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Popkultur

Die besten Livealben der Musikgeschichte: 10 Klassiker, die sich so anfühlen, als wäre man tatsächlich live dabei

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Foto: Frank Micelotta/Getty Images

Im Studio Magie entstehen zu lassen und diese besonderen Momente festzuhalten, das ist eine Sache. Wenn es Musiker*innen jedoch gelingt, diese Art von Zauber auch auf der Bühne entstehen zu lassen, ist das sogar noch umwerfender – weil das Publikum diesen Ausbruch von Kreativität ganz direkt und ungefiltert miterleben darf und direkt darauf reagieren kann.

von Renko Heuer

Die größten Liveaufnahmen der Geschichte halten nicht nur derartige Augenblicke fest, sie fangen zugleich die Essenz und die unvergleichliche Energie einer Band ein: Beim Anhören der Mitschnitte hat man daher das Gefühl, man wäre wirklich live dabei und könnte jene oftmals legendären Abende selbst miterleben. Hier sind die 10 ultimativen Livealben, die tatsächlich ein bisschen wie musikalische Zeitreisen funktionieren.

10: Thin Lizzy: Live And Dangerous (1978)

Nach dem sensationellen Erfolg ihres Studioalbums Bad Reputation, das 1977 bis auf Platz 4 in den britischen Albumcharts geklettert war, fassten Thin Lizzy den Entschluss, nun erst mal eine Live-LP nachzulegen: Für die irische Band so oder so eine naheliegende Wahl, schließlich galten sie damals bereits als sensationeller Live-Act. Gitarrist und Sänger Phil Lynott setzte für die Aufnahme auf den Produzenten Tony Visconti, der danach im Pariser Studio Des Dames alles abmischte, wobei er zum Teil mit Overdubs arbeitete, um ein einheitlicheres und gleichmäßigeres Klangbild zu erzielen. Auch Live And Dangerous wurde ein kommerzieller Hit – und U2 bezeichneten das Album später als einen ihrer frühesten Einflüsse. Zu den Gastmusikern zählt übrigens auch Huey Lewis, hier als „Bluesey Lewis“ vermerkt; er darf die Mundharmonika zu Baby Drives Me Crazy beisteuern.

 9: Johnny Cash: At Folsom Prison (1968)

Die Aufnahme von Johnny Cashs legendärem Konzert im kalifornischen Folsom State Prison, die am 13. Januar 1968 gemacht wurde, zählt ganz klar zu den besten Livealben in der Geschichte der Countrymusik. Cash, der sich damals mit Klassikern wie I Walk The Line und Ring Of Fire bereits einen Namen gemacht hatte, war selbst durchaus bewandert im Bereich der menschlichen Schwächen und Fehltritte. Das Mitgefühl, das er für die Insassen hatte, entlockte ihm eine echte Ausnahme-Performance. In seinem Set präsentierte er unter anderem den passenden Folsom Prison Blues – jenen Song aus dem Jahr 1955, in dem ein Mann einen anderen in Reno umlegt, „just to watch him die“ –, sowie eine leidenschaftliche Version des Traditionals Dark As A Dungeon. Ein bewegend ehrliches, ungeschöntes Meisterwerk.

 8: Talking Heads: Stop Making Sense (1984)

Eines der legendärsten Fashion-Statements im schillernden Popzirkus der Achtziger war David Byrnes „big suit“, sein ikonischer Riesenanzug – und genau dieser Hang zur Selbstinszenierung bricht auch auf Stop Making Sense, dem Livealbum der Talking Heads aus dem Jahr 1984, immer wieder durch. Für den Song Psycho Killer, der hier so druckvoll wie selten klingt, setzten sie sogar auf Bläser und mehrstimmigen Hintergrundgesang; auch die Version von Take Me To The River ist regelrecht betörend. Vor allem unterstreicht dieser Konzertfilm – übrigens der erste Rockmitschnitt, dessen Sound komplett digital aufgenommen wurde – und das dazugehörige Soundtrack-Album, warum es so grandioser Spaß war und ist, dieser schrägen, smarten Pop-Institution zuzuschauen.

7: Peter Frampton: Frampton Comes Alive! (1976)

„We’d like to get a bit funky now“, sagt Peter Frampton, bevor der Song Doobie Wah beginnt – was die Sache schon sehr gut auf den Punkt bringt. Ausgelassene und tanzbare Tracks gibt es nämlich reichlich auf Frampton Comes Alive!, das nach der Veröffentlichung im Jahr 1976 ganze 97 Wochen lang in den US-Charts vertreten war. (Im Leserpoll des US-Rolling Stone wurde der Mitschnitt sogar zum Album des Jahres gewählt). Der damals 26-jährige Sänger und Gitarrist Frampton bekam Unterstützung von Bob Mayo (Rhythmusgitarre, Klavier, Fender Rhodes, E-Piano und Hammondorgel), Stanley Sheldon (Bass) und John Siomos (Schlagzeug). Mit Show Me The Way, Baby, I Love Your Way und Do You Feel Like We Do gibt es sogar richtige Hitsingles auf der LP, wobei die mitreißende Sieben-Minuten-Version des Stones-Klassikers Jumpin’ Jack Flash auch nicht zu verachten ist.

 6: James Brown And The Famous Flames: Live At The Apollo (1963)

Ursprünglich veröffentlichte James Brown diesen Konzertmitschnitt, der im Oktober 1962 im Apollo Theater in Harlem aufgezeichnet wurde, auf seinem eigenen Label King Records. In der legendären Konzerthalle an der 125. Straße erlebt man den damals noch nicht mal 30-jährigen Godfather Of Soul in absoluter Höchstform. Seine unverbrauchte, energiegeladene Stimme wird perfekt eingerahmt von The Famous Flames, einem Gesangstrio bestehend aus Bobby Byrd, Bobby Bennett und Lloyd Stallworth. Das herzzerreißende Please, Please, Please fungiert als Auftakt zu einem Medley, das gleich acht Songs vereint, worauf Live At The Apollo mit einer leidenschaftlichen Coverversion von Jimmy Forrests Blues-Klassiker Night Train ausklingt. Nach diesem Abend in Harlem war klar, mit welcher Leichtigkeit es James Brown schaffte, ein Publikum in seinen Bann zu ziehen.

 5. KISS: Alive! (1975)

Eine Zusammenstellung aus mehreren Konzertaufnahmen war es, die KISS im Herbst 1975 endgültig zu Rock & Roll-Superstars machen sollte: Alive! kletterte in den Staaten bis in die Top-10, und auch die programmatische Single Rock And Roll All Nite schaffte es auf Platz 12. Das Album vereint alles, was sich ein Hardrock- oder Metal-Fan wünschen kann: „The Demon“ (Gene Simmons), der hier knallhart den Bass bearbeitet, dazu die Gitarrenstunts von Paul Stanley und Schlagzeuger Peter Criss im Vollgasmodus. Das Energielevel ist dermaßen hoch, dass man sich der Musik unmöglich entziehen kann, und die elektrifizierten Versionen ihrer frühen Songs sind so haarsträubend grandios, dass Alive! seit rund viereinhalb Dekaden zu den größten Live-Meilensteinen der Menschheitsgeschichte gezählt wird.

4: Nirvana: MTV Unplugged In New York (1994)

Als das Unplugged-Format von MTV in den frühen Neunzigern mehr und mehr Künstler dazu inspiriert hatte, auf Verstärker & Co. zu verzichten, gaben sich Ende 1993 auch Nirvana die Ehre. Erscheinen sollte das Album erst rund ein Jahr später, betitelt MTV Unplugged In New York, und mit About A Girl gab es auch nur eine einzige Auskopplung – als sie erschien, war ihr Autor Kurt Cobain bereits sechs Monate lang tot. Fünffach mit Platin ausgezeichnet in den USA, konnten die verbleibenden Bandmitglieder hinterher den Grammy für das „beste Alternative-Album“ in Empfang nehmen. Obwohl sie größtenteils unbekannte Songs spielten, kamen bei den Fans die Akustikversionen von Dumb und All Apologies richtig gut an – wie auch die vielen Coversongs (beispielsweise The Man Who Sold The World von David Bowie). Schlagzeuger Dave Grohl, der wenig später die Foo Fighters gründen sollte, steuerte zur Coverversion des parodistischen Titels Jesus Wants Me For A Sunbeam den Hintergrundgesang bei. Insgesamt ein ergreifender Beleg für Cobains musikalisches Genie.

 3: The Rolling Stones: Get Yer Ya-Ya’s Out!: The Rolling Stones In Concert (1970)

Get Yer Ya-Ya’s Out!, aufgenommen am 27. und 28. November 1969 in Baltimore und im New Yorker Madison Square Garden, war das allererste Livealbum, das es in den britischen Charts bis auf Platz 1 schaffen sollte. Das schräge, ironische Cover, auf dem Charlie Watts zu sehen ist, wurde von David Bailey geschossen; der dazu passende Albumtitel stammt eigentlich vom Blues-Sänger Blind Boy Fuller, der komplett erblindet war und einen Teil seiner Karriere im Knast verbrachte, weil er seiner Frau ins Bein geschossen hatte. Mick Jagger & Co. amüsieren sich prächtig an der US-Ostküste – das hört man nicht nur in einer fast schon prahlerisch wirkenden Version von Midnight Rambler. Die Gitarreneinlagen von Keith Richards sind legendär, woraufhin die ausgelassene Show mit grandiosen Interpretationen von Honky Tonk Women und Street Fighting Man ausklingt. Eines der essentiellsten Rockstatements der Rolling Stones, vereint die Deluxe-Version von Get Yer Ya-Ya’s Out! obendrein Gastauftritte von Schwergewichten wie B.B. King und Tina Turner.

 2: The Allman Brothers Band: At Fillmore East (1971)

Obwohl ihre vorherigen Bands The Second Coming und Hour Glass recht schnell wieder zerfallen waren, wagten die Allman-Brüder Duane und Gregg mit ihrer gleichnamigen Band noch einen weiteren Anlauf – und nahmen in dieser Konstellation schon 1971 eines der größten Livealben der Geschichte auf: At Fillmore East. In der berühmten New Yorker Konzerthalle wurden Sänger Gregg (außerdem Orgel, Klavier) und Gitarrist Duane von dem Leadgitarristen Dickey Betts, dem Bassisten Berry Oakley, dem Mundharmonikaspieler Thom Doucette, Congas-Spieler Jai Johanny Johanson, Schlagzeuger Butch Trucks und dem Percussionisten Bobby Caldwell unterstützt. Der Mix aus Blues und (Southern) Rock geht sofort ins Blut: Highlights sind ganz klar ihre Version von Blind Willie McTells Statesboro Blues oder auch Klassiker wie Stormy Monday, Trouble No More und Done Somebody Wrong. Letztlich ist es das grandios wuchtige Zusammenspiel von Gitarre, Schlagzeug und Hammond-Orgel, das für diesen unverwechselbaren „Wall Of Sound“-Nachdruck sorgt, den man seither mit dem Nachnamen der Brüder verbindet. Diese Druckwelle macht At Fillmore East zu einem Album, das sich auch knapp 50 Jahre später so anfühlt, als wäre man live dabei.

1: The Who: Live At Leeds (1970)

Gegen Ende der Sechziger hatten The Who längst ihren Ruf weg: Sie galten als eine der größten Livebands der Welt. So verwundert es nicht, dass ein halbes Jahrhundert später dieses Album auf Platz 1 dieser Liste landet: Live At Leeds. Die New York Times bezeichnete das im Februar 1970 auf dem Uni-Campus von Leeds aufgezeichnete Konzert schon damals als „bestes Live-Rockalbum aller Zeiten“. Allein die Songauswahl: The Who spielten in der nordenglischen Stadt sogar ein überraschendes Stück wie Young Man Blues, komponiert von Jazz-Altmeister Mose Allison. Auch ein Cover von Sonny Boy Williamsons Eyesight To The Blind gaben sie zum Besten, eingestreut zwischen frühen Hits wie I Can’t Explain und Happy Jack sowie einer verlängerten Variante des damals aktuellen Songs Tommy. Das abschließende Medley – inklusive My Generation und Magic Bus – fungierte als perfektes Finale für Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon. „Für die Aufnahme haben wir hinterher kaum neue Spuren ergänzt“, sagte Daltrey einst. „Genau genommen mussten wir sogar eher Dinge wegnehmen… besonders das Publikum, weil man sonst zu wenig von der Musik gehört hätte.“ Das sagt eigentlich schon alles.

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Popkultur

Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Popkultur

Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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