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Wrestler, Betrüger, Wahnwitz: Wie die Fake-Beatles Südamerika reinlegten

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The American Beetles

Man kann kaum glauben, dass das wirklich passiert ist: Im Sommer 1964, auf dem Siedepunkt der Beatlemania, wartet ganz Argentinien auf die Ankunft der Beatles. Als sie kommen, gibt es nur ein Problem: Es sind gar nicht die echten. Die unglaubliche Geschichte eines wahnwitzigen Coups.

von Björn Springorum

Dies ist eine Geschichte, die man so nicht mal auf einer Leinwand serviert bekommt. Eine Geschichte, die zwei Dinge zeigt: Wie populär die Beatles wirklich waren, und wie radikal das manche auszunutzen versuchten. Aber schön der Reihe nach.

Im Februar 1964 entzündet die Beatlemania endgültig die ganze Welt. Mit ihrem ersten Auftritt in der Ed Sullivan Show am 9. Februar 1964 erobern die Beatles aus dem Stand die USA. Mehr noch: Sie fachen ihre Popularität mit ihrem Charme, ihrem Witz und ihrer Musik dermaßen an, dass gefühlt kein Fleckchen Erde auf diesem Planeten mit Zugang zu Fernsehen oder Tageszeitungen davon verschont bleibt. Südamerika natürlich auch nicht. Alle lieben die Beatles, die zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht so ganz fassen können, was da eigentlich passiert. Und während sie zu Beginn des Jahres noch fleißig in den Vereinigten Staaten unterwegs sind, wird Südamerika ausgespart. Zu klein scheinen die Möglichkeiten dort, zu instabil die politische Lage, zu mickrig die Aussichten auf Profit.

Die amerikanischen Beatles

Das bringt Bob Yorey, den Manager eines Nachtclubs in Florida, auf eine unfassbare Idee. „Als die Beatles berühmt wurden“, erzählt er regelrecht stolz in einer Doku, „sagte ich: Wisst ihr was? Das sind die englischen Beatles. Ich denke mir eine eigene Band aus.“ Vier Opfer für diesen denkwürdig bescheuerten Plan sind schnell gefunden: The Ardells, eine unauffällige Bar-Band, die ebenfalls von ihm vertreten wird, werden angehalten, sich die Haare wachsen zu lassen und sich Anzüge zuzulegen. Zack, fertig waren die American Beetles, natürlich absichtlich falsch geschrieben, um keine rechtlichen Probleme zu bekommen. Die amerikanischen Musiker machen das nur zu gern mit: Plötzlich werden die Hallen größer, die Damen interessierter, das Catering besser und die Bezahlung üppiger.

Soweit, so amüsant. Jede*r in den USA weiß zu diesem Zeitpunkt, dass das einfach ein paar Typen sind, die so tun, als wären die die Beatles. Zur Hälfte Parodie, zur Hälfte Cover-Band – ein harmloser Spaß, bis die echten Beatles das nächste Mal über den großen Teich kommen. Ernst, dubios und kriminell wird es erst, als ein findiger und windiger Unternehmer namens Rudy Duclós in Yoreys Nachtclub in Miami hereinschneit. Er sieht die American Beetles auf der Bühne und will sie für eine Tour in seiner Heimat Argentinien buchen. Mit einem nicht unbedingt unwichtigen Detail: Er sagt niemandem, dass es sich lediglich um eine halbgare Beatles-Parodie handelt. Und schließt Verträge über den allerersten Besuch der Beatles höchstselbst in Argentinien.

Ein Wrestler entführt die Beatles

Als das in dem südamerikanischen Land, damals zerrissen von Armut und totalitärer Regierung, bekannt wird, geht ein Beben durch die Nation, das man wahrscheinlich auf einer Richterskala messen kann. Die Beatles kommen! Die Beatles kommen! Teenager flippen kollektiv aus, auch die Medien können ihr Glück kaum fassen. Die Beatles in Argentinien, das ist eine Sensation, die durch nichts zu toppen ist. Klar, dass von dieser fetten Torte jeder ein Stück abbekommen will. Jeder will die Band für sich, vor allem die Fernsehsender konkurrieren um die Rechte. Rudy Duclós schließt einfach mit Kanal 9 und Kanal 13 einen Vertrag, sahnt doppelt ab.

Verantwortliche beider Stationen finden sich am Flughafen von Buenos Aires ein, um sich zu einigen und die größte Pop-Sensation der Welt in Empfang zu nehmen. Kanal 13 scheint das Rennen zu machen, doch die Freude hält nicht lang: Alejandro Romay, der zupackende Vorsitzende von Kanal 9, hat eigene Pläne. Er bringt einfach den Wrestling-Star Karadajian mit einigen seiner schwergewichtigen Kumpels mit, die sich die falschen Beatles kurzerhand über die Schulter werfen, sie in einem privat gecharteten Flieger entführen und in einem abgelegenen Hotel verstecken. Was John, Paul, George und Ringo wohl von dieser ganzen Sache halten würden?

Der Schwindel fliegt auf – na und?!

Man kann jedenfalls festhalten: Die Stimmung ist explosiv. Am 8. Juli 1964 treten die American Beetles dann in einer TV-Show auf, die übersetzt Festival des Lachens heißt. Die Ränge sind vollbesetzt mit kreischenden Teenagern, vor den Toren der Studios warten unzählige weitere. Noch immer denkt ganz Argentinien, dass die Beatles tatsächlich hier sind. In diesem Land, in dieser Stadt, in diesem Studio. So wild ist die Euphorie, so groß die Begeisterung, dass es ein wenig dauert, bis sich eine Erkenntnis breitmacht: Die Musiker, die da auf der Bühne stehen, sind gar nicht die Beatles! Und wenn man mal ein bisschen genauer hinschaut, sehen sie ihnen nicht mal ähnlich!

Ein ganzes Land war reingelegt worden. Und das wirklich Kuriose ist: Viele stört es nicht mal. Die American Beetles spielen weiter Konzerte in Südamerika. Und werden bejubelt. Denn auch wenn mittlerweile klar ist, dass das hier nicht die Liverpooler Pilzköpfe sind: In einem Land, das immer weiter in Richtung einer Diktatur rückt und liberale Einflüsse auszuräuchern versucht, ist jedes bisschen Rebellion willkommen. Selbst wenn diese Rebellion von ein paar Amerikanern kommt, die sich mehr schlecht als recht als Beatles verkleidet haben.

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