------------

Popkultur

Oasis, Beatles, Sonic Youth: Die hässlichsten Band-Trennungen

Published on

Oasis bei einem Auftritt im Jahr 2000. Foto: Dan Callister/Getty Images

Getrennt wird sich immer. Selten aber so medienwirksam und mit so viel Getöse wie in der Rock-Musik. Brüderzwist, gebrochene Herzen oder kolossale Egos – hier kommen die denkwürdigsten, heftigsten und deftigsten Trennungen der Rock-Geschichte.

von Björn Springorum

Am Anfang ist ja immer alles ganz toll. Komm, wir gründen eine Band! Man ist jung, naiv, hat Großes vor und schafft es dann sogar. Alles super noch die ersten Jahre, Friede, Freunde, Eierkuchen, jede Tournee eine endlose Klassenfahrt, der Ruhm, die Fans, die Drogen. Irgendwann endet aber eben jede Party. Irgendwann kommt er dann doch, der Kater. Das überstehen nicht alle Bands unbeschadet. Und wo manche in Eintracht auseinandergehen oder einfach wortlos hinschmeißen, gibt es immer wieder Bands, deren Ende mit einem lauten Knall, mit Krieg und Schlammschlacht kommt. Hier sind ein paar davon.

Sonic Youth

Never fuck the company heißt ja ein landläufiges Sprichwort. Gilt natürlich auch für Bands, die ab einer gewissen Größe ja auch nichts anderes sind als ein Unternehmen. Ist Thurston Moore und Kim Gordon von Sonic Youth aber egal. Die beiden sind privat wie beruflich ein Paar, verheiratet sogar. Zumindest bis 2011, als sie ihre Trennung verkünden. Schuld ist Moore, dem eine Bandkollegin als Ehefrau dann irgendwie doch zu wenig war. Doch wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die Band sogar mit seiner Frau weitergeführt, die er nach Strich und Faden betrogen hat. Total unverständlich natürlich, dass Moore darauf keine Lust hatte, oder?

Guns N‘Roses

Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll wurden selten so ernst genommen wie von Guns N‘Roses. Seit sie 1987 von Appetite For Destruction in die Stratosphäre katapultiert worden waren, lassen sie nichts aus, was ihren hedonistischen Lifestyle beflügelt. 1990 kommt es zu einem ersten Bruch: Schlagzeuger Steven Adler muss gehen, weil sein Drogenkonsum außer Kontrolle geraten war und er an den Drums nur noch Krach produziert. 1993 spitzen sich die Spannungen immer mehr zu, nachdem Axl Rose immer öfter verspätet oder übellaunig zu Konzerten auftaucht. Einmal weigert er sich, auf die Bühne zu gehen, bevor ihm seine Kollegen die Rechte am Namen formell übertragen. Richtig feiner Zug! Wird aber noch besser: Irgendwann nach der mehrjährigen Use Your Illusion-Tour bezeichnet Rose seinen alten Kumpel Slash mal so eben als Krebsgeschwür. Dauert trotzdem noch bis 1996, bis Slash offiziell hinschmeißt. Der Krach zwischen Rose und dem Rest der Band schwelt lang: Sogar die Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame lässt er sich entgehen, weil Duff McKagan und Slash anwesend sein würden. Scheint fast schon surreal, dass sich die Hitzköpfe irgendwann doch noch mal zusammengerauft haben.


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Guns N
Guns N’ Roses
Greatest Hits
2LP

HIER BESTELLEN


The Everly Brothers

Hässliche Trennungen gab es auch schon früher. Dem Bruder-Duo Everly Brothers hätte man das bei all ihrem Saubermann-Image aber eher weniger zugetraut. Doch als Don Everly nach zahlreichen erfolgreichen und harmonischen Jahren 1973 mal voll wie eine Strandhaubitze bei einer Show in Hollywood auf die Bühne torkelt und keinen einzigen geraden Satz mehr singen kann, hat Phil genug: Er zieht ihm seine Gitarre über den Schädel und stürmt von der Bühne. Zehn Jahre herrscht Funkstille zwischen den beiden, ehe sie der Tod des Vaters wieder zusammenbringt. Mit dem Erfolg ist es da aber schon vorbei.

The Libertines

Über Pete Dohertys, sagen wir, ausschweifendes Leben muss hier nicht berichtet werden. Es trägt aber natürlich dazu bei, dass seine Beziehung zu Libertines-Co-Chef  Carl Barât so richtig fies toxisch wird. Wenn die beiden gemeinsam im Studio sind, müssen eigens engagierte Bodyguards darauf achten, dass sie sich nicht anfallen. Und als er dann noch in Barâts Wohnung einbricht, nachdem der nicht zu einem Konzert erschienen ist, landet Doherty sogar im Knast. Sonnenklar, dass es danach erst mal aus ist. Doch erstaunlicherweise raufen sich die beiden irgendwann wieder zusammen und lassen sich Partner-Tattoos stechen. Hassliebe nennt man das wohl.

The Beatles

Frustration, Verbitterung und Zynismus prägen das Ende der größten Band der Welt. Der dicke Knall bleibt bei den Beatles zwar aus, dafür kommt es in der Folge aber durchaus zu Wortgefechten und dem einen oder anderen Gerichtsverfahren. Nachdem Paul McCartney 1970 seinen Ausstieg offiziell macht, kann John Lennon es nicht fassen: Er war doch der erste, der ausgestiegen ist, es aber aus taktischen Gründen noch nicht mitteilte. Beide gehen auf ihre Weise mit der Trennung um, McCartney schreibt Too Many People und Lennon How Do You Sleep. Typisch Beatles, sie machen es eben eher auf die feine englische Art.

Oasis

Das Beste kommt zum Schluss. Und so genial Oasis musikalisch auch waren: Die Streitigkeiten, die Exzesse, die Skandale und der blutige Brüderzwist zwischen Noel und Liam Gallagher gehören zu den unterhaltsamsten Nebensächlichkeiten der Rockgeschichte. Tätliche Angriffe mit einem Cricket-Schläger, wüste Beschimpfungen, Kneipenschlägereien: Dass sie es überhaupt 15 Jahre gemeinsam in einer Band aushielten, wirkt in der Rückschau geradezu unglaubwürdig. Doch nach all den Schlägereien, den Totalausfällen auf und hinter den Bühnen der Welt, den öffentlichen Anfeindungen, ist 2009 wirklich Schluss: Vor einem Festival in Paris kloppen sich die Hitzköpfe mal wieder zu Brei, sie sagen das Festival ab und verkünden danach gleich ihre Trennung. Am 28. August teilt Noel Gallagher seinen Ausstieg offiziell mit: Er könne einfach nicht mehr mit seinem Bruder in einer Band spielen. Und das hat nicht nur was damit zu tun, dass Liam in einem cholerischen Anfall eine von Noels Gitarren zerschmettert hat.

Vor 60 Jahren wachen die Beatles nach ihrem ersten Konzert in Hamburg auf

 

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

Published on

Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

Published on

Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

Continue Reading

Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

Published on

The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss