ihr Licht großteils von hinten auf die Musiker, das gibt den Protagonisten etwas Mystisches, Ikonenhaftes.

von Markus Brandstetter

Nicht, dass Bob Dylan noch mehr von diesen beiden Attributen brauchen könnte: Er ist gleichermaßen historische Figur, Songheiliger, ordenbehangene Projektionsfläche für alles und jeden. So sehr, dass eigentlich der Karren auf der Never Ending Tour vor lauter Last zusammenbrechen müsste.

Aber.

Dylan hat an diesem Abend, wie an jedem anderen, seine Orden zuhause gelassen. Seine Überlebensgröße ist unser Problem, nicht seines, genau wie etwaige Erwartungshaltungen. Punkt 20 Uhr kommt er gemeinsam mit seiner Band auf die Bühne. Ohne Ankündigung und – natürlich – ohne Begrüßung. Davor die Anweisung von oben: Keine Mobiltelefone. Die Musiker bringen sich in Position, Dylan stellt sich breitbeinig hinter den Flügel. Die Band eröffnet den Abend punktgenau mit Things Have Changed, die Version kennt bereits man von den letzten Jahren.


Hört hier zur Einstimmung in die besten Dylan-Songs rein:

Für die ganze Playlist klickt auf “Listen”.

Er spielt an diesem Abend nur Klavier, meist Akkord-Variationen, manchmal auch Oktav-Verzierungen. Er wirkt hochkonzentriert, geht nach den Stücken immer wieder ein paar Schritte nach hinten zu seinen Mitmusikern. Die Band spielt sich perfekt durch alle Spielarten des Americana, legt den Fokus auf Dynamik, auf Nuancen. Der Hallensound an diesem Abend ist ihnen, zumindest in den vorderen Reihen, wohlgesonnen. Manchmal nimmt Dylan die Mundharmonika zur Hand und spielt ein paar Takte, dann gibt es Szenenapplaus.

Stetig im Wandel

Dass Dylan seine Songs nicht gerne so lässt, wie man sie zu kennen glaubt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Vielleicht versucht er so, die Stücke von mythologischem Staub zu befreien und lebendig zu halten. Oder er sucht nach wie vor neue Blickwinkel und Zugangsarten, um das Prozedere für ihn interessant zu halten. So oder so: Es ist auf den einzelnen Tourabschnitten jedes Mal aufs Neue spannend, wie Dylan und die Band die Songs verändern, neu denken, umkrempeln, neu arrangieren. Manchmal sind das einfach nur andere Grooves, Taktarten, manchmal wird aber auch die Akkordstruktur abgeändert oder teils umgeworfen.

Das kann neue Stücke wie Pay In Blood betreffen, die plötzlich getriebener und harmonisch abgewandelt daherkommen, aber auch ein Monumentalwerk wie Like A Rolling Stone. Das bekommt plötzlich kurz vor dem Refrain einen emotionalen Breakdown verpasst, bei dem Dylan alles dramatisch langzieht, mit dem Klavier-Arpeggio Spannung aufbaut, ehe er dann mit den altbekannten Worten auflöst: How does it feel?“

Auf den letzten Alben, auf denen sich der Musiker des Sinatra-Songbooks angenommen hat, hat er sein Crooning perfektioniert. Das passt zu dem, was stimmlich heute für ihn eben möglich ist und steht auch den meisten Stücken gut. Sinatra-Stücke gibt’s diesmal keine – dafür eine grandiose Setlist mit Klassikern wie It Ain’t Me, Babe, Simple Twist Of Fate, Highway 61 Revisited, Don’t Think Twice (It’s Alright) und When I Paint My Masterpiece. Einen guten Teil des Sets machen auch die Stücke der späteren Alben aus, Thunder On The Mountain (Dylan sucht immer noch Alicia Keys!) von Modern Times und natürlich das eine oder andere Stück von Dylans letztem Longplayer mit Eigenmaterial, Tempest.

Der Abschluss

Am Ende gibt’s dann das bekannteste Stück aus seiner gerne geschmähten religiösen Phase: Gotta Serve Somebody beschließt den Abend, ehe die Band nochmal für zwei Stücke zurückkommt: Blowin’ In The Wind in der 6/8-Version, die man schon von den letzten Jahren kennt. Und am Ende – auf All Along The Watchtower  wartet man diesmal vergeblich – It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry. Dylan und die Band stellen sich in Reihe, verbeugen sich einmal – und weg sind sie.

Irgendwann einmal wird sogar die Never Ending Tour ihr Ende finden. Bis sie das tut – und hoffentlich ist das noch weit entfernt – ist es immer wieder ein großes Vergnügen, Dylan und seiner Band dabei zuzusehen, wie sie hochkonzentriert diese Lieder pulsieren und weiterleben lassen, anstatt sie als überlebensgroße Gedenksteine und Monumente vor sich zu hin zu schleppen.

Bob Dylans Setlist in Berlin:

Things Have Changed
It Ain’t Me, Babe
Highway 61 Revisited
Cry A While
When I Paint My Masterpiece
Honest With Me
Tryin’ To Get To Heaven
Scarlet Town
Make You Feel My Love
Pay In Blood
Like A Rolling Stone
Early Roman Kings
Thunder On The Mountain
Soon After Midnight
Gotta Serve Somebody

Zugabe:
Blowin’ In The Wind
It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry


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Titelfoto: Bob Dylan bei den 17. Critics’ Choice Movie Awards (Christopher Polk/Getty Images for VH1)

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