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Popkultur

Wolfgang Niedecken im Interview: „Bob Dylan ist der wirkungsmächtigste Poet der letzten 60 Jahre“

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Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken nimmt sich auf seinem neuen Album Dylanreise einmal mehr dem Kosmos Bob Dylans an. Wie wichtig Dylans Werk und Leben für den Kölner Liedermacher und Chef der legendären Gruppe BAP war — und mit welcher Freude sich Niedecken an Dylan ab- und heranarbeitet — ist bekannt: Im Auftrag von ARTE machte sich der Musiker vor einigen Jahren auf Spurenreise in den USA, ehe 2021 eine Art Dylan-Biographie aus der Feder Niedeckens folgte. Aus dem Buch wurde dann eine spontane Konzert- und Lesereise, und daraus wurde nun das Album Dylanreise.

von Markus Brandstetter

Ganz nach dem Motto des letzten BAP-Albums Alles fließt hat sich das ganz einfach so ergeben — genau so, wie es Niedecken am liebsten hat, wie er uns im Interview erklärt. Darin verdeutlicht er unter anderem, wie wichtig es ist, dass man stets auch Fan bleibt, egal ob man Dylan, Niedecken oder wie auch immer heißt — und wie sehr das eigene Leben mit der eigenen Lieblingsmusik verknüpft ist.

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Du hast in deiner Kunst etwas Substanzielles geschafft, nämlich eine ganz eigene, unverwechselbare Stimme und Sprache gefunden. Bei Dylan war es in den frühen Jahren so, dass der seine Stimme durch Imitation fand, anfangs ging er ja geradewegs als Woodie-Guthrie-Epigone durch. Wie war das bei dir, als du gerade begonnen hast, noch vor BAP?

Da hat mir Dylan schon sehr dabei geholfen. In meiner ersten Band habe ich, vor lauter Paul-McCartney-Begeisterung, Bass gespielt. Dann kam irgendwann der damalige Sänger und hatte Like A Rolling Stone dabei. Er meinte, dass er mit der Band jetzt aufhören und sein Abitur machen müsse. Er hat den Song laufen lassen — und das war plötzlich etwas ganz anderes. Was da auf einmal an Lyrik kam, das hat mich umgehauen. Vorher kannte ich nur diese Personalpronomen-Songs, wie ich sie immer nenne: Please, Please, Me, I Wanna Hold Your Hand, She Loves You, das waren eben diese Boy-Meets-Girl-Texte. Für uns, die wir Latein auf der Schule hatten und kaum Englisch konnten, hat das gereicht. Das hörte sich nicht nach Peter Alexander an, damit war schon mal alles gut.

Durch Like A Rolling Stone hat sich eine unglaubliche Tür geöffnet. So etwas kannte ich vorher nicht. Ich hatte damals ja weder von den Surrealisten noch von den Beat-Poeten eine Ahnung. Mit 15 Jahren hat mich Bob Dylan für sich begeistert. Es sind natürlich auch noch andere dazu gekommen, an denen ich mich orientiert habe. Sehr früh kam etwa Ray Davies von den Kinks dazu, der ist für mich immer noch wichtig. Leonard Cohen war wichtig, die Beatles waren wichtig. Alleine, was sich bei den Beatles alles geändert hat, nachdem sie von Dylan beeinflusst wurden! Nicht nur Paul McCartney und John Lennon, sondern vor allem George Harrison! Durch Dylan hat die Rock-Lyrik insgesamt einen unglaublichen Schwung aufgenommen. Deswegen ist es auch vollkommen berechtigt, dass er den Literaturnobelpreis bekommen hat. Er ist der wirkungsmächtigste Poet der letzten 60 Jahre, das muss man ganz klar sagen. 

Du bist also gleich mit Dylans Rockphase in den Dylan-Kosmos eingestiegen — das war der erste Song, den du von ihm gehört hast?

Ich hatte vorher schon einige andere Songs von ihm gehört, aber die hatten mich nicht so gepackt. Wir saßen mal zusammen und einer fragte mich, ob ich  Bob Dylan kennen würde. „Keine Ahnung, wer soll das sein?“ „Na, du wirst doch Blowing In The Wind kennen?“ Von Blowing In The Wind kannte ich aber nur die Version von Peter, Paul & Mary und die hatte mich nun wirklich überhaupt nicht umgehauen. Irgendwie scheine ich schon ein Gespür für Authentizität gehabt zu haben, denn Peter, Paul & Mary waren ja eine Castingband. Dylans Manager hat sie gecastet, ihnen einen Namen gegeben, eine blonde, schöne Frau gesucht und die mit zwei Jungs zusammengebracht, die toll singen und Gitarre spielen konnten … und die haben schöne Melodien gesungen, die eben zu jener Zeit passten.

Blowing In The Wind war damals in der Version von Peter, Paul & Mary viel bekannter als in jener von Bob Dylan. Das hat mich überhaupt nicht vom Hocker gehauen. Der Sänger unserer Schülerband, der war der erste, der dylanfest war. Auf dem Pausenhof hat er wie ein Rapper Dylans Talking Blues losgebrettert. Das war schon interessant – aber das erste Ding, das ich auf Platte gehört habe und das mich wirklich komplett geflext hat, war Like A Rolling Stone. Alleine der Anfang mit dem Schlag auf die Snare. Das ist ein Meisterwerk. Es passiert ja nichts Kompliziertes, es sind die Akkorde von La Bamba. Aber das Stück entwickelt einen unglaublichen Sog.

Lass uns auf Dein neues Album Dylanreise zu sprechen kommen. Du hast 2021 — das ist auch der freien Zeit geschuldet, die du durch die Corona-Pandemie plötzlich hattest — ein Buch über Dylan geschrieben, dann bist du relativ spontan auf Lese-/Konzertreise gegangen.

Das hat sich so, wie ich es am liebsten habe, ergeben: Es hat sich sehr organisch entwickelt. Ich stellte fest, dass ich 2020 plötzlich Zeit hatte, dieses Buch zu schreiben. Ich stand die ganze Zeit im Wort, dass ich in dieser KiWi-Musikreihe ein Buch über Dylan schreiben würde. Ich habe Helge Malchow, dem früheren Chef von Kiepenheuer & Witsch, gesagt: „Ich mache das gerne, aber ich weiß nicht, wann ich dazu komme.“ Er meinte: „Das ist egal, Hauptsache du schreibst es.“ Im Sommer 2020 hatte ich plötzlich Zeit, dann habe ich es geschrieben. Mein roter Faden dafür war diese Reise, die wir im Auftrag von ARTE auf den Spuren von Bob Dylan 2017 gemacht haben, kreuz und quer durch die USA. Wir haben damals mit Leuten geredet, die mit Dylan gearbeitet haben, Leute, die ihn in gewissen Situationen erlebt haben. Fotografen, die seine ersten Cover fotografiert haben. Es waren wunderbare Gespräche, wunderbare Leute, die wir kennenlernen durften. Wir haben Originalschauplätze gesehen, waren in den Wäldern von Woodstock und im “Big Pink”, wo sie die Basement Tapes aufgenommen haben. Das war nicht nur eine großartige Reise, sondern auch ein großartiger roter Faden, an dem ich mich entlang arbeiten konnte. So hat sich eines aus dem anderen ergeben.

Wolfgang Niedecken vorm "Big Pink"

Wolfgang Niedecken vorm “Big Pink”

Als das Buch erschienen war, rief die Elbphilharmonie an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, zu Bob Dylans Geburtstag ein Programm zu spielen. Das Naheliegendste war, dass ich aus dem Buch vorlese und die Songs spiele, die darin vorkommen. Das alleine wäre mir aber zu langweilig gewesen, und so habe ich meinen Freund Mike Herting angerufen — ein fantastischer Jazzpianist — und gefragt, ob er Lust hätte mitzumachen. Wir haben das Programm erarbeitet und dabei fiel es uns wie Schuppen aus den Augen: Warum machen wir das eigentlich nur einmal? Da können wir doch mehr daraus machen! So wurde daraus eine Tournee mit insgesamt 45 Auftritten. Gegen Ende der Tournee wurden immer mehr Stimmen laut: „Das wird’s doch wohl auf Tonträger geben, oder?“ Ich fragte: „Wie soll das gehen?“ Wir waren ja wirklich mit Minimalbesteck unterwegs, mit zwei PKWs, zwei Kombis — einen hat meine Frau gefahren, den anderen der Toningenieur. Das bisschen Equipment, das wir hatten, war hinten drin — und so sind wir von Stadt zu Stadt gefahren und haben einen wunderbaren Sommer verlebt. Viele Auftritte in Schlosshöfen, Burghöfen, in schönen Parks, das war eine tolle Geschichte.

Wir beschlossen, am letzten Tag des Jahres ins Riverside Studio zu gehen und das Programm zum 46. Mal zu spielen, nur diesmal nahmen wir es auf. Zuerst dachten wir, dass wir vielleicht Freunde und Bekannte einladen können, um eine Konzertsituation entstehen zu lassen. Aber irgendwann war die Coronasituation so, dass wir uns auch das abschminken mussten. Wir haben das aber gut gelöst, wir haben zwar die Albernheiten weggelassen, aber es ist trotzdem sehr stimmungsvoll geworden. Ich habe es selber ja kontrollgehört und bin da selbst gleich wieder ganz eingetaucht. Ich empfehle, das Kaltgetränk seiner Wahl in die Hand zu nehmen, Kopfhörer aufzusetzen und dann zweieinhalb Stunden mal nicht an Corona und Ukraine zu denken und sich etwas Seelenproviant zu holen.

Es wurde alles live eingespielt?

Ja, alles. Wir sind da gesessen, ich an der Gitarre, Mike hatte einen perfekt gestimmten Flügel vor sich stehen — und wir haben einfach gespielt. Diese Lesepassagen habe ich gesondert aufgenommen.

War die Arbeit am Buch so vergnüglich, wie es sich liest? Du selbst meintest, dein Anspruch wäre es ja nicht gewesen, die 3000. Dylan-Biografie zu schreiben — sondern eine Hymne auf ihn zu verfassen, extrem verflochten mit deinem eigenen Leben.

Es war wunderschön. Da, wo ich jetzt während dieses Interviews sitze, habe ich es geschrieben. Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich den Rhein vorbeifließen. Ich habe mich morgens nach dem Sport hingesetzt und habe geschrieben. Irgendwann hat einer gerufen, ob ich nicht mal was essen wollte. Abends habe ich gemerkt, dass ich ganz schön geschafft bin — und habe mich schon aufs Weiterschreiben am nächsten Tag gefreut. Das letzte BAP-Album heißt nicht umsonst Alles fließt. Es ist optimal, wenn ich so arbeiten kann, dass sich eines aus dem anderen ergibt. Auch bei der Dylan-Reise hat sich alles ergeben. Diese Dylan-Reise für ARTE hat ja vor fünf Jahren stattgefunden, damals hätte sich niemand gedacht, dass da mal ein Album daraus entsteht. Ich habe auch überhaupt keine Lust auf zwei, drei Jahre hinweg etwas zu planen. Auf der anderen Seite ist das auch nur zu machen, wenn man flexibel ist. Ich weiß, dass ich mich in gewissen Situationen auf meine Spontaneität verlassen kann.

Wolfgang Niedecken live

Mit einer großen Band wie BAP ist die Planung sicher weitaus weniger flexibel, oder?

Diese zwei Corona-Jahre waren frustrierend und ich hoffe, dass es die zwei einzigen bleiben und dass es nächstes Jahr nicht wieder los geht. Es war schwer: Man hat viel geplant, organisiert, die Verfügbarkeiten der einzelnen Musiker, der Crew immer wieder abgefragt. Im Endeffekt merkt man: Das kann man wieder in die Tonne treten. Die Hälfte von allem, was wir gearbeitet haben, war für die Tonne. Aber das ist halt so, dann atmet man tief durch und fragt sich: Wie geht es anders? Dann versucht man eben, einen anderen Weg zu finden. Aber ich muss zugeben, es gab viele frustrierende Momente.

Wir hängen ja jetzt schon wieder vor einer frustrierenden Situation: Die Coronazahlen gehen wieder hoch, Köln hat durch den Karneval jetzt schon wieder Rekordzahlen. Die Lockerungen werden jetzt zum Peak der Corona-Entwicklungen kommen. Ich hoffe, dass im Laufe des Sommers die Impfpflicht kommt, sonst haben wir die gleiche Scheiße im Herbst schon wieder. Wir können die Herbsttermine eigentlich jetzt schon wieder absagen, wenn keine Impfpflicht kommt. Die Toten Hosen und Grönemeyer haben es richtig gemacht: Die haben nur Open-Air-Konzerte im Sommer anberaumt. Wir waren halt wieder so blöd und haben darauf gebaut, dass die Leute vernünftig sind. Aber das ist auch ein Luxusproblem. Alle Möglichkeiten der Welt wären da, du hast für jeden Typen den richtigen Impfstoff. Einem Teil der Leute geht das aber offensichtlich am Arsch vorbei. Ich kann mich da nur bedingt reinversetzen. Ich versuche immer, respektvoll mit den Impfverweigerern umzugehen, denn ich möchte niemanden zu nahe treten. Aber es fällt mir zunehmend schwer.

Kommen wir nochmal zurück zu Dylan. Dein Freund Bruce Springsteen meinte ja mal, Elvis habe den Körper befreit und Bob Dylan den Geist. Was bewunderst du an Dylan eigentlich am meisten?

Am meisten bewundere ich, wie sehr er sich treu geblieben ist. Gut, es gab auch bei Dylan Phasen, in denen er ratlos war, nicht wusste, wie es weitergeht. Verzweifelte Phasen, die wahrscheinlich mit seinem Privatleben zu tun hatten. Ich glaube, es gab auch eine Alkoholphase, Mitte der 80er – damals sind drei Alben hintereinander erschienen, nach denen ich dachte: „Das wird es wohl gewesen sein, da kommt nichts mehr.“ Und dann kam Gott sei Dank Daniel Lanois und durch ihn ging es weiter. Übrigens durch Bonos Vermittlung. Das beschreibt Dylan ja auch in seinem Buch Chronicles, ein sehr schönes Buch, von dem ich damals das Hörbuch gelesen habe. Dylan ist sich treu geblieben, mit allen Irrungen und Wirrungen. Er hat sich nicht vereinnahmen lassen, hat zu dem gestanden, was er gemacht hat.

Es ist ein unglaubliches Werk. Manchmal notiere ich mir Stücke und denke mir: „Das müsste ich endlich mal übersetzen, um da dahinter zu kommen.“ Ich komme am besten hinter einen Dylan-Song, indem ich ihn bearbeite. Dann komme ich in jedes Detail rein. Zuletzt arbeitete ich an Not Dark Yet. Ich war auf Kreta, hatte mir eigentlich gar nicht vorgenommen zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir: „Guckst du mal, ob du Not Dark Yet so hinkriegst, dass du damit zufrieden bist.“ Es gibt noch jede Menge Songs auf dieser Liste. Das wird ein Langzeitprojekt. 

Wie muss denn eine gute Dylan-Übersetzung sein? Carl Weissner hat ja bekannterweise Dylans Texte ins Deutsche übersetzt.

Der arme Carl Weissner musste im Reim bleiben. Er war vertraglich gezwungen, dass es gesungen werden kann und gereimt ist, das hatte er unterschrieben. Während Gisbert Haefs diese Sachen unabhängig vom Reim übersetzte, da kann ich deutlich mehr damit anfangen. [Niedecken holt Haefs Dylan-Band aus dem Regal, Anm.]. Das ist großartig und hilft natürlich, wenn man ins Detail gehen will. Aber das kann man natürlich nicht singen. Meine eigene Sprache hilft dabei sehr. Kölsch ist viel geeigneter für Rock-Lyrik als Hochdeutsch. Hochdeutsch ist eckig, du kannst keine Wortendungen ineinander verschleifen. Auf Kölsch geht das. Kölsch ist lässiger.

Du hast mal von deinem ersten Treffen mit Dylan erzählt — und das deckt sich ganz gut mit der Beschreibung von Dylans Ex-Gitarristen G.E. Smith, der mal meinte: „Bob doesnt shake hands, Bob hands you the fish”.

Ich will nicht despektierlich klingen, aber Dylan hat wirklich einen Händedruck wie ein Waschlappen. Er hat in dem Moment, in dem ich ihm zum ersten Mal die Hand geschüttelt habe — und zum einzigen Mal, denn beim zweiten kam er mit der Ghettofaust an — gezuckt, als hätte ich ihm die Hand gebrochen. Ich denke, er hat auch irgendwas mit den Händen, deswegen sieht man ihn auch nicht mehr beim Gitarre spielen. Dylan ist aber in erster Linie schüchtern. Das, was man im als Arroganz anhängt, ist Schüchternheit. Ich habe im Buch auch darüber geschrieben: Da gab’s diesen Moment, als ihm Obama diesen Orden umhängt. Dylan sagt kein Wort, Obama tätschelt ihm die Schulter – und was macht Dylan? Er tätschelt ihn zurück. Das habe ich als Foto in meinem Arbeitszimmer hängen. (lacht)

Was ich lustig fand: Dylan geht ja selbst ab und an auf Celebrity Sightseeing und besuchte unter anderem das Geburtshaus von Neil Young oder machte sich auf die Suche nach Bruce Springsteens Geburtshaus.

Ja und dabei haben sie ihn erwischt. Sie dachten, er wäre ein Einbrecher und haben die Polizei gerufen. Das schönste, was ich gehört habe, war von einer befreundeten Hamburger Musikerin, die Leute an jene Stellen führt, an denen die Beatles in den 60er-Jahren gewohnt oder gespielt haben. Die machte irgendwann eine Führung und stellte fest: In der hintersten Reihe steht ein Typ mit dunkler Sonnenbrille und Hoodie, der sieht aus wie Bob Dylan. Irgendwann stellte sie fest: Das ist Bob Dylan. Das musst du dir mal vorstellen! Aber das zeigt eins: Wer selbst kein Fan mehr ist, sollte keine Musik mehr machen. Bob Dylan ist immer Fan geblieben.

Findest du wichtig, dass es bei Rock diese Mythologie, dieses Spurenwandern gibt? Glaubst du, dass sich die Relevanz durch diese heutige Verfügbarkeit ändert oder abschwächt?

Im Moment, als ich erfahren habe, dass Charlie Watts gestorben ist, ist mir bewusst geworden, dass eine Epoche zu Ende gegangen ist. Die Epoche dieser großen, wichtigen Bands, ist erstmal vorbei. Andererseits kann ich mich glücklich schätzen, dass ich diese Epoche in vollem Bewusstsein erlebt habe. Das ist ein Privileg. Ich habe ja auch fast alle gesehen — bis auf John Lennon habe ich sogar alle Beatles zumindest in anderen Konstellationen erleben dürfen. Für die Generation, die jetzt zwischen 17 und 28 ist, sind andere Sachen wichtig, die an mir komplett vorüber gehen. Teilweise sehe ich heute im Fernsehen Künstler, bei denen ich mich frage: Was ist daran interessant? Andererseits gab es auch viele, die das damals bei den Beatles gesagt haben: Was ist an denen interessant? Das ist einfach der Lauf der Dinge und das muss man akzeptieren. Man muss das der nächsten Generation zugestehen, dass sie ihren eigenen Stil findet.

Ich bin glücklich, dass ich das so erlebt habe — und ich bin glücklich, wenn ich sehe, dass es immer wieder junge Rockbands gibt, die davon was übernommen haben und die das begriffen haben. Ich würde jedem jungen Songwriter raten, sich mit Bob Dylan und Leonard Cohen auseinanderzusetzen, weil man von denen wirklich was lernen kann. Wenn ich sehe, dass es weitergeht, bin ich happy. Es war und wird hoffentlich immer ein Ausdruck von Kultur sein. Rock’n’Roll ist die Volksmusik der letzten 70 Jahre, wenn ich von Buddy Holly und Little Richard an rechne. Es ist eine sehr lange Epoche, die immens wichtig war und hoffentlich wichtig bleibt.

Was steht als nächstes an? Die Dylanreise geht ja potenziell weiter.

Ja, die könnte potenziell weitergehen. Wir sind flexibel, das kann auf Zuruf gehen. Aber jetzt hoffen wir erstmal, dass wir mit BAP touren können.

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70 Jahre Wolfgang Niedecken: 7 Geschichten des kölschen Bob Dylan

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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