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Popkultur

Die musikalische DNA von Bob Dylan

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Was soll das eigentlich sein, eine musikalische DNA? In erster Linie sind es die verschiedenen Einflüsse, welche in den Sound von Band X oder Künstler*in Y eingeflossen sein. In zweiter Linie ist es die Auswirkung, die sie selbst auf die Musikwelt gehabt haben. Bei Bob Dylan ergibt sich da allerdings ein Problem: Seine DNA ist nicht wie jede andere. Nach mehreren Nachtschichten im Klanglabor müssen wir euch als Resultat von intensiven Spektralanalysen jedes einzelnen Gitarrentons leider mitteilen, dass Dylan wohl tatsächlich nicht nur anders ist als alle vor und nach ihm. Sondern dass er schlicht einer anderen Spezies angehört.


Hört hier in die musikalische DNA von Bob Dylan rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

So erklärt sich vielleicht auch, wie er seit rund 30 Jahren konstant auf Tour sein kann, wie selbst die Beatles ihn damals schon als eine ihrer größten Inspirationen bezeichneten oder dass ihm selbst hartgesottene Fans erst die elektrische und dann die christliche Phase verziehen haben. So erklären sich womöglich der Literaturnobelpreis und all die anderen schier übermenschlichen Auszeichnungen, die Robert Allen Zimmerman im Laufe von fast sechs (!) Jahrzehnten eingeheimst hat: Er ist einfach nicht von dieser Welt, und doch hat er sie erobert. Nicht aber, dass es damit getan wäre – Dylan wird noch selbst vom Sarg aus ein Liedchen singen, ganz sicher.

Versuchen wir aber zuerst das Unmögliche und nähern uns dieser absonderlichen Spezies namens Bob Dylan an. Über Musik, die ihn geprägt hat, über Musik, die er geprägt hat. Nein, alles können wir hier nicht erfassen. Wie auch, wir sind ja nur normalsterbliche Menschen.


1. Hank Williams – Lost Highway

Wie viele andere seiner Generation konnte sich der 1941 geborene Robert Allen dem aufkommenden Rock’n‘Roll nicht entziehen. Wie auch? Die Musik war wie gemacht für einen Backfisch wie ihn: wild, energetisch und ein echter Elternschreck. Doch Dylan wollte immer schon auch mehr von der Musik als nur den Soundtrack zur Kinderzimmerrevolution. Er wollte Storys, Statements, bedeutungsvolle Inhalte. Er fand sie in den klassischen US-amerikanischen Musiktraditionen, vor allem Folk und Country. Auf seinem Debütalbum arrangierte er deswegen 1962 eine ganze Reihe von Traditionals neu und machte sie zeitgemäß.

Hank Williams gehört seit Anfang an zu den Größten der Country-Tradition. Ein großer Erzähler, aber auch eine tragische Figur – ein echter „rolling stone“, wie er in Lost Highway singt. Denn alt wurde Williams nicht und hinterließ ein recht schmales musikalisches Erbe. 2011 verhalf ihm Dylan mit der Veröffentlichung von The Lost Notebooks of Hank Williams wieder zu neuer Aufmerksamkeit und vertonte auf dem Album auch ein Gedicht aus dem Nachlass des mit nur 29 Jahren verstorbenen Sängers. Die Texte waren ihm schließlich wichtig. „Mir wurde bewusst, dass Hanks aufgenommene Songs die archetypischen Gesetze des Songwritings waren“, schrieb er wortgewandt in seinen Memoiren. „Architektonische Formen wie Marmorsäulen.“


2. Woody Guthrie – So Long It’s Been Good to Know You

Nicht allein aber das poetische Element in Folk und Country gefiel Dylan. Früh auch begeisterte er sich neben der Musik von Williams oder natürlich Johnny Cash auch für den wilden und direkten Stil Woody Guthries, für handfeste Aussagen also. „This Machine Kills Fascists“ hatte der sich bekanntermaßen auf die Gitarre geschrieben, Tear the Fascists Down hieß einer seiner Songs. Guthrie sang über die grauenhaften Zustände, in denen die amerikanischen Ureinwohner*innen leben mussten, sang über das Elend der arbeitenden Bevölkerung und wie sich andere mit ihrem Leid eine goldene Nase verdienten.

Aus seiner Begeisterung für Guthrie hat Dylan nie einen Hehl gemacht. Rund 1 7000 Wörter umfasst sein Song for Woody und vermutlich hätte er dem älteren Kollegen gerne noch mehr gesagt. Beziehungsweise tat er das, und das sogar noch bevor er sich selbst einen Namen gemacht hatte. 1961 befand sich Guthrie im Greystone Park Psychiatric-Krankenhaus und bekam Besuch von dem Youngster, der gierig seine Musik und Bücher verschlungen hatte und ihm den Song for Woody persönlich vorspielte. Nach dem Treffen soll Guthrie Dylan eine Karte mitgegeben haben, auf der die Worte „I ain’t dead yet“ geschrieben standen. Irgendwann aber hieß es So Long It’s Been Good to Know You


3. Joan Baez – With God on Our Side

Guthrie höchstpersönlich gab Dylan sein Segen – da konnte ja gar nichts mehr schiefgehen! Oder? Ein paar Anfangsschwierigkeiten musste der Jungspund doch überwinden. Eine der größte Folk-Sängerinnen seinen Generation konnte er nämlich nur zögerlich von sich überzeugen. Als Joan Baez ihn zuerst bei einem Konzert im Jahr 1961 live erlebte, zeigte sie sich unbeeindruckt. Er allerdings hatte ihre Auftritte im Fernsehen verfolgt und war komplett in ihrem Bann. „Ihr Anblick ließ mich seufzen“, schrieb er in Chronicles: Volume One. „All das und dann war dann noch diese Stimme. Diese Stimme, die alle bösen Geister vertrieb. Sie sang mit ihrer Stimme direkt zu Gott…“

Gott muss wohl nicht nur den Gesang Baez‘, sondern auch das Flehen Dylans um ihre Aufmerksamkeit erhört haben und die beiden dankten es ihm: Auf dem Monterey Folk Festival 1963 spielten sie gemeinsam ihr erstes Lied, With God on Our Side. Die beiden wurden ein Paar und ein Sprachrohr für bürgerrechtliche Fragen, vor denen sie nicht weiter die Augen verschließen wollten. Eine ungleiche Kombination, die uns allen mehr als Musik gegeben hat. Doch auch das hatte ein Ende, kein schönes wie bekannt ist. „Ich habe hauptsächlich gute Dinge über ihn zu sagen. Eine Zeit lang war das anders“, erklärte Baez noch Anfang 2018. „Da war ich zu verletzt, es war alles zu furchtbar. Aber das ist vorbei.“


4. Robert Johnson – Come on in My Kitchen

Wie es eben so ist, und da machen auch Superstars keine Ausnahme: Nicht immer läuft im Leben alles so, wie es sollte. Da hilft wenig. Außer natürlich der Blues. Und wenn schon der Blues, dann bitte aber auch der King of the Delta Blues Singers – Robert Johnson. Als 1961 die Compilation selben Namens veröffentlicht wurde, gelang der 1938 verstorbene Sänger plötzlich wieder zu schlagartiger Bekanntheit. „Vom ersten Ton an bereiteten mir die Vibrationen des Lautsprechers eine Gänsehaut“, erinnerte sich Dylan an sein erstes Hörerlebnis. „Die Gitarrenklänge könnten ein Fenster zum Springen bringen.“

Die emotionale Wucht der mythischen Figur beeindruckte Dylan nachhaltig. „Wenn Johnson anfing zu singen, dann schien er wie ein Typ, der in voller Kampfmontur von Zeus‘ Kopf gesprungen kam. Sofort war mir klar, dass er anders war als alle anderen, die ich bis dahin gehört hatte.“ Wie deutlich er sich von Johnson, der angeblich seine Seele dem Teufel verkauft haben soll, beeinflussen ließ, zeigt der Song Pledging My Time: „Somebody got lucky but it was an accident“, singt er darin und zitiert auch musikalisch das Johnson-Stück Come on in My Kitchen, in dem es „Some joker got lucky stole her back again“ heißt.


5. Little Richard – Tutti Frutti

Sowieso scheint Dylan einer der wenigen Künstler seiner Generation zu sein, der das Erbe schwarzer Musik mit Respekt behandelte – im musikalischen wie auch im politischen Leben, wie sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung bewies. Für ihn fängt Rock’n‘Roll-Geschichte also auch nicht erst bei Elvis an, sondern vielmehr bei Little Richard. Schon zu Schulzeiten spielte er in Bands Coverversionen von Richard-Stücken und unter seinem Jahrbucheintrag stand sogar „Robert Zimmerman: to join ‚Little Richard‘.“ als Wunsch für die Zukunft geschrieben. Er hat’s geschafft, oder?

Von Bukka White bis Chuck Berry hat Dylan viele andere Idole, doch Little Richard steht bis heute noch nach wie vor für die endgültige Elektrifizierung der Blues-Musik und damit die Erfindung von dem, was wir Rock’n‘Roll nennen. Tutti Frutti machte einer ganzen Generation Beine! Schon 1958 schrieb er einen Song namens Hey Little Richard, der bis heute nur schwer aufzutreiben ist. Es ist eine seiner ersten, wenn nicht die erste Aufnahme überhaupt. Was ihn an Richard faszinierte, war aber nicht nur das exaltierte Auftreten des Musikers, sondern auch seine Lyrics. „Ich habe immer gedacht“, schrieb er in seinen Memoiren, „dass mit ‚A wop bop a loo lop a lop bam boo‘ schon alles gesagt worden war.“ So, so!


6. Buddy Holly – Not Fade Away

„Ich möchte Little Richard danken, der dort vorne sitzt“, sagte Dylan auch in seiner Dankesrede, als er 1988 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. „Ich schätze mal, ohne ihn hätte ich nie mit der Musik angefangen.“ Eine große Würdigung, wie sie Dylan gerne mal zu passenden Anlässen von sich gibt. In seiner Nobelpreisrede erinnerte er sich an einen anderen Musiker, der ihn in Teenage-Jahren geprägt hatte: Buddy Holly. Holly war am 31. Januar 1959 in Duluth, Minnesota zu Besuch und gab ein Konzert, zu dem auch der 17-jährige Dylan gekommen war.

„Er schaute mir unmittelbar in die Augen und übertrug etwas auf mich. Etwas, von dem ich nicht genau wusste, was es eigentlich war. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter“, erinnerte sich Dylan an den denkwürdigen Abend. Ein Omen vielleicht? Nur wenige Tage später schied Holly nämlich bei einem Flugzeugabsturz viel zu früh aus dem Leben. Dass Dylan gerne bei Konzerten das Stück mit dem orakelhaften Titel Not Fade Away spielt, ist da vielleicht von besonderer Bedeutung. „Er war ein Poet“, erzählte Dylan ehrfürchtig einem Reporter. „Seiner Zeit war er weit voraus.“


7. The Impressions – People Get Ready

Dasselbe ließe sich aber natürlich genauso von Dylan selbst sagen. Auch er war seiner Zeit voraus und zeigte sich unerschrocken, selbst wenn seine Fanbase ihm einige Kurswechsel übel nahm. Als die „elektrische“ Phase Dylans begann, hagelte es böse Worte. Dylan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Legendär ist ein Konzert aus dem Mai 1966 aus der Free Trade Hall in Manchester. „Judas!“, schrie dort jemand aus dem Publikum, weil Dylan angeblich die Folk-Musik verraten hatte. Der konterte: „Ich glaub‘ dir nicht… Du bist ein Lügner!“, drehte sich seelenruhig zu seiner Band um und sagte: „Play it fuckin‘ loud!“.

Welchen Song die Band spielte, und zwar extra laut? Like a Rolling Stone natürlich. Welche Band es war? Na, die Band! Also The Band. So zumindest nannte sich die Truppe um Robbie Robertson später, damals waren sie noch als The Hawks bekannt. Robertson stärkte Dylan nicht nur bei seinen elektrischen Sets den Rücken, sondern brachte ihm auch den Soul näher, Musik von unter anderem den Impressions um Curtis Mayfield, deren People Get Ready von Dylan wie auch später der Band beziehungsweise beiden gemeinsam gecovert wurde. Keine Überraschung eigentlich, dass sich Dylan mit dem samtigen Soul gut anfreunden konnte…


8. Ma Rainey – Yonder Comes the Blues

…denn von dem ist es eben nur ein Steinwurf zur Gospel-Musik, die in seinem Werk schon immer eine enorm wichtige Rolle gespielt hat. Vor allem in den späten siebziger Jahren natürlich, als Dylan sich dem evangelikanischen Glauben zuwandte, mit unter anderem Slow Train Coming ein paar vom Christentum inspirierte Platten aufnahm und dabei auch Gospel-Elemente einbrachte. Nicht allen gefiel das, den wenigsten sogar. Selbst John Lennon antwortete mit dem Song Serve Yourself auf Dylans Stück Gotta Serve Somebody! Eine klare Ansage von dem sonst so friedliebendem Ex-Beatle…

Doch die christliche Phase Dylans stützte sich nicht allein auf Gospel. Yonder Comes Sin etwa, eine nur als Bootleg kursierende Aufnahme, die erst 2017 als Proberaumaufnahme ordentlich veröffentlicht wurde, ist ein Cover von Ma Raineys Yonder Comes the Blues, dem Dylan eine religiöse Dimension gab. Die 1939 verstorbene Blues-Sängerin kam bereits im Tombstone Blues vom Album Highway 61 Revisited vor und wurde dort in einer Reihe mit Ludwig van Beethoven genannt. Noch 2006 mopste sich Dylan für das Stück Thunder on the Mountain ein paar ihrer Textzeilen. Kein Plagiat, wie Dylan übrigens argumentieren würde – sondern Teil einer musikalischen Tradition.


9. Frank Sinatra – Ebb Tide

So wehrte er sich auch entschieden gegen den Vorwurf, mit Shadows in the Night ein Frank Sinatra-Cover-Album aufgenommen zu haben. Obwohl doch jedes der Stücke zuvor von Ol‘ Blue Eyes aufgenommen und bekannt gemacht wurde! Tontechniker Al Schmitt aber verriet, dass Dylan während der Aufnahmesessions den Sänger genauestens studierte. „Er hörte die Stücke wieder und wieder und versuchte herauszufinden, wohin Sinatra mit jedem von ihnen hinwollte“, erklärte er. „Dann nahm er zwei oder drei Takes von jedem Tune auf, machte sie sich aber zu eigen. Es hatte nichts mehr mit Sinatra zu tun.“

Eine interessante Arbeitsmethode! Und vielleicht letztlich auch die schönste Form von Widmung, oder? Denn die Verehrung für den charismatischen Vorzeigecrooner war schließlich da. „Ebb Tide von Frank Sinatra hat mich niemals nicht umgehauen“, gestand Dylan einst. „Die Lyrics waren so mysteriös und überwältigend. Wenn Frank den Song sang, konnte ich alles in seiner Stimme hören – den Tod, Gott, das Universum – alles!“ Nur verständlich. Was für ein intensives Stück Musik dieser Song doch ist!


10. Elvis – Tomorrow Is a Long Time

Bob Dylan, hieß es eingangs, ist seine eigene Spezies, vielleicht sogar überhaupt nicht von diesem Planeten. Das macht es schwierig, die Zusammensetzung seiner musikalischen DNA zu bestimmen. Geradezu unmöglich ist es aber, zu sagen, wo die Musikwelt heute wäre, hätte sich diese DNA nicht fortgepflanzt. Wer nach den sechziger Jahren nicht von Bob Dylan beeinflusst wurde, muss schon unter einem Stein in der Wüste gelebt haben! Wer auch immer eine Gitarre nur angefasst hat, wird darauf Blowin’ in the Wind gespielt haben. Das prägt, über die Generationen und Genres hinweg.

Sogar der King selbst sang seine Songs. „Ich mag Elvis Presley“, sagte Dylan 1969 lakonisch in einem Rolling Stone-Interview. „Elvis Presley hat einen Song von mir aufgenommen. Das die eine Aufnahme, die mir am meisten am Herz liegt… Das Stück heißt Tomorrow Is a Long Time.“ Tatsächlich veröffentlichte er erst 1971 eine eigene Version des Songs, das 1966 als Bonus auf dem Elvis-Album Spinout veröffentlicht wurde. Elvis selbst aber kannte das Stück von anderswo her: Zu hören war es auch auf Odettas Cover-Album Odetta Sings Dylan. Kreuz und quer wurde das Stück durch die Musikwelt gereicht – typisch für Dylans musikalische DNA, aber auch diesen außergewöhnlichen Künstler.


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Zeitsprung: Am 9.7.1962 nimmt Bob Dylan das poetische “Blowin’ In The Wind” auf.

Die musikalische DNA von Cat Stevens

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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