Die musikalische DNA der Beatles

September 7, 2016
in Category: Popkultur



Die musikalische DNA der Beatles

Die musikalische DNA der Beatles

Es ist doch verblüffend, wie wenig Zeit es manchmal braucht, um die gesamte Welt zu verändern. Die Beatles zumindest schafften es in nur einem Jahrzehnt. 1960 als bescheidene Skiffle-Band gegründet, die ihre ersten Erfolge im Hamburger Nachtleben feierte, wurde aus den vier Pilzköpfen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, der 1962 Pete Best am Schlagzeug ablöste, die größte Band der Welt. Wenn nicht sogar die größte Band aller Zeiten. Das alles wäre aber wohl kaum möglich gewesen, hätten die Fab Four nicht auch ihre eigenen Vorbilder genau studiert. So genau, dass es auch mal Plagiatsvorwürfe hagelte. Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA einer Welt, die in nur zehn Jahren Geschichte für Jahrhunderte schrieb und heute selbst auf den Dancefloors nachhallt.


Zieh dir hier die Playlist in deinen Account und lies weiter:


 1. Buddy Holly And The Crickets – That’ll Be The Day

Die ersten vierzig ihrer Songs seien von Buddy Holly beeinflusst gewesen, gab Paul McCartney einst zu Protokoll. Das erstreckte sich nicht allein auf stilistische Aspekte. „Buddy Holly war der erste aus England, von dem wir mitbekamen, dass er zugleich sang und spielte – nicht nur Geschrammel, richtige Licks!“, sagte John Lennon einst. Er selbst lernte als erstes einen Buddy Holly-Song, den 1957 veröffentlichten „That’ll Be The Day“, welcher zugleich der erste von den Beatles aufgenommene Song war. Oder richtiger: Der erste von den Quarrymen, wie sich die Gruppe damals noch nannte, aufgenommene Song. Buddy Hollys Band The Crickets übrigens haben wir auch den Namen Beatles zu verdanken: So wie der nämlich eine Doppelbedeutung hat, einerseits ein Insekt bezeichnet und andererseits auf einen britischen Lieblingssport verweist, machten die Käfer aus Liverpool klar, was ihre Musik ausmacht: Beat, Beat, Beat!


2. Carl Perkins – Blue Suede Shoe

Ähnlich wichtig für die Existenz der Beatles war selbstverständlich Elvis Presley. Vielleicht sogar ein bisschen wichtiger als selbst Buddy Holly. „Ohne Elvis gäbe es die Beatles nicht“, sagte John Lennon einmal. Auf den King konnten sich die Fab Four geschlossen einigen, den Rockabilly-Sänger Carl Perkins liebten sie indes nicht weniger. Der schrieb „Blue Suede Shoe“, ein Rock’n’Roll-Standard, das von Elvis Presley ins Fernsehen gebracht wurde. Besonders an dem Song war die unerhörte Mischung aus Blues-, Country- und Pop-Elementen. Angeblich hat Presley seine weitaus erfolgreichere Cover-Version aufgenommen, um Perkins nach einem Unfall aus der Patsche zu helfen. Mit Erfolg, denn „Blue Suede Shoe“ bleibt bis heute der erfolgreichste Song des stets elegant gekleideten Musikers, der im Jahr 1998 verstarb. Letztlich sagte Paul McCartney über Perkins sogar dasselbe wie Lennon über Elvis: „Gäbe es Carl Perkins nicht, die Beatles würden nicht existieren!“ Zwei gute Existenzgründe, möchten wir meinen.


3. Chuck Berry – You Can’t Catch Me

„Gitarrengruppen sind auf dem absteigenden Ast, Mr. Epstein“, lautete die Absage des Labels Decca an den Beatles-Manager Brian Epstein. Die Musikgeschichte bewies das Gegenteil, der letzte Lacher gehörte einer kleinen Gitarrengruppe aus Liverpool, die weltberühmt wurde. Ihr Gitarrensound wäre sicher nichts ohne Chuck Berry gewesen, der von den Fab Four nahezu religiös verehrt wurde. So sehr, dass sich dessen Anwälte zu einer Klage genötigt sahen. Nicht etwa, weil die Beatles den US-amerikanischen Rocker gestalkt hätten, sondern weil „Come Together“ von ihrem Album Abbey Road sich großzügig bei dessen „You Can’t Catch Me“ bedient hatte, einerseits musikalisch und andererseits mit den Lyrics („Here come ol' flattop, he come groovin' up slowly“, heißt es bei den Beatles, „Here come a flattop, he was movin' up with me“ bei Berry.) Nicht die einzige Leihgabe, die John Lennon im Song unterbrachte: Der Titel ist dem Slogan der Gouverneurskampagne des berühmten Psychologen und LSD-Psychonauten Timothy Leary entnommen, für den Lennon das Stück ursprünglich komponiert hatte.


4. Rory Storm & The Hurricanes – Bye Bye Love

Rory Storm & The Hurricanes sind nicht mehr als eine Fußnote der Musikgeschichte. Wie die Beatles waren des 1972 verstorbenen Rory Storm eine Skiffle-Band aus Liverpool, sie spielten ebenso wie die Beatles im Rahmen einer Hamburg-Residency im legendären Kaiserkeller und veröffentlichten Anfang der sechziger Jahre ein paar nur mäßig erfolgreiche Singles. Ein rumpliger Mitschnitt eines Auftritts der Band aus dem Jahr 1960 bei der Partyreihe Jive Hive in der St. Luke’s Hall in Crosby wurde dennoch 2012 erstmals veröffentlicht. Warum? Weil es bei diesen oberflächlichen Parallelen nicht blieb: Derjenige, der hier so ungelenk zu The Everly Brothers‘ „Bye Bye Love“ – ein Favorit der Fab Four – auf das Schlagzeug eindrischt, sollte 1962 den vorigen Beatles-Drummer Pete Best ersetzen: Ringo Starr. Ein bisschen konnte er sich in den Folgejahren schon verbessern.


5. The Byrds – The Bells Of Rhymney

In der relativ kurzen Liste weltberühmter Akkorde dürfte der Auftakt von „A Hard Day’s Night“ wohl noch vor dem Wagnerschen Tristanakkord stehen. Zu seiner Zusammensetzung hat sich eine Art kleine Beatles-Foschung entwickelt, obwohl das Geheimnis mittlerweile als gelüftet gelten kann. Seine klanglichen Qualitäten verdankt er einer 12-saitigen Rickenbacker-Gitarre, die George Harrison mit Wucht anschlägt. „A Hard Day’s Night öffnete uns ziemlich die Augen“, erinnerte sich das The Byrds-Mitglied Chris Hillman im Jahr 2003. Vor allem, weil Bandkollege Richard McQuinn die Gitarre Harrisons sah und seine 12-saitige Gibson sofort gegen eine Rickenbacker umtauschte. „Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt“, notierte Hillman dazu. Die schrieb sich auch bei den Beatles weiter, die die Byrds als beste US-amerikanische Band ihrer Zeit priesen und sich sogar ein paar Ideen von ihnen liehen. Ein McGuinn-Riff aus dem Song „The Bells Of Rhymney“ ließ Harrison auf Rubber Soul im Stück „If I Needed Someone“ wieder auftauchen.


6. Ravi Shankar – Raga Madhu-Kauns

Einen noch entschiedeneren Einfluss auf die Beatles hatte McQuinns Faible für die indische Sitar. Harrison drückte mit dem Instrument Songs wie „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“, „Love You To“ oder „Within You, Without You” seinen unverkennbaren Stempel auf. 1966 reiste er sogar für sechs Wochen nach Indien, um sich vom Maestro Ravi Shankar im Sitarspiel unterrichten zu lassen. Indische Musik und Philosophie prägte die Beatles so maßgeblich, dass sie sich vor White Album-Zeiten sogar einen Guru suchten: Maharishi Mahesh nahm die vier für drei Monate in seinem Ashram unter seine Fittiche. Eine produktive Zeit, in welcher viele Songs des selbstbetitelten Albums geschrieben wurden. Na gut, Starr hielt es nur für zehn Tage und McCartney immerhin einen ganzen Monat dort aus, eine wichtige Zeit war es dennoch, nicht allein in musikalischer Hinsicht.



7. The Beach Boys – God Only Knows

1966 war ein entscheidendes Jahr für die Popmusik und insbesondere die Kunst des Pop-Albums. Mit Revolver von den Beatles und Pet Sounds von The Beach Boys erschienen zwei bahnbrechende LPs, die das Genre revolutionieren und Maßstäbe setzen sollten. „God Only Knows“, der achte Track auf Pet Sounds, wird auch heute noch in vielen Listen als der beste Song aller Zeiten geführt. Dabei war er zu seiner Zeit alles andere als gewöhnlich: Vom Titel – 1966 wurde Gott nicht gern in der säkulären Popmusik erwähnt – über die irrwitzige Instrumentierung mit unter anderem Cembalo, Glocken und einer Kontrapunkt spielenden Streichersektion war „God Only Knows“ sogar ziemlich unkonventionell – und damit eine Inspiration für die Beatles, welche Pet Sounds als direkten Einfluss auf Sgt. Pepper’s Lonvely Hearts Club Band nannten. Eine produktive Konkurrenz, die umgekehrt genauso Früchte trug: Beach Boys-Mastermind Brian Wilson schaute sehr genau auf das Treiben der experimentierwütigen Pilzköpfe. Für Pet Sounds nämlich stand die Beatles-LP Rubber Soul aus dem Vorjahr Pate.


8. Bob Dylan – Rainy Day Women #12 & 35

„And when I touch you, I feel happy inside / It’s such a feeling that my love / I get high / I get high / I get high”, singen die Beatles auf “I Want To Hold Your Hand”. Dachte zumindest Bob Dylan im Jahr 1964 und musste von einem verschüchterten John Lennon korrigiert werden: „I can’t hide“, heißt es natürlich. Nachdem die Beatles zu Hamburger Zeiten ziemlich unbeeindruckt von Marihuana waren, brachte sie Dylan beim ersten gemeinsamen Treffen in einer wilden gemeinsamen Nacht aber auf den Geschmack. Paul McCartney war von der Erfahrung tief beeindruckt.


Schaut euch hier eine Live-Version an und lest weiter:


 

„Zum ersten Mal habe ich denken können, richtig denken“, sagte er später dazu. „Everybody must get stoned“, forderte Dylan auf seinem Durchbruchsalbum Blonde On Blonde wohl also nicht zu Unrecht. Mit dem High-Sein machte die Band bekanntermaßen noch mehr Erfahrungen. Im Folgejahr mischte der Zahnarzt John Riley seinen Gästen Lennon und Harrison LSD in den Kaffee. Kein Wunder, dass die Musik der Fab Four danach zunehmend psychedelischer wurde.


9. Karlheinz Stockhausen – Gesang der Jünglinge

Einer Legende zufolge lernte John Lennon Yoko Ono durch eine ihrer Ausstellungen kennen und Ono hatte nicht den blassesten Schimmer, wer der neugierige Engländer oder gar seine Band waren. Einer anderen Legende nach kannte sie die Beatles sehr gut und fragte für ein Buchprojekt bei Paul McCartney handgeschriebene Lyrics an. So oder so: Der Rest ist Geschichte, über die selbst heute noch viel diskutiert wird. Ob Lennon ohne Ono die Beatles verlassen oder gar noch am Leben wäre hin oder her: Beeinflusst von der Japanerin, welche selbst an den Aufnahmen beteiligt war, wandte sich die Band mit „Revolution 9“ der Avantgarde zu. Neben musique concrète und Edgar Varèse gaben sowohl Lennon als auch McCartney – der bereits auf „Tomorrow Never Knows“ wild experimentiert hatte – die Tape-Manipulationen Karlheinz Stockhausens als Inspiration an. Sein „Gesang der Jünglinge“ stand maßgeblich Pate für die verqueren Vocal-Cut-Ups von „Revolution 9“.



10. Paul McCartney & Wings Vs. Timo Maas & James Teej – Nineteen Hundred And Eighty Five (Radio Edit)

Kaum eine Band, die nicht die Beatles als Einfluss zitieren würde. Doch selbst abseits des Pop- und Rock-Geschehens ist das Erbe der Fab Four nach wie vor präsent. Im März 2016 tauchte zum Record Store Day eine mysteriöse, auf 100 Stück limierte Platte im Londoner Plattenladen Phonica auf, welche im Internet mittlerweile für hunderte von Euros gehandelt wird und sogar ein offizielles Release erfahren hat.


Schaut euch hier das offizielle Video an:


 

Darauf zu hören ist der Edit eines Paul McCartney-Stücks, welches dieser 1974 mit seiner Band Wings aufgenommen hatte. Eine Dancefloor-Interpretation von einem Post-Beatles-Stück? Unwahrscheinlich, eigentlich aber genau richtig: Der Beat war schließlich schon immer essentieller Bestandteil ihrer Musik, die Solo-Unternehmungen mit eingeschlossen. Warum nicht also auch ein House-Beat? Wie alle vier Beatles nach der Auflösung der Band im Jahr 1970 ihre eigenen Wege gingen, so hört auch ihr Werk nicht auf zu wirken – und zwar überall!


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