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Popkultur

Behind the Song: “Yer Blues” von den Beatles

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“Während der Aufnahmen zu The White Album wurden wir wieder mehr zu einer Band”, erinnerte sich Ringo Starr später, “und das liebe ich. Ich liebe es, in einer Band zu sein.” Bei den Vorgängern hatten die Beatles zunehmend handwerklich gearbeitet und den Sound Schicht für Schicht zusammengebaut, anstatt die Songs im Studio  live einzuspielen, wie es bei den ersten Alben der Fall war. Aber für The White Album entschieden sie sich ganz bewusst dafür, die Songs wieder als Band zu spielen und sich wieder musikalisch – im Fall von John Lennons Yer Blues auch körperlich – anzunähern.

von Paul McGuinness

Die Beatles sagen selbst, dass sie ursprünglich Heavy Rock machen wollten. “Aber immer, wenn wir die Songs aufnahmen, fehlte Bass und die Gitarrensolos kamen nicht durch – und das war, weil wir keine Ahnung hatten, wie man richtig aufnimmt”, erklärte John kurz nach der Veröffentlichung von The White Album. “Auf diesem Album klangen wir mehr wie wir selbst. Wir waren nicht mehr so gehemmt und machten einfach das, was wir früher auch schon gemacht hatten, nur eben mit einem besseren Verständnis für die Technik und Arbeitsweise im Studio. Viele der Songs wurden einfach direkt live aufgenommen.”


Hört hier in den wohl düstersten Song des Beatles-Katalogs rein:

Für den ganzen Song klickt auf “Listen”.

“Auf der Suche nach Gott, mit Selbstmordgedanken”

Yer Blues ist einer von vielen Songs auf dem White Album, die die Band im Frühjahr 1968 in Indien geschrieben hatte. Und auch wenn der Aufenthalt dort für die meisten dem Streben nach Gelassenheit gewidmet war, durchlebte John gerade eine persönliche Krise. Seine Ehe mit Cynthia ging zu Ende und seine Beziehung mit Yoko Ono entwickelte sich gerade erst: “Das witzige an dem Camp war, dass ich trotz der traumhaften Umgebung und acht Stunden Meditation am Tag die traurigsten Lieder aller Zeiten schrieb. In Yer Blues heißt es, ‘I’m so lonely I want to die’, und das war kein Scherz. So fühlte ich mich. Ich versuche, zu Gott zu finden, und habe dabei Selbstmordgedanken.”

Das Esher-Demo von Yer Blues entstand, kurz nachdem die Beatles in England wieder als Band zusammengekommen war. Aber mit den traditionellen Blues-Licks auf der akustischen Gitarre deutet absolut nichts an dem Demo auf die Intensität hin, die den Song in seiner finalen Version prägt.

Stilistisch könnte man Yer Blues als Referenz oder als Parodie auf den damaligen Bluesrock-Boom mit Bands wie Cream, Big Brother And The Holding Company und Canned Heat auffassen. Aber dank Johns intelligenten, textlichen Kniffen ist der Song viel mehr als ein Pastiche. Statt des alten Blues-Klischees “Black cat crossed my path” sang John “Black cloud crossed my mind” und dann “Blue mist round my soul/Feel so suicidal/Even hate my rock’n’roll”. Einen düstereren Song kann man im Katalog der Beatles lange suchen und darum musste auch die Performance dazu passen.



“Wir mochten diese Nähe und den engen Kontakt zueinander”

Tontechniker Ken Scott erinnert sich, wie er während einer Session zu George Harrisons bis dahin unveröffentlichtem Song Not Guilty mit John darüber lachte, dass die Beatles ständig nach neuen Wegen suchten, ihren Sound zu ändern: “Bei der EMI hatten sie zunächst nur vier Spuren zur Verfügung. Diese zwei Vierspur-Geräte waren ziemlich groß und standen deshalb in zwei separaten, kleinen Räumen neben dem Abhörraum. Also stellte ich mich neben John und sagte im Scherz, ‘Mann, so wie ihr drauf seid, wollt ihr jetzt wahrscheinlich da drin aufnehmen’, und zeigte auf einen der zwei Räume. John schaute nur in die Richtung, sagte aber nichts. Kurz darauf wollten wir mit einem neuen Song, Yer Blues, anfangen und da sagt John plötzlich ‘Ich will den da drin aufnehmen’ und zeigt auf den Raum, über den ich vorher noch gelacht hatte. Wir mussten sie in diesen winzigen Raum quetschen – wenn einer von ihnen sich umgedreht hätte, hätte er einem anderen die Gitarre ins Gesicht gehauen.”

Die Aufnahmen fanden am 13., 14. und 20. September 1968 statt und die Beatles hofften, dass die Enge helfen würde, die Atmosphäre des Cavern Clubs in Liverpool zu reproduzieren. “Wir hatten gerne diesen engen Kontakt”, sagte Paul. “Wir fanden, dass die Musik dadurch kraftvoller wurde.”

Und wie! Scott war überrascht, wieviel Abstand sie in so einem vollgestopften Raum möglich machten – einfach nur indem sie die Verstärker mit dem Gesicht zur Wand umdrehten. Pauls Bass pulsiert heftig, Ringos Schlagzeug klingt genauso satt wie auf dem Rest des Albums, die Gitarren jaulen knapp an der Grenze zum Feedback und Johns Gesang klingt zerrissen und wild. John war mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er Yer Blues als einen von nur zwei Songs zusammen mit The Dirty Mac beim Rock’n’Roll Circus der Rolling Stones im Dezember spielte und ihn später, im September 1969, nochmal beim Toronto Rock And Roll Revival Festival präsentierte.



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