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Popkultur

Die musikalische DNA von Bob Dylan

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Was soll das eigentlich sein, eine musikalische DNA? In erster Linie sind es die verschiedenen Einflüsse, welche in den Sound von Band X oder Künstler*in Y eingeflossen sein. In zweiter Linie ist es die Auswirkung, die sie selbst auf die Musikwelt gehabt haben. Bei Bob Dylan ergibt sich da allerdings ein Problem: Seine DNA ist nicht wie jede andere. Nach mehreren Nachtschichten im Klanglabor müssen wir euch als Resultat von intensiven Spektralanalysen jedes einzelnen Gitarrentons leider mitteilen, dass Dylan wohl tatsächlich nicht nur anders ist als alle vor und nach ihm. Sondern dass er schlicht einer anderen Spezies angehört.


Hört hier in die musikalische DNA von Bob Dylan rein:

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Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

So erklärt sich vielleicht auch, wie er seit rund 30 Jahren konstant auf Tour sein kann, wie selbst die Beatles ihn damals schon als eine ihrer größten Inspirationen bezeichneten oder dass ihm selbst hartgesottene Fans erst die elektrische und dann die christliche Phase verziehen haben. So erklären sich womöglich der Literaturnobelpreis und all die anderen schier übermenschlichen Auszeichnungen, die Robert Allen Zimmerman im Laufe von fast sechs (!) Jahrzehnten eingeheimst hat: Er ist einfach nicht von dieser Welt, und doch hat er sie erobert. Nicht aber, dass es damit getan wäre – Dylan wird noch selbst vom Sarg aus ein Liedchen singen, ganz sicher.

Versuchen wir aber zuerst das Unmögliche und nähern uns dieser absonderlichen Spezies namens Bob Dylan an. Über Musik, die ihn geprägt hat, über Musik, die er geprägt hat. Nein, alles können wir hier nicht erfassen. Wie auch, wir sind ja nur normalsterbliche Menschen.


1. Hank Williams – Lost Highway

Wie viele andere seiner Generation konnte sich der 1941 geborene Robert Allen dem aufkommenden Rock’n‘Roll nicht entziehen. Wie auch? Die Musik war wie gemacht für einen Backfisch wie ihn: wild, energetisch und ein echter Elternschreck. Doch Dylan wollte immer schon auch mehr von der Musik als nur den Soundtrack zur Kinderzimmerrevolution. Er wollte Storys, Statements, bedeutungsvolle Inhalte. Er fand sie in den klassischen US-amerikanischen Musiktraditionen, vor allem Folk und Country. Auf seinem Debütalbum arrangierte er deswegen 1962 eine ganze Reihe von Traditionals neu und machte sie zeitgemäß.

Hank Williams gehört seit Anfang an zu den Größten der Country-Tradition. Ein großer Erzähler, aber auch eine tragische Figur – ein echter „rolling stone“, wie er in Lost Highway singt. Denn alt wurde Williams nicht und hinterließ ein recht schmales musikalisches Erbe. 2011 verhalf ihm Dylan mit der Veröffentlichung von The Lost Notebooks of Hank Williams wieder zu neuer Aufmerksamkeit und vertonte auf dem Album auch ein Gedicht aus dem Nachlass des mit nur 29 Jahren verstorbenen Sängers. Die Texte waren ihm schließlich wichtig. „Mir wurde bewusst, dass Hanks aufgenommene Songs die archetypischen Gesetze des Songwritings waren“, schrieb er wortgewandt in seinen Memoiren. „Architektonische Formen wie Marmorsäulen.“


2. Woody Guthrie – So Long It’s Been Good to Know You

Nicht allein aber das poetische Element in Folk und Country gefiel Dylan. Früh auch begeisterte er sich neben der Musik von Williams oder natürlich Johnny Cash auch für den wilden und direkten Stil Woody Guthries, für handfeste Aussagen also. „This Machine Kills Fascists“ hatte der sich bekanntermaßen auf die Gitarre geschrieben, Tear the Fascists Down hieß einer seiner Songs. Guthrie sang über die grauenhaften Zustände, in denen die amerikanischen Ureinwohner*innen leben mussten, sang über das Elend der arbeitenden Bevölkerung und wie sich andere mit ihrem Leid eine goldene Nase verdienten.

Aus seiner Begeisterung für Guthrie hat Dylan nie einen Hehl gemacht. Rund 1 7000 Wörter umfasst sein Song for Woody und vermutlich hätte er dem älteren Kollegen gerne noch mehr gesagt. Beziehungsweise tat er das, und das sogar noch bevor er sich selbst einen Namen gemacht hatte. 1961 befand sich Guthrie im Greystone Park Psychiatric-Krankenhaus und bekam Besuch von dem Youngster, der gierig seine Musik und Bücher verschlungen hatte und ihm den Song for Woody persönlich vorspielte. Nach dem Treffen soll Guthrie Dylan eine Karte mitgegeben haben, auf der die Worte „I ain’t dead yet“ geschrieben standen. Irgendwann aber hieß es So Long It’s Been Good to Know You


3. Joan Baez – With God on Our Side

Guthrie höchstpersönlich gab Dylan sein Segen – da konnte ja gar nichts mehr schiefgehen! Oder? Ein paar Anfangsschwierigkeiten musste der Jungspund doch überwinden. Eine der größte Folk-Sängerinnen seinen Generation konnte er nämlich nur zögerlich von sich überzeugen. Als Joan Baez ihn zuerst bei einem Konzert im Jahr 1961 live erlebte, zeigte sie sich unbeeindruckt. Er allerdings hatte ihre Auftritte im Fernsehen verfolgt und war komplett in ihrem Bann. „Ihr Anblick ließ mich seufzen“, schrieb er in Chronicles: Volume One. „All das und dann war dann noch diese Stimme. Diese Stimme, die alle bösen Geister vertrieb. Sie sang mit ihrer Stimme direkt zu Gott…“

Gott muss wohl nicht nur den Gesang Baez‘, sondern auch das Flehen Dylans um ihre Aufmerksamkeit erhört haben und die beiden dankten es ihm: Auf dem Monterey Folk Festival 1963 spielten sie gemeinsam ihr erstes Lied, With God on Our Side. Die beiden wurden ein Paar und ein Sprachrohr für bürgerrechtliche Fragen, vor denen sie nicht weiter die Augen verschließen wollten. Eine ungleiche Kombination, die uns allen mehr als Musik gegeben hat. Doch auch das hatte ein Ende, kein schönes wie bekannt ist. „Ich habe hauptsächlich gute Dinge über ihn zu sagen. Eine Zeit lang war das anders“, erklärte Baez noch Anfang 2018. „Da war ich zu verletzt, es war alles zu furchtbar. Aber das ist vorbei.“


4. Robert Johnson – Come on in My Kitchen

Wie es eben so ist, und da machen auch Superstars keine Ausnahme: Nicht immer läuft im Leben alles so, wie es sollte. Da hilft wenig. Außer natürlich der Blues. Und wenn schon der Blues, dann bitte aber auch der King of the Delta Blues Singers – Robert Johnson. Als 1961 die Compilation selben Namens veröffentlicht wurde, gelang der 1938 verstorbene Sänger plötzlich wieder zu schlagartiger Bekanntheit. „Vom ersten Ton an bereiteten mir die Vibrationen des Lautsprechers eine Gänsehaut“, erinnerte sich Dylan an sein erstes Hörerlebnis. „Die Gitarrenklänge könnten ein Fenster zum Springen bringen.“

Die emotionale Wucht der mythischen Figur beeindruckte Dylan nachhaltig. „Wenn Johnson anfing zu singen, dann schien er wie ein Typ, der in voller Kampfmontur von Zeus‘ Kopf gesprungen kam. Sofort war mir klar, dass er anders war als alle anderen, die ich bis dahin gehört hatte.“ Wie deutlich er sich von Johnson, der angeblich seine Seele dem Teufel verkauft haben soll, beeinflussen ließ, zeigt der Song Pledging My Time: „Somebody got lucky but it was an accident“, singt er darin und zitiert auch musikalisch das Johnson-Stück Come on in My Kitchen, in dem es „Some joker got lucky stole her back again“ heißt.


5. Little Richard – Tutti Frutti

Sowieso scheint Dylan einer der wenigen Künstler seiner Generation zu sein, der das Erbe schwarzer Musik mit Respekt behandelte – im musikalischen wie auch im politischen Leben, wie sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung bewies. Für ihn fängt Rock’n‘Roll-Geschichte also auch nicht erst bei Elvis an, sondern vielmehr bei Little Richard. Schon zu Schulzeiten spielte er in Bands Coverversionen von Richard-Stücken und unter seinem Jahrbucheintrag stand sogar „Robert Zimmerman: to join ‚Little Richard‘.“ als Wunsch für die Zukunft geschrieben. Er hat’s geschafft, oder?

Von Bukka White bis Chuck Berry hat Dylan viele andere Idole, doch Little Richard steht bis heute noch nach wie vor für die endgültige Elektrifizierung der Blues-Musik und damit die Erfindung von dem, was wir Rock’n‘Roll nennen. Tutti Frutti machte einer ganzen Generation Beine! Schon 1958 schrieb er einen Song namens Hey Little Richard, der bis heute nur schwer aufzutreiben ist. Es ist eine seiner ersten, wenn nicht die erste Aufnahme überhaupt. Was ihn an Richard faszinierte, war aber nicht nur das exaltierte Auftreten des Musikers, sondern auch seine Lyrics. „Ich habe immer gedacht“, schrieb er in seinen Memoiren, „dass mit ‚A wop bop a loo lop a lop bam boo‘ schon alles gesagt worden war.“ So, so!


6. Buddy Holly – Not Fade Away

„Ich möchte Little Richard danken, der dort vorne sitzt“, sagte Dylan auch in seiner Dankesrede, als er 1988 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. „Ich schätze mal, ohne ihn hätte ich nie mit der Musik angefangen.“ Eine große Würdigung, wie sie Dylan gerne mal zu passenden Anlässen von sich gibt. In seiner Nobelpreisrede erinnerte er sich an einen anderen Musiker, der ihn in Teenage-Jahren geprägt hatte: Buddy Holly. Holly war am 31. Januar 1959 in Duluth, Minnesota zu Besuch und gab ein Konzert, zu dem auch der 17-jährige Dylan gekommen war.

„Er schaute mir unmittelbar in die Augen und übertrug etwas auf mich. Etwas, von dem ich nicht genau wusste, was es eigentlich war. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter“, erinnerte sich Dylan an den denkwürdigen Abend. Ein Omen vielleicht? Nur wenige Tage später schied Holly nämlich bei einem Flugzeugabsturz viel zu früh aus dem Leben. Dass Dylan gerne bei Konzerten das Stück mit dem orakelhaften Titel Not Fade Away spielt, ist da vielleicht von besonderer Bedeutung. „Er war ein Poet“, erzählte Dylan ehrfürchtig einem Reporter. „Seiner Zeit war er weit voraus.“


7. The Impressions – People Get Ready

Dasselbe ließe sich aber natürlich genauso von Dylan selbst sagen. Auch er war seiner Zeit voraus und zeigte sich unerschrocken, selbst wenn seine Fanbase ihm einige Kurswechsel übel nahm. Als die „elektrische“ Phase Dylans begann, hagelte es böse Worte. Dylan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Legendär ist ein Konzert aus dem Mai 1966 aus der Free Trade Hall in Manchester. „Judas!“, schrie dort jemand aus dem Publikum, weil Dylan angeblich die Folk-Musik verraten hatte. Der konterte: „Ich glaub‘ dir nicht… Du bist ein Lügner!“, drehte sich seelenruhig zu seiner Band um und sagte: „Play it fuckin‘ loud!“.

Welchen Song die Band spielte, und zwar extra laut? Like a Rolling Stone natürlich. Welche Band es war? Na, die Band! Also The Band. So zumindest nannte sich die Truppe um Robbie Robertson später, damals waren sie noch als The Hawks bekannt. Robertson stärkte Dylan nicht nur bei seinen elektrischen Sets den Rücken, sondern brachte ihm auch den Soul näher, Musik von unter anderem den Impressions um Curtis Mayfield, deren People Get Ready von Dylan wie auch später der Band beziehungsweise beiden gemeinsam gecovert wurde. Keine Überraschung eigentlich, dass sich Dylan mit dem samtigen Soul gut anfreunden konnte…


8. Ma Rainey – Yonder Comes the Blues

…denn von dem ist es eben nur ein Steinwurf zur Gospel-Musik, die in seinem Werk schon immer eine enorm wichtige Rolle gespielt hat. Vor allem in den späten siebziger Jahren natürlich, als Dylan sich dem evangelikanischen Glauben zuwandte, mit unter anderem Slow Train Coming ein paar vom Christentum inspirierte Platten aufnahm und dabei auch Gospel-Elemente einbrachte. Nicht allen gefiel das, den wenigsten sogar. Selbst John Lennon antwortete mit dem Song Serve Yourself auf Dylans Stück Gotta Serve Somebody! Eine klare Ansage von dem sonst so friedliebendem Ex-Beatle…

Doch die christliche Phase Dylans stützte sich nicht allein auf Gospel. Yonder Comes Sin etwa, eine nur als Bootleg kursierende Aufnahme, die erst 2017 als Proberaumaufnahme ordentlich veröffentlicht wurde, ist ein Cover von Ma Raineys Yonder Comes the Blues, dem Dylan eine religiöse Dimension gab. Die 1939 verstorbene Blues-Sängerin kam bereits im Tombstone Blues vom Album Highway 61 Revisited vor und wurde dort in einer Reihe mit Ludwig van Beethoven genannt. Noch 2006 mopste sich Dylan für das Stück Thunder on the Mountain ein paar ihrer Textzeilen. Kein Plagiat, wie Dylan übrigens argumentieren würde – sondern Teil einer musikalischen Tradition.


9. Frank Sinatra – Ebb Tide

So wehrte er sich auch entschieden gegen den Vorwurf, mit Shadows in the Night ein Frank Sinatra-Cover-Album aufgenommen zu haben. Obwohl doch jedes der Stücke zuvor von Ol‘ Blue Eyes aufgenommen und bekannt gemacht wurde! Tontechniker Al Schmitt aber verriet, dass Dylan während der Aufnahmesessions den Sänger genauestens studierte. „Er hörte die Stücke wieder und wieder und versuchte herauszufinden, wohin Sinatra mit jedem von ihnen hinwollte“, erklärte er. „Dann nahm er zwei oder drei Takes von jedem Tune auf, machte sie sich aber zu eigen. Es hatte nichts mehr mit Sinatra zu tun.“

Eine interessante Arbeitsmethode! Und vielleicht letztlich auch die schönste Form von Widmung, oder? Denn die Verehrung für den charismatischen Vorzeigecrooner war schließlich da. „Ebb Tide von Frank Sinatra hat mich niemals nicht umgehauen“, gestand Dylan einst. „Die Lyrics waren so mysteriös und überwältigend. Wenn Frank den Song sang, konnte ich alles in seiner Stimme hören – den Tod, Gott, das Universum – alles!“ Nur verständlich. Was für ein intensives Stück Musik dieser Song doch ist!


10. Elvis – Tomorrow Is a Long Time

Bob Dylan, hieß es eingangs, ist seine eigene Spezies, vielleicht sogar überhaupt nicht von diesem Planeten. Das macht es schwierig, die Zusammensetzung seiner musikalischen DNA zu bestimmen. Geradezu unmöglich ist es aber, zu sagen, wo die Musikwelt heute wäre, hätte sich diese DNA nicht fortgepflanzt. Wer nach den sechziger Jahren nicht von Bob Dylan beeinflusst wurde, muss schon unter einem Stein in der Wüste gelebt haben! Wer auch immer eine Gitarre nur angefasst hat, wird darauf Blowin’ in the Wind gespielt haben. Das prägt, über die Generationen und Genres hinweg.

Sogar der King selbst sang seine Songs. „Ich mag Elvis Presley“, sagte Dylan 1969 lakonisch in einem Rolling Stone-Interview. „Elvis Presley hat einen Song von mir aufgenommen. Das die eine Aufnahme, die mir am meisten am Herz liegt… Das Stück heißt Tomorrow Is a Long Time.“ Tatsächlich veröffentlichte er erst 1971 eine eigene Version des Songs, das 1966 als Bonus auf dem Elvis-Album Spinout veröffentlicht wurde. Elvis selbst aber kannte das Stück von anderswo her: Zu hören war es auch auf Odettas Cover-Album Odetta Sings Dylan. Kreuz und quer wurde das Stück durch die Musikwelt gereicht – typisch für Dylans musikalische DNA, aber auch diesen außergewöhnlichen Künstler.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 25.5.1982 spielen Metallica in einer Schule.

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Metallica High School

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.5.1982."

von Christof Leim

Am Anfang einer Weltkarriere muss man die Gigs nehmen, die man kriegen kann. Alle Dorfmetaller, Rockstar-Azubis und hoffnungsvollen Nachwuchs-Headbanger unter uns kennen das. Den Thrash-Giganten Metallica ging das 1982 nicht anders…

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Hört hier das Metallica-Debüt Kill ‘Em All:


Eigentlich läuft es bei Metallica ziemlich schnell: Im Oktober 1981 geht’s los, Lars Ulrich und James Hetfield treffen sich. Am 14. März 1982 spielen sie schon ihre erste Show in einem Laden namens Radio City in Anaheim; da sind bereits 200 Leute am Start. Knapp zwei Wochen später dürfen sie als komplett unbekannte Krachkapelle sogar zwei Konzerte für die NWoBHM-Legenden Saxon im legendären Whisky-A-Go-Go in Hollywood eröffnen.



Doch noch müssen die Stadien, Arenen und Enormodomes noch ein bisschen warten: Ihr fünftes Konzert passiert in der Cafeteria(!) der Back Bay High School im kalifornischen Costa Mesa, der Schule von Trommler Lars Ulrich. Man darf sich fragen, wie unsere Helden auf die Idee gekommen, denn gut läuft das nicht: Zum einen geschieht der Auftritt tagsüber, um 11:15 Uhr während der Mittagspause der Schüler. Zum anderen rocken Ulrich, Frontmann James Hetfield, Leadgitarrist Dave Mustaine und Bassist Ron McGovney in der Kulisse eines Schultheaterstücks, das im Inneren eines Hauses spielt: “Ich stand bei der Eingangstür”, twittert McGovney später, “James und Lars im Wohnzimmer, und Dave in der Küche!”



Lars notiert damals in seinem Metallica-Tagebuch, dass von anfänglich 200 Zuschauern nur 40 übrig bleiben. “Den Tag kann man komplett vergessen”, urteilt er weiter. “Scheiße gespielt, scheiße angekommen, scheiße geklungen. Wirklich fürchterlich.”




Das klingt alles nicht gut, zumal „Schulcafeteria“ mehr nach Diktat, Pausenbrot und Doppelstunde Mathe klingt als nach Sex, Drogen und Rock’n’Roll. Aber immerhin stehen schon fünf zukünftige Metalliklassiker auf der Setlist: Hit The Lights, Jump In The Fire, Metal Militia, The Mechanix (das zukünftige The Four Horsemen) und als Livepremiere Motorbreath. (Bei der ersten Show hatte es erst zwei eigene Stücke gegeben; die Jungs waren damals also echt schnell.)

Poster für das Schulkonzert, ausgestellt im Metalli-Museum während der Europatour 2017 – Pic: Christof Leim

Daneben spielen unsere junge Helden ausgesuchte NWoBHM-Cover, die 1982 in Kalifornien nur eingeweihte Headbanger kennen: Blitzkrieg von Blitzkrieg, Killing Time von Sweet Savage, Let It Loose von Savage und zwei Nummern von Lars’ Lieblingen Diamond Head: The Prince und Am I Evil?. (Nachlesen könnt ihr die Setlist hochoffiziell auf der Metallica-Homepage.)

Eine besondere Bedeutung kommt diesem Gig jedoch wegen eines anderen Details zu: Ihre ersten Gigs hatten Metallica mit nur einem Gitarristen (Mustaine) bestritten, während Hetfield lediglich gesungen hat. Bei vierten Gig am am 23. April in Costa Mesa übernimmt einmalig ein Herr namens Brad Parker die zweite Gitarre, doch das funktioniert so gar nicht. Auf der Back Bay High School an diesem 25. Mai 1982 spielt Hetfield dann zum ersten Mal auf der Bühne ebenfalls Gitarre – und einer der erfolgreichsten Metal-Frontmänner ist in seinem Element angekommen.

Danach geht es weiter Schlag auf Schlag: Ron McGovney wird durch Cliff Burton ersetzt, die Band zieht nach San Francisco, nimmt eine Reihe an Demos auf, die den weltweiten Tapetrading-Untergrund aufmischen, darunter das so genannte Megaforce Demo, das ihnen den Plattenvertrag beschert. Ein gutes Jahr nach dem Auftritt in der Schule erscheint schon Kill ‘Em All

Zeitsprung: Am 8.12.2013 spielen Metallica in der Antarktis.

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Popkultur

Zum Start der Open-Air-Saison: Die 10 ikonischsten Festivalauftritte aller Zeiten

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FREDDIE MERCURY
Titelfoto: Steve Rapport/Getty Images

David Bowie um fünf Uhr morgens, Kurt Cobain im Rollstuhl, Bob Dylan elektrisch: Diese zehn Festivalgigs haben Musikgeschichte geschrieben. Und stimmen ein auf die erste Freiluftsaison seit 2019.

von Björn Springorum

1. Bob Dylan – Newport Folk Festival, 1965

„Judas!“ Viel mehr muss man zu Dylans berüchtigtem Auftritt beim Newport Folk Festival 1965 nicht sagen. Er wagt es doch tatsächlich, eine elektrische Gitarre zu spielen. Skandal, Zeter und Mordio! Unnötig zu erwähnen, dass sein Auftritt brillant und seine Attitüde schon damals bewundernswert renitent ist.

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2. Jimi Hendrix – Monterey, 1967

Alles beginnt 1967 in Monterey. Es ist eines der ersten Rock-Festivals überhaupt (schlanke zwei Jahre vor Woodstock), es ist das erste große Konzert der Jimi Hendrix Experience in den USA und es ist das Epizentrum des Summer of Love. Am 18. Juni 1967 will das 24-jährige Wunderkind Hendrix, diese Mischung aus Feuerpriester, Sexgott und Jahrtausendkünstler, beweisen, ws in ihm steckt – und zündet während des Gigs einfach mal seine Gitarre an . Seine Anbetung der Flammen sieht nicht nur verdammt eindrucksvoll aus, sie hat auch einen PR-Zweck: Clever übertrumpft er damit The Who, die anschließend spielen und zum Finale natürlich wieder ihre Gitarre zerdeppern.

3. The Who – Woodstock, 1969

Müßig eigentlich, eine einzelne Performance aus diesem schlammigen, lysergischen, chaotischen Fieberwahn herauszulösen. Weil man aber so gut wie immer Hendrix und seinen verzerrten Abgesang auf die Nationalhymne heranzieht, entscheiden wir uns heute mal für The Who, die am Morgen des 17. August 1969 um halb sechs auf die Bühne gehen. Egal, Zeit und Raum waren da längst abgeschafft. Die wilde, sehr körperliche, laute und aggressive Show von The Who resultiert aus der schlechten Stimmung der Band. Die bekommt Aktivist Abbie Hoffman zu spüren, der sich erst Pete Townshends Mikro schnappt und dann von Townsheds Gitarre von der Bühne geprügelt wird. Randnotiz: Für ein Festival des Friedens gab es für die Nummer unpassend viel Applaus. Als The Who von der Bühne gehen, lassen sie eine zerstörte Gitarre und dröhnendes Bass-Feedback zurück. The Who – immer schon wilder und gefährlicher als alle anderen.

4. Led Zeppelin – Bath, 1970

Am Sonntag, den 28. Juni 1970, machen Led Zeppelin der Rock’n’Roll-Welt klar, dass es keine Grenzen für sie gibt. In nur zwölf Monaten wurden sie von einer moderat bekannten Rockband zu Göttern. 150.000 Menschen kamen in die englische Küstenstadt, überwiegend wegen Led Zep. Die nutzen ihre Headliner-Position für ein langes Set, mit dem sie ihrer Heimat ihren Superstar-Status mal gehörig unter die Nase reiben wollen. Und das mit Gusto, Bravado und Grandezza tun.

5. David Bowie – Glastonbury, 1971

Manchmal lohnt es sich, sehr lang wach zu bleiben. Oder sehr früh aufzustehen. Bei David Bowies Glastonbury-Stunt 1971 waren das gerade mal 12.000 Menschen. Die aber kommen am 23. Juni 1971 um fünf Uhr morgens in den Genuss eines einzigartigen Akustik-Sets, bei dem Bowie nach dem Erfolg von Space Oddity seine Wandlungsfähigkeit mal so richtig aufblitzen lässt und Songs wie Oh! You Pretty Things in Unplugged-Versionen spielt.

6. Queen – Live Aid, 1985

Man kann darüber streiten, ob U2s improvisierter Auftritt oder Queens straffes, ökonomisches Medley der eigentliche Höhepunkt des megalomanischen Benefiz-Spektakels Live Aid ist. Fakt ist: Queens 20 Minuten haben die größere Signalwirkung. Die Band hat sich wieder zusammengerauft, Mercurys Stimme überstrahlt alles und Bohemian Rhapsody ist einer dieser Musikmomente für die Ewigkeit.

7. Nirvana – Reading, 1992

1992 werden Nirvana von der Wirklichkeit eingeholt. Der Grunge-Traum wird zum Albtraum, eine aus Rebellion und Antithese gestartete Bewegung wird vom Mainstream ausgeschlachtet – Boulevardpresse inklusive, die Kurt Cobain 1992 als abgehalfterten Junkie darstellen. Cobain reagiert mit gewohnt zynischem Gespür für eine Situation und lässt sich in einem Rollstuhl auf die Bühne schieben. Die Show danach geht in die Annalen ein – anarchisch, kraftvoll, versengend.

8. Manic Street Preachers – Reading, 1994

1994 treten die Manic Street Preachers ohne ihren Gitarristen Richey Edwards auf. Der befindet sich nach einem Selbstmordversuch damals im Krankenhaus, die Band zieht eine der größten Shows ihrer Karriere als Trio durch und legt sich mächtig ins Zeug. Es ist nur der Anfang der Tragödie rund um Edwards: Am 1. Februar 1995, einen Tag vor ihrer USA-Tournee, verschwindet er spurlos. Mehrfach wollen ihn Menschen gesehen haben – auf Goa, Fuerteventura. Doch er taucht nie wieder auf und wird 2008 offiziell für tot erklärt. Wenige Monate zuvor stehen die Manic Street Preachers wieder in Reading auf der Bühne – und widmen ihm ihr Set.

9. Oasis – Glastonbury, 1994

Ihr Triumph von 1994 zeigt, wie schön es gewesen wäre, wenn Oasis ihre Egos im Griff gehabt hätten. Ihre bis dato größte Show ist das Ereignis, das sie zu überlebensgroßen Rockstars macht – mit allen Konsequenzen. Es ist aber auch die Show, die zeigt, wie es dazu kommen konnte: Die Band ist nicht gut, sondern genial, alles passt, hier wird spürbar Geschichte geschrieben.

10. Amy Winehouse – Glastonbury, 2004

Im verregneten Sommer 2004 ist Amy Winehouse noch einen Quantensprung von dem zerstörerischen Ruhm entfernt, der sich ab Back To Black aus der Spur bringen und letztendlich vernichten wird Ein halbes Jahr zuvor war ihr Debüt Frank erschienen, ein vielbeachtetes Werk zwischen Soul, Pop und Jazz, das bei ihrem Glastonbury-Debüt 2004 schon viele Freunde hatte. Die standen im Matsch und sahen eine junge, fröhliche, zufriedene Amy Winehouse, die sang als gäbe es nichts natürlicheres auf der Welt. Das tat sie drei Jahre später auch noch. Nur die Fröhlichkeit, die war dann schon verschwunden.

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Zeitsprung: Am 18.8.1969 beendet Jimi Hendrix das legendäre Woodstock Festival.

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Popkultur

Der Boss kommt: Bruce Springsteen spielt drei Deutschlandkonzerte!

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Bruce Springsteen
Foto: Jamie Squire/Getty Images

2023 wird ein guter Sommer: Bruce Springsteen & The E Street Band kommen nächstes Jahr im Juni und Juli für drei Open-Air-Shows nach Deutschland. Freuen können sich Düsseldorf, Hamburg und München.

von Björn Springorum

Es sind die ersten Live-Dates von Bruce Springsteen und seiner E Street Band seit Abschluss der „The River“-Tour von 2016, mit der er in München und Berlin Halt machte: Für den Sommer 2023 haben der Boss und seine Kollegen jetzt eine endlich mal wieder eine ordentliche Europatour angekündigt. Und zu feiern gibt es viel: Seit ihrer letzte Reise durch die Alte Welt sind mit Western Stars und Letter To You bereits zwei neue, ganz hervorragende Springsteen-Platten erschienen.

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„Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen“

Hier die genauen Daten für Deutschland:

21.06.2023 Düsseldorf, Merkur Spiel Arena

15.07.2023 Hamburg, Volksparkstadion

23.07.2023 München, Olympiastadion

Im deutschsprachigen Ausland kommen zudem Zürich (13. Juni) und wien (18. Juli) in den Genuss einer Audienz beim Boss. Der Vorverkauf für alle Shows startet am 3. Juni 2022, um zehn Uhr morgens. Springsteen selbst kommentiert diese frohe Kunde wie folgt: „Nach sechs Jahren freue ich mich, endlich wieder unseren großartigen und loyalen Fans zu begegnen. Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen. Wir sehen euch da draußen im nächsten Sommer und darüber hinaus!“

Die aktuell E-Street-Band-Besetzung liest sich derzeit wie folgt: Roy Bittan (Piano, Synthesizer) Nils Lofgren (Gitarre), Patti Scialfa (Gitarre, Gesang), Garry Tallent (Bass), Stevie Van Zandt (Gítarre, Gesang), Max Weinberg (Drums), Soozie Tyrell (Violine, Gitarre, Gesang), Jake Clemons (Saxophon) und Charlie Giordano (Keyboards).

Allgemeiner Vorverkaufsstart:

Fr., 03.06.2022, 10:00 Uhr

www.livenation.de/artist-bruce-springsteen-and-the-e-street-band-1975

www.ticketmaster.de

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Zeitsprung: Am 3.5.1984 erscheint „Dancing In The Dark“ von Bruce Springsteen.

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