Der historische Verriss: “Appetite For Destruction” von Guns N’ Roses

June 19, 2018
in Category: Popkultur



Der historische Verriss: “Appetite For Destruction” von Guns N’ Roses

Der historische Verriss: “Appetite For Destruction” von Guns N’ Roses

Auch Experten liegen manchmal mächtig daneben. In dieser Reihe stellen wir vernichtende Plattenkritiken von großen Alben der Musikgeschichte vor, fatale Fehlurteile, die aus heutiger Sicht mindestens merkwürdig wirken. Oder war es doch durchaus berechtigte Kritik, die der allgemeinen Meinung entgegensteht? Zeit für eine Analyse. Dieses Mal geht es um Guns N’ Roses’ Debütalbum Appetite For Destruction aus dem Jahr 1987 – eine Jahrhundertplatte, ein Rockmanifest. Lars Ulrich von Metallica sagte einst, für ihn stehe diese Platte in einer Reihe mit Revolver von den Beatles oder den besten Alben von den Stones, Springsteen oder U2. Über 30 Millionen Mal hat sich Appetite bis heute verkauft – in den USA kann kein anderes Debütalbum höhere Zahlen vorweisen. Der Klassiker-Status dieser Platte ist heute unbestritten.


Hört hier in Appetite rein während ihr weiter liest:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Auch damals, als sie im Sommer 1987 erschien, packte der Hype um diese neue Band schnell die ganze Welt. Die ganze Welt? Nein, manch ein Rockjournalist war kritisch, viel zu kritisch, um nicht zu sagen völlig blind. Zum Beispiel ein gewisser Winfried Kuhl, der das Album im deutschen Metal Hammer besprach. In einer völlig blutleeren Rezension zuckt er nur mit den Schultern – „muss jeder selber wissen“, so könnte man sein grausames Fazit umschreiben. Was war da denn los? Wir schauen uns dieses Debakel noch mal genauer an.



Ach du meine Güte. abgesehen von der fürchterlichen Phrasendrescherei, für die man heutzutage mit Schreibverbot belegt werden würde („gewürzt mit einem kräftigen Schuß xy“), wirkt dieser Einstieg angesichts der Musik, die hier besprochen wird, völlig komatös. Man mag es kaum glauben, dass das Debüt von Guns N’ Roses damals Teile der Fachwelt dermaßen kalt gelassen hat. Viel mehr noch, es war sogar eine deutliche Abwehrhaltung erkennbar. War es die Angst vor dem Hype, auf den man nicht vorschnell aufspringen wollte? Natürlich: Um erfahrene Rock- und Metal-Journalisten wirklich restlos zu begeistern, sollte man in seiner Musik schon ein paar revolutionäre Töne anschlagen. Dass Guns N’ Roses das mit ihrer ersten Platte doch geschafft haben, erkennt man im Rückblick erst viel deutlicher. Gerade ihr Mix aus Blues-Rock, Punk und Heavy Metal war die perfekte Abbildung des anything goes der 80er-Jahre. Aber weiter im Text:



Es ist zum Mäusemelken! Guns N’ Roses fackeln mit den dringlichsten und feurigsten Rocksongs, die man seit Jahren gehört hat, komplett die Bude ab, und dem feinen Herrn ist der Sound nicht gut genug abgemischt? Selbst wenn es so wäre, was spielt das hier für eine Rolle? Ein richtiger Rock’n’Roller, der Mann, eine Schlaftablette mit langen Haaren. Dann wieder diese kriminelle Floskel: Die Kompositionen reißen den Rezensenten also nicht gerade vom Hocker! Das tut weh. Auch an einer anderen Stelle zeigte die Mannschaft vom Metal Hammer schon, dass ihr GNR suspekt sind. Da heißt es, die Band konnte „bei ihren UK-Debuts im Londoner Marquee nicht mal eine Cola-Dose in Bewegung setzen.“ Ein anderer legendärer Verriss fand im englischen Metal Hammer statt. Demnach würden Guns N’ Roses viel zu sehr in den 70ern hängen und nur eine blasse Mischung aus Hanoi Rocks, Johnny Thunders und Aerosmith darstellen – Appetite hätte außer zwei guten Songs außerdem nichts zu bieten. Man braucht da eigentlich kaum Gegenargumente, sondern nur einmal das Album gehört haben. Was war mit diesen Kritikern nur los? Dave Ling, der für den englischen Verriss zuständig war, gab immerhin zu, dass diese Kritik der größte Fehler seiner Karriere war. Kommen wir zum Schluss:



Mensch, Winfried. Eine gute 3, das ist laut Metal-Hammer-Legende „zwiespältig, naja“, im Vergleich zur Topnote 7 („absoluter Wahnsinn“). Mit seiner Kritik erreichte er nicht mal die verfügbare Textlänge, es klafft ein unbedruckter Fleck im Heft-Layout. So wenig ist ihm also zu dieser Platte eingefallen, die längst als Meilenstein verehrt wird. Seine letzten Sätze offenbaren noch mal deutlich, was hier wohl das Problem war: Guns N’ Roses wurde als Poser-Band wahrgenommen, die sich nicht an die offiziellen Spielregeln des Hardrock hielten und viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen als die von der Kritik heilig gesprochenen Bands. Aber: Haben Guns N’ Roses nicht alleine mit Appetite For Destruction schon mehr für die Rockmusik getan als Aerosmith in den ganzen 70er-Jahren? Das sehen Winfried & Co. heute vielleicht auch so.


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