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Popkultur

Mit TikTok in 15 Sekunden an die Spitze der Charts: Wie eine App die Musikindustrie aufmischt

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Foto: Future Publishing/Getty Images

Mit seiner Debütsingle Old Town Road fährt Nachwuchs-Rapper Lil Nas X 2019 nicht nur den Song des Jahres ein, sondern erreicht mit dem Titel auch 7 Mal Gold, 32 Mal Platin und 2 Mal Diamant. Obendrauf gibt’s zwei Grammys. Das Besondere daran? Seinen Erfolg hat der Song allein TikTok zu verdanken, einer Social Media-Plattform für Teenies. Doch die App beeinflusst nicht nur die Charts. Sie verändert die gesamte Musikindustrie.

von Sina Buchwitz

Hört euch hier die beliebtesten TikTok-Titel 2020 an:

Im Juli knackt TikTok bei den weltweiten Downloads die 2-Milliarden-Marke; allein im Juli 2020 sind monatlich 700 Millionen aktive Nutzer*innen zu verzeichnen. Ein Blick auf die harten Fakten genügt: TikTok ist längst mehr als ein netter Zeitvertreib für Kids und Pubertierende. Das chinesische Unternehmen ByteDance hatte die Plattform 2017 gegründet, 2018 verschmolz sie mit der US-amerikanischen App Musical.ly.

In 15 Sekunden zum Ruhm

Das Prinzip von TikTok ist denkbar einfach: In wahlweise 15- oder 60-sekündigen Clips lassen die Nutzer*innen ihrer Kreativität freien Lauf. Sie tanzen, sie bewegen die Lippen synchron zur Musik oder performen Sketche. Andere Nutzer*innen können, wie bei Facebook oder Instagram, liken, folgen und teilen. Der Algorithmus, mit dem Nutzer*innen vermeintlich interessante Videos angezeigt werden, bleibt geheim.

In der Community entstehen so täglich neue Memes, Choreographien und Challenges. Die Themenvielfalt scheint endlos: Kochanleitungen, Motivationsvideos, Reisetipps oder talentierte Schlagzeuger*Innen – mit einem kurzen Wisch über das Display springt der*die Nutzer*in zwischen den Welten hin und her.

@mikeplaysguitar##Metallica fans understand! ##metal ##rock ##guitar ##fender ##guitarplayer ##musician ##electricguitar ##acousticguitar ##lespaul ##gibson ##singing ##music ##fun

♬ original sound – mikekuzio33

Musik spielt bei den kurzen Clips (fast) immer eine essenzielle Rolle. Im unteren rechten Bildrand dreht sich eine kleine Schallplatte, die den*die Nutzer*in über den laufenden Titel informiert; ein Klick auf diese genügt, um sich alle Videos anzusehen, die mit diesem Sound hochgeladen wurden.

So verbreiten sich beliebte Titel wie ein Lauffeuer, werden hunderttausendfach genutzt und erklimmen die Spitze der Streaming Charts. Von dort aus geht es weiter ins Radio und zuletzt in die Billboard Charts. Ebendieses Phänomen erlebte Lil Nas X 2019 am eigenen Leib; 2020 setzt es sich mit anderen Erfolgen wie Roddy Richs The Box fort, ein Song, der allein von Januar bis März mehr als eine Milliarde Mal gestreamt wurde.

Wie Musik lebendig wird

„Die Leute wollen mit der Musik mehr anfangen, als sie nur zu hören. Sie wollen mit ihr interagieren, sie anfassen.“, erklärt Nick Sylvester den Erfolg der Plattform  in einem Interview. Der Musikproduzent war bereits für verschiedene Erfolgssongs auf TikTok verantwortlich.

Besonders Rap kommt bei den Nutzer*innen gut an. Den Grund dafür sieht Sylvester in der Eingängigkeit des Genres: „Rap ist sehr rhythmisch und repetitiv. Es ist einfach aufgebaut und klingt gut auf Handylautsprechern.“ Ein Blick auf die Billboard Hot 100 bestätigt diese These. Die Top-Platzierungen belegen vor allem Rap- und Hip-Hop-Titel, zu denen es sich ideal tanzen und lipsyncen lässt.

Auch dramaturgisches Timing spielt eine wichtige Rolle. Erfolgreiche TikTok-Songs bestehen aus 2/3 Intro und 1/3 Höhepunkt, damit sie einem 15-Sekunden-Clip eine möglichst scharfe Pointe bieten, erklärt der Produzent. Das bestätigt auch Lil Nas X.

In Old Town Road verbindet er nicht zufällig den Einsatz des Beats mit der sehr doppeldeutigen Textzeile „I got the horses in the back.“ Die ikonische Line kommt bei den Nutzern gut an und wird in witzigen Clips tausendfach genutzt. So beeinflusst die App nicht nur den Weg in die Charts, sondern verändert auch das Songschreiben selbst.

Zurück in die Zukunft

Auch fast vergessenen Hits der Vergangenheit haucht TikTok neues Leben ein. So feierte Matthew Wilders Break My Stride ebenso vor kurzem ein unerwartetes Revival wie zuvor schon Rick Astley’s Never Gonna Give You Up.

@nickk.garciaaaDid my dad pass the vibe check??? ##fyp ##foryoupage ##foryourpage ##fypg♬ Break My Stride – Matthew Wilder

Eine derartig hohe Reichweite ruft nicht nur bisher unentdeckte Künstler*innen, sondern auch Marketingfirmen und Talentagenturen auf den Plan. Immer häufiger wird TikTok von Plattenfirmen genutzt, um die Musik ihrer Interpreten bekannt zu machen. Dafür werden Tanzwettbewerbe ins Leben gerufen oder Influencer*innen bezahlt, die den entsprechenden Titel in einem ihrer Videos nutzen. Oftmals landen die Songs sogar erst in der App, bevor sie bei Spotify verfügbar sind.

Zusätzlich können Musikstücke auf der Sound Page beworben werden. So schaffte es Curtis Waters Stunnin‘ 2020 innerhalb weniger Wochen zu anderthalb Millionen Aufrufen auf YouTube sowie mehreren Millionen Streams bei Apple Music und Spotify.

Riesige Reichweite, kaum Kohle

Doch einen Haken gibt es an der ganzen Sache: Aktuell verdienen Labels und Künstler*Innen kaum Geld, wenn ihre Musik auf TikTok verwendet wird. „Die Beträge, die man für seine Musik bekommt, sind winzig im Vergleich zu dem, was andere Plattformen zahlen.“, so Nick Sylvester.

Ungewisse Zukunft

Darüber hinaus ist die Zukunft von TikTok ohnehin ungewiss. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hatte dem chinesischen Eigner Verstöße gegen die Datensicherheit vorgeworfen und von ihm verlangt, sich vom US-Geschäft zu trennen. Über die App würden chinesische Behörden Zugriff auf private Daten amerikanischer Bürger nehmen. Wenn Trump sich durchsetzt, würde das in den USA das Ende von TikTok bedeuten. Über einen Verkauf des US-Geschäfts an amerikanische Unternehmen wie Oracle wird noch entschieden.

Spotify-Chef Daniel Ek äußert sich zum neuen Musikkonsum – und die Musikwelt reagiert

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