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Popkultur

1969 – das Jahr, das die Musikwelt völlig veränderte

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Höhepunkte, Tragödien, Paradigmenwechsel und Neuanfänge: Vor fünfzig Jahren erlebte die (Musik-)Welt geradezu einen Ansturm an Umbrüchen. 1969 ist bis heute das wohl ereignisreichste wie auch widersprüchlichste Jahr der Musikgeschichte: Ideale scheiterten, Grundsteine für Musikrevolutionen wurden gelegt. Der Hippie-Traum starb, der Proto-Punk wurde geboren – und zeitgleich stieg auch der (ihm so verhasste) Progressive Rock an die Spitze. Nicht zuletzt trat auch die berühmteste Band der Musikgeschichte zum letzten Mal auf.

von Markus Brandstetter

Der Höhepunkt und das tragische Ende von  “Love and Peace”

Zwei Jahre, nachdem Hunderttausende nach Haight Ashbury gepilgert waren und damit den Summer of Love ausgerufen hatten, fand dieser Traum und die Hippie-Bewegung ihren Höhe- wie auch ihren traurigen Schlusspunkt. Vom 15. bis zum 18. August wurde auf einem Farmgelände in Bethel in den Catskill Mountains nordwestlich von New York City das legendäre Woodstock-Festival abgehalten. Das Line-up liest sich wie ein Who is Who der 1960er-Jahre: The Who, The Grateful Dead, Joan Baez, Richie Havens, Janis Joplin, Joe Cocker, Sly And The Family Stone, Jimi Hendrix und viele weitere schafften es, das Festival trotz organisatorischem Chaos zum Sinnbild für Love & Peace zu machen.



Als genaues Gegenteil sollte das Altamont Free Concert in die Geschichte eingehen, das am 6. Dezember 1969 vier Menschenleben kostete. Neben zahlreichen anderen Bands traten an diesem Abend The Rolling Stones auf. Als Security hatte die Band Mitglieder der Motorradgang Hells Angels engagiert. Die Show begann schon turbulent, Zuschauer prügelten sich, die Situation wurde mehr und mehr unruhig. Dann kam es zur Katastrophe: Ein Mitglied der Security erstach den afroamerikanischen Jugendlichen Meridith Hunter, der im Drogenrausch eine Schusswaffe gezogen haben soll. Das Altamont-Festival ist der historische Schlusspunkt der Hippie-Bewegung und wird als Ende der Unschuld und Unbeschwertheit einer ganzen Ära gesehen.

Für viele endeten die Ideale des Summer of Love aber schon kurz vor Woodstock mit den bestialischen Tate/La-Bianca-Morden, die von der Manson Family rund um den erfolglosen Musiker und Sektenführer Charles Manson in der Nacht vom 8. auf 9. August in Kalifornien verübt wurden.

Die Beatles spielen ihr letztes Konzert

1969 sahen die Welt aber nicht nur das Ende der Hippies, sondern auch die größte Band aller Zeiten das letzte Mal auf der Bühne. Das “Rooftop Concert” der Beatles fand am 30. Januar 1969 auf dem Dach ihrer Firma Apple Corps Ltd. in London statt. Es wurde nicht angekündigt, es gab keine Tickets – dafür eine stetig größer werdende Menge an Passanten und Fans, die zum Teil auf umliegende Häuser kletterten, um einen möglichst guten Blick auf das Geschehen zu kriegen. Ein Jahr später löste sich die größte Band aller Zeiten Band dann auf.



John & Yoko demonstrieren im Bett für Frieden

Kurz nach dem Live-Ende der Beatles feierten John Lennon und Yoko Ono ihre Flitterwochen – und ließen sich aus Protest gegen den Vietnamkrieg etwas besonderes einfallen. Sie luden vom 25. bis zum 31. März die Presse in ihre Suite im Amsterdam Hilton Hotel ein – und hielten ein Bed-In ab. Von neun Uhr früh bis neun Uhr Abends saßen John und Yoko am Bett – alles in weiß gehalten – und demonstrierten für den Frieden. Es gab auch ein zweites Bed-in im kanadischen Montreal – das eigentlich in New York City abgehalten werden hätte sollen, allerdings durfte Lennon wegen einer Verurteilung wegen Cannabis-Besitz nicht einreisen.



Prog-Rock erlebt (s)einen Höhepunkt

Ganz besonders drei Alben krempeln 1969 die Rockmusik um. Am 7. März erscheint mit From Genesis To Revelation das Debüt von Genesis. Am 25. Juli veröffentlichen Yes ihr selbstbetiteltes erstes Album. Am 10. Oktober geben schließlich auch noch King Crimson mit In The Court Of The King Crimson ihr erstes Lebenszeichen auf LP. King Crimson geben im selben Jahr auch ihr Live-Debüt – als Supportband für The Rolling Stones, angeblich vor 250.000 Menschen. Progressive Rock, oft auch nur Prog genannt, ist am Höhepunkt – und verkauft sich. Nicht allen gefiel die neue, halb auf die Hochkultur schielende Musikrichtung. “Ich war nie ein großer Fan von dem, was man Progressive Rock nennt”, erklärte einst Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour, selbst in vielerlei Hinsicht Wegbereiter des Genres.



Der Proto-Punk wird geboren

Auch wenn man die Geburt des Punk etwas später ansiedelt – dass zwei der wegweisenden Proto-Alben genau im Jahr des Endes der Hippie-Ära sowie zeitgleich zum Erstarken des virtuosen, teils verkopften Prog Rocks erscheinen, ist kein Zufall. Am 5. August 1969 veröffentlicht das Trio The Stooges ihr selbstbetiteltes Debütalbum – und damit eines der wichtigsten Rockalben der Geschichte. Acht Songs lang rocken Iggy Pop, Dave Alexander sowie Ron und Scott Ashton simpel, rau und stoisch nach vorne – produziert von Velvet-Underground-Mitglied John Cale. Es sollte ein wegweisendes Debüt sein – Generationen an Bands berufen sich auf The Stooges, auf deren Grundpfeilern kurz darauf Punk entsteht. Dasselbe gilt auch für MC5, im Februar – wenige Monate vor The Stooges – ihr Debüt Kick Out The Jams veröffentlichen.



Was noch passierte

Bob Dylan wechselte plötzlich seine Singstimme und veröffentlichte mit Nashville Skyline eine Country-Platte. The Beatles veröffentlichten Abbey Road, Leonard Cohen Songs From A Room. David Bowie legte mit Space Oddity den Grundstein für die kommenden Jahre, The Who brachten ihre Rockoper Tommy auf den Markt. Fans der Rock-Avantgarde ist aus diesem Jahr wohl Trout Mask Replica von Captain Beefheart in Erinnerung. The Rolling Stones haben einen Tag vor der Tragödie bei ihrem Konzert auf dem Altamont Speedway Free Festival das Album Let It Bleed veröffentlicht. Und eine weitere Band trat an, um den Rock’n’Roll für immer zu verändern: Led Zeppelin brachten am 12. Januar ihr selbstbetiteltes Debütalbum heraus – und schon neun Monate später den Nachfolger Led Zeppelin II.



Was übrig blieb

1969 brachte in vielerlei Hinsicht eine Ernüchterung. Die 1960er verloren ihre Unschuld und ein Stück weit auch ihren Optimismus. Die “Love and Peace”-Bewegung endete blutig – und der Vietnamkrieg, gegen den man protestierte, wütete weiter. Es sollten noch fünf weitere Jahre vergehen, bis der Krieg endlich Geschichte war – er überdauerte die Hippies um ein halbes Jahrzehnt. Der Idealismus, die Naivität und der Optimismus der 1960er verschwanden und wichen einem entgrenzten Hedonismus – ein guter Nährboden für das Jahrzehnt, in dem der Rock’n’Roll das übermächtige Epizentrum der Gegenkultur und Rebellion wurde.


Titelfoto: Besucher*innen auf dem Weg zum Woodstock 1969. Ric Manning [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]


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